Samstag, Januar 27, 2007

erfolgreiche Wiederbelebungsversuche

Der Körper spürt, dass er nach einem Flug nach Tokio etwas Unnatürliches vollbracht hat. Die Schleimhäute sind trocken wie die Gipfeli von Hiestand, die Haut schuppt, der Rücken wehrt sich gegen jede Beugebewegung und der Hintern schmerzt vom langen Sitzen auf den Sesseln, entworfen von halbwüchsigen Franzosen aus Toulouse.
Regeneration ist angesagt und Regenerationsprogramme gibt es im Land der aufgehenden Sonne glücklicherweise wie Sand am Meer.
Statt nach dem langen Flug unter das flauschige Duvet zu kriechen, auf dem noch wenige Stunden zuvor ein Anderer gelegen hat, besteige ich den Zug nach Tokio und stehe nach 60 Minuten rasanter Zugsfahrt vor dem Aufzug, der mich ins ‚Spa LaQua’ bringt.

Hier wartet eine Wellness-Oase auf die Besucher, die beim befolgen einiger weniger, - aber nicht minder wichtigen Regeln -, zum Höhepunkt jeder Tokioreise wird. Kaum spuckt der Fahrstuhl die Wellnessverrückten im 6. Stockwerk aus, wartet auch schon die erste kleine Hürde auf die badewilligen Gäste. Wie in Japan üblich, werden die Schuhe vor dem Betreten des Innenbereiches abgelegt und in der Nähe des Ausganges deponiert. Das Betreten der gepflegten Reismatte mit Strassentretern, die selbstredend die saubere Oberfläche der Tatamimatten entehren würden, kommt einer Majestätsbeleidigung gleich und wird von den ortsansässigen Gästen sogleich mit deutlich ablehnender Gestik quittiert.
Ich nehme diese Hürde dank meiner langjährigen Erfahrung elegant und begebe mich zur Ausgabestelle für die Handtücher und die Hauskleidung. Jedem Gast wird praktischerweise eine Art Schlafanzug abgegeben, mit dem er sich sittenkonform in den gemischtgeschlechtlichen Räumen bewegen kann.
Meine Lust auf Kleider hält sich im Moment ziemlich in Grenzen und ich steuere mit einem eingeplanten Umweg über die Toiletten den grossen Badebereich an, der strickte nach Männlein und Weiblein getrennt ist. Es warten zahlreiche Tümpel, gefüllt mit klaren oder trüben Wässerchen auf meinen geschundenen Körper und schon ist die Vorfreude so gross, dass ich beinahe vergessen hätte, meine doch recht volle Blase vor dem Eintauchen in die entspannenden Bäder zu leeren.
Die Tatsache, dass ich Barfuss auf die Toilette gehen muss, lässt mich vor Ekel leicht erschaudern. Doch auch hier haben die hygieneliebenden Japaner ein patentes Rezept gefunden. Da wo die saubere Reismatte endet und der verpinkelte Toilettenboden beginnt, warten rote Plastikpantoffeln in Grösse 36 (...) auf die Besucher mit Blasenüberdruck und Prostataproblemen. Der Ekel vor dem nassen Boden ist verflogen und ich erledige aufgrund der viel zu kleinen Schuhe und dem extrem tief montierten Pissoir mein Geschäft auf den Vorderfüssen stehend in leicht gebückter Haltung.

Jetzt noch schnell die Hände waschen und dann subito ab ins heisse Nass. Ich wandere nackt wie alle anderen Herren der Schöpfung Richtung Bad und bemerke, wie mich die Einheimischen anstarren und unnatürlich intensiv mustern. Zugegebenermassen ein unangenehmes Gefühl, wenn man sich so hilflos im Adamskostüm präsentiert. Nach 20 Metern auf der weichen Reismatte macht mich dann ein Japaner, ausgestattet mit weit weniger Berührungsängsten als seine Stammesgenossen, auf mein Missgeschick aufmerksam. An meinen Vorderfüssen kleben noch die roten Toilettenschlarpen von vorhin (...).

Dieses leicht vermeidbare Fettnäpfchen hätte ich also voll erwischt. Jetzt nur nichts mehr falsch machen, sonst fliege ich so schnell aus dem Bad, wie ich eingecheckt habe.
Im Badebereich gilt eigentlich das Gleiche wie in heimischen Einrichtungen. Vor dem Eintauchen in das 42°C warme Wasser soll sich der Badegast bitteschön waschen. Was bei uns in der Regel ein paar Duschen richten sollen, - die leider die meisten Badegäste unbenutzt rechts liegen lassen -, ist in Japan traditioneller und wesentlich charmanter gelöst.
In einer Reihe aufgestellt warten kleine Plastikstühle darauf, dass sich der Gast auf diese setzt und mit dem abgegebenen Waschlappen und den grosszügig zur Verfügung gestellten Pflegeprodukten ausgiebig wäscht. Und wenn ich ausgiebig schreibe, dann meine ich ausgiebig. Wieder und wieder seifen sich meine Nachbarn jeder Altersklasse von oben bis unten ein, reinigen sämtliche Ritzen nach einem einstudierten Muster und befreien sich danach vom Schaum, in dem sie sich den mit Thermalwasser gefüllten Plastikeimer über den Kopf leeren.

Nach 10 Minuten Schruppen, Seifen und Spülen habe ich genug, lege mich in das salzhaltige Nass, strecke meine Glieder aus und drohe im heissen Wasser einzuschlafen. Es folgt eine kurze Schwitzkur in der Sauna mit zweifelhaftem Fernsehgenuss auf dem saunaeigenen Flachbildschirm, eine 60 minütige Massage und ein kurzes Nickerchen in den Liegestühlen, die bequemer nicht sein könnten.

Beim Begleichen meiner Schulden nach dem Badeplausch fragt mich die lächelnde Dame hinter dem Tresen in bestem Englisch, wie es mir gefallen hat. Meine Begeisterung kann ich schwerlich verbergen und auf ihre Anschlussfrage, ob es solche Institutionen auch in meiner Heimat gäbe, fällt mir die Antwort leicht. Es gibt sie, sie sind schön, zum Teil luxuriös, das heisse Wasser fehlt genauso wenig wie die Ruheräume, sie sind angenehm in den Randzeiten, übervoll in den Stosszeiten, bieten guten Service, sind oft von guten Architekten gestaltet, aber die Hygiene, die Hygiene der Besucher ist leider nicht mit Japan vergleichbar.

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