Montag, Dezember 31, 2007

Danke 2007

Bin viel geflogen, ausgiebig gewandert, habe viel gelacht, wenig geflucht. Gute Begegnungen mit interessanten Leuten bereicherten das Jahr ebenso wie das Zusammenprallen mit einigen mir nicht so sympathischen Zeitgenossen.
Liebes 2007, wünsche Dir heute Nacht einen Abgang mit Würde!

Limmattal in Februar 2007

Silvaplana im April 2007

Mutschellen im Dezember 2007

Donnerstag, Dezember 27, 2007

ET - Environmental threat


Zum zweitletzten Mal im 2007 bin ich heute über Turkmenistan aus der Schlafkoje gekrochen. Kleine Druckstellen an den Fusssohlen und am Haaransatz zeugen davon, dass dieses Ruhebett mit einer Länge von 195 cm unwesentlich von meiner Körpergrösse von 196 cm abweicht.
Zum zweitletzten Mal im 2007 füllte ich meinen überdimensionalen Becher mit Nespresso (what else?) und schaue auf die wunderschöne Landschaft hinaus.

Unter uns das iranisch-turkmenische Grenzgebiet, wo riesige Erdgasvorräte schlummern.
Ab und zu züngeln riesige Flammen aus einem Kamin und einmal mehr stellt sich mir die Frage, ob man das Erdgas nicht auch sinnvoller hätte gebrauchen können.
Umweltdiskussionen machen auf zehn Kilometern Höhe wenig Sinn und so träume ich stumm vor mich hin. Der Kollege links von mir - drei Zentimeter kleiner, sechs Monate jünger und 19 Kilogramm leichter, holt mich mit einer provokativen und indiskreten Frage aus meinen Tagträumen heraus. «Wie schwer bist Du eigentlich?»
Ich antworte wahrheitsgemäss, schliesslich hat man in meinem Alter keine Geheimnisse mehr. Noch während ich versuche unter einer dicken Dunstglocke die Stadt Delhi zu erspähen, kommt sein vernichtendes Urteil wie aus einer Kanone geschossen: «You‘re an ET - an environmental threat!»

Jetzt bin ich wirklich wach. Stirnrunzelnd betrachte ich meinen momentanen Chef und frage ihn berechtigterweise, warum ich zum Henker eine Gefahr für die Umwelt darstellen soll.
Schliesslich habe ich ein paar Stunden zuvor intensiv geduscht und ein Fürzchen ist mir, wie meine Nase sofort bestätigt, auch nicht entwichen.
Er zückt ein Blatt Papier und rechnet vor, wieviel Kerosin es mehr pro Jahr kostet, mich statt eines durchschnittlichen Crewmembers zu transportieren.
Jetzt muss man wissen, dass jedes Mitglied der Besatzung inklusive Gepäck mit 90 Kilogramm zu Buche schlägt. Ich bringe es nach dem Toilettengang zusammen mit dem Koffer, den Schuhen Grösse 48, der Jacke, dem iPod, dem Ersatzhemd, der Freitagtasche, dem Computer, dem Fotoapparat, den Flugunterlagen, der Zahnbürste, dem Duschmittel, dem Einwegrasierer, dem Schaum und dem Lesebuch auf sicherlich 150 kg. Sage und schreibe 60 kg Übergewicht!
Gleichzeitig erschreckend und interessant ist die Tatsache, dass auf einem Langstreckenflug der Transport eines zusätzlichen Kilogramm Masse rund 250 - 300g Kerosin kostet. Wegen mir - und nur wegen mir, sind also heute 20 Kilogramm oder 25 Liter Kerosin mehr verbraucht worden.
Bei etwa 100 geflogenen Teilstrecken pro Jahr, ergibt sich die beängstigende Summe von 2500 Litern. Das sind 50‘000 Km mit dem Toyota Prius oder 8‘900 km mit einem Hausfraueneinkaufswagen, genannt SUV.
Ich bin wirklich ein ET!
Trotz dieser Last, die ich noch jetzt trage, habe ich das Schiff sanft (und wie sanft!) in Hongkong gelandet. Kalt lässt mich diese Erkenntnis nicht, darum schlage ich folgende Massnahmen vor:

Kurzfristig müssen auf Flügen, auf denen ich als Copilot «on duty» bin, junge & knackige Kolleginnen geplant werden, die dank ihres Federgewichtes meine Wenigkeit etwas kompensieren.
Mittelfristig sollen Copiloten in meiner Gewichtsklasse deutlich weniger arbeiten und langfristig muss ich wohl oder übel 60 Kilogramm abnehmen. Wenn das kein Vorsatz für das Jahr 2008 ist!

Donnerstag, Dezember 20, 2007

auf der Schulbank

Einmal im Jahr trifft es jeden. Einmal im Jahr flattert der Marschbefehl des «Training Centers» ins Haus und fordert die einzelnen Crewmitglieder zum «Emergency Test» auf. Lizenzrelevat ist dies und ein Nichtbestehen des Testes kann zum temporären Grounding jedes Einzelnen führen.
Dementsprechend angespannt trifft man sich in aller Herrgottsfrühe im Schulzimmer und wartet auf die Inquisitoren, die pünktlich auf die Sekunde mit den Kurs beginnen. Flight-Attendants trifft es besonders brutal. Gerade einmal zehn Minuten nach Beginn des unendlich langen Tages werden sie zu der Prüfung aller Prüfungen aufgeboten.
Mit uns Piloten meint es der Planungsverantwortliche einmal mehr wesentlich besser. «Door Drills» steht als Programmpunkt 1 auf dem Tagesplan. Eine ausserordentlich charmante Instruktorin führt uns zur ersten Hürde des Tages und steht selbstsicher vor einer Flugzeugtüre, demonstriert in einer unglaublichen Geschwindigkeit die verschiedenen Öffnungsmöglichkeiten der hochkomplizierten Pforte und verlangt von uns exakt das Gleiche. Völlig unterkoffeiniert betrachten wir die komplizierten Griffkombinationen und versuchen beim Selbstversuch den Schaden an der Einrichtung in Grenzen zu halten.
Einwände, dass man zwecks Förderung der Flugsicherheit statt dem zackigen Öffnen von Flugzeugpforten einmal das sanfte Schliessen von Hotelzimmertüren üben sollte, werden unbeachtet in den Wind geschlagen.

Es geht weiter im Programm, denn der Tagesplan ist gedrängt. Beim Betreten des «Equipment Parks», wo der Umgang mit diversen Notfallhilfsmitteln geübt wird, spitzen wir die Ohren. Denn genau über diese Geräte, werden am nachmittäglichen Computertest unzählige Fragen gestellt.
So zum Beispiel über den Feuerlöscher. Für ein Gerät, - nein, schlichtwegs DAS Gerät -, das explizit dafür gebaut wurde, dass es ohne Bedienungsanleitung gebraucht werden kann, wurde eine Gebrauchsanleitung geschrieben, die wiederum von uns auswendig gelernt werden muss.
So ein Feuerlöscher nimmt man doch einfach in die Hand und benutzt ihn. Das ist irgendwie wie beim Pinkeln. Es käme auch niemanden in den Sinn, für das Wasserlösen eine Gebrauchsanweisung zu schreiben. Doch für den Feuerlöscher gibt es eine. Prompt werde ich vor versammelter Mannschaft etwas gefragt, dass ich nicht auf Anhieb und nicht mit den richtigen Worten beschreiben kann: Minuspunkt!
Dafür punkte ich bei den Notsignalsendern. Haben sie gewusst, dass der Notsignalsender vom A330 genau (!) 50 Stunden sendet und der des A340 über 48 Stunden? Ich schon! Pluspunkt!
Der Kapitän neben mir wird gefragt, wo sich die Megaphone und die Fireaxes auf dem Flugzeug befinden. Er zögert kurz und die Expertin dreht sich zu mir. Meine Eselsleiter die besagt, dass der Copilot viel arbeite und der Kapitän viel rede und sich folglich die Äxte eher auf der Copiloten- und die Megaphone auf der Kapitänsseite befänden, überzeugte die Instruktorin, nicht aber den Kapitän.

Weiter ging es im Programm und bald standen wir vor den Notrutschen. Die nächste Frage lautete im Wortlaut etwa so: «Falls eine Notwasserung klappen würde, die Notrutschen herauskämen und das Besteigen des Rettungsflosses gelänge, wo befände sich das Messer, falls der auf allen Kontinenten hundertfach zertifizierte Ablösemechanismus versagen würde und die Leine, die das Flugzeug und das Rettungsfloss verbindet, durchschnitten werden müsste?» Nein, in Wahrscheinlichkeitsrechnung war ich nie ein Hirsch und ich entschuldige mich hiermit hochoffiziell beim Professor, dass ich während den Vorlesungen an der Uni stets die Zeitung las, aber dieser Fall ist so herbeikonstruiert, dass ich die Frage nicht beantworten wollte und konnte: Minuspunkt!

Terrain gut gemacht habe ich bei den Problemstellungen betreffend Gefahrenguttransporten. So wusste ich zum Beispiel, dass Handgranaten weder ins Handgepäck noch in den Reisekoffer gehören. Deutschen Lesern ist dies schon lange klar, bei uns wehrhaften Schweizern kann solch eine Frage schon mal zu Stirnrunzeln führen. In einer Gruppenarbeit wurde die Handgranatenfrage übrigens danach noch vertieft.

Beim fachgerechten Überziehen der Schwimmweste stand ich wie jedes Jahr im Mittelpunkt. Das orange Teil, konstruiert von einem kleinwüchsigen Franzosen aus einem Kaff nahe der spanischen Grenze, lässt sich nicht, oder nur mit grossem Kraftaufwand über meinen Kopf mit einem Umfang von 64 cm stülpen. Da im Übungsraum keine Gleitcreme zur Hand ist, leuchten meine Ohren nachher wie die Signalraketen aus dem Rettungsfloss mit dem Messer, das sich an einem mir immer noch unbekannten Ort befindet.

Endlich Pause. Der Küchenchef verwöhnt uns mir Rehpfeffer, Spätzle und Rotkraut. Gefolgt von Kaffee und Panna Cotta, das schmeckt wie in einem Gourmetrestaurant an bester Lage.

Minuten nach dem der kalorienreiche Dessert im Gaumen verschwand, sitzen wir vor den Computerbildschirmen und Starten den Test. Die Messerfrage kommt nicht, die Handgranatenfrage auch nicht. Verfahren bei Druckabfall und beim Verschütten giftiger Flüssigkeiten werden abgefragt - ich brilliere! Auch zu Themen wie Flugzeugentführung und Sauerstoffflaschen weiss ich Bescheid! Alles richtig - 100%.
Nächstes Jahr komme ich wieder. Vielleicht weiss ich dann wo sich das Messer befindet und vielleicht haben sie bis dann grössere Schwimmwesten. Ich bleibe dran!


Nachtrag:
Nicht nur Informationen zu Notfallszenarien und -ausrüstung wurden uns mitgegeben, sondern auch richtig gute Tipps für zwischenmenschliche Begegnungen. So z.B. die SEX-RULES für die Layovers:

Sonntag, Dezember 16, 2007

pilotische Wünsche ans Christkind

1987:
Liebes Christkind, ich wünsche mir,
-dass ich als Erster der DC-10 Flotte den neuen 911er abholen kann.
-dass ich nicht zwei Mal nacheinander den Einundzwanzigtäger Rio bekomme.
-dass ich auf dem Weg nach Hongkong nicht schon in Bombay Krach mit den Chef habe.
-dass ich keine meiner Ex-Freundinnen in Karachi auf dem Segelboot treffe.
-dass mich meine Frau nach drei Wochen Flugdienst noch kennt.
-dass die Knoblauchspaghetti in Dakar nie ausgehen werden.
-dass ich nächstes Jahr nicht mehr als 350 Stunden fliegen muss.
-dass der Lohn wieder mit zweistelligen Prozentzahlen steigt.
-dass der Chef einmal auf den Kaviar verzichtet.
-dass der Groundschoolrefresher nicht länger als bis 1430 Uhr dauert.
-dass ich noch bis 58 arbeiten darf.
-dass ich nie mit 2 Triebwerken über den Atlantik fliegen muss.

1997:
Liebes Christkind, ich wünsche mir,
-dass keines der Optimierungsprogramme nach mir benennt wird.
-dass mein Fahrrad im Keller des Swissôtels in Peking nicht geklaut wird.
-dass ich in Hongkong keine Ex-Freundin treffe.
-dass ich nächstes Jahr nicht mehr als 550 Stunden fliegen muss.
-dass der Chef einmal auf den Kaviar verzichtet.
-dass sich meine Firma aus Übermut nicht selber kauft.
-dass der Groundschoolrefresher nicht länger als bis 1630 Uhr dauert.
-dass der Lohn um ein paar Prozentpunkte steigt.
-dass der Passat mit Allradantrieb erhältlich ist.
-dass ich mit 55 in die Rente gehen kann.

2007:
Liebes Christkind, ich wünsche mir,
-dass der Lohn nur um ein paar Prozentpunkte sinkt.
-dass der Groundschoolrefresher nicht länger als bis 1830 Uhr dauert.
-dass ich nächstes Jahr nicht länger als 900 Stunden fliegen muss.
-dass mein Leasingantrag für den Toyota Prius bewilligt wird.
-dass ich im 2008 wenigstens einmal bestätigte Ferien habe.
-dass ich zum Thema Uniformreglement keinen e-Test machen muss.
-dass es vielleicht wieder einmal Kaviar an Bord gibt.
-dass ich wieder einmal eine Ex-Freundin treffe.
-dass ich 2008 keinen neuen Pin von der Firma bekomme.
-dass ich mit 58 in die Rente gehen kann.
-dass ich das Ferienreglement endlich verstehe.

2017:
Liebes Christkind, ich wünsche mir,
-dass ich wieder einmal einen langen New York bekomme, damit ich in den zwei Stunden Aufenthalt im Duty Free eine kleine Freiheitsstatue kaufen kann.
-dass der Groundschoolrefresher nicht länger als bis 2330 Uhr dauert.
-dass wenigsten einmal der Autopilot ausfällt und ich wieder einmal ein Flugzeug lenken kann.
-dass ich nächstes Jahr nicht länger als 1900 Stunden fliegen muss.
-dass die Ferien wieder eingeführt werden.
-dass die Copiloten wieder eingeführt werden.
-dass meine Freiwünsche beim Eisprung meiner Frau bewilligt werden.
-dass ich mit 75 in Rente gehen kann.
-dass ich nicht mit einem Triebwerk über den Atlantik fliegen muss.
-dass ich nicht im Cockpitsitz für ewig einschlafe.

Mittwoch, Dezember 12, 2007

Landschaften auf dem Weg nach Hongkong

höchstgelegener Starbucks der Welt


beim Dreiländereck Iran-Afghanistan-Pakistan


Wegweiser an der afghanisch-pakistanischen Grenze


Grenze von Pakistan und Indien bei der Thar Wüste


einer von tausend Flüssen in Bangladesh


Kunming, China


Lake Dian Hu, Kunming, China


in der Nähe von Nanning, China


Anflug Hongkong 25R


Piste in Sicht


Ziel erreicht

Dienstag, Dezember 11, 2007

Grounding eines Grounders

«Sind sie zufrieden mit dem Flug?»

«Ja, es ist nicht mehr wie früher, aber daran sind sie ja nicht ganz unschuldig.»

«Warum sind sie im Stress?»

«Aha, Abschreibungen, Kreditkrise. Ach wissen sie, ich interessiere mich schon lange nicht mehr für die Wirtschaft und die Politik.»

«Ja, diesmal trifft es die Banken, aber das ist bei ihrem Salär ja kein Problem.»

«Bonusrelevant? Was ist ein Bonus?»

«Jetzt verdienen sie halt einmal etwas weniger als dieser Chef der Pharmabude und der Euromillions Hauptgewinner von letzter Woche.»

«Ja gut, der Einbruch ihres Einkommens ist enorm, aber es bleiben ihnen ohne Boni ja immer noch weit über 2 Millionen.»

«Ja, wir sind immer und überall über Funk und Satellit erreichbar.»

«Warum wollen sie nicht erreichbar sein? Ein Mann in ihrer Stellung sollte doch immer seine wichtigen Entscheidungen kommunizieren können.»

«Aha, sie sind grundsätzlich für niemanden erreichbar! Nicht einmal für einen Bundesrat?»

«Also doch, für den machen sie eine Ausnahme. Der will ja auch kein Geld von ihnen, er hat ja selber genug davon. Ein kleiner Witz entschuldigen sie.»

«Ja, wir landen pünktlich in Hongkong.»

«Ja, die Banken haben dann noch offen. Wollen sie Kollegen besuchen?»

«Nein, das geht mich wirklich nichts an, Entschuldigung.»

«Aber Geld abheben können sie doch an jedem Bankomaten in der Schweiz.»

«Was zehn Milliarden? Nein, soviel hat kein Geldautomat gebunkert.»

«Also, ich muss jetzt. Das Flugzeug muss noch gelandet werden.»

«Ja, das macht bei uns auch der Copilot.»

«Ob das sicher ist? Klar, wir haben eine gute Ausbildung und Übung im Umschiffen von gefährlichen Hindernissen.»

«Aha, Kreditprüfung nennen sie das bei ihnen.»

«Wenn sie das nächste Mal ein paar Tipps brauchen, rufen sie ungeniert an. Wir scheinen im Einschätzten von Risiken mehr Erfahrung zu haben.»

«Ich ihnen auch. Adieu»

Freitag, Dezember 07, 2007

die nächtliche Jagd über dem Wasser

Es ist früher Abend in Chicago und mitten in der Nacht in meinem Körper. Nach einem schneereichen Tag, präsentiert sich die Stadt am Lake Michigan im besten Licht. Der Himmel ist wolkenfrei und lässt dank der bissig kalten Temperaturen den Sternenhimmel wundervoll erleuchten.
Wir stehen mit laufenden Triebwerken am Anfang der Piste 32R und warten auf die Startfreigabe. Der Himmel ist voll von fliegendem Blech. Links und rechts brausen startende und landende Flugzeuge an uns vorbei und die weibliche Stimme der Flugverkehrsleiterin redet wie ein Maschinengewehr. Wehe ein Pilot antwortet nicht sofort und wehe es wird nicht das gemacht, was sie befielt. Es braucht viel Konzentration der Dame zu folgen und im Cockpit ist es mucksmäuschenstill. Genau im Moment, als ich mir so vorstellte, wie das wohl wäre so ein schnelles Mundwerk zu Hause zu haben, schiesst unsere Startfreigabe durch den Äther: «Swiss 9 heavy, you‘re cleared for takeoff 32R». Als unsere A330 schon langsam Fahrt aufnahm, schoss noch ein landenden Flugzeug vor unserer Nase auf der kreuzenden Piste vorbei. Nichts ungewöhnliches hier in Chicago.

Knapp 150 Meter über Boden die Anweisung, sofort scharf rechts zu drehen. Vor uns erscheint die weihnachtlich beleuchtete Skyline der Millionenstadt. Ein wundervoller Anblick, der für die vorangehende Hektik mehr als entschädigt.
Dem Wetter sei Dank, sieht man in der Ferne bereits die Lichter von Detroit. In gut einer Stunde sollten wir Manhattan überfliegen und dann in die starken Winde des Jetstreams eintauchen. Diese Höhenwinde wehen heute mit einer Stärke von 150 Knoten, was so ungefähr 270 km/h entsprechen. Dementsprechend kurz ist unsere Flugzeit. Deutlich weniger als acht Stunden dauert die Reise über sieben Zeitzonen hinweg heute Nacht.
Der Wind nimmt langsam zu und als der Salat mit Balsamico Sauce gereicht wird, erscheint auf der linken Seite die Stadt Buffalo. Ausgerechnet über der Stadt New York tauchen die ersten Wolken auf. Auch nicht schlecht, so kann ich mich genüsslich dem Perlhuhn widmen, das zusammen mit etwas Gemüse und Mais an einer Morchelsauce vor meiner Nase steht.
Noch vor dem ersten Nespresso wird die Nordatlantik Freigabe eingeholt und die Route kontrolliert. Mit 82% der Schallgeschwindigkeit schickt uns der schlecht gelaunte Herr aus New York auf 38‘000 Fuss über das Wasser und wünscht uns nicht mal eine gute Nacht. Ein schwarzes Truffes aus der Manufaktur «Sprüngli» tröstet mich über die unfreundliche Kommunikation hinweg.
Etwa 300 Meter über unseren Köpfen schwebt ein Jet mit dem Ziel Frankfurt und 300 Meter unter uns die Kollegen aus Boston kommend.
Jetzt bläst der Wind mit 167 Knoten und es ist zu unserem Erstaunen ruhig wie in einer Kirche. Und genau wie in der Kirche während der Sonntagspredigt, fallen mir langsam die Augen zu. Ich erfrage beim Chef ein Timeout und bekomme es auch. Mein Sitz klappt nach hinten, die Augenbinde wird heruntergezogen und Sekunden später schwebe ich im Reich der Träume. Nach 35 Minuten das unsanfte Erwachen. Der Wecker schrillt und da bin ich wieder.

In regelmässigen Abständen werden die Flugzeugdaten überprüft und die Wettermeldungen der Ausweichflughäfen eingeholt. Positionsmeldungen macht über dem Nordatlantik seit gut zwei Jahren ein Computer, der mit Kurznachrichten die Bodenstation mit den notwendigen Daten füttert.
Es hellt langsam auf und die Sonne scheint uns direkt in die Birne. Vor uns fast in Griffweite noch immer die Kollegen aus Boston. Wunderschön, wie sich ihr Kondensstreifen in der Sonne abzeichnet.



Wir reduzieren etwas die Geschwindigkeit, um der Bodenstelle in Paris das Entflechten der Flugzeuge einfacher zu machen.
Basel kommt näher, Klappen werden gefahren, Bremsklappen aus- und wieder eingefahren, Gäste verabschiedet, die Räder herausgefahren und kurz vor dem Boden leicht am Sidestick gezogen.
Eine lange nächtliche Jagd geht zu Ende und zur planmässigen Ankunftszeit sitze ich schon in meinem Wagen und verlasse das Parkhaus am Flughafen.

Zur Mittagszeit bin ich zu Hause und erreiche den Autounterstand genau im Moment, als ein zünftiger Regenschauer über das Schweizer Mittelland zieht. Dies ist mir ziemlich egal, denn alles was jetzt zählt ist das weiche Bett. Guet Nacht!

Mittwoch, Dezember 05, 2007

dem Ingenieur ist nichts zu schwer


Beziehungen sind das Salz in der Suppe, der Zuckerguss auf dem Kuchen oder die Fettpölsterchen an den männlichen Rippen.
Es geht ohne sie, aber ohne sie wird die Perfektion nie erreicht.

Ein guter Pilot hat eine Beziehung zu seiner Frau, vielen Stammkneipen in aller Welt, der Schlaflosigkeit, den unzähligen Kleinlebewesen in den Hotelbetten und natürlich zu seinem Steuerknüppel.

Wir als Airbuspiloten haben da natürlich einen ungemeinen Vorteil gegenüber den Kutschern anderer Fabrikate, denn unser Knüppel ist wirklich etwas Spezielles. Er liegt fantastisch in der Hand, ist allzeit bereit, bocksteif, hat eine unglaublich ergonomische Form und versteckt sich dezent, wenn er nicht gebraucht wird.
Drückt man an der richtigen Stelle, jault das Flugzeug auf und lässt fast alles mit sich machen. Ein wunderbares Teil um damit zu spielen und ein wunderbares Teil, um darüber zu schreiben.
So habe ich während dem Flug nach Chicago ein Foto vom eben ihm geschossen, um es nachher richtig präsentieren zu können.

Fotografieren ist heute ja kinderleicht. Meine flache DSC-T1 lichtete wie befohlen ab und die Bildinformationen verschwanden im MEMORY STICK PRO DUO. Um jetzt das Foto in das MacBook zu bekommen, habe ich grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Entweder ich verbinde den DSC-T1 über ein spezielles Kabel mit dem USB PORT oder ich operiere den MEMORY STICK PRO DUO mit meinen Wurstfingern aus dem DSC-T1 heraus, stecke das filigrane Teil in einen UNIVERSAL MEMORY ADAPTER und führe diesen vorsichtig in den USB PORT ein.
Die erste Variante fällt heute weg, da Spezialkabel und dazugehörendes Netzgerät zu Hause im Keller schlummern. Würde ich den UNIVERSAL MEMORY ADAPTER auch finden, wäre das Lichtbild schon längstens im Kasten. Doch wo ist bloss das grüne Teil? Es ist nirgends zu finden und ich suche verzweifelt nach Alternativen. Wäre mein DSC-T1 mit einen BLUETOOTH PORT ausgerüstet, könnte ich das Bild auch über eben dieses BLUETOOTH senden. Fehlanzeige.
In meinem elektronischen Werkzeugkasten finde ich drei Kopfhörer, zwei USB MEMORY STICKS, aber leider kein UNIVERSAL MEMORY ADAPTER.
Irgendwie ist dies alles so unerotisch, dass ich verstehen würde, wenn mein so gelobter Steuerknüppel schlapp herunterhängen würde - tut er aber nicht.

Kurz bevor ich fast verzweifelte, der Ideenblitz in letzter Sekunde. Ich starte das PHOTOBOOTH Programm und mache einen SCREENSHOT meines DSC-T1 Displays.
Einfach genial! Beim Betrachten meines Werkes stelle ich mir ernsthaft die Frage, was meine Kollegen früher in der wunderbaren Stadt Chicago auch gemacht haben, als es all diese wunderbaren elektronischen Spielzeuge noch nicht gegeben hat?

Sonntag, Dezember 02, 2007

es knistert im Gebälk

Mal angenommen es gäbe irgendwo in der Welt eine fiktive Firma, die in einer beliebigen Branche recht erfolgreich ist. Diese Firma ist angesehen, beliebt, hat schon einige Turbulenzen überlebt, stand in ihrer jungen Geschichte schon einmal nahe am Abgrund und hat einen aufgestellten, motivierten und engagierten Personalkörper.
Kollegialer Umgang ist Tradition und Hierarchien werden dort und dann aufrecht erhalten, wenn es der Hierarchieobere als angebracht erachtet. Man sitzt gerne an seinem Arbeitsplatz. Es wird ohne Murren ab und zu länger gearbeitet und Treffen nach der Arbeitszeit sind häufiger als in vergleichbaren Firmen.
Die Mitarbeiter haben während der letzten Krise die Botschaft der Führung verstanden und sind der Aufforderung, den Gürtel enger zu schnallen, leicht zähneknirschend gefolgt. Wie immer wurden in den Medien die Repräsentanten für den erfolgreichen Rettungsversuch gelobt, der Oberste im Organigramm hat aber nicht vergessen, wer die Opfer brachte. Es folgten Apéros, Weihnachtsessen, Feste und Jubiläen.

Eigentlich typisch für diese Firma, denn Harmonie ist ein wichtiges Gut und wird dementsprechend gehätschelt und gepflegt. Sogar Richtlinien wurden entwickelt, wie der einzelne Mitarbeiter im Konfliktfall dem Anderen den Spiegel vorhalten soll. Zeiten, wo man sich spontan die Meinung sagte, sind Vergangenheit. Dafür gibt es in dieser Firma Checklisten, die praktischerweise in jeden Geldbeutel passen. Zuerst die Frage, ob das Gegenüber bereit ist, die sicherlich nicht allgemein gültige Meinung über sich zu erfahren. Lautet die Antwort «Ja», soll das Gesagte unbedingt mit den Worten «ich finde» beginnen. Jetzt sind wir schon beim ersten Problempunkt: Es funktioniert nicht bei nonverbalen Botschaften wie Stinkefinger um Luft abzulassen, Nase zuhalten bei unangenehmer Duftabsonderung oder leichtem Antippen der Schläfe mit dem Zeigefinger bei Denkausfällen. Dabei sind doch gerade diese Gesten der ideale Einstieg in ein hitziges und oft sehr fruchtbares Streitgespräch.

Auch die Teamarbeit wird in dieser Firma grossgeschrieben. Teamarbeit ist so ein Ausdruck, der nur positiv behaftet ist. Jedermann findet Teamarbeit gut, gelobt werden gute Teamplayer, geächtet teamunfähige Einzelkämpfer. Kennen sie jemanden, der sich selber nicht als guten Teamplayer hinstellt oder Teamarbeit schlecht findet? Ich nicht!
Natürlich gibt es gerade in dieser Firma Bereiche, wo gute Teamarbeit unumgänglich - ja lebensrettend ist. Doch wo Weiss ist, ist auch Schwarz.
Erstaunlicherweise hat niemand auch nur ansatzweise den Teamgedanken hinterfragt. Teamarbeit kann auch ein sehr anstrengender Prozess sein, indem die Gutmütigen durch Egoisten ausgebeutet werden. Es braucht viel Organisation, Zeit und Originalität werden vergeudet und die Kreativität und die Qualität können dadurch leiden. Ein guter Teamplayer passt sich idealerweise der Mehrheit an. So kommt das Team schnell zu Ergebnissen und es wird gelobt. Bei grossen Erfolgen ist der Teamchef der Held, bei Misserfolgen hat das Team als Ganzes versagt. Zum Glück stellt sich niemand in dieser fiktiven Firma gegen die gängigen Denkmuster, denn Widerstand stört die Harmonie und das gute Arbeitsklima.

Doch dann eines Tages knistert es im Gebälk. Es ist eine Kleinigkeit, die Unfrieden stiftet. Fast wie in der Ehe, ist man versucht zu sagen. Wut staut sich auf beiden Seiten auf. Es fallen unschöne Worte und man liegt sich in den Haaren. Die Ersten laufen davon, einzelne Produktionsausfälle sind zu verzeichnen und die Motivation fällt im freien Fall. Am Schluss zählt nur noch die gegenseitige Zerstörung.
Haufenweise Berater stürmen die Gänge und versuchen zu analysieren, was es zu analysieren gibt. Ordner werden gefüllt und Honorare fliessen - beides nicht zu knapp. Es hilft alles nichts, die Felle schwimmen davon.

Jahre später analysiert ein Philosophe das Geschehene. Beim Studium alter Personalakten stösst er unnatürlich oft auf die Wörter «gutes Feedback», «konfliktfähig», «kritikfähig» und «motiviert». Nach genauer Überprüfung der Geschehnisse realisiert der Gelehrte, dass genau diese hochgehaltenen Begriffe missverstanden wurden. Wer als konfliktfähig, kritikfähig und motiviert galt, war in Tat und Wahrheit ganz einfach stumm. Feedbacks gab es, aber in der Regel nur in einer Richtung.
Unter sein Untersuchungsdossier schreibt der Philosophe seine kurze Schlussfolgerung mit roter Tinte: In dieser Firma hat man vor lauter Harmonie das Streiten verlernt. Man hat nur noch geliebt oder gehasst, gestritten wurde nicht mehr.

Zum Glück ist diese Firma nur Fiktion.

Donnerstag, November 29, 2007

Jahresrückblick

Manchmal träume ich davon, ein grosser Schreiberling zu sein. Ein Haus in der Provence, Geld wie Heu, meine Frau an meiner Seite, eine Boulangerie in geruchsweite und jede Menge Zeit um Buchstabe an Buchstabe zu reihen. Nun leider fehlen mir aber einige der Zutaten des oben genannten Rezeptes zum perfekten Schriftsteller, allem voran das Talent Texte zu verfassen, für die anderen Leute viel Geld ausgeben.
Darum mache ich jetzt das, was andere Texter in dieser Lage auch machen, nämlich einen Jahresrückblick verfassen. Zeit genug habe ich dafür, denn ein mickrig kleines Viech hat sich in meine Atemwege eingeschlichen, die Nase verstopft, die Schleimhäute gereizt, den Druckausgleich verunmöglicht und meinen sonst schon heissblütigen Lebenssaft noch zusätzlich erhitzt. Das alles führt zur temporären Flugunfähigkeit, aber Gott sei Dank nicht zum Schreibstau.

Flugzeugführer haben so die Eigenschaft, dass sie über alles Buch führen. Jungpiloten sammeln Daten über ledige Kolleginnen, die alten Haudegen zählen die Landungen bis zur Pensionierung, und die Fraktion des Mittelalters rechnet seit Jahrzehnten, wie lange es wohl dauert, bis endlich einmal ein Platz auf dem linken Sitz frei wird. Doch eines haben wir Piloten alle gemeinsam, wir führen ein Flugbuch. Da finden sich nach dem Datumseintrag Destinationen, Flugzeiten, Flugzeugtypen und je nach Gusto noch Einträge zu besonderen Vorkommnissen. Dank dieser Datensammlung ist es für mich natürlich ein einfaches, den Jahresrückblick zu beginnen.

Ereignisreich hat das Jahr begonnen, ich war nämlich krank. Den Silvester durchgepennt, musste ich mich am Neujahrstag bei der Crewdisposition abmelden. Es gibt bessere Tage um sich von der Arbeit abzumelden, glauben sie mir. Zum arbeiten kam ich dennoch genug im ablaufenden Jahr.
Ich war im 2007 zweimal in Tel Aviv, 10-mal in Tokio, zweimal in Dar es Salaam, 4-mal in New York, nie in Singapur, zweimal in Johannesburg, 3-mal in Bangkok, zweimal in Nairobi, einmal in Kairo, 3-mal in Los Angeles, 7-mal in Hongkong, zweimal in Miami, auch zweimal in Muskat und je einmal in Boston, Chicago und Bombay. Dabei bin ich 870 Stunden im Cockpit auf meinem Hintern gesessen und habe schätzungsweise 50 Nachtflüge absolviert. Vermutlich werde ich also auch diesen Silvester wieder durchpennen. Mit vielen interessanten Kollegen habe ich das Cockpit geteilt und dabei viel erlebt, gelacht und diskutiert.
Einige Erlebnisse haben den Weg in meinen Blog gefunden und so komme ich zu den Zahlen, die mich am meisten freuen. Es haben sich seit Anfangs 2007 48‘000 Personen auf meinen Blog verirrt und 75‘000 mal wurde meine Seite aufgerufen. Da bleibt mir die Spucke weg und ich bringe nur ein Wort über die Lippen: Danke!

Donnerstag, November 22, 2007

Nahkampfgebiet Kowloon

Es gibt wohl kaum einen anderen Ort der Welt, wo man die freie Marktwirtschaft so hautnah erleben kann, wie in Tsim Tsa Tsui in Kowloon. Schon Sekunden nach dem Verlassen der Fähre, springen mich die indischen Händler an und versuchen Waren aller Art anzupreisen.
Kopierte Uhren fehlen genauso wenig im Angebot wie garantiert verwackelte Kinofilme auf DVD und frisch aus dem Hugo Boss Katalog geschneiderte Massanzüge. Diese indischen Strassenhändler sind vermutlich blutsverwandt mit den gefürchteten Telefonmarketingterroristen in unseren Breitengraden. Los wird man die Kletten nur, wenn man im Fundus der eigenen Anstandsregeln ganz tief unten die Schlechtesten hervorholt.
Fehlen für einmal die unfreundlichen Worte oder werden die abweisenden Gesten falsch interpretiert, hilft nur die Flucht in die nahe Starbucksfiliale. Mit liebe gebrauter Kaffee, Zeitungen aus aller Welt und ein offenes Internet bringen die strapazierten Nerven schnell vom gesundheitsschädigenden Niveau herunter.

Weiter geht mein Spaziergang Richtung Nathan Road. Baustellen machen den Ausflug zum Spiessrutenlauf und ziemlich deutlich wird dem Fussgänger aufgezeigt, wie tief er in der Verkehrshirarchie steht. Links in die Hankow Road hinein, am Peninsula Hotel vorbei, treffe ich vor dem Eingang zum Esprit Outlet auf zwei Flight Attendants unserer Crew. Eine kurze Begrüssung, einige Wortfetzen und weg sind sie wieder. Was bleibt ist die Frage, wie die Beiden die vielen Taschen am Abend in die Koffer bringen und die Erkenntnis, dass aufgrund der ungewöhnlichen Anhäufung der Wortkombination «ich muss ...» noch einige Taschen mehr dazukommen.

Bei der Abzweigung zur Nathan Road werde ich fast Opfer eines Verkehrsunfalles. Nicht etwa eines dieser roten Taxis oder ein stinkender Lastwagen hat mein Leib und Leben bedroht, sondern eine Horde Chinesen mit vollbeladenen Schubkarren. Als ob sie sich im Anschiebetraining für kommende Bobmeisterschaften befänden, pflügten sie ihre quietschenden Konstruktionen rücksichtslos durch die entgegenkommende Menschenmenge. Eine Kollision mit einem solchen Gefährt, hätte im besten Falle mit einem Splitterbruch des Schienbeines geendet.

Kaum war dieses Abenteuer überstanden, versuchte mich ein Chinese in seinen Elektronikshop zu zerren. Die neusten Speicherchips und Videokameras aller Formate fanden schnell den Weg auf den Verkaufstisch und es brauchte viel Geduld den Verkäufer davon zu überzeugen, dass ich keine Produkte mehr kaufe, auf denen nicht mindestens ein Apfel prangert. Sein Blick schweift vorsichtig nach rechts, dann nach links, er zwinkert mir zu und holt unter strengsten Vorsichtsmassnahmen ein iPhone hervor. «Hacked Software - working everywhere with every sim card», versichert mir der übelriechende Verkaufsprofi. Ich ergreife die günstige Gelegenheit beim Schopf und türme aus dem vollgestopften Verkaufslokal.

Als die Ampel auf Grün schaltet, ergiesst sich ein Strom von Menschen auf die vierspurige Strasse. Das Signal blinkt schon nach wenigen Sekunden wieder rot und macht die schwächsten aller Verkehrsteilnehmer darauf aufmerksam, dass die Blechlawine der roten Taxis schon bald wieder anrollt. Wieder stehen diese Schubkarren im Weg und verlangsamen den Fluss erheblich. Das akustische Signal verstummt, die Fussgängerampel wechselt auf rot und von hinten braust das erste Fahrzeug heran. Das laute Hupen lässt mich zusammenfahren und ich rette mich mit einem Sprung auf den nahen Gehsteig. Dabei stosse ich unglücklicherweise mit einem Inder zusammen, der mir sofort mit Angeboten von kopierten Uhren und Massanzügen in den Ohren liegt. Wo zum Henker liegt nur der nächste Starbucks?

Der Inder verfolgt mich und zupft alle paar Sekunden an meinem Ärmel. Hätte ich mich nicht in einem Giordano Kleiderladen verkriechen können, würde beim Inder anstelle der zwei gelben Schneidezähne jetzt ein blutendes Loch klaffen. Im gut gekühlten Textilgeschäft treffe ich wieder auf meine zwei Kolleginnen. Zu dem Berg roter Einkaufstüten, haben sich noch ein paar grüne und blaue gesellt. Man nickt sich höflich zu, verliert keine wertvolle Zeit und probiert wacker weiter.
Nachdem ich mich versichert habe, dass die Grösse XL selbst meinem Göttibub zu klein ist, verlasse ich mit leeren Händen das Geschäft durch den Hintereingang.

Der Inder scheint sich verzogen zu haben, dafür nähert sich mir eine etwa ein Meter vierzig grosse Chinesin von hinten. Ich muss sie während eines früheren Aufenthaltes schon einmal getroffen haben, denn ihre Beisserchen fehlen allesamt. Sie hält mir eine vergriffene Broschüre vor die Augen, auf der leicht gekleidete Mädchen dem Betrachter zulächeln. «Good Massage - you will like it!» Dies ist der Moment, wo ich äusserlich stumm, aber innerlich schreiend auf den Eingang der MTR Station zustürme, im Schlund verschwinde, den Zug zum Fährenterminal besteige, den Wellenschlag geniesse und wieder ein paar Augenblicke später an der Promenade der Discovery Bay sitze, guten Kaffee schlürfe, die Sonne anbete und in ALLER RUHE mein posttraumatisches Nahkampfsyndrom pflege.

Montag, November 19, 2007

Szenen einer Ehe

Oft werde ich gefragt, wie es denn so sei, nächtelang mit einer mehr oder weniger fremdem Person im Cockpit zu sitzen. Meine Antwort ist auf diese Frage ist so vielfältig, wie meine Kollegen im Führerstand. Es ist aufregend, langweilig, spannend, ermüdend, abwechslungsreich, eintönig, lustig, ernst, locker, steif, endlos, kurzweilig, aber immer auch lehrreich.
Ich habe schon intime Details von Partnerschaften vernommen und unzählige Fotoalben von Ferienhäusern und Hunden gesehen. Blankpolierte Sportwagen wurden ebenso stolz präsentiert, wie der kurz geschnittene Rasen neben der Garageneinfahrt. Kein Verständnis zeige ich für Computerprobleme, die mit Windows zusammenhängen und taube Ohren habe ich bei religiösen Annäherungsversuchen. Ich lache herzlich bei stilvollen Witzen und aus Höflichkeit bei denen, wo sich der Erzähler selber blamiert. Ich mag gute Redner genauso, wie solche die mich beim Studium der Zeitung in Ruhe lassen. So hat jeder seine Macken und die gilt es zu akzeptieren.
Wo Menschen in engen Räumen zusammenkommen, geschehen seltsame Dinge, über die Analysten schon Bände gefüllt haben. Komplex wird es, wenn Aufträge unklar und Kompetenzen nicht verteilt sind. Dies ist zum Glück in einem Cockpit nie der Fall. Der Linkssitzer ist bei uns der Chef, der Rechtssitzer der Zudiener. So zumindest die formellen Strukturen.
Eigentlich sind wir im Cockpit temporäre Ehepartner mit dem Kapitän als Oberhaupt. Dabei gibt es Ehen, die sehr patriarchisch geführt werden, solche die an Kommunen der 70er Jahren erinnern (selbstverständlich ohne die sexuelle Komponente), andere die ohne Worte auskommen, die hitzigen, die abenteuerlichen und die lockeren.
In dieser temporären Ehe ist der Kapitän der Kopf und ich der Hals. Er bestimmt den Kurs und ich sorge dafür, dass er in die richtige Richtung blickt. Dieses Zusammenspiel klappt eigentlich schon seit Jahren sehr gut und hat sich bewährt.
Damit mögliche Ehekonflikte im Keim erstickt werden, sorgt die Gesetzgebung dafür, dass wir alle paar Monate in eine Eheberatung geschickt werden. Dies hat wie alle wichtigen Sachen einen englischen Namen und nennt sich Crew Ressource Management. Bis jetzt hat es genutzt. Handgreiflichkeiten hat es meines Wissens noch nie gegeben und wir akzeptieren uns so wie wir sind.
So kann ich auch morgen beim Briefing meinem Chef in die Augen schauen und sagen: Ja ich will.

Samstag, November 17, 2007

visualisierte Saukälte


So sieht das Engadin mit -20°C aus. Meine Langlaufskis bleiben noch etwas im Keller .....

Dienstag, November 13, 2007

while you were sleeping

Die Kabine ist dunkel und in allen Klassen wird unterschiedlich laut geschlafen. Es sind jetzt fast fünf Stunden vergangen, seit wir in Zürich bei nasskaltem Wetter den Boden verliessen und unterstützt durch kräftige Westwinde, die Flugzeugnase Richtung Hongkong drehten.
Im Cockpit begrüssten wir die aufgehende Sonne vor ein paar Minuten mit unterschiedlicher Begeisterung. Einerseits ermöglicht uns das Tageslicht einen unvergleichlichen Blick auf das Tien Shan Gebirge, andererseits brennt die grelle Sonne in den müden Augen.
Fasziniert Blicke ich aus dem Cockpitfenster auf die Stadt Urumqi. Die Metropole, gelegen am Fuss eines 5445 hohen Berges, präsentiert sich wie immer im rauchigen Dunst. Reiche Kohle- und Erzvorkommen machen diese Stadt zu einem Zentrum der Stahlindustrie. Es sind jetzt ziemlich genau drei Jahre her, seit ein Feuer in einem Kohlebergwerk, das sage und schreibe 130 Jahre gebrannt hat, endlich gelöscht werden konnte. Ob sich die Luftqualität in diesem Moloch seither wirklich gebessert hat, wage ich zu bezweifeln.
In den nächsten drei Stunden bleibt es bergig und wir tun gut daran, mögliche Fluchtwege im Falle eines Druckabfalles in der Kabine bereit zu halten.
Entlang alten Pfaden der Seidenstrasse hält das Flugzeug südöstlichen Kurs und im Norden öffnet sich die weite Ebene der Wüste Gobi. Unter uns taucht die Stadt Hami, 200 Meter unter Meer gelegen, unter einer Dunstglocke auf. Die Gegensätze könnten grösser nicht sein. Aus dem rechten Fenster blickend die schneebedeckten Berge, deren Spitzen jetzt 6500 Meter überschreiten und links von uns diese unendliche Wüste.
Eine halbe Flugstunde später drehen wir über dem Funkfeuer von Jinchang eine leichte Rechtskurve. Gemäss meiner Karte müsste das westliche Ende der über 6000 km langen chinesischen Mauer ganz in der Nähe sein.
Das Gebirge faltet sich jetzt immer stärker. Nach Lanzhou, dem Ausgangspunkt der Eisenbahnstrecke nach Lhasa, die über den 5225 Meter hohen Tangulapass führt, ist es nicht mehr weit.
Hinten im Flugzeug schlafen die Passagiere noch immer tief und freuen sich auf die baldige Landung in Hongkong. Für viele ist die ehemalige Kronkolonie ein Höhepunkt ihrer Ferien. Die wenigsten realisieren aber, dass sie den Höhepunkt ihrer Reise schlicht und einfach verpennt haben.

Montag, November 05, 2007

im Banne bäuerlicher Traditionen

Die Amerikaner haben es nicht immer leicht. Obwohl der keltische Brauch der Geistervertreibung erst ein paar Tage zurückliegt, steht schon der nächste wichtige Meilenstein im vorweihnachtlichen Festmarathon bevor. Nach dem gruseligen «Hallo Wien» folgt schon in ein paar Wochen das Truthahnmassaker. Beides wichtige Termine im bäuerlichen Kalender der amerikanischen Grossstadtfarmer.

Immer wieder staune ich, wie sehr verbunden die Einwohner dieses grossen Landes mit der Agrarwirtschaft sind. Selbst in Molochen wie Miami, New York, Los Angeles oder hier in Chicago, verzichten die Einwohner auf zivilisationsgerechte Fahrzeuge und beweisen mit ihren Grossstadttraktoren die bewundernswerte Bereitschaft, jederzeit und überall sofort im Dienste der Agrarwirtschaft einen Kornanhänger aus dem Dreck ziehen zu können.

Wer im nebenstehenden Transportmittel eines zur Beförderung von Personen sieht, liegt nicht ganz falsch. Das für Amerika typische Stadtauto wurde auf Kosten des Besitzers so modifiziert, dass es auch dumme Kühe und Esel von einer Boutique Weide auf die andere bringen kann.

Auch das erwähnte Erntedankfest wirft seinen Schatten weit voraus. Wenn die meisten der 300 Millionen Bewohner einen Truthahn auf dem Teller wollen, dann muss der Fleischberg zuerst einmal angeschafft werden. Eine Tierschutzorganisation schätzt, dass für dieses Fest etwa 45 Millionen Truthähne geopfert werden. Ich kann die Zahl nicht überprüfen, mache mir aber Gedanken, wer diese Tiere alle jagt. Waffen zum Schiessen gibt es ja genügend in den Staaten.

Ich möchte jetzt das wichtigste Fest meiner jetzigen Gastgeber hier in den USA nicht ins Lächerliche ziehen. Eigentlich bin ich sogar etwas neidisch. Dieses Erntedankfest Wochenende ist in den Staaten so wichtig, dass fast das ganze Land still steht. Man feiert mit der Familie, reist im ganzen Land umher um die Liebsten zu sehen, kauft zusammen für Weihnachten ein, verzerrt einen der gerupften Truthähne und freut sich schon wieder auf das nächste Jahr.
Ich habe keine solchen Fixdaten. Während der «normale» Arbeitnehmer schon der Wochenenden wegen weiss, an welchen 104 Tagen im Jahr er frei hat, sind bei mir alle Tage des Jahres potentielle Flugtage. Bei Personen mit geregelter Arbeitszeit kommen dann noch einmal 6 Feiertage und 20 Ferientage dazu. Ein Drittel des Jahres wissen meine Freunde, Verwandten und Nachbarn also, wann die Agenda mit Parties, Sportwochenenden, Fondueabenden und Ferien gefüllt werden kann.

Ich habe 6 Wochen Ferien, die als Kompensation für das verpasste Sozialleben herhalten sollen. Fünf davon stehen zu meiner persönlichen Disposition zur Verfügung. Wunderbare Grafiken (nicht mackompatibel) und unglaubliche Datenbänke (auch nicht mackompatibel) stehen mir zur Verfügung, um die Chance auf bestätigte Auszeit zu erhöhen.
So habe von Zahlenbergen beschwipst meine Ferientage bis ins Jahr 2009 gesetzt und komme mir vor, wie an meinem ersten Schülerball - Absagen, nichts als Absagen! Dabei bin ich vorgegangen wie in meiner Jugend. Nicht die Begehrenswerteste, nicht die Attraktivste habe ich gewählt, sondern die, die versteckte Schönheiten verbirgt. Wer will schon im September Ferien? Wer im späten März? Wer friert sich im Januar die Finger beim Langlaufen klamm, wenn man sich im Februar auf der Terrasse in der Sonne wärmen kann? ICH!
Wie gesagt, im Moment ist alles abgelehnt oder auf Eis gelegt. An meiner ersten Schülerparty schaute mir die Holde bei ihrer Absage wenigstens in die Augen. Die nicht mackompatible Software redet nicht einmal in meiner Sprache mit mir. «Rejected» steht da ganz klein geschrieben. So etwas Ungehobeltes ist mir noch nie über den Weg gelaufen!

Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig als mich den bäuerlichen Traditionen zu besinnen. Wie mein Nachbar zu Hause, auf dem landwirtschaftlichen Hof in unserer Sichtweite, werde ich also 2008 immer für meinen Arbeitgeber bereit sein. Murrend wie der Stier im Stall, aber immer abrufbereit, gut rasiert und noch besser vorbereitet. 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag. Nur für die Feriensoftware habe ich keine gute Prognose, ich werde nämlich nächstens meinen Leoparden auf sie hetzen.

Anflug auf Chicago



Dienstag, Oktober 30, 2007

Deadheading

Ein Grund Pilot zu werden ist die Tatsache, dass man nicht jeden Werktag bei Dunkelheit und Nebel ins Verkehrschaos eintauchen muss. Heute ist das anders, heute ist sowieso alles anders. So sitze ich am Morgen knapp nach acht Uhr im Stau vor einem Nadelöhr Namens «Gubrist» und frage mich ernsthaft, was ich - oder besser gesagt, was all die anderen Autofahrer in dieser Herrgottsfrühe auf der Strasse machen?

Mein heutiger Einsatzbefehl verstösst grob gegen die wohl wichtigste Regel in der Langstreckenfliegerei: Piloten jagt man nicht so früh aus den Federn!
Nach New York muss ich heute und zwar nicht mit einem bequemen Direktflug, sondern über einen Umsteigeflughafen in der fernen Westschweiz. Ich komme mir vor, wie so ein Schnäppchenjäger aus der Aldi Zunft, der in der halben Welt herum fliegt, um das Ziel möglichst günstig zu erreichen. Im ersten Teil meiner Reise werde ich als Passagier nach Genf verfrachtet, damit ich im zweiten Teil als fliegender Pilot die A330 an die Ostküste bringen kann.

Dienstlich als Passagier zu reisen heisst im Airlineslang «Deadheading» und niemand weiss eigentlich genau, was das Wort bedeutet. Es ist so ein Wort wie «Mobbing», das nett klingt, aber ganz und gar nicht nett ist. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. versteht unter dem Begriff den Transport von Leercontainern. Leercontainer sind so Dinge, die innen hohl und aussen verformt sind, ausserdem stinken und nichts einbringen - Danke!
Die königliche Rosengesellschaft im fernen Britannien meint, dass der Begriff «Deadheading» den Akt der Entfernung der hängenden Blüte aus ästhetischen Gründen beschreibt. Auch nicht nett, oder?

«Aha, die Deadheading Crew kommt», meint der an der Türe stehende Kabinenchef leicht abschätzig und merkt an, dass wir ruhig etwas später hätten kommen können. Leicht gereizt (mein Fehler) greiffe ich zur bereitgelegten Tageszeitung (auch mein Fehler) und werde schroff zurechtgewiesen. «Zeitungen sind für zahlende Passagiere!» Jetzt verstehe ich die Methapher mit der geköpften Rose.
Der Gast neben mir, in beruflicher Mission in die Calvin-Stadt unterwegs, blättert in einer Boulevard Zeitung, die ich auch so gerne betrachtet hätte. Ich gehe einmal davon aus, dass der beschlipste (nicht beschwipste) Herr, sein Ticket auch nicht selber bezahlt hat.
Im voll besetzten Flugzeug befinden sich genau drei Personen, die über einen Zentner wiegen und für die zwei Meter fast auf Augenhöhe liegt. Man kann es getrost als logistische Meisterleistung werten, dass ausgerechnet diese Mannsbilder in der gleichen Dreierreihe sitzen - ich in der Mitte versteht sich.
Meine Knie liegen so satt am Fordersitz, dass ich auf das Festzurren der Sicherheitsgurten verzichten kann. Alle Drei können unmöglich zusammen nach hinten lehnen, da wir sonst die Schultern kompliziert übereinander schichten müssten. So verharre ich in einer unnatürlichen Position, die mich stark an meine Yogalektionen erinnert. Hätte ich keine Uniform an, ich würde glatt als meditierender Yogi durchgehen.

Auch meine «Deadheading» Zeit geht gottseidank einmal zu Ende und endlich sitze ich im Cockpit mit der Nase Richtung Westen. Unter mir rauschen die Bergspitzen des «Massiv Central» vorbei und es dauert nicht lange, bis die Küste am Horizont auftaucht. Momente später findet ein kürzlich verstorbener Lachs den Weg ins Cockpit und ich träufle liebevoll etwas Zitrone über den fantastisch riechenden Meeresbewohner.
Ein Kalb, das vor nicht langer Zeit das Zeitliche segnete folgt und meine kleine Welt sieht nach einem kräftigen Schluck «Chatêau d‘eau minerale séléctionée» schon wieder um einiges besser aus.
Bald liegen die Köstlichkeiten so schwer auf, dass sich mein Mund ein erstes Mal weit öffnet und sich die Müdigkeit in die Glieder schleicht. Damit ich die Augen offen halten kann, greife ich zur Zeitung, die ich noch vor ein paar Stunden so vermisst habe und löse das Kreuzworträtsel.

Stunden später scheint die Sonne flach und viel zu hell ins Cockpit und vor uns liegt die Piste 31R vom JFK Flughafen in Queens. Müde bin ich noch immer, aber das Gähnen unterdrücke ich, indem ich die Kiefermuskulatur unnatürlich zusammenziehe.
Im Hintergrund das Empire State Building und die einmalige Skyline von Manhattan. Aufsetzen, Schubumkehr aktivieren und voll in die Bremsen stehen. Koffersuche, Zollabfertigung und Einreiseformalitäten folgen.
Die Sonne verschwindet sanft unter dem Horizont und ich geniesse die Fahrt ins Stadtzentrum. Weder der Stau noch die holprige Strasse stören mich in meinem Zustand der absoluten Müdigkeit.
Die Wirkung meines Deos lässt nach, unter meiner Uniformjacke steigt ein leicht säuerlicher Geruch hervor, ich fühle mich leer und verbeult und will nur noch in Ruhe gelassen werden. Das mit dem Leercontainer scheint also doch zu stimmen.

Dienstag, Oktober 23, 2007

tun und lassen oder do's & don'ts

Flugvorbereitungen beschränken sich nach ein paar Flugjahren auf das Überprüfen der Wettervorhersagen an der Destination. Kleiner oder grosser Koffer? Badehose oder Winterstiefel? Regenschirm oder Sonnenhut? Fragen, die mich am Vortag des Abfluges unglaublich beschäftigen.
Steht mir ein Einsatz in eine Krisenregion, ein Kriegsgebiet oder eine besonders gefährliche Stadt bevor, studiere ich noch zusätzlich das von meiner Firma sorgfältig zusammengestellte Informationsblatt voll gepackt mit Sicherheitshinweisen. Ich tue gut daran, mich in diesen Ländern daran zu halten.
Neben diesen geschriebenen Gesetzen, existieren in der Fliegerei auch viele ungeschriebene. Diese werden über Fluggenerationen weitergegeben und sind im täglichen Einsatz fast ebenso wichtig, wie die oben beschriebenen.
Jetzt, wo endlich wieder junge Flight-Attendants, frisch ausgebildete Piloten und neu zum Langstreckenpiloten geschlagene Kapitäne zu uns stossen, ist es wichtig, dass diesen ungeschriebenen Gesetzen die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Beiliegende Liste kann ausgeschnitten, und in den Flugunterlagen mitgeführt werden.

tun:
mindestens einen Caipirinha in Sao Paulo trinken; das Firstclass Flight-Attendant mit Komplimenten überhäufen; den Hostessen vor dem Einkaufsrausch beim Tragen der Koffer helfen; die Cockpittüre vorsichtig schliessen; Nespressokapseln auf den Tel Aviv Flug mitnehmen; gelesene Zeitungen anständig hinterlassen; den Copiloten für die schöne Landung loben; Trost spenden nach harten Aufsetzern; am Linecheck Hut mit Grösse 62 auf Kopf mit Grösse 64 setzen, auch wenn es lächerlich aussieht; Cockpitbesuch während Nachtflug; beim Eiscrèmeservice an die zwei Kollegen in der Kanzel denken; sms Eingang auf lautlos stellen; selber ausrechnen, was man beim Abendessen konsumiert hat; nicht - oder dezent parfümieren; gemäss Gewerkschaften: Eis im Bauch haben; am Simulatorcheck wissen, wann die seitliche Pistenbeleuchtung auf Rot wechselt (seit 15 Jahren werde ich das zwei Mal im Jahr gefragt);

lassen:
mehr als zwei Caipirinhas in Sao Paulo trinken; einem, der immer wieder betont, dass er sehr viel Wert auf ein ehrliches Feedback legt, ein ehrliches Feedback geben; den Hut am Linecheck vergessen; den Hostessen nach dem Einkaufsrausch beim Tragen der Koffer helfen; das Cockpit besuchen, wenn frisch parfümiert; einer 22-Jährigen widersprechen, denn diese Damen scheinen die Weisheit gepachtet zu haben; den Pass vergessen; am Funk schöne Weihnachten wünschen; am Schluss eines Schulungstages Fragen stellen; Passagieransagen auf der Tower-Frequenz machen; mein Kreuzworträtsel lösen; den Copiloten nach einer harten Landung tadeln; im Cockpit furzen; sich im Ausland auf das Orientierungsvermögen der Piloten verlassen; Hoteltüre zuknallen; vor der Crewbunktüre die Einkaufsliste mit der Kollegin besprechen; Fragen, wie lange die Turbulenzen noch anhalten; Träger von Schuhen mit Grösse 48,5 wegen ausgelatschten Tretern tadeln, denn Träger von Schuhen mit Nummer 48,5 können fast nirgends uniformtaugliche Flossen in der Grösse 48,5 kaufen; Träger mit Hutgrösse 64 kritisieren, dass sie den Hut mit Grösse 62 ausser am Linecheck nie tragen; Witze über alte Copiloten machen; vor Antritt des Rückfluges aus Tokio fragen, wie viel man geschlafen hat; im Crewbus das Handy läuten lassen; nach einem Raucherzimmer fragen, wenn der Rest der Besatzung einchecken möchte; Apple User mit Windowsproblemen belästigen;

Dienstag, Oktober 16, 2007

bin dann mal weg

Keine Angst, ich befinde mich nicht auf einem Pilgerweg Richtung Süden. Im Gegenteil, nach Osten hat es mich gezogen und statt katholischen Klöstern in den Pyrenäen, warten Zen Tempel in Japan auf meine spirituelle Anwesenheit.
Tja, schon wieder sitze ich in Narita und schon wieder frage ich mich, ob ich den japanischen Herbst bereisen oder am internationalen Flughafen meine Einsamkeit in «venti latte» ersäufen soll. Ich war in letzter Zeit schon so oft im Reich der aufgehenden Sonne, dass sich meine Frau bei mir bedankte, dass ich für die Herbstwanderung auf der Rigi extra aus der Ferne angereist bin.
Auch sehr nachdenklich stimmt mich, dass ich mit dem Flugverkehrsleiter von Khabarovsk in den letzten Wochen mehr Sätze gesprochen habe, als mit meinem besten Kumpel aus Zürich. So ist das Zigeunerleben halt und wer auf 39'000 Fuss mit Aussicht auf das schon verschneite Sibirien Zeitung lesen will, der muss dafür auch einen Preis bezahlen.
Jetzt habe ich also 48 Stunden Zeit, den Aufenthalt in Japan zu gestalten. Keine Angst, über das japanische Schlafparadox lasse ich mich heute nicht aus, das kann ich ja eh nicht ändern.

Grundsätzlich gesehen, darf ich in meiner japanischen Freizeit zwischen zwei Varianten auswählen: Einsamkeit oder soziale Aktivität. Entscheide ich mich für die Einsamkeit, dann kann sich mein Sprachzentrum auf die vier Wörter «venti latte», «hai» und «oischi» beschränken. Die letzten zwei bedeuten der Reihenfolge nach «Ja» und «lecker».
Ich setze mich dann in der Regel nach der Ankunft in einen Zug, fahre Richtung Tokio und bummle durch eine der verrücktesten Städte der Welt. Meistens beginnt der Tag dann mit Zeitung und Kaffee an der Ueno Station, gefolgt von einem Marsch durch die Gassen und zum Abschluss folgt ein ausgedehntes Bad im Sento. Ach, fast vergessen hätte ich die leckeren Gyosa in Kameido, von denen ich dem oben beschriebenen Kumpel dann in höchsten Tönen vorschwärmen kann.
Kontakt zu Einheimischen finde ich während solcher Exkursionen zur Genüge an den Zugsstationen, verteilt über die ganze Stadt. Fühle ich mich einmal sehr einsam, kaufe ich mir ein Ticket am Automaten der Verkehrsbetriebe und freue mich nach dem Einwurf des 500 Yen Stückes, wie sich die elektronische Figur artig bei mir bedankt und tief verbeugt. Es geht mir danach um einiges besser, weil wenigsten jemand ein paar Worte mit mir gewechselt hat.

Wähle ich die sozial aktive Variante, ziehe ich mit ungefähr 500 anderen Airlinern in einem streng vorgegebenen Muster durch Narita. Erster Treffpunkt ist das Aeon Shopping Center so ab 13 Uhr. Europäer sind noch schlaftrunken, die Amerikaner schon wieder müde und die Australierinnen müssen schwer beladen die ersten Einkaufstaschen deponieren. Wo geht das besser als im Starbucks? Es folgen Diskussionen über schwierige Passagiere, unmögliche Serviceabläufe und unzumutbare Arbeitseinsätze.
Nachdem alle absolut nutzlosen Mitbringsel eingekauft sind und sich die Karawane gestärkt hat, bringt der 200 Yen Bus die Weltenbummler ins Hotel zurück. Dort wird der Duft des Shoppingtages vor dem Abendessen mit einer kräftigen Prise Moschus übertönt. Pünktlich um 1815 Uhr fahren die Hotelbusse ab und der Run auf die Verpflegungsstellen im Städtchen kann beginnen.
Restaurants, die um 19 Uhr noch geöffnet haben, sind in Narita Mangelware und so folgt die Zuteilung der knappen Sitzplätze nach einem ungeschriebenen, aber über Generationen weitergegebenen Gesetz. Amerikanische Frachtpiloten treffen sich im «all you can eat» Laden, die partyversessene Crew der Virgin Atlantic würgt indischen Fastfood herunter und das Gespann Swiss und AUA prügelt sich um freie Sitze beim Sushimeister am Busbahnhof.
So geht das schon seit Jahren!
Irgendwann am frühen Abend schliessen die Gaststätten ihre Pforten und es bleibt nur noch der Gang zum Karaoke Lokal. Wobei Karaoke hier in Narita für karaffenweise Alkohol und räudige Airliner ohne künstlerische Eignung steht. Ich singe nie!

Jetzt sitze ich ganz alleine im Hotelzimmer und soll mich entscheiden, welche der beiden Varianten ich wählen soll. Ich bin noch fit, draussen scheint die Sonne, Hunger habe ich auch und auf Gruppenexkursionen habe ich keinen Bock – Tokio ich komme!

für einmal wortlos

Lassen wir für einmal die Bilder sprechen. Der Wunsch eines Lesers sei mir Befehl.

GRÖNLAND








ANFLUG AUF SANTIAGO DE CHILE ÜBER DIE ANDEN


SONNENAUFGANG IRGENDWO AUF UNSEREM PLANETEN


SIBIRIEN




KILIMANSCHARO (NOCH) MIT SCHNEE

Donnerstag, Oktober 11, 2007

japanische Freudenhäuser

Diese fernöstlichen Häuser der Lust, des Genusses und der Freude unterscheiden sich wenig von den wenigen Exemplaren, die ich von meinen heimischen Streifzügen her kenne. In der Regel legen diese Häuser auf Diskretion sehr viel wert. Ja man könnte fast von einer inszenierten Bescheidenheit sprechen.
Damit man im fernen Japan diese Lokalitäten auch findet, ist zumindest eine kleine Portion Ortskenntnis unumgänglich. In der Regel ist der Eingang zu diesen Genusstempeln mit roten Stofffetzen gut getarnt. Nicht selten prangern grosse Schriftzeichen auf diesen Tüchern und informieren den dem Japanisch mächtigen Besucher, über den gebotenen Service.
Langnasen wie ich sind da natürlich hoffnungslos benachteiligt und darum schreite ich jeweils mit einer gehörigen Portion Respekt durch die Pforte und freue mich dann umso mehr, wenn das Gebotene genau meinem Geschmack entspricht.
Es ist doch immer wieder ein befreiendes Gefühl, wenn man einen Ort der Leidenschaft betritt und inmitten Gleichgesinnter seine Lust befriedigen kann.
Auch optisch bieten die beschriebenen Häuser so einiges. Zumindest in Japan genügen diese Lokale hohem architektonischem Anspruch, sind immer peinlich sauber gehalten und garantieren höchste Genüsse. Natürlich bleibt auch immer ein kleines Restrisiko bestehen. So zeige ich für einen Kollegen durchaus Verständnis, der sich vor Monatsfrist geweigert hat, solch eine Institution zu betreten. Er hat zu Hause Frau und Kind, trägt Verantwortung und kann unmöglich mit einer Krankheit nach Hause kommen, für die es noch immer keine Impfung gibt.
Jetzt aber zurück zum Angebot. Japaner verstehen es einfach, das Frischfleisch im richtigen Licht zu präsentieren. Nachdem sich der Gast gesetzt hat und je nach Lust Bier, Sake oder Grüntee konsumiert, beginnt die unvergessliche Show. Auf einem Band laufen die entblössten Köstlichkeiten vor den Augen der Gäste vorbei. Das feuchte Tuch, das eigentlich zum Reinigen der Hände vorgesehen ist, wird auch gerne zum Abwischen des Speichels benutzt, der rege aus beiden Mundwinkeln läuft.
Zurückhaltung ist angesagt, denn der Zeremonienmeister lässt gerne am Anfang die günstigen Objekte vorbeisausen. Gäste, die sich nicht zurückhalten können, sind selber schuld, wenn sie aufgrund ihrer Ungeduld die alten und zähen Dinger erwischen. Auf zartes und weisses Fleisch folgen rosa Farbtöne auf grünem Beet. Sind an einzelnen Gerippen noch da und dort Haare zu erkennen, präsentieren sich andere glatt wie polierte Kugeln.
Kenner der Szene fragen sich jetzt natürlich, wie teuer der Spass wird und wie sich danach die Rechnung präsentiert. Wäre ja erstaunlich, wenn sich die Japaner hier nicht auch etwas Spezielles ausgedacht hätten. Die knackigen, jungen und zum Anbeissen schönen Objekte liegen auf verschiedenfarbigen Unterlagen und genau diese Unterlagen bestimmen den Preis. Je frischer desto teurer, mit dieser simplen Formel lässt sich die Preisgestaltung sehr einfach beschreiben.
Nur mit dem Schlankheitswahn von uns Europäern, halten die Japaner nicht wirklich mit. In diesem Land treibt der Fettanteil den Preis in die Höhe und da unterscheiden wir Europäer uns ja wirklich deutlich von den Insulanern.
Ja was soll ich Euch noch vom Freudenhaus erzählen. Hat man das Objekt der Begierde einmal ausgewählt, reichen Worte zum Beschreiben der empfundenen Lust einfach nicht aus. Wie soll ich einen Vorgang in Sätze fassen, der mir fast den Verstand raubt? Das muss man einfach selber erleben. Und glauben sie mir, es bleibt selten bei einer Sünde! Bald folgen Nummer zwei, Nummer drei und und und......
Üblicherweise schleicht sich beim Verlassen des Hauses das schlechte Gewissen ein. Zuviel wurde gekostet, zuviel wurde probiert und der Bauch schmerzt an allen möglichen und unmöglichen Stellen.
Ja so ein Besuch im Sushirestaurant macht wirklich Spass und grosse Freude. Da ist die Bezeichnung Freudenhaus sicherlich angebracht. Oder finden sie nicht?

Freitag, Oktober 05, 2007

Strandferien im Ramadan

Planungsstrategisch gesehen sind wir eine Crew vom Verlierern. Ich kenne keinen Ungläubigen und schon gar keine Ungläubige, die während der Fastenzeit gerne in ein muslimisches Land reist.
So versuchen die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen Destinationen wie Riad, Jeddah oder Muskat zu vermeiden. Es liegt in der Natur der Sache, dass dies nicht bei allen klappt.

Schon beim Studium der Flugunterlagen im heimischen Operationszentrum (wir nennen unseren Planungsraum Operationszentrum, weil wir da Flugplanoperationen durchführen – hört, hört!) werfen uns die Kollegen mitleidige Blicke zu. Auf ihren Planungsmappen stehen Namen wie Los Angeles, New York oder Tokio – auf unserem Tisch liegt ein Papierstapel beschriftet mit JED. JED steht für Jeddah.

Unter dem Deckblatt die ersten Informationen zu den Verhaltungsregeln während des Fastenmonats Ramadan. Die Liste ist lang und schon nach der ersten Seite muss ich kapitulieren. Unmöglich sich das alles zu merken, unmöglich die nächsten Tage nicht in ein Fettnäpfchen zu treten.

Zum Nachdenken bleibt keine Zeit und ehe ich mich besinne, stehe ich einen Steinwurf vom Mekka entfernt auf dem sandigen Boden vor dem Flughafen von Jeddah. Falls Datenschützer, Religionswächter, Sicherheitsleute und andere Individuen mitlesen, die dem Deutschen nicht ganz mächtig sind, möchte ich betonen, dass ich nicht bezwecke Steine auf Mekka zu werfen. Es handelt sich hier um eine Metapher und nicht um eine Ankündigung eines religionsfeindlichen Aktes.



Mittlerweile ist die Nacht Geschichte und ich sitze hier gut genährt in einem abgeschotteten Ressort am Strand vom Roten Meer. Um mich herum plantschen leicht gekleidete Ungläubige in knackigen Bikinis und mein Tisch ist übersät mit leeren Kaffeetassen, Speisetellern und Brotkrümeln.
Soeben habe ich ein alkoholfreies Bier geöffnet, im Hintergrund schaukeln die Palmen im Wind, das offene Internet ist schnell und beschallt werden wir mit der Musik von Radio Top aus Winterthur, empfangen übers Internet. Mit einem leicht schlechten Gewissen (warum eigentlich?) komme ich zum Schluss, dass ungläubig sein gar nicht so schlecht ist.
Neu ist diese Erkenntnis ja auch wieder nicht. Schon während meiner Ausbildung zum vollständigen Mitglied der reformierten Gemeinde vor fast dreissig Jahren, machte ich mir im Stillen Gedanken, warum so viele unnötige Zwänge mit dem Glauben und der Religion verknüpft sind.
Damals hielt ich es für besser die Schnauze zu halten. Heute an diesem sonnigen Tag am Strand von Jeddah ist das auch keine schlechte Strategie.

Mittwoch, Oktober 03, 2007

Bedenkliches aus dem Wahlkampf

Meine Freitage gehen zu Ende und das Bündel für meinen nächsten Trip ist geschnürt. Die Sonne scheint und wer weiss, vielleicht rüsten wir zum letzten Mal das Gemüse für das Abendessen an der frischen Luft.
Während ich die Zwiebeln unter Tränen zu kleinen Würfeln schneide, beobachte ich eine Mutter, die mit ihrem Kind vom nahen Bauernhof Richtung unser Haus spazieren. Beide sind leicht übergewichtig und ich ertappe mich dabei, wie ich den vermutlich mütterlich verordneten Marsch zum Bioladen des Bauern gutheisse.

Die Zwiebeln sind zerkleinert und meine Augen trocknen wieder langsam. Auf Anordnung meiner Frau sind die Pilze an der Reihe und ich beobachte in meinem Augenwinkel, wie Mutter und Sohn vor dem Wahlplakat, das in unserem Garten steht, stehen bleiben. Unsere Hausgemeinschaft wirbt für die Sozialdemokraten und darum lächelt Chantal Galladé sympathisch vom Plakat.
Irgendetwas irritiert mich allerdings am Mutter-Sohn Gespann und ich beobachte dieses genauer. Meine Sinne sind geschärft und so höre ich auch dieses unappetitliche Geräusch sehr deutlich, wenn jemand den Rotz vom untersten Niveau seines Körpers hervorholt.

Der junge Mann - noch nicht volljährig, aber durchaus mündig, spuckt unverfroren auf das Wahlplakat, stumm beobachtet von seiner Mutter. Zum Glück ist meine Sprachlosigkeit nicht von langer Dauer. Ich stelle Mutter und Sohn zur Rede. Die Mutter grinst und der Sohn versucht diskret wegzuschauen.
Ob er gespuckt habe, frage ich ihn. Er bejaht und folgt meiner Aufforderung, wischt den Dreck weg und entschuldigt sich. Die Mutter läuft weiter - wortlos.

Die Enttäuschung ist grösser als die Wut. Wenn Jugendliche Sachbeschädigungen begehen, Gewaltexzessen erliegen oder Streiche aushecken, dann ist dies das Eine. Geschieht dies aber unter Aufsicht der Eltern, also mit anderen Worten der Autorität, dann bekomme ich es mit der Angst zu tun.
Warum vergisst die Menschheit so schnell, wie viel Leid schon mit dem Bespucken von Gesichtern und Plakaten begonnen hat? Wer soll diesen pubertierenden Jüngling davon abhalten, wenn nicht seine Eltern? Warum gehen Anstand, Stil und die normalen Umgangsformen verloren?
Fragen, die wir dringend in unserer Gesellschaft klären sollten. Peter Bichsel meinte einmal sehr treffend, dass die Zunahme der Gewalt unter anderem auch damit zu tun hat, dass wir das Streiten verlernt haben. Wir können nur noch hassen oder lieben – streiten können wir nicht mehr.
Wann lernen die Wahlkampstrategen aller Parteien endlich, dass einige in ihrer Gefolgschaft nicht den Intellekt haben, den geschürten Hass ihrer Kampagnen zu deuten. Das unappetitliche Spiel mit Symbolen und das klassieren von politischen Gegnern mit Ausdrücken, die man sonst nur in Sportstadien hört, treiben ihre Blüten. Der spuckende Junge ist eine davon.

Ich mache mir wirklich Sorgen.

Freitag, September 28, 2007

voll erwischt

Ich habe die Angewohnheit, im Hintergrund Musik zu spielen, wenn ich meine Gedanken auf den Bildschirm bringe. «Wonderful life» läuft gerade in mittlerer Lautstärke und ich bin nahe daran, laut mitzusingen.
Nein, ich sehe wie der Sänger auch keinen Anlass, mich zu verstecken, zu rennen oder zu schreien – es ist wirklich ein wunderbares Leben - WENN ICH NUR SCHLAFEN KÖNNTE!

Es ist diese Traumkombination Tokio – Los Angeles – Tokio, die mich zum Verzweifeln bringt. Sechzehn Zeitzonen liegen zwischen den beiden Städten. Sechzehn Stunden, die innerhalb vier Tagen verdaut werden sollen. Sechzehn Stunden, die irgendwann, irgendwo fehlen. Sechzehn Stunden, die mich im Moment zum WAHNSINN treiben.
In den vier Freitagen habe ich es immerhin geschafft, EIN MAL durchzuschlafen. Die Nächte davor kamen mir vor, wie eine Dauerübung im Militär. Aufstehen, schlafen, aufstehen – wieder schlafen und so weiter.
Haben sie schon einmal um drei Uhr in der Früh ein Brot gebacken? Ich schon! Es hat mich voll erwischt – VOLL!

Ein Flug liegt hinter mir. Ein Flug über halb Europa und ganz Sibirien. Ein Flug, auf dem alle Besatzungsmitglieder ein paar Stunden geschlafen haben. Alle? ALLE AUSSER MIR! Wie zum Henker soll ich um 13 Uhr MEZ Schlaf finden, wenn an dem Ort, an dem ich noch vor vier Tagen weilte, zum gleichen Zeitpunkt geschlagene zwei Stunden warten musste, bis das Frühstücksbuffet öffnete?
Als einziger in der ganzen Röhre habe ich kein Auge zugetan. Gelandet bin dann ich. JAWOHL ICH! Die Landung war übrigens gut.
Im Bus haben dann alle AUSSER ICH gedöst und sind dann müde ins Bett gefallen. Das war vor etwa drei Stunden..... Und ich? Ich sitze vor dem Computer, noch immer wach und beginne zu rechnen. In Tokio ist es 10:47 Uhr, in Zürich 03:47 Uhr und in Los Angeles 18:47. SCHEISS ZEITVERSCHIEBUNG!

Der geneigte Leser merkt, dass ich leicht gereizt bin. In diesem Zustand kann man bestens motzen und genau das mache ich jetzt. Jetzt ist der Zeitpunkt, wo ich mal so richtig Dampf ablasse. Jetzt sage ich dort die Meinung, wo ich sonst zu schweigen pflege.

Liebe Japaner, ihr könnt absolut nichts dafür, dass ich «rumpelsurig» bin. Trotzdem ist jetzt der Zeitpunkt, euch allen einmal gehörig die Meinung zu sagen. ICH MAG EURE GEHEIZTEN TOILETTENBRILLEN NICHT! Ich erwarte von einer frisch gereinigten Sitzgelegenheit in einem Badezimmer, dass sie kalt ist. Kalt steht für sauber, frisch und unbenutzt. Ich finde es absolut unnötig, dass ihr Ampèrekäfer durch den Plastik jagt und dem Gast den Arsch erhitzt. Erstens wird unnötig Energie verpufft und zweitens mag ich das schlicht und einfach nicht!
Wenn ihr nicht pariert, dann schicken wir euch den Ogi vorbei und der wird euch schon beibringen, dass nicht zwingend jedes Ei gekocht werden muss.



So, genug Unsinn geschrieben, ich versuche jetzt zu schlafen – nach 20 Stunden das erste Mal. HERRGOTTSTERNESIECH!

Sonntag, September 23, 2007

Veränderung zum Besseren







Wenn Japan ruft, dann komme ich gerne. Die langen Flüge über die sibirische Steppe mag ich sehr, das Essen bekommt mir ausgezeichnet und sogar das Schlafen klappt immer besser.
Jetzt will es der Zufall, dass auch Japan mich entdeckt hat und immer mehr in mein Leben tritt.
Beim ersten Ereignis musste ich ein wenig nachhelfen, und zwar mit meinen hart verdienten Fränkli. Seit der Unterschrift beim Toyotahändler steht ein roter «Prius» auf dem Abstellplatz und katapultiert mich damit quasi auf die gleiche Ebene wie Cameron Diaz und Brad Pitt.
Die zweite Begegnung mit der japanischen Philosophie war sehr überraschend, nicht ganz freiwillig und hat auch mit dem Industriekonglomerat aus der gleichnamigen japanischen Stadt zu tun.

«Kaizen» heisst der neue Begriff am helvetischen Aviatikhimmel und als ich zum ersten Mal von diesem Slogan hörte, machte ich das, was Ahnungslose in dieser Situation zu tun pflegen, ich schaute auf Wikipedia nach, was dieser Ausdruck auch bedeute.

«Kai» sei die Veränderung und «Zen» bedeute zum Besseren. Da kann man ja nicht wirklich dagegen sein! Jetzt werde ich so richtig neugierig. Es steht viel auf der freien Enzyklopädie im Internet. Managersprache, gespickt mit Schlagwörtern und Marketingbegriffen, macht es schwierig, mich mit meiner latent vorhandenen Müdigkeit richtig einzulesen.
So wie ich es verstanden habe, wollen die Initianten der Idee, dass sich die Mitarbeiter einbringen und sich mit der Arbeit identifizieren. Da kann man auch nicht wirklich etwas dagegen haben. Aber ich habe das Gefühl, dass die Arbeitnehmer das in der Schweiz schon seit Urzeit machen, nur hat das noch niemand gemerkt.

Diese Zen Philosophie kennen wir in diesem Land schon seit Generationen. Der Schweizer ist bekannt dafür, dass er seine Meinung – zumindest in einer kleinen Gruppe – gerne deutlich vorbringt. Das machen wir am liebsten in den BeiZen. Schlage ich das Wort «Bei» auf Wikipedia nach, wird mir die Erklärung geliefert, dass «Bei» das turksprachige Wort für «Herr» ist. Bei-Zen bedeutet also «Herrenveränderung zum Besseren» und wir umschreiben das im Helvetischen mit dem Wort «RanZen».
Angst vor diesem Kaizen müssen wir also keine haben, das Zen-Zeugs wurde uns quasi in die Wiege gelegt.

Trotzdem ist eine gehörige Portion Vorsicht angebracht. Seit ich auf Lohnlisten schweizerischer Unternehmungen stehe, habe ich schon etliche Programme mit wohlklingenden Bezeichnungen über mich ergehen lassen.
Ich erinnere mich gerne an ein Projekt namens TQM, das in einem Unternehmen mit dem Übernamen «fliegende Bank», mit Pauken und Trompeten angekündigt wurde. Zuerst gab es einen Pin für die Uniform, dann eine Lawine von Power Point Präsentationen und zum Abschluss einen Ordner mit doppelt bedrucktem Papier.
Verstanden habe ich die Ideen nie ganz richtig, aber da schien ich nicht ganz alleine zu sein. Selbst in höchsten Managementkreisen – so hört man, hätten die Herren das TQM mit der traditionellen chinesischen Medizin verwechselt. Es wurde geschröpft und geschröpft, bis der Patient dahinraffte. Damals hat der Staat einen Teil der Alternativmedizin noch bezahlt, den Rest berappten die Mitarbeiter.

Zurück zu meinem Flug, zu meiner Arbeit, zu Japan. Ich verschliesse mich nicht gegenüber Neuem und versuche das fernöstliche Leitmotto meines Arbeitgebers zu verinnerlichen. Ich sage Ja zu Kaizen und Ja ist ein Wort, das sogar ich im Japanischen aussprechen kann. «Hei» heisst der Ausdruck und bedeutet auch Zustimmung und Einverständnis.

Also liebe Passagiere, haltet euch fest und lasst uns nach Narita HeiZen.

Donnerstag, September 20, 2007

in fremden Betten

Nun bin ich wieder unterwegs. Lang war die Pause nicht, aber sie genügte sehr wohl, um sich an das regelmässige Schlafen zu gewöhnen.
Schlafen im eigenen Bett, ausgestreckt unter der heimischen Daunendecke mit dem Kopf im zurechtgeknüllten Kissen, gehört doch zu den schönsten Erlebnissen überhaupt. Das ist so eine typische Selbstverständlichkeit, die man erst dann vermisst, wenn sie nicht mehr verfügbar ist.

Auf mich wartet in Los Angeles ein Bett der Extraklasse. Bequem, gross und mit einer wunderbaren Decke bestückt. Zur Auswahl stehen in der Regel acht Kissen mit unterschiedlicher Härte. Nein, zu klagen habe ich wirklich nichts, denn es gibt andere Schlafstätten mit zweifelhafterer Qualität auf unserem Streckennetz, aber eben, das gewohnte Kissen liegt zu Hause und die eigene Decke fehlt.

Eines der schlimmsten Nachtlager in meiner Wertungsskala ist die Herberge in Douala, Kamerun. Seit Kopilotengedenken das gleiche Bett und das gleiche Zimmer. Gross ist er ja, der selten moskitofreie Raum, aber nicht wirklich gemütlich. Auf dem Bett mit den blumigen Laken liegt eine Decke, die aussieht wie aus alten Armeebeständen rekrutiert und im Kopfbereich wartet eine Nackenrolle, in derer sich die menschlichen Ausscheidungen der vergangenen Jahrzehnte langsam kristallisierten und dadurch eine Kopfunterlage hart wie Stahl formten.

Aber was mache ich mir Gedanken über Kamerun? Los Angeles wartet auf mich. Welches Zimmer wird es wohl diesmal sein? King Size oder Giant Size? Neben einer Familie mit ununterbrochenem Fernsehkonsum oder einem viagragesteuerten Manager auf Dienstreise mit seiner Sekretärin? Meersicht Richtung San Diego oder nach Norden? Neben dem scheppernden Eisautomaten oder dem bimmelnden Aufzug? Flachbildschirm oder Röhrenkiste? Auf jeden Fall empfängt mich ein fremdes Bett, frisch bezogen zwar, aber fremd und unpersönlich.

Ich bin ein Kissenknuddler. Einer der die Kopfunterlage während der ganzen Nacht büschelt, zurechtlegt, wieder auseinander schüttelt, weich klopf und dann neuerlich zu einem bequemen Häufchen formt. Das ist nichts anderes als Schwerstarbeit und wo gearbeitet wird, da fallen bekanntlich auch Späne, oder etwas wissenschaftlicher ausgedrückt, da bleiben gehörig DNA Spuren zurück.
Kissenknuddeln ist keine Krankheit und schon gar kein neuer Trend, darum gibt es auch keine fundierten Untersuchungen über die Häufigkeit, die Intensität und die Heilungschancen dieser Verhaltensstörung. Doch ich denke, dass ich damit nicht alleine dastehe.

Da liegen sie nun, die acht Kissen des Hyatts und einen Sekundenbruchteil überlege ich, wie viel Vergangenheit von meinen unzähligen Vorgängern wohl zwischen den flauschigen Daunenfedern lagert. Ein Fehler - klar, wenn schon so ein tolles Zimmer auf einen wartet, dann soll man nicht buchstäblich das Haar im Kissen suchen.

Doch jetzt, wo ich todmüde das Zimmer betrete, ist mir das ziemlich egal. Das erste Mal nach einem zwölfstündigen Flug ausgestreckt dazuliegen ist wie der Himmel auf Erden. Die Beine pulsieren, der Rücken entspannt sich und der Kopf taucht tief in das weichste der acht Kissen ein.
Nichts geht schneller, als das Einschlafen nach einem Nordatlantikflug. Minuten später ist das Stadium des «KO-Schlafs» erreicht und das Kissen wird geknuddelt, gebüschelt und immer wieder neu positioniert – DNA Auswahl hin oder her.

Samstag, September 15, 2007

Alles hat ein Ende

Achtung liebe Flugverkehrsleiter, Flight Attendants, Kollegen im Cockpit und sonstige Betroffene am Flughafen ZRH, ich bin aus meinen Ferien zurück.

Der Platz auf der Terrasse bei der Es-Cha Hütte ist ab sofort wieder frei.

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Dienstag, September 11, 2007

auch ein Ausländer

Der Winterflugplan meines Arbeitgebers ist publiziert und beim genaueren Studium der Schrift habe ich nachgezählt, dass ich Destinationen in 20 Ländern anfliege.

Nationen, die verschiedener nicht sein könnten. So zum Beispiel Amerika, das so faszinierend wie manchmal auch abstossend wirkt und Trendsetter spielt für einige positive und unzählige negative Verhaltensmuster. Die Länder in Afrika mit ihren unendlichen Gerüchen und einer Armut, die einem die Schamröte ins Gesicht treibt. Dann Asien, voller Leben und Energie. Ein Kontinent, der schneller zu drehen scheint, als der Rest der Welt. Oder Südamerika, Hauptquartier der Lebensfreude, aber auch Zentrum von Gewalt und Elend. Und «last but not least» natürlich der mittlere Osten, Lieferant des Rohstoffes aus denen unsere Träume sind und Wiege einer Glaubensrichtung, die in letzter Zeit Mittelpunkt von angsteinflössenden Politkampagnen in so manchem westlichen Land wurde.

In meinem Job habe ich das Privileg, die Länder regelmässig zu besuchen und die Kultur in homöophatischen Dosen zu studieren. Klar sind mir dabei Grenzen gesetzt. Grenzen in Form von Sprachbarrieren und natürlich ein Zeitlimit. Unsere Aufenthalte sind zu kurz, um tief in ein Land einzutauchen.
Trotzdem habe ich die Chance, zumindest etwas vom Fremden einzuatmen, zu spüren, zu essen und zu geniessen. Dazu braucht es nur etwas: der Wille das Fremde zu erkennen, zu sehen und zu akzeptieren.

Natürlich habe auch ich meine Phasen, in denen ich die Bereitschaft nicht aufbringe, die zu meiner eigenen Kultur verschiedenen Lösungsansätze zu akzeptieren, sondern im Gegenteil, ich verurteile sie. Selbstverständlich werde ich dann abgewiesen, links liegen gelassen und als Ausländer im konservativ schweizerischen Sinne behandelt. Oft bin ich dann frustriert, stelle das Gastgeberland in ein schlechtes Licht oder bezeichne alle Bewohner des Landes «in corpore» als Idioten. Ausländer bin ich so oder so. Eigentlich bin ich, wenn ich meinen Arbeitsplan betrachte, den meisten Teil des Jahres Ausländer.

Inländer, also Einheimischer, bin ich nur dort wo ich lebe. Ich kann dort wo ich lebe aber nur Einheimischer sein, wenn ich den Dialekt akzentfrei beherrsche. Meine Frau gilt im Berner Oberland als Einheimische, obwohl sie dort seit über 10 Jahren nicht mehr wohnt. Zusammen verbringen wir über 70 Tage im Jahr im Engadin. Einheimische sind wir dort nicht (höre ich die Engadiner im Hintergrund schon lachen?).

Langer Rede, kurzer Sinn, ich bin ein Fremder wo immer ich auch bin. Ich fühle mich in meinem Status die meiste Zeit willkommen und gut aufgehoben.
Jetzt bin ich aber verwirrt, denn es ist Wahlkampf in der Schweiz. Es ist von schwarzen Schafen die Rede und von kriminellen Energien, die im Lager der Fremden vorhanden sind. Damit muss ich gemeint sein. Schliesslich bin ich in der Nachbargemeinde ein Fremder, weil die Gemeinde zum Kanton Aargau gehört, in der Wohngemeinde bin ich ein Fremder, weil ich wieder in einer anderen Nachbarsgemeinde aufgewachsen bin. Politik ist kompliziert und so frage ich einen Vertreter der Volkspartei, die schwarze Schafe nicht mag, aber einen Geissbock verehrt, was sie denn gegen mich haben? Gegen mich hätten sie nichts, ich sei ja Schweizer, aber gegen die Ausländer, die unsere Kultur unterwandern, müsse etwas getan werden. Ich erklärte ihm, dass ich die meiste Zeit auch Ausländer sei und er entschuldigt sich, ich sähe halt so schweizerisch aus.
Er versteht mich nicht, oder will mich nicht verstehen. Ich verstehe ihn auch nicht und bedauere zu tiefst die Sichtweise seiner Partei. Denn was wäre die Schweiz ohne den Einfluss des Fremden.
Die Rösti würde uns genauso schnell zum Hals heraushängen wie das Frühstück ohne Kaffee. Ich würde es ihm gerne sagen, doch er ist schon weg und versucht einen Anderen zu überzeugen, dass seine Partei die urschweizerische Demokratie rettet. Eine Demokratie, die uns die Franzosen gebracht haben. Auch Fremde, auch Ausländer.

Samstag, September 08, 2007

Sagra dei Grotti

Immer am zweiten Freitag im September, kurz vor unserem Hochzeitstag, verwaisen die Wanderwege im Engadin und das Bike bleibt für einmal im Keller.
Unten - weit unten im Tal, in einer Stadt in einem fremden Land, werden die feuchten Lagerräume in den Felsen herausgeputzt, die süffigen Rotweine hervorgeholt, Salami geschnitten, Polenta gekocht, Gnoggi hingezaubert und die Grotti geschmückt. Kurz, Chiavenna lädt zum Grottofest und das will besucht werden.

Glücklich, wer einen Parkplatz ergattert; noch glücklicher, wer einen Tisch findet; ein Glückspilz, wer ein Nachtlager hat und ein kleiner König, wer eine nette Familie kennt, die alles im Rundumpaket organisiert. Und genau so fühlten wir uns.

Sekundiert von zwei Übersetzern links und zwei Übersetzerinnen rechts, die allesamt den Spagat zwischen der italienischen und der deutschen Sprache wesentlich besser beherrschten als ich, eroberten wir das Festgelände. Mit meinem Wortschatz, der aus den drei Wörtern «amore», «birra» et «pizza» besteht, wäre ich am Fest glatt verhungert.

Kaum am Tisch Platz genommen, türmten sich die leckeren Speisen vor meinen Augen auf. Eine kalte Platte, gefüllt mit Wurstwaren aus der Region, stillte den ersten Hunger und half, dass der reichlich fliessende Rotwein nicht ungefedert im Magen auftraf. Die Gläser füllten sich wie von Geisterhand gesteuert und schon einen Halbliter später dampften die selbstgemachten Gnoggi an einer Salbeibuttersauce vor meiner Nase. Schnell leerte sich der Teller und ein Augenzwinkern genügte, und die charmante Serviertochter brachte eine neue Portion.

Das war ja erst die Vorspeise! Plötzlich fanden gegrillte «Costini», saftige Rindssteaks, gebratene Kartoffelscheiben, Polenta mit Bergkäse und was weiss ich noch alles den Weg auf unseren Tisch und dies in einer Geschwindigkeit und Menge, als ob in der Küche ein Damm gebrochen wäre. Und wie das schmeckte!

Ein paar Karaffen Rebensaft nachher erweiterte sich mein Vokabular um den Satz «non che più fame» und das Verhalten des Küchenpersonals bestätigte mir Bruchteile später, dass ich an meiner Aussprache noch feilen muss. Käse war an der Reihe und nicht davon zu kosten, wäre eine glatte Beleidigung gewesen.

Der Bauch füllte sich stetig und noch war die heikle Kombination «Essen – Wein» im Gleichgewicht. Dann endlich die heiss ersehnte Frage nach Kaffee. Die Bedienung fragte mich etwas, ich antwortete gekonnt mit «Si», noch eine Frage – wieder ein «Si», dann verschwand sie in den Katakomben des Grotto.

Es brauchte mehrere Personen, um den finalen Gang an den Tisch zu bringen. Zwei verschiedene Kuchen, einer etwas hart mit Zucker darauf, der andere weich, luftig, süss und mit Anis bedeckt, landeten vor meiner Nase. Für den kleinen Hunger zwischen den Kuchenportionen gehörten ein paar Kekse zum Aufgebot. Gebranntes kam zum Schluss, eskortiert von einem dunklen Espresso.

Geschlafen habe ich danach gut, wenn auch in den Jeans. Nur aufgewacht bin ich etwas früher als geplant. Ein Kater schlich um meine Bettstadt, der – ich schöre es - am Vortag noch nicht zum Hausinventar gehörte. Auch das ist das Grottofest. Nächstes Jahr wieder!