
Wenn Japans Hügel plötzlich zu dampfen beginnen, dann kann die nächste Thermalquelle nicht weit sein. Onsen nennt man die heissen Relaxoasen hier in Nippon und die haben so ziemlich nichts mit den immer leicht nach Urin riechenden Kurbädern in Europa zu tun.
Einige hundert Kilometer nordwestlich von Tokio umgeben von Bergen, die es mit den Gipfeln der Alpen problemlos aufnehmen können, liegt das beschauliche Dörfchen Hirayu.
Hier dampft es sprichwörtlich aus zahlreichen Löchern und es hat einige Ryokan, die Gäste nach allen japanischen Gastfreundschaftsegeln verwöhnen. Gründe genug, das kleine Kaff zu besuchen.
Zusammen mit meinem Japankenner, bekannt als Anhänger leichten Schuhwerkes, stampfte ich gestern erwartungsvoll durch die Schneemaden auf den Eingang des ersten Gasthauses zu. Schnell wurden wir mit dem Besitzer handelseinig und freuten uns auf das heisse Nass, das gleich hinter dem Haus aus dem Boden sprudelte.
Schon der Bezug des Zimmers war ein Erlebnis. Unsere Zimmerdame, elegant in einen japanischen Kimono eingewickelt, veranstaltete eine kleine Teezeremonie und erklärte die Regeln des Hotels in der uns fremden Landessprache. Aufmerksam lauschten wir der Folge uns unbekannter Laute und nickten höflich, als ob wir ein Wort verstanden hätten.
Gebadet wird nach Geschlechtern getrennt und so verwundert es auch nicht, dass uns einzig und alleine interessierte, in welchem Bad wir im Adamskostüm willkommen sind. Eine Antwort blieb uns die gute Dame leider schuldig und so war Entdeckergeist gefragt. Neugierig und bereit in jedes Fettnäpfchen zu treten, begannen wir die Expedition in unbekanntes Gebiet. Prompt standen wir Minuten später vor dem falschen Eingang und kurz vor der Katastrophe schritt ein Szenenkenner engagiert ein, führte uns in die Gemächer des männlichen Geschlechts und bewahrte uns vor einer grösseren Blamage.
Da sassen sie nun aufgereiht auf hölzernen Bottichen und schrubbten sich ihre nackten Körper wund. Wir setzten uns dazu, leerten bei Temperaturen um den Gefrierpunkt schlotternd den ersten Eimer heissen Wassers über die unterkühlte Haut und beteiligten uns wortlos an der Reinigungszeremonie.
Nachdem die letzte Pore des Körpers vom Alltagsschmutz befreit war, liess ich meinen Body vorsichtig in das heisse Bad gleiten und schützte den Kopf mit einem kleinen Tuch vor den kalten Schneeflocken. Meditation in Reinkultur! Schwerelos im Wasser liegend das Schneetreiben beobachten und die beruhigende Wirkung des Thermalwassers geniessen – was für ein Leben!
Das war der Moment, wo ich definitiv vom Warmduscher zum Heissbader mutierte.
Apropos Warmduscher, der Hauptdarsteller der nächsten Anekdote ist definitiv keiner! Ein renitenter Anwohner des Flughafens von Narita hält die Behörden seit Langem in Atem. Einige Meter vor der Pistenschwelle der Landebahn 34R ist der alte Mann aufgewachsen und gedenkt dort auch seinen Lebensabend zu verbringen. Japanische Gesetze verbieten scheinbar die Zwangsenteignung und so verhindert der Revoluzzer im Stil der Gallier die Eroberung seines Flecken durch die Baumaschinen. Mit dem Ergebnis, dass besagte Piste nur gerade 2100m lang ist und das Können der Piloten aus aller Welt immer wieder auf die Probe stellt. Der alte Mann besitzt nur wenige Aren Land, ärgert die Behörden aber nach Strich und Faden. Diese mussten dem stolzen Landbesitzer Zugang zu seinem Eigentum ermöglichen und bauten für Millionen unterirdische Zufahrten und Sicherheitsvorrichtungen. Dem Revolutionär scheint dies zu gefallen und er denkt nicht im entferntesten daran, seinen Flecken aufzugeben. Im Gegenteil, in grossen Lettern prangt auf seinem Grundstück ein Protestplakat mit vielen roten Fahnen bestückt und der Aufschrift: ‚Down with Narita Airport’.
Nein, ein Warmduscher ist der alte Mann mit Bestimmtheit nicht. Jedes Mal wenn wir an der Stätte des Widerstandes vorbeirollen, kann ich ein Lächeln nicht verbergen und wünsche dem Kerl ganz heimlich viel Glück im Kampf gegen die Windmühlen. Es leben die Heissbader!


