Donnerstag, März 30, 2006

Warmduscher und Heissbader


Wenn Japans Hügel plötzlich zu dampfen beginnen, dann kann die nächste Thermalquelle nicht weit sein. Onsen nennt man die heissen Relaxoasen hier in Nippon und die haben so ziemlich nichts mit den immer leicht nach Urin riechenden Kurbädern in Europa zu tun.
Einige hundert Kilometer nordwestlich von Tokio umgeben von Bergen, die es mit den Gipfeln der Alpen problemlos aufnehmen können, liegt das beschauliche Dörfchen Hirayu.
Hier dampft es sprichwörtlich aus zahlreichen Löchern und es hat einige Ryokan, die Gäste nach allen japanischen Gastfreundschaftsegeln verwöhnen. Gründe genug, das kleine Kaff zu besuchen.
Zusammen mit meinem Japankenner, bekannt als Anhänger leichten Schuhwerkes, stampfte ich gestern erwartungsvoll durch die Schneemaden auf den Eingang des ersten Gasthauses zu. Schnell wurden wir mit dem Besitzer handelseinig und freuten uns auf das heisse Nass, das gleich hinter dem Haus aus dem Boden sprudelte.

Schon der Bezug des Zimmers war ein Erlebnis. Unsere Zimmerdame, elegant in einen japanischen Kimono eingewickelt, veranstaltete eine kleine Teezeremonie und erklärte die Regeln des Hotels in der uns fremden Landessprache. Aufmerksam lauschten wir der Folge uns unbekannter Laute und nickten höflich, als ob wir ein Wort verstanden hätten.
Gebadet wird nach Geschlechtern getrennt und so verwundert es auch nicht, dass uns einzig und alleine interessierte, in welchem Bad wir im Adamskostüm willkommen sind. Eine Antwort blieb uns die gute Dame leider schuldig und so war Entdeckergeist gefragt. Neugierig und bereit in jedes Fettnäpfchen zu treten, begannen wir die Expedition in unbekanntes Gebiet. Prompt standen wir Minuten später vor dem falschen Eingang und kurz vor der Katastrophe schritt ein Szenenkenner engagiert ein, führte uns in die Gemächer des männlichen Geschlechts und bewahrte uns vor einer grösseren Blamage.

Da sassen sie nun aufgereiht auf hölzernen Bottichen und schrubbten sich ihre nackten Körper wund. Wir setzten uns dazu, leerten bei Temperaturen um den Gefrierpunkt schlotternd den ersten Eimer heissen Wassers über die unterkühlte Haut und beteiligten uns wortlos an der Reinigungszeremonie.
Nachdem die letzte Pore des Körpers vom Alltagsschmutz befreit war, liess ich meinen Body vorsichtig in das heisse Bad gleiten und schützte den Kopf mit einem kleinen Tuch vor den kalten Schneeflocken. Meditation in Reinkultur! Schwerelos im Wasser liegend das Schneetreiben beobachten und die beruhigende Wirkung des Thermalwassers geniessen – was für ein Leben!
Das war der Moment, wo ich definitiv vom Warmduscher zum Heissbader mutierte.

Apropos Warmduscher, der Hauptdarsteller der nächsten Anekdote ist definitiv keiner! Ein renitenter Anwohner des Flughafens von Narita hält die Behörden seit Langem in Atem. Einige Meter vor der Pistenschwelle der Landebahn 34R ist der alte Mann aufgewachsen und gedenkt dort auch seinen Lebensabend zu verbringen. Japanische Gesetze verbieten scheinbar die Zwangsenteignung und so verhindert der Revoluzzer im Stil der Gallier die Eroberung seines Flecken durch die Baumaschinen. Mit dem Ergebnis, dass besagte Piste nur gerade 2100m lang ist und das Können der Piloten aus aller Welt immer wieder auf die Probe stellt. Der alte Mann besitzt nur wenige Aren Land, ärgert die Behörden aber nach Strich und Faden. Diese mussten dem stolzen Landbesitzer Zugang zu seinem Eigentum ermöglichen und bauten für Millionen unterirdische Zufahrten und Sicherheitsvorrichtungen. Dem Revolutionär scheint dies zu gefallen und er denkt nicht im entferntesten daran, seinen Flecken aufzugeben. Im Gegenteil, in grossen Lettern prangt auf seinem Grundstück ein Protestplakat mit vielen roten Fahnen bestückt und der Aufschrift: ‚Down with Narita Airport’.
Nein, ein Warmduscher ist der alte Mann mit Bestimmtheit nicht. Jedes Mal wenn wir an der Stätte des Widerstandes vorbeirollen, kann ich ein Lächeln nicht verbergen und wünsche dem Kerl ganz heimlich viel Glück im Kampf gegen die Windmühlen. Es leben die Heissbader!

Montag, März 27, 2006

nach dem Flug ist vor dem Flug

Keine Angst, trotz bedrohlicher Nähe zum 40. Altersjahr bin ich noch nicht so senil, dass ich Sprüche von Sepp Herberger kommentieren muss.
Trotzdem fand ich, dass der Titel zu meiner jetzigen Situation bestens passt. Mir scheint, dass ich erst gestern von Tokio heimgekehrt bin und jetzt stehen schon wieder die Koffer mit der gleichen Flugnummer auf dem Gepäcksstreifen abflugsbereit neben mir.
Zweimal nacheinander an die gleiche Destination hat auch seine Vorteile. Kartenmaterial, Planungsunterlagen und Fremdwährung sind die Gleichen. Der Crewbag kann ungeöffnet wieder geschultert werden und mein Spatzenhirn muss nicht noch daran denken, welches der vielen Fremdwährungscouverts eingepackt werden muss.
Eigentlich könnte ich also heute ziemlich unbelastet an den Flughafen fahren, wäre da nicht die Sommerzeit…..

Obwohl ich wöchentlich eine andere Zeitzone an meiner Uhr einstelle, habe ich noch immer ein Durcheinander mit der Verschiebung des Stundenzeigers. Eine Stunde vor oder zurück? Länger oder weniger länger schlafen? Fragen, die einem den sonntagabendlichen Tatort ziemlich vermiesen können.
Als ich heute meine kleinen Äuglein öffnete, war es noch dunkel. Wie soll ich das bloss interpretieren? Das charmante DRS3 Girl schaffte Klarheit mit einer professionellen Zeitdurchsage und ich war im Loop, zumindest bezüglich der lokalen Zeitzone.

Doch wie ist es in Japan? Stellen die Einwohner des Landes der aufgehenden Sonne den Zeiger auch vor oder verzichten die Nachkommen der Samurai aufgrund fehlender Balkone auf die längeren Sommerabende?
Intensive Recherchen im Netz brachten mich schnell auf die Lösung meines Problems. Die fehlenden Balkone wiegen schwerer als die Annehmlichkeiten der längeren Abende, Japan verzichtet auf die Sommerzeit und betrachtet die Zeit als fixe Jahresgrösse.
Wer jetzt denkt, dass alle meine Probleme beseitigt sind, der täuscht sich gewaltig. Letzte Woche, soweit ich mich erinnern kann, war Japan unserer Zeitzone 8 Stunden voraus. Und heute? Sind es jetzt 7 oder 9 Stunden. Neun Stunden dünkt mich ziemlich viel und ich tippe auf sieben. Heute ist Flugtag und an Flugtagen sollte ich wissen und nicht tippen! Wieder Recherche und wieder ein Fragezeichen weniger. Aber wie sieht es mit der Ankunftszeit aus? Landen wir wie letzte Woche um 9 Uhr, um 10 Uhr oder gar um 8 Uhr in Tokio?
Diese Frage lasse ich jetzt offen, für etwas habe ich ja schliesslich einen Kapitän dabei!

Mittwoch, März 22, 2006

Hunger in japanischen Zügen?















Kein Problem, für 8 Fr. eine Bento Box kaufen, genüsslich die 756 kcal verspeisen und dabei die vorbeiflitzende Landschaft geniessen.
Wäre vielleicht eine Geschäftsidee für unsere Staatsbahnen?!?

Guten Appetit!

Montag, März 20, 2006

Alter schützt vor Torheit nicht

Reisen war mein Ziel und vorbereitet war ich vorbildlich. Alle Fahrpläne herausgesucht, Reservierungen am Vortag getätigt, Reiseführer studiert, Karten organisiert und langsam die notwendige Vorfreude aufgebaut, packte ich gestern mein Bündel, bevor ich mich ein letztes Mal im Dorfkern von Narita verpflegen wollte.
Schnell war das Ziel unserer Gruppe bestimmt und die leeren Mägen freuten sich auf eine zünftige Portion Sushi und Sashimi. Mir war die Wahl der Lokalität in der Nähe des Busbahnhofes recht, denn am folgenden Tag sollte es zeitig losgehen und ich wollte noch einige Stunden ruhen, bevor mich der Hotelbus um 0630 Uhr am nächsten Morgen an die Bahnstation bringt.
Mit der ersten Ladung Toro kam auch die Flüssignahrung in Form eines Bieres auf den Tisch. Ein gesundes Mahl aus Sicht der aviatischen Medizinlehre. Roher Fisch auf Reis ist sehr fettarm und das Bier befeuchtet die durch den langen Flug ausgetrockneten Nieren intensiv - so interpretieren wir Fliegenden das zumindest.
Es blieb nicht bei einer Ladung Sushi und das zweite Bier folgte gleich dazu. Von den Sakegläsern liess ich die Finger und stärkte mich meinen Vorsätzen entsprechend stattdessen mit einer Miso-Suppe aus lokaler Produktion.
Das leckere Mal war gegen 20 Uhr beendet und vor der geplanten Busabfahrt eine gute Stunde später blieb noch genug Zeit, um dem lokalen Pub den obligaten Pflichtbesuch abzustatten. Als ich das nächste Mal auf die Uhr schaute, war es halb Zwölf und sämtliche Hotelbusse standen bereits gereinigt im Depot fernab von unserer Stammkneipe.
Zum Glück gibt es auch Taxis in Japan. Mit hochgezogenem Mantelkragen traten wir in die kalte Nacht hinaus und hatten bereits nach wenigen Metern klamme Finger und schlotternde Beine. Gottseidank gab es zwischen unserem Standort und dem Taxistand noch eine Karaokebar mit funktionierender Heizung und etwas Saft für die fluggeplagten trockenen Nieren.
Der Zufall wollte es, dass gerade, als wir das Lokal mit der selbstproduzierten Musik verliessen, der Shuttlebus des Karaokecontainers zur Abfahrt ansetzte. Da dieser ominöse Container in unmittelbarer Nähe unseres Hotels liegt und die Barreserven in den Geldbeuteln langsam zur Neige gingen, sparten wir die Taxikosten und bestiegen den Gratisbus Richtung ‚Opernhaus der Aviatiker’.

Mit diesem Container ist es so eine Sache. Weil um Mitternacht sämtliche Lokale im Tempeldorf Narita die Pforten verbarrikadieren und immer wieder schlaflose Angestellte der verschiedenen Fluggesellschaften durch die Strassen lungern, hat ein findiger Geschäftsmann einen alten Schiffscontainer an den Strassenrand gestellt, Strom und Bier angeschlossen und eine Karaokeanlage auf der improvisierten Bühne montiert.
Damit die Kundschaft auch kommt, bringt ein alter, ein wirklich alter Bus die guten und weniger guten Sänger zum Ort des Geschehens und auch wieder zurück zu ihrer Schafstätte.
In unserer Crew hatte es einige engagierte Musikanten und die wollten natürlich unterstützt werden. Bis jeder sein Lied zum Besten gegeben hat, war es 3 Uhr in der Früh und meine Zeitplanung ziemlich am A…. .

Jetzt zu den guten Nachrichten: Ich habe nicht verschlafen, keinen der Züge verpasst, bin bei der gewünschten Destination ausgestiegen, habe alle lohnenswerten Sehenswürdigkeiten von Nagoya abgeklappert, bin sogar auf einen Starbucks gestossen und werde in knapp einer Stunde wieder Richtung Narita düsen.
Dass ich ziemlich schlapp bin, liegt wohl auf der Hand und die Schuld dafür kann ich mir selber in die Schuhe schieben. Ich habe mir geschworen heute Abend auf meinen Körper zu hören und zeitig unter der Decke zu verschwinden. Vorher muss natürlich noch verpflegt werden. Etwas Gesundes soll es sein – Sushi vielleicht?

Sonntag, März 19, 2006

im Land der aufgehenden Sonne

Durch acht Zeitzonen geprügelt, sitzt mein Körper - oder das was noch übrig ist - in einem Kaffeehaus mitten in Narita und versucht Muskeln, Weichteile und Steuerorgan einigermassen zu synchronisieren.
Ich will nicht klagen, die Reisen nach Japan gefallen mir und ganz so schlimm wie die neun Stunden Westverschiebung in Los Angeles sind die Acht hier in Japan keineswegs. Mein Organismus reagiert auch weitaus besser auf die japanischen Einflüsse wie Sushi, Ramen und Tonkazu, als auf amerikanische Colesterinbeschleuniger fabriziert aus Fett, Rindfleisch und anderen Arzneien.
Nach 11 Jahren Langstreckenfliegerei kenne ich die Destinationen auf unserem Streckennetz recht gut. Natürlich läuft der Vielflieger dabei Gefahr, sich immer nach fixen Mustern zu bewegen. Es werden immer die gleichen Kneipen angesteuert, die identischen Menus bestellt und die bekannten Lieder im Karaokelokal zum Besten gegeben.
Etwas Widerstand gegen diese eingespielten Abläufe lohnt sich gerade in Japan. Auf diesen Pazifikinseln gibt es überall etwas zu entdecken und die Möglichkeiten für Ablenkung und Zerstreuung sind schier unendlich.
Nach intensiver Konsultation meines Japanberaters in Zürich habe ich mich diesmal entschlossen, einen Rail Pass zu erstehen. Dieser Rail Pass ist nichts anderes als ein Freibillett für eine bestimmte Zeitspanne auf dem Netz der Japan Railways oder kurz JR. In der Schweiz heissen diese Passierscheine Generalabonnement und in Deutschland würde man sie Berechtigung zur freien Benützung der Schienenfahrzeuge auf dem öffentlichen Netz der Eisenbahn oder kurz BzfBdSadöNdE nennen.
So ein Freibillett ist grundsätzlich eine feine Sache. Nur leider hat dies in Japan so seine Tücken. Der freie Eisenbahnmarkt gibt in diesem Land zahlreichen Privatlinien eine Daseinsberechtigung. Diese kämpfen mit freundlichen Angestellten, komfortablen Sitzen, günstigen Preisen und schnellen Verbindungen im Grossraum Tokyo um die Gunst der Passagiere. Ich schätzte bislang den Service und die Dienstleistungen der Privaten und bin noch praktisch nie mit der staatseigenen Bahn gefahren.
Wie es sich auf den JR Strecken reisen lässt, werde ich Morgen bei meinem Ausflug nach Nagoya ausprobieren, Kontakt zu den staatlichen Eisenbahnern hatte ich aber schon heute. Diesen ominösen Pass kriegt man nur in den Travel Offices der grösseren Stationen im Land der aufgehenden Sonne. Doch kaufen kann man ihn nicht. Das begehrte Reisedokument gibt es exklusiv gegen einen Voucher, den man wiederum nur ausserhalb Japans ergattern kann. Dank meinem Japanberater habe ich diese Klippen elegant umschifft und stand heute Morgen mit farbigem Gutschein vor dem Schalter des JR Travel Offices am Flughafen in Narita.
Erwartet habe ich dank meiner Erfahrung mit privaten Bahnunternehmen eine freundliche Dame, die sich bei meinem Eintritt elegant verneigt und mir mit sanfter Stimme eine japanische Begrüssungsfloskel entgegenruft; bekommen habe ich eine unfreundliche junge Göre, die mich kaum beachtete, mich mit einem texanischen Akzent in die Schranken wies und sogleich ein Formular zur Unterschrift vor die Nase legte. Ohne Zweifel hat diese Person in Amerika studiert und vermutlich bei einer Gastfamilie gewohnt, wo der Schlummervater als Einwanderungsbeamter beim amerikanischen Zoll auf der Lohnliste steht.
Vorerst lasse ich mir die Reiselaune durch diesen unfreundlichen Einstieg nicht vermiesen und freue mich auf meine Entdeckungstour und die sicherlich zahlreich bereitstehenden Fettnäpfchen, in die ich als unwissender Gaijin (Fremder) mit Bestimmtheit treten werde.

Montag, März 13, 2006

Shoegasm




Vermutlich ist es nirgends auf der Welt so wichtig wie in New York, bedeutend und gestresst zu wirken. Ohne Auftrag und ohne schwer auf den Schultern drückende Verantwortung, ist man in dieser Metropole niemand. Niemand zu sein ist schon in Zürich schwer, geschweige dann in der Stadt am Hudson River.
Schlendert man an einem Montagmorgen mit dem iPod im Ohr ausgeruht durch die hektischen Gassen der Grossstadt, ist dies eine Provokation Sondergleichen.
New York ist bei weitem nicht mehr die kriminelle Stadt, die es einmal war, aber es bewährt sich trotzdem, vorsichtig zu sein und gut zu beobachten. Wenn ich mich also entschliesse gemütlich durch Manhattan zu schlendern statt zu rennen, muss die Tarnung perfekt sein.
Mit Wollkappe, dem weissen iPod Kabel in den Ohren, dem Kapuzenpullover und der umgehängten Laptoptasche, gehe ich glatt als Sachbearbeiter oder Laufbursche durch. Guten Mutes geht es los. Zu Fuss über die nebelverhangene Brooklyn-Bridge wird der East River überquert und mir wird der erste grobe Lapsus bewusst: WENN die Brooklyn-Bridge schon mit Muskelkraft überquert wird, DANN bitte im Laufschritt oder wenigstens auf dem Sattel eines Karbonfahrrades. Die bösen Blicke der Frühsportlerinnen und Frühsportler sind mir sicher.
Etwas Verschnaufpause bietet der Vorplatz des Stadthauses. Um 6 Uhr ist der Platz noch angenehm ruhig, Demonstrationen finden erst später statt und die Polizisten sitzen gemütlich in ihren Streifenwagen und schlürfen bedächtig ihre Kaffeebrühe.

Die Stadt akzeptiert mich an diesem Montagmorgen irgendwie nicht. Mit meinem langsamen Gang, der fröhlichen Miene, dem neugierigen Blick und meiner Grösse, störe ich den Fluss der wichtigen und mit Verantwortung überhäuften Einwohner dieser Metropole zu sehr.
Trost bietet einmal mehr eine Kanne voller Milchkaffee. Da sitze ich nun vor meinem Laptop und grüble konsterniert darüber nach, wie ich in den nächsten Stunden ein Teil dieser Welt werden könnte.

Plötzlich fällt mir eine Passage in Heinrich Bölls Tagebuch aus Irland ein:

Es gibt ein Mittel gegen die Einsamkeit, die einem in einer fremden Stadt überfällt: etwas kaufen: eine Ansichtskarte, ein Andenken, ein Buch: etwas in die Hand bekommen, teilnehmen am Leben dieser Stadt, indem man etwas kauft.

Ich schmunzle, schaue auf die gegenüberliegende Seite der 8th Avenue, erblicke das Firmenschild eines Schuhladens mit dem treffenden Namen Shoegasm und bilde mir für einen kurzen Augenblick ein, dass ich die Frauen verstehe.

Sonntag, März 05, 2006

eine schwierige Passagierin

Jeder, der sich mit dem Transport von Menschen befasst, kennt diesen Typ von Passagier. Er hält sich für den Mittelpunkt der Erde, verlangt die totale Aufmerksamkeit in jedem Moment und kann den Aufenthalt für Besatzung und Gäste zur Hölle machen.

Gestern war es wieder einmal soweit und es traf unsere Crew. Der schwierige Fluggast, etwas älter und von weiblichem Geschlecht, suchte sich für ihren Auftritt unseren Airbus aus. Man kennt sie die Dame von Welt. Ein gern gesehener Gast in den mondänen Wintersportorten wie Gstaad und St. Moritz, machte sie gestern dem Flughafen mit dem seltsamen Namen Unique die Aufwartung.

Obwohl die schwierige Person mit durchaus sympathischen Zügen des Öftern während den Wintermonaten mit uns fliegt, ist sie in keinem der Bonusmeilenprogramme Mitglied und es fehlen daher wichtige Angaben zu Gewohnheiten, Vorlieben und speziellen Wünschen.
Schwirrt die Diva durch die Schalterhallen im Flughafen, macht sich in allen Betrieben eine gewisse Unruhe breit, sonst ruhige Mitarbeiter werden nervös und es fällt auch da und dort mal ein unfreundliches Wort.

Schon bei der Flugplanung ging es los. Der Dispatcher fluchte über die beschriebene Person und bereitete uns mit viel Feingefühl darauf vor, dass wir wegen ihr mindestens eine Stunde Verspätung machen werden. Wir bissen in den sauren Apfel und freuten uns auf das kühle Blonde am Abend an der Southbeach in Miami.
Die ersten Arbeiten im Cockpit erledigte ich mit Routine und erst bei der Startgewichtsberechnung fiel mir auf, dass wir wegen dieser einen Passagierin eventuell für den Start zu schwer sind. Jetzt rutschten auch mir die ersten derben Worte über die Lippen und zusammen mit dem Kapitän versuchte ich das Letzte auf den Tabellen herauszuholen. Es schien zu klappen und wir bewegten den 227 t schweren Airbus Richtung Pistenschwelle.

Die mühsame Passagierin war relativ ruhig. Sie setzte sich mit einer unangenehmen Regelmässigkeit in Szene, das war aber absolut auszuhalten. Obwohl sich die Verspätung langsam summierte, fuhren wir unser Luftschiff in einer stoischen Ruhe durch das Uniqueland im Zürcher Glatttal.
Nur noch ein kleines Hindernis stand jetzt noch zwischen uns und dem Runway mit der Nummer 16: die Enteisungsmaschine für das Flugzeug. Wir befanden uns jetzt bildlich gesehen vor der Migroskasse im Glattzentrum an einem Samstagmorgen. Die Kolonne war lang und zu allem Übel ist – auch bildlich gesehen – der EC-Automat ausgefallen und das Bargeld knapp geworden.
Die Kerle an den Enteisungsmaschinen machten aus der Situation das Beste und arbeiteten wie die Tiere. Trotzdem standen wir mehr als eine Stunde mit laufenden Triebwerken in der Schlange, betrachteten mit Sorge unsere schwindenden Treibstoffreserven und berechneten alle 15 Minuten die Startparameter neu.

Just als wir mit der rettenden roten Enteiserflüssigkeit abgespritzt wurden, platzte unserer berüchtigten Passagierin der Kragen. Sie schoss aus ihrem Sitz heraus, schüttelte wie wild ihre Decke und der Flughafen verschwand unter einem weissen Teppich. Erste Versuche die besagte Dame zu beruhigen scheiterten genauso, wie der Effort unserer Einsatzleitstelle den Flug trotzdem noch starten zu lassen. Frau Holle hat wieder einmal gewonnen.

Mittwoch, März 01, 2006

Männerabend

Männerabende sind wichtig, Männerabende sind notwendig und Männerabende sind schön! Gestern war es wieder einmal soweit und vier alte Freunde trafen sich zum Apérobier am Fédéraltresen mitten im Hauptbahnhof Zürich.
Es grenzt immer wieder an ein Wunder, dass unser kleiner Kreis den einen Termin koordinieren kann. Der Eine kommt extra aus dem SBB-Hauptquartier aus Bern, der Zweite überlässt den Flughafen seinem Schicksal, der Dritte – gerade an seinem dritten Studium – findet dank akrobatischen Einlagen auf wundersame Art und Weise einen Termin zwischen Familie, ASVZ Konditraining, Seminaren und Lerngruppen und ich als Vierter im Bunde bin grundsätzlich immer zu Hause und trotzdem ständig unterwegs.

Seit wir etwas älter wurden, sind die Themen während des ersten Bieres gegeben. Jeder hat das Bedürfnis von seinen körperlichen Leiden zu berichten und schnell sind wir uns einig, dass nur ein wärschaftes Mahl etwas Linderung bringen kann.
Das Schöne an Männerrunden ist, dass sich die Auswahl des Lokales wesentlich einfacher gestaltet, als z. B. mit einer Gruppe Flight-Attendant. Der In-Faktor spielt genauso wenig eine Rolle wie die Gemüsetellerauswahl. Fleisch muss es sein und das nicht zu knapp. Die in Frage kommenden Lokale heissen eher Kropf, Bierfalke und Zeughauskeller als Turm, Blue Note oder Lake Side.

Die kräftige Serviertochter im Bierfalken hatte Erbarmen mit den vier hungrigen Mäulern und liess die Reservationskarte am gemütlichen Ecktisch diskret in ihrer Schürze verschwinden. Mit den Fleischbergen in den Tellern und etwas Rebensaft im Glas nahm der Abend seinen Lauf. Die Stimmung im Lokal war bestens. Nur am Tisch nebenan versuchten vier elegant gekleidete Geschäftsherren vom Typ MBA (married but avaliable) die Zitrone über dem Cordon-Bleu genau so elegant auszudrücken, wie sie üblicherweise den scharfen Wasabi und die Sojasauce mit den Stäbchen mixen. Das musste ja schief gehen.

Einige Stunden und viele Geschichten später verliess die holde Truppe den Ort der fleischlichen Sünde und verabschiedete sich in alle Himmelsrichtungen. Mir wurde die Ehre zuteil, mit unserem SBB-Kadermann den Regionalzug zu besteigen. SBB Kaderleute fahren 1. Klasse und das wollte ich mir an diesem speziellen Abend natürlich auch gönnen. Der Billettautomat hatte das passende Ticket bereit und mit der nach einigen Dezilitern Alkohol nicht leicht zu merkenden Tastenkombination *102 war ich für 1.80 Franken stolzer Besitzer eines ‚Upgrades’ für 2 Zonen in der S-Bahn.
Mit Respekt und Ehrfurcht betrat ich den Teppichwagen. Sofort wurden wir gemustert. Der Herr neben uns, der am Koffer noch stolz seinen Gepäckschein des letzten Ferienfluges präsentierte, beobachtete mich mit Argusaugen. Einer mit Jeans, einer gestrickten Mütze und ohne Krawatte konnte sich unmöglich legal in den bequemen Sitzen niederlassen. Auch hinter mir spürte ich den Blick der Premierenbesucherin im eleganten Deuxpiece.
Schnell gewöhnte ich mich an den Komfort, die prüfenden Blicke der anderen Passagiere waren vergessen und die Gespräche gingen dort weiter, wo wir im Bierfalken aufgehört haben.

„Alle Billette vorweisen bitte“, rief ein Kontrolleur im Kasernenton durch den eleganten Wagen. Ein Griff an meinen Geldbeutel und im Nu war ich für die genaue Kontrolle gerüstet. In der linken Hand mein Halbtags und in der Rechten die Stempelkarte für die Zonen 10 und 54 plus das Upgrade für 2 Zonen.

Eine junge hübsche Beamtin betrachtete mit Ehrfurcht die Kader-Jahreskarte meines Freundes, und nahm danach ziemlich respektslos meinen Bündel Tickets entgegen.
„Macht 80 Franken Busse!“, schrie die vorher so nett scheinende Zugbeamtin gut hörbar für alle Passagiere in meine Richtung. Der Nachbar mit der Gepäcksetikette am Koffer lachte auf den Stockzähnen und die Dame im Deuxpiece forderte mit ihrem Blick die sofortige Vollstreckung des Urteils.
Keines Fehlers bewusst quittierte ich mit einem blöden Spruch. Es folgte eine Rechtsbelehrung und der Hinweis, dass ich einen Upgrade für 2 statt für 3 Zonen kaufte. Ich gebe ja zu, dass ich mich im Bonusmeilenprogramm der Swiss besser auskenne als im SBB-Tarifdschungel, verstand aber noch immer nicht, warum die Zonen 10 und 54 als deren Drei gelten. Eine weitere Rechtsbelehrung folgte und die irrtümlicherweise charmant eingeschätzte Person erklärte mir wie einem Kindergärtner, dass die Zone 10 als Doppelzone gelte und ich mich darum im Sinne der Tarifordnung der schweizerischen Staatsbahnen strafbar gemacht habe.
Die Frau im Deuxpiece wetzte die Messer und der Herr mit der Gepäcketikette am Koffer sah sich in seiner Theorie bestätigt, dass alle Jeansträger grundsätzlich asoziale Schmarotzer seien.
Ich griff resigniert zum Geldbeutel und startete in Gedanken bereits den Laptop für den Protestbrief an Bundesrat Leuenberger persönlich. Jetzt begann mein Kaderfreund seine Charmeattacke und die Kontrolleurin wurde trotz lebensgefährlichen Blicken der anderen Gäste weich, berief sich auf ihre Kompetenzen zur Begnadigung von Schwerstverbrechern und zog unter lautlosem Protest der anderen Zeugen von dannen.

Was mir neben dem guten Stück Fleisch im Bauch blieb, war die Erkenntnis, dass ich der 2. Klasse treu bleibe. Denn die Alternative zu der engen Holzklasse, wo sich die Beine der Passagiere wegen der Enge bei jeder Unebenheit zärtlich berühren, ist trist - sehr trist.