Montag, Dezember 04, 2006

Pippi Langstrumpf


Als ich vor Wochenfrist in Hongkong durch die Strassen zog, prägte der neuerliche Besuch eines amerikanischen Flugzeugträgers das Stadtbild des Inselstaates. Hunderte, ja tausende betrunkener Matrosen zogen mit ganzen Bierkartons unter den Armen durch die Häuserschluchten und hofften das Glück in den dunklen Gassen zu finden.
Dass die jungen Nachwuchskrieger mit vollen (Geld)Säcken den Landgang antraten, sprach sich auch im horizontalen Gewerbe herum und dem Heer amerikanischer Soldaten stand eine Armee leichter Mädchen gegenüber. Ein Aufeinanderprallen der beiden Gruppierungen war nicht zu vermeiden.
Das Ganze habe ich schon vor Jahresfrist erlebt und schon damals floss für meinen Geschmack etwas zuviel Blut und die Stimmung war für meine zarte Seele eindeutig zu aggressiv. Es war auch letzte Woche nicht anders.

Dementsprechend konsterniert war ich, als ich in der Ferne ein Kriegschiff unter fremder Flagge erblickte. «Nicht schon wieder diesen Stress mit ausgehungerten und gewaltbereiten Seemännern in den Nachtlokalen von Wanchai», dachte ich im Stillen und bereitete mich innerlich schon auf einen ruhigen Abend im Hotelzimmer vor.
Je näher das Schiff aber kam und je besser ich die Detail der schwimmenden Festung erkannte, desto friedlicher erschien mir das Boot der fremden Macht.
«Gothenborg» stand mit grossen Lettern unter der blau-gelben Flagge Schwedens und das Boot hatte rein gar nichts zu tun mit den grauen Stahlfestungen der amerikanischen Marine.

Das Holz der Planken knarrte bei jeder Welle, die Takelung schwankte mit dem Wind von links nach rechts, es roch nach IKEA-Ausstellung und ich suchte verzweifelt nach Pippi Langstrumpf, wie sie sich von einem Segel zum anderen schwingt. Im weit zurückliegenden 18. Jahrhundert soll die «Gothenborg» gebaut worden sein und schlug 1745 vor der gleichnamigen Stadt an einem Felsen leck. Jetzt ist sie wieder aufgebaut und jetzt kreuzt sie als Botschafterin Schwedens durch die sieben Weltmeere. Die Fakten habe ich aus dem Internet und dort habe ich auch gelesen, dass dieses alte Segelschiff rein gar nichts mit der "Königlich Schwedischen Kriegsmarine" zu tun hat.
Eigentlich schade, denn mir gefällt der Gedanke, dass ein neutrales Land seinen Wehrwillen mit einem 250-jährigen Windjammer unter Beweis stellt. Ähnliche Rituale kennen wir ja aus der Schweiz, wo wir uns alle Jahre wieder für drei Wochen zu einem Zeltlager treffen und mit altertümlichen Material unter Applaus japanischer Touristen Räuber und Gendarm spielen.

Seltsam, als Pilot kann ich emotionslos an einem antiken Doppeldecker vorbeigehen, bekomme aber bei alten Schiffen jedesmal Fernweh und sentimentale Gedanken steigen in mir auf. «Nimm uns mit Kapitän auf die Reise, nimm uns mit in die weite weite Welt (…)» Scheisse, jetzt läuft mir das Lied von Hans Albers den ganzen Tag nach!

Kommentare:

  1. das ist nicht seltsam ,das ist menschlich mein guter :-)
    ich bin froh für dich

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  2. Seltsam, jetzt lebe ich schon seit ein paar Monaten hier in HK und habe noch nie einen Flugzeugträger oder amerikanische Matrosen wahrgenommen. Bin allerdings auch seltener in Wanchai.
    Den Schwedensegler habe ich allerdings leider auch nicht gesehen, wenn ich Ender der Woche wieder mal in TST bin werde ich danach mal Ausschau halten.

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  3. Hallo HK

    Die Flugzeugträger stehen jeweils im freien Meer und man sieht sie gut, wenn man mit der Fähre nach Lamma fährt.

    Der Schoner steht übrigens in der Nähe der Starferry in TST.

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  4. Dann habe ich wohl doch schonmal einen gesehen als ich auf Lamma war. War allerdings sehr weit weg und ich dachte damals, dass es wohl kein Flugzeugträger sein könne, da die Chinesen keine haben und ich vermutete, dass die Amerikaner nach 1997 nicht mehr mit Kriegsschiffen nach HK fahren würden sondern eher nach Taiwan. Naja, man lernt immer wieder was Neues. Werde dann mal schauen, ob der Schoner noch dort ist wenn ich wieder in TST bin.

    Gruß, Hendrik.

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