Sonntag, Dezember 17, 2006

Oh stille mich Du Fröhliche!


Wer am 3. Advent im Morgengrauen durch die Gassen Manhattans schlendert, begegnet mitunter seltsamen Gestalten. Tief eingehüllt in Decken sitzen die unüblich gepflegt wirkenden Personen auf Campingstühlen, haben Pelzkappen tief ins Gesicht gezogen und warten schön in einer Linie aufgereiht mit einem Becher Kaffee in der Hand vor einem Laden, der offensichtlich an diesem kalten Dezembersonntag noch lange nicht öffnen wird.

Es handelt sich bei diesen Individuen weder um Penner noch um Partygänger, die tragischerweise die letzte U-Bahn verpasst haben, es sind ganz einfach Eltern, die ihrem Schützling das neuste Modell der im Moment angesagten Spielkonsole schenken möchten. Die heiss begehrte Ware ist knapp und wer Mangelware erwerben will, hat einen hohen Preis zu bezahlen. In diesem Fall ist der Preis eine in dieser Saukälte eingefangene Blasenentzündung, die wahrscheinlich die Festtage überdauern wird, aber das kümmert die moderne Mutter von heute wenig. Hauptsache der Schützling ist glücklich und kann am Heiligabend noch realitätsnaher Kollegen am Bildschirm abknallen.

Ich bin froh, dass ich diese Tortur nicht mitmachen muss, ziehe meinerseits die Mütze ins Gesicht und schlendere weiter. An der Ecke Broadway 33nd möchte eine gewisse Victoria ihre Secrets verkaufen. Ich gebe zu, der schön dekorierte Laden übt eine gewisse Anziehungskraft auf mich aus, denn es wird hier Unterwäsche verkauft, die knapp an der Grenze des in Amerika noch zumutbaren liegt. Dennoch ist der Stoff selbstverständlich so gestaltet, dass Victorias Geheimnis verborgen bleibt.
Es liegt in der Natur der Sache, dass die Kreditkarten der Männer in diesem Verkaufslokal sehr, die Männer selber aber auf keinen Fall geduldet sind. Nur wohin mit diesen testosterongesteuerten Kreaturen? Ein findiger Inder hat dieses Problem gelöst und neben dem Unterwäscheladen einen kleinen Videoshop installiert, der Dokumentarfilme für eben diese wartenden Männer zeigt. Weil die Kreditkarten der Familienoberhäupter im benachbarten Laden auf ihre Limits geprüft werden, setzt der Inder auf Bargeld, hat für die überstrapazierten Männer Einzelkabinen installiert und zeigt für ein kleines Entgelt die eben beschriebenen Dokumentarstreifen, die dann Victorias Secret in voller Grösse zeigen.
Ja ich weiss, kein Thema für den dritten Advent, aber mir gefällt einfach die Geschäftsidee des Inders so gut.

Ich streife weiter durch die Strassen Manhattans auf der Suche nach Skurrilem und Schrägem. Es wird heller, Hektik kommt auf und man merkt, dass die Geschäfte am heutigen Grosskampftag für einmal ungewöhnlich früh öffnen. Aus allen U-Bahnschächten strömen die Leute hervor und man sieht ihnen an, dass der heutige Grosseinkauf DER Ernstfall des Jahres ist. Kurze Zeit später erblicke ich die ersten Gestallten, die unter der Last der Einkaufssäcke zu kollabieren drohen und verzweifelt versuchen, ein freies Taxi herbei zu winken.
Nach einiger Zeit bringt mich mein zielloses Schlendern zufällig wieder am Dokumentarfilmladen des Inders vorbei und zu meinem Erstaunen herrscht schon zu kirchlicher Stunde rege Geschäftigkeit. Im Gegensatz zum Nachbarin „Victoria Secret“ verzichtet er gänzlich auf Weihnachtschmuck und setzt lediglich auf das besinnliche Motto: „Oh stille mich du Fröhliche.“
Der Typ ist einfach genial!

Kommentare:

  1. "bringt mich mein zielloses Schlendern zufällig wieder am Dokumentarfilmladen des Inders vorbei"

    so so so so.... zufällig... ts ts ts ts.... schon gut...

    sm

    ps: hoffe, du hattest vor lauter inidischen spezialitäten noch wenigstens etwas zeit was für deinen schatz einzukaufen.

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  2. (...) wusste natürlich, dass so ein Artikel solche Schlussfolgerungen provoziert :-)

    Trotz meines Interesses für die holde Weiblichkeit, kann ich auf so schummrige Lokale in den frühen Morgenstunden verzichten.

    Gekauft habe ich natürlich auch. Ich verzichte auf die Details; der Zoll liest mit...

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  3. Eigentlich wollte ich auch meinen Kommentar dazu geben, aber "Anonym" ist mir zuvorgekommen...

    Wie auch immer. Ein 08/15-Mensch mit einer Neigung zu schweinischem Humor würde jetzt seinen wie folgt Klingenden Kommentar hinzufügen:
    "Wozu denn so ein Laden? Du hast ja die Stewardessen..."

    Aber eben, da ich nicht so ein "08/15-Mensch mit einer Neigung zu schweinischem Humor" bin, wage ich natürlich nicht mal, dies zu schreiben.

    Es ist ja bloss so ein anti-feministisches Klischee und im Übrigen will ich doch dem Berufsstand den ich später ausüben werde (so hoffe ich doch) keinen Image-Schaden zufügen.

    Gute Nacht und frohe Weihnachten.

    Gruss
    Philipp

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  4. Lieber Philipp

    Wünsche Dir natürlich alles Gute bei der Selektion/Ausbildung zu Deinem Wunschberuf!

    Besser Du wirst Pilot und kannst Dich ab & zu über die nach amerikanischem Wertmassstab unsittlichen Gedanken amüsieren, als dass Du Banker wirst und Dir jeden Abend die Nase pudern musst, damit Du die geforderte Performance auch bringst.

    Das Erste ist weniger lukrativ, aber dafür umso amüsanter!

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  5. Hmmm... stimmt natürlich.
    Nein mal im ernst:
    Je mehr du mir von deinem doofen, öden, miesen Job erzählst, desto mehr gefällt er mir. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich dem Fliegerenthusiasmus zum Opfer gefallen bin.

    Über die Amis amüsier ich mich nicht mehr, seit sie so schlau waren, den Busch wiederzuwählen. Beim ersten Mal haben sie ihn ja nicht gewählt, da konnten sie nichts dafür, aber das zweite Mal... Die UN hätten da schon längst mit Sanktionen drohen sollen. Aber ja, ich bin ja neutral.

    Nase Pudern würde ich sowieso nicht. Ich gehöre an der Schule zu der Minderheit, die nicht Kifft.
    Also nichts mit Drogen, ausser Kaffee und ab und zu ein Bierli.

    Ich nehme mal an, Kaffee ist im Cockpit erlaubt oder sogar erwünscht. Ein Bier wohl eher nicht. Also viel Spass beim Kaffee.

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