Sonntag, Dezember 03, 2006

Gaumenakrobatik

Zu den grossen Genüssen der Fliegerei gehört zweifellos die auswärtige Nahrungsaufnahme an den Aussenstationen. Wer etwas experimentierfreudig und gegenüber Neuem aufgeschlossen ist, kann sich buchstäblich durch Berge von Köstlichkeiten fressen.
So natürlich auch hier in Hongkong, wo ich nach ein paar Freitagen zu Hause, gestern wieder gelandet bin.

Dem hungrigen Gast in der ehemaligen britischen Kolonie stehen unzählige Garküchen und Restaurants zur Verfügung, die allesamt lokale Spezialitäten aus dem Herkunftsland des Besitzers anbieten.
Natürlich liegt es nahe, fernab der Heimat am östlichen Ende Asiens, sich auf die Angebote aus dem hiesigen Kontinent zu beschränken.
Nur, wo soll man anfangen? Scharfe Suppen oder Curries beim Thailänder gleich um die Ecke? Oder vielleicht wieder einmal ein leckeres «Butter-Chicken» aus dem Norden Indiens? Malayische Garküchen beim Lan Kwai Fong? Vietnamesisch, Tibetisch oder gar Japanisch? Viele Fragen bleiben und das Loch im Bauch wird dabei alles andere als kleiner.

Gestern Abend fiel die Entscheidungen auf den Klassiker hier in China. «Sichuan Cuisine» sollte es sein und Lokale mit diesem Angebot findet man an jeder Ecke in der ehemaligen Kronkolonie am Südchinesischen Meer.
Trifft die Wahl auf eine der unzähligen Variationen der chinesischen Küche, dann tut man gut daran, die Selektion des Lokales mit Sorgfalt zu treffen. Man sagt den Chinesen nach, dass sie alles was vier Beine hat verspeisen, ausser Stuhl und Tisch im Restaurant. Bei unvorsichtiger Lokalwahl kann es also durchaus vorkommen, dass Tiere den Weg auf die Speisekarte finden, die in unserem Wertesystem entweder als ungeniessbar gelten, oder in Europa als Haustiere gehalten werden.

Die gestrige Wahl kann auch nach Ablauf der kritischen Frist, wo die Nahrung im Magen auf verdauungsfördernde Säfte trifft und sich entscheidet, ob das Essen im Verdauungstrakt verbleibt oder eventuell explosionsartig den europäischen Körper wieder verlässt, als voller Erfolg gewertet werden.
Die «sizzling prawns» waren so frisch, dass sie im ersten Moment fast selber vom Teller liefen und die dazu servierte Sauce bestand hälftig aus Knoblauch und Chillischoten. Dazu brachte der Kellner schmackhafte Bohnen, Nudeln mit Hühnchen aus garantiert nicht biologischer Freilandhaltung und etwas Rindfleisch, neuerlich durchmischt mit Bergen von gerösteten Chilischoten.
Der gratis bereitgestellte Tee floss wegen der scharfen Kost in Strömen und mein Loch im Magen verschwand zu meiner vollsten Zufriedenheit innert Stundenfrist.

Keine Frage, der eigene Geschmack verändert sich aufgrund der langjährigen Gaumenakrobatik in aller Herren Länder enorm. Koche ich selber, erfüllen meine Gerichte schon lange nicht mehr die Kriterien der gewürzarmen Küche und bin ich eingeladen, muss ich die bereitgestellte Pfeffermühle mit Bedacht einsetzen, damit Koch und Gastgeber nicht beleidigt sind.

Eigentlich hat mich der Wandel meiner kulinarischen Vorlieben über die Jahre hinweg nie beunruhigt, schliesslich habe ich in meinem Ernährungsplan einige wichtige Stützpfeiler, die sich in der Vergangenheit überraschenderweise kaum veränderten. Auf Käsefondue im Winter kann ich genauso wenig verzichten, wie auf das Butterbrot mit Schabziger überdeckt, das jeden Morgen in meinem grossen Rachen verschwindet.

Doch kurz vor dem Abflug nach Hongkong passierte etwas, dass mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht. Experimentierfreudig wie ich bin, probierte ich eine neue Entwicklung aus dem Hause Néstle, die Kaffeejunkies aus aller Welt noch glücklicher machen soll.
Die kunstvoll gestaltete Kapsel erhielt eine edle Kaffeemischung aus warmen Gefilden durchsetzt mit Vanillearoma bester Herkunft. Vanillearoma! Man stelle sich das mal vor!
Das Erschreckenste daran: ich mag die Mischung wirklich! Ob ich mir nun Sorgen machen muss?

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