Samstag, Dezember 23, 2006

dieser Abend ist noch nicht heilig


Das Laufband surrt laut, quietscht alle 30 Sekunden und nur das unregelmässige Aufschlagen meiner Schweisstropfen unterbricht das monotone Geräusch des Fitnessgerätes. Die Luft ist schwer und schwül, die Gewitterwolken am Horizont lassen auf etwas Abkühlung heute Abend hoffen und von der Avenua Paulista kommt mir unaufhörlich ein russgeschwängerter Smog entgegen.
Ich glaube kaum, dass diese Fitnesseinheit gesundheitsfördernd ist, doch irgendwie gibt es mir ein gutes Gefühl, wenn der Schweiss bei 32° Celsius in Bächen am Körper herunter läuft. Mir scheint, dass gerade in der Vorweihnachtlichen Zeit Menschen allerorts richtig süchtig sind auf genau dieses gute Gefühl. Die einen erleben es beim Kaufen, die anderen beim Schenken, wieder andere beim Zusammensein mit ihren Liebsten und eine Minderheit wie ich, beim eben beschriebenen inhalieren von Abgaspartikeln.

Auch die Millionenstadt Sao Paulo zieht sich in ihr weihnachtliches Schneckenhaus zurück und es wird deutlich sichtbar, dass die Strassen sich langsam entleeren. Man besinnt sich traditionellen Werten, verbringt endlich wieder etwas Zeit zu Hause und erinnert sich beim Anblick des Geschenkturms unter dem Baum an die Glücksgefühle als Kind, die beim Aufreissen der bunten Pakete das noch kleine Herz in die Höhe springen liess.

Weihnachten sind für mich vor allem Kindheitserinnerungen. Die Grossfamilie kam zusammen, jeder brachte einen Berg Geschenke mit, es wurde gekocht, gelacht, gequatscht und zur Ruhigstellung der Grossmutter die erste Strophe von „Stille Nacht“ gesungen. Geschenkpapiere wurden richtiggehend von den Paketen gerissen und die Grossmutter faltete diese dann wieder liebevoll zusammen. Wer weiss, vielleicht werden sie ja noch mal gebraucht (...). Dumme Sprüche fielen, jeder beteuerte, dass ihm dieser Trubel nichts bedeute, doch man sah den glücklichen Gesichtern deutlich an, wie wichtig dieser Abend allen war.

Jetzt sitze ich an diesem Vorabend des 24. Dezember alleine im Hotelzimmer in Brasilien, werde in ein paar Stunden zusammen mit meinen Kollegen auf die Unzulänglichkeiten des Planungssystems anstossen und Strategien für den heutigen Abend entwerfen. Wir werden uns gegenseitig einreden, dass es keine Rolle spielt, ob man diese Zeit zu Hause verbringt und die letzte Nacht im Moloch Sao Paulo so richtig auskosten und geniessen. Heiligabend ist ja erst Morgen und dann werden wir wieder in einer Aluminiumröhre sitzend die Festlichkeiten überfliegen, uns auf die restlichen Weihnachtsguetzli im eigenen Heim freuen, gegen den Schlaf und die Gewitter kämpfen und im Stillen den einen oder anderen Vers eines Weihnachtsklassikers anstimmen.

Ich lande am Montagmorgen so gegen 11 Uhr in Zürich. Wenn jemand unseren A340 im Anflug entdeckt, könnte er ja vielleicht ganz laut eines der üblichen Weihnachtslieder kantieren. Vielleicht höre ich es, ich hätte Freude – ehrlich!

Kommentare:

  1. Wenn du einen Umweg ueber ATH machst, dan singe ich dir GAAAANZ laut den Tannenbaum vor... versprochen....

    Obs dir jetzt mit meiner grausamen stimme gefallen wird, kannst du dan selbst beurteilen...

    Gruss, und Glueckliches Geschenkeauspacken ueber dem Atlantik!

    Andreas

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  2. Nun, du hast es endlich mal geschafft.
    Du hast es geschafft, mir den Pilotenberuf so richtig mies darzustellen.
    Vielleicht werde ich doch besser Bänker, der dann am 23. Dezember seinen Arbeitsplatz pünktlich um 17 Uhr verlässt und erst im nächsten Jahr, um 9 Uhr sein Büro wieder betritt, den Kaffe trinkt, der ihm bereitgestellt wurde, und sich etwas "Schnee" die Nase hochzieht, damit er etwas das Winter-Feeling hat, welches es in Zukunft nicht mehr geben wird.

    Wow, jetzt bin ich stolz auf mich. Das war ja ein Monster-Satz.

    58 Wörter 295 Buchstaben und 57 Leerschläge.

    Jedenfalls habe ich ernsthaft, und das ist nicht ironisch, Mitleid mit dir.

    Trotzdem frohe Weihnachten und ich wünsche dir das Beste in den nächsten Tagen und würde mich freuen, auch im 2007 von dir zu lesen.

    Gruss
    Philipp

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  3. grade heute hab ich über genau diese "feiertagsproblematik bei piloten" nachgedacht. im radio kam ein bericht über den starken nebel in london und dass eine große deutsche fluggesellschaft erwarte alle flüge vor und nach weihnachten planmäßig durchführen zu können, sodass alle rechtzeitig bei ihren familien sind. nur dass diese flugzeuge nicht von alleine fliegen und diverse crews in diversen hotels sitzen, wurde da nicht erwähnt ;)

    ich frage mich bei soetwas immer, wie ich später mal mit solchen situationen umgehen werde bzw. wie meine familie damit zurecht kommen wird, wenn ich mit der ausbildung bei eben dieser fluggsellschaft fertig bin. aber vielleicht sollte ich mir darüber auch keine gedanken machen und lieber den morgigen tag mit der familie genießen, da noch einige heilige abend kommen werden, wo ich nicht zu hause sein werde...

    in diesem sinne wünsche ich trotzdem frohe weihnachten :) viele grüße aus BRE (ich werd übermorgen auch ganz laut singen ;)...)

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  4. Dieser Beruf fordert viel Flexibilität, gibt aber auch einiges zurück. Er nimmt mir den gemütlichen heiligen Abend, hat mir aber im 06 auch Momente geschenkt, die schöner als Geburtstag und Weihnachten zusammen waren.

    Geniesst die Festtage!

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  5. Lieben Gruss aus dem Dobly International, schraeg gegenueber in der Rua Soldado Jose de Andrade. Ich muss aber erst noch nach Buenos Aires bevor ich mich dann auf den heimweg machen kann...

    Gruss aus der Cargo Ecke!

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  6. Mit dem neuen Anflugverfahren auf die Piste achtundzwanzig wäre es rein theoretisch möglich, jedoch müsstest du glaube ich zehn stunden verspätung haben, damit das dann aktiv wird oder?

    Ich singe auf jedenfall für jeden SwissAirbus mit meiner geübten Stimme;)

    E liebe Grues und wunderschöni Wiehnachte.

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  7. Mit den besten Grüßen und Wünschen von den "Fliegenlassern" die zumindest Teile des Heiligabend zwischen den ankommenden oder abfliegenden tollkühnen Damen und Herren mit den fliegenden Kisten zu Hause verbringen können.
    Aber selbst da kann ich nicht singen ...

    Save Flights,
    F.

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  8. Hallo nff,

    leider habe ich deinen neusten Beitrag zu spät gesehen. (Allerdings nicht wegen allfälligem Weihnachtsstress.) Ansonsten hättest du mich geschätzte 3800 Fuss weiter unten morgendlich verschlafen "singen" oder zumindest mit Hilfe der anflugsbefeuerungsähnlichen Weihnachtsbeleuchtung morsen mitbekommen.

    PS: Wie ich der Flughafen Zürich Webseite entnehmen kann, hast du es mit deiner Zeitangabe "gegen 11 Uhr" ziemlich genau getroffen...

    Schöne Ruhetage (falls dir die Planer wenigstens das geschenkt haben),
    Michael

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  9. Hallo NFF
    Hast du dein Reisli gut überstanden und bist nun heil, wenn auch mit grossen Augenringen unter dem Christbaum angekommen?
    Ich wünsche dir jetzt noch viel Spass beim Guezli-essen, Tee-trinken und viiiel schlafen.

    Gruss
    Philipp

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