Dienstag, Dezember 12, 2006

Bücherberg und nackte Haut

Herrlich warm scheint die südafrikanische Sonne auf unsere Hotelanlage herunter und aus meinem Zimmerfenster habe ich freien Blick auf den Pool, wo sich in äusserst knapper Kleidung Kolleginnen von Swiss, KLM und der Singapore Airlines, - sofern christlichem oder buddhistischem Glaubens -, in der Sonne räkeln und sich gegenseitig mit klebriger Milch einreiben, die ewige Schönheit verspricht.
Meine Wenigkeit hat sich immer noch im Hotelzimmer eingesperrt und ein hoher Stapel Bücher schränkt das Blickfeld auf die Liegewiese ein, die gut und gerne als Werbefotovorlage der Krebsliga dienen könnte.

Der beschriebene Stapel Bücher gehört zu der halbjährlichen Pflichtlektüre, die als Vorbereitung auf die Simulatorchecks studiert werden muss. Wir Piloten haben ja bekanntlich das Vergnügen, dass wir sechs Mal pro Jahr unsere Lizenz verlieren können. Je zwei Mal bei der medizinischen Untersuchung und beim Simulatorcheck, ein Mal bei der Prüfung, wo theoretisches Wissen der Notfallszenarien getestet wird und einmal beim so genannten „Route Check“, wo ein Instruktor im Cockpit mitfliegt und die Arbeit während einem normalen Flug begutachtet. Diese Flüge sind übrigens mitunter die heikelsten, die es gibt. Manchmal werden die ganze Nacht hindurch Fragen gestellt und beim Anflug auf den Heimatflughafen fallen einem die Augen fast von selber zu, weil die Ruhe in den Stunden davor ganz einfach gefehlt hat.
Klar, mit den Jahren kommt die Routine zum Zug und man kennt die Pappenheimer langsam aber sicher bestens. Das Erfolgsrezept schlechthin ist das richtige Setzen der Prioritäten. Dies wiederum lässt mich gerade jetzt daran zweifeln, ob ich das Richtige mache. Vor meinem Fenster ölen sich zwei blonde KLM Hostessen gerade gegenseitig die Beine ein und das lässt mich doch stark daran zweifeln, ob die richtigen Manipulationen bei einem Triebwerksbrand wirklich so immens wichtig sind.

Weiter im Text, nicht ablenken lassen und an die bevorstehenden Checks denken! Ein wichtiger Teil einer jeden Simulatorübung ist die korrekte Kommunikation während der Abhandlung eines Notfalles. Man unterscheidet hier ganz klar zwischen Theorie und Praxis. In der Theorie, die man selbstverständlich detailliert im Buch beschrieben findet, pflegt man eine Art Diplomatensprache. Die Einhaltung dieser Kommunikationsregeln wird im Simulator dann peinlich genau überprüft und als Prüfling gibt man sich Mühe, diese so korrekt anzuwenden, als wäre man am Neujahrempfang im Bundeshaus. In der Praxis geht das in der Regel wie im richtigen Leben wesentlich unkomplizierter. Beim ersten Aufleuchten einer Warnlampe kommen den zwei Akteuren im Cockpit Kraftausdrücke über die Lippen und danach wird das Problem nicht minder professionell abgehandelt.
Aber eben, am Check geht es um meine Lizenz und da habe ich mich anzupassen, wie der Diplomat bei einem Bittgang in einer fremden Botschaft.

Mein Blick schweift wieder über den Bücherstapel vor meinen Augen, der ganz bestimmt 10 Kilogramm wiegt und für den wir nur um ihn zu transportieren, gestern 3 Liter Kerosin verbraten haben. Die Zeit rinnt durch meine Finger wie die Sonnenmilch der brünetten Inderin im schwarzen Badekleid und ich habe noch keines meiner gestreckten Ziele erreicht. Trotz all der Ablenkung besinne ich mich meiner Zuverlässigkeit und meinem Hang zum Strebertum, stecke meine Nase ganz Tief in das wirklich extrem langweilige Buch und lese Sätze, die ich in der Vergangenheit schon farbig hervorgehoben habe. Im Innersten weiss ich aber, dass ich bis zum Tage des Checks noch einiges an meiner Einstellung ändern muss. Wie schon gesagt, im Simulator geht es um das richtige Setzen der Prioritäten und genau in diesem Punkt habe ich heute auf ganzer Linie versagt!

Kommentare:

  1. >Die Zeit rinnt durch meine Finger wie die Sonnenmilch der brünetten Inderin im schwarzen Badekleid

    War das nun ein Freudscher Versprecher oder wurde der Standort vor diesem Satz vom Zimmer an den Pool verlegt? ;-) ;-) ;-)

    Gruss aus Hiroshima,

    Pio

    P.S. Hier noch eine lustige Website fuer interessante Studienabende:
    http://www.chickenwingscomics.com/

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  2. Jaja, das gute "setzen der Prioritäten". Ehrlich gesagt, sollte ich das auch langsam anwenden. Ich habe am Donnerstag eine Prüfung über die Höchstpersönlichen Rechte, sollte langsam zu üben beginnen, besonders weil ich am Mittwoch erst gegen Mitternacht nach Hause komme. Was geschehen ist. Gestern kam ich nach Hause, habe mal etwas Mathematiziert, für die Prüfung am Freitag. Am Abend habe ich nur noch Wurzeln und Parameter gesehen, da ging ich um 11 Uhr ins Bett, bin dann um 1 eingeschlafen, hatte heute Schule, kam nach Hause, vertrödelte die Zeit und so weiter und so weiter.
    Jetzt sitze ich da. Das Rechtsbuch neben mir, der Computer in meinen Händen (tztztz...) und hoffe, dass der Stoff von selbst in meinen Schädel kommt.

    Das kann einen echt nerven. Ich kann dich verstehen, dass du lieber unter den Leuten am Pool wärst.
    Das leben ist gemein :D

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  3. Ihr müsst die Prioritäten richtig setzen Leute! (Zitat Rektor der Kanti Wil)

    Hm hm soviel zu dem. Nur sollte man das Vergnügen auf keinem Fall zu kurz kommen lassen. Auch das lehrt man an der Kanti. Hier wird nach dem optimalen Leistungsprinzip vorgegangen (4-er Schnitt) und die dringend benötigte aber rare Energie noch in den Ausgang gesteckt.

    Ob es als Pilot immer noch auf diese Weise klappen kann, ich glaube kaum :D

    Auf jedenfall viel Geduld und Aushaltevermögen sowie reichlich Pausen:)

    E liebe Grues

    Severin

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  4. jaja, so gehts mir auch. Wobei ich zur zeit alle meine Kanti-Rekorde breche. Bin gerade auf nem Ruhm-Trip. Zur Zeit hab ich eine 4.83, aber das ist ja nicht das Thema dieses Bloggs.

    NFF, wie ist es eigentlich? Der Bücherstapel, den du erwähnst, sind das die Manuals? Ich habe bei meinem Onkel mal die 27 Ordner einer MD-11 gesehen. Sind dies diese schwarzen fetten Ordner, mit Metallrücken, und riesen Skizzen?

    Gruss
    Philipp

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  5. ;-) Zwar nicht ganz so erschwerte Umstände aber dennoch ähnlich gehts mir momentan beim lernen in der Bibliothek der Uni für den Abschluss. Überall diese schönen und charmanten Studentinnen, die einen Kaffeplausch vorschlagen. Die Priorität auf die langweiligen und dicken Büchern auszurichten, erscheint äusserst hoffnungslos.
    Aber schlussendlich möchte ich ja auch mal an einem Pool umringt von FAs liegen....aber nun zurück zu meinen Büchern (oder doch zum Kaffe?)

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  6. (...) wünsche Euch allen toitoitoi für die Prüfungen. Es bleibt die Erkenntnis, dass wir Männer es einfach schwer im Leben haben :-)

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  7. Da hat die Kurzstrecke also doch einen erkennbaren Vorteil, keine schönen Orte an denen man gezwungen wird bildhübschen Kolleginen beim Sonnen zuzuschauen während man die Bücher wälzt. Stattdessen vielmehr das typische griesegraue Wetter in Mitteleuropa, das macht das Lernen zumindest im Winter leichter, aber der Sommer... Viel Spass beim Lernen noch, bei mir ist es morgen erst mal wieder vorbei, heute die LOFT, morgen der Check :)

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  8. (...) da drücke ich natürlich die Daumen! Gruss aus JFK.

    nff

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