Montag, Dezember 11, 2006

Afrikanische Nacht

Der Flughafen Zürich bereitet sich auf den Feierabend vor, denn unser Flugzeug ist eines der letzten, das am heutigen Abend den Heimathafen verlässt. Es ist schon nach 23 Uhr, als die Leistungshebel des Airbusses nach vorne geschoben werden und die fast 260 Tonnen langsam Fahrt aufnehmen.
Dies ist für mich der Zeitpunkt der höchsten Konzentration, aber auch gleichzeitig der Anfang einer fast unendlich langen Nacht. Sanft wird der Vogel in eine leichte Linkskurve gelegt und nachdem ich mich überzeugt habe, dass alle Parameter im grünen Bereich liegen, schaue ich mit Wehmut zum Fenster hinaus und betrachte von oben die Lichter meiner Wohngemeinde, die hell durch den schon dichten Nebel schimmern. Dort unten liegen sie, mein weiches Duvet und mein geliebtes Kopfkissen, die ich heute Nacht so sehr vermissen werde.

Gersau wird überflogen, die verlangte Flughöhe zum sicheren Überqueren der Alpen ist erreicht und der andere Copilot zieht sich in seine Schlafkoje zurück. Ruhe kehrt ein und nichtfliegerischen Themen gilt die Konversation im Cockpit, schliesslich erkundigt sich die charmante Küchenchefin der ersten Klasse gerade, was die zwei Herren im Maschinenraum zu dinieren gedenken.
Ich verzichte auf die obligate Passagieransage vom Piloten vom Dienst und weiss, dass mich keiner der Passagiere vermissen wird. Diese geniessen den kostenlosen Rotwein in Mengen, stochern im Essen herum und starren lethargisch auf den kleinen Bildschirm vor ihnen Augen, während sie sich mit der Salatsauce das neue Hemd verkleckern.

Die Insel Lampedusa liegt unter uns, Tripolis kommt näher und das Abenteuer Afrika kann beginnen. Der Herr im Funk schreit unverständlich in sein Mikrofon und man könnte bei den Hintergrundgeräuschen vermuten, dass er sich gerade auf der Toilette erleichtert. Wir drehen leicht nach rechts und werden den Rest des Fluges zwei Kilometer westlich der vorgeschriebenen Route fliegen. Dies ist eine Vorsichtsmassnahme, denn man weiss nie, was einem in Afrika entgegenkommt.
Die Sahara schläft unter unseren Flügeln und die libysch-nigerianische Grenze nähert sich von Minute zu Minute. Am Funk ist der Teufel los. Auf Kurzwelle versuchen wir unsere Position durchzugeben. Der Beamte in Tripolis möchte erfahren wo wir stecken, genauso wie die Herren in N’Djamena und in Brazzaville. Lautes Rauschen schlägt uns entgegen und wenn sich jemand meldet, dann ist es ein hektischer Fluglotse aus Delhi, der auf der gleichen Frequenz einige tausend Kilometer weiter ganz andere Flugzeuge abfertigt.

Kurz vor Dafur verabschiedet sich der Kapitän in seine Schlafpause. Auch in bin müde, muss aber leider noch ein paar Stunden ausharren. Mit kleinen Augen nimmt der andere Copilot Platz auf dem Sitz und schlürft wortlos seine erste Tasse Kaffee. Er braucht jetzt eine halbe Stunde Zeit, um seine Sinne zu ordnen. Ich schaue hinaus in die tiefe Nacht und denke an die Tragödie, die sich zehn Kilometer unter uns abspielt. Seit drei Jahren bringen sich die Konfliktparteien gegenseitig um und es entstand eine humanitäre Katastrophe sondergleichen, um die sich niemand richtig kümmert. Dagegen ist meine persönliche Krise, die mir fast die Augen zufallen lässt, absolut zu vernachlässigen.

Nach der Zentralafrikanischen Republik folgt die Demokratische Republik Kongo. Demokratisch sind sie eigentlich erst seit letzter Woche, als der erste vom Volk gewählte Präsident vereidigt wurde. Nicht lange ist es her, als wir noch unter Flagge der Swissair Kinshasa anflogen und 20 Minuten vor der Landung über Satelitentelefon den Chef vor Ort fragten, ob sie Situation für eine Landung auch wirklich sicher sei.

Ich schaue immer öfters auf die Uhr und zähle langsam die Minuten bis zu meinem Feierabend. Unter uns der Kongo, zweitlängster Fluss Afrikas und scheinbar der wasserreichste des Kontinents. Wir befinden uns jetzt mitten im Herz des schwarzen Kontinentes, genau über dem Äquator und halten Ausschau nach Gewitterwolken und anderen Flugzeugen. Regelmässig werden falls vorhanden die aktualisierten Wettermeldungen aufgezeichnet und die Strategie für den Fall eines „Emergency“ festgelegt.
Es sind Routinearbeiten, - wichtige ausser Frage -, aber Routinearbeiten machen müde. Mir fallen fast die Augen zu und ich hole mir noch einen Becher Kaffee in der Bordküche.

Die Uhr zeigt 7 Uhr MEZ und endlich ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich abgelöst werde. Der Kapitän wird geweckt und die Navigationsgeräte zeigen an, dass keine 200 Kilometer östlich von uns Rwanda liegt. Auch eine Gegend unendlichen Leides, auch eine Tragödie, die fast aus unserem Gedächnis verschwunden ist.
Jetzt steht mir aber meine ganz persönliche Krise für einmal näher und ich verabschiede mich vom Arbeitsplatz. Eine lange und sehr dunkle Afrikanische Nacht geht zumindest für mich zu Ende. Wenn ich in drei Stunden erwachen werde, wird die Sonne schon beachtlich hoch über dem Himmel von Johannesburg stehen. Jambo!

Kommentare:

  1. Ja, diese Gedanken haben mich letztens auch auf dieser Strecke begleitet. Man sitzt da oben und isst und trinkt völlig gedankenlos und ein paar Meter weiter unten....

    btw, erst am Samstag hatte ich einen älteren CMD, der die Ansage selbst übernommen hat, die sonst der MC macht... Er musste zwar grinsen, als er dort vor der Galley stand, hat das aber mega nett gemacht und sich vielmals dafür entschuldigt, dass er leider kein Italienisch kann und daher die Ansage nur auf Deutsch, Französisch und Englisch kommen wird. Ich meinte am Ende nur, ob das jetzt neue procedure sei und er musste noch mehr lachen, und meinte nur, nein, aber es würde ihm einfach Spass machen, wenn die Gäste wüssten wer denn da vorne sitzt... leider kommt das heute eh zu kurz...

    Noch viel Spass bei einem leckeren Steak im afrikanischen Sommer!!!!

    Liebs Grüessli
    A.

    AntwortenLöschen
  2. (...) werde das Steak heute Abend geniessen. Das mit dem Sommer in Südafrika ist ähnlich wie bei uns mit dem Winter, das Thermometer weigert sich erfolgreich, die 20° Marke zu übersteigen.

    Gruss in die CH

    AntwortenLöschen
  3. Sehr schön beschrieben...
    Obwohl es schiweriger wird, ich kann die Zuckerseiten aus ihrem Job nicht ganz wegblenden :D auf jedenfall gibt es da Schattenseiten, zuhauf!

    Solange die Zuckerseiten aber noch überwiegen wünsche ich weiterhin einen guten Flug!

    nebenbei zum Stichwort Tragödien: Wenn auch sie nicht gleich gross sind, so sind es doch welche. Amnesty International versucht momentan mit einem Briefmarathon diversen zu Unrecht eingesperrten Personen zu helfen! => http://www.amnesty.ch/de

    Vielleicht nehmen sie sich ein wenig Zeit bei der nächtlichen Stille und verfassen einen Brief an die betreffenden Regierungen.

    Mich würde es freuen!

    E liebe Grues

    Severin

    AntwortenLöschen
  4. Schoene Beschreibing:)

    war glaub auch gerade kurtze Zeit auf 34000 fuss, in einem skuril beleuchteten Cockpit, am kaffee...

    Viel Glueck mit dem "einfliegen" des neuen kleinen Weissen;)

    Gruss
    Andreas

    AntwortenLöschen
  5. (...) danke für die Kommentare. Der kleine Weisse ist übrigens bestens eingeflogen!

    Hätte ich vorher gewusst, wie einfach ein Apple ist, dann wäre der Wechsel schon viel früher erfolgt!

    Gruss aus JNB

    AntwortenLöschen