Donnerstag, Dezember 28, 2006

der brennende Staubsauger

Morgen ist es wieder soweit, Morgen ist die Zeit des Müssigganges vorbei und es gilt wieder ernst. Zwischen 18 Uhr und 22 Uhr hat die charmante Simulatordisponentin für mich einen Platz in der Geisterbahn reserviert und dann habe ich meinen halbjährlichen Checkflug im virtuellen Raum zu absolvieren. Die Gelehrten meiner Firma meinen im Vorwort des bald hundert A4 Seiten umfassenden Pamphletes, - das man als Vorbereitung von der Homepage herunterladen muss -, dass diese Übung als Standortbestimmung dient. Standortbestimmung für eben diese Gelehrten, für das Bundesamt und nicht zuletzt für sich selber.

Ich fliege jetzt schon über 13 Jahre diese Kisten durch die Atmosphäre und da verstehe ich selbstverständlich auch, dass gerade jetzt, wo meine Firma angeblich das erste Mal in meiner Karriere mit mir Geld verdient, das Können überprüft werden muss.
Mein morgiges Abschneiden am Testflug lässt Rückschlüsse auf die Ausbildung, die Selektion im Speziellen und Verfahren im Allgemeinen zu. Die Resultate werden von Spezialisten ausgewertet und gemäss Richtlinien von ISO 6969 zertifiziert. Selbstverständlich folgt danach ein ausführliches Audit.
Vielleicht können sie sich jetzt erklären, warum ich so nervös bin!

Klar, im vergangenen halben Jahr hatte ich genügend Gelegenheit, mein Können in Ausnahmesituationen unter Beweis zu stellen. Ohne dass ich jetzt gegen die strengen Diskretionsrichtlinien meiner Firma verstosse, kann ich ihnen die Geschichte des brennenden Staubsaugers erzählen.
Als Pilot habe ich natürlich Wohneigentum. Für ein Haus hat es nicht gereicht, dafür bin ich stolzer Besitzer einer Wohnung mit obligatem Kaminofen im Wohnraum. Ab und zu, wenn es die Feinstaubkonzentration in der Luft zulässt, entfache ich ein Feuer und geniesse einen guten Schluck Wein vor der wärmenden Flamme.
Es liegt in der Natur der Sache, dass neben einer leeren Flasche Wein auch etwas Asche im Kamin zurück bleibt. Diese Asche will entsorgt werden und zwar so schnell und einfach wie möglich. Der Griff zum Miele Staubsauger ist schnell getan und noch bevor der Morgenkaffee in der Tasse dampft, ist die Asche aus dem Kamin verschwunden. Soweit die Theorie.
In der Praxis funktionierte mein Plan fast perfekt. Der Ofen war nach Sekunden sauber, aber aus dem Staubsauger entstieg Momente später aus unerfindlichen Gründen ein schwarzer Rauch, der Ungutes ahnen liess.
Zwei Sekunden später stand der Staubbeutel eben dieses Saugers in Flammen und urplötzlich war noch vor dem ersten Schluck Milchkaffee mein Know-how als Katastrophenmanager gefragt. Sofort entfernte ich das brennende Teil vom hölzernen Parkettboden und trug es auf schnellstem Weg auf die Terrasse mit dem hölzernen Rost. Dort wartete zum Glück der Treteimer KNODD (23.95 Fr. in der IKEA) auf meine gefährliche Fracht und rettete den Staubsauger vor einem Flug aus dem ersten Stockwert.

Dieser nicht simulierte Notfall zeigt, wie sich stetiges Üben auszahlen kann. Ein Zwischenfall wie der Geschilderte wünscht sich niemand, trotzdem gibt er einem das Gefühl, dass man alles im Griff hat. Soweit gehe ich also Morgen mit einem guten Selbstvertrauen in die Geisterbahn und blicke fast sorgenlos auf die vier Stunden Turnprogramm. Ob ich die Staubsaugergeschichte meinem Experten vor der Prüfung erzählen soll?

Samstag, Dezember 23, 2006

dieser Abend ist noch nicht heilig


Das Laufband surrt laut, quietscht alle 30 Sekunden und nur das unregelmässige Aufschlagen meiner Schweisstropfen unterbricht das monotone Geräusch des Fitnessgerätes. Die Luft ist schwer und schwül, die Gewitterwolken am Horizont lassen auf etwas Abkühlung heute Abend hoffen und von der Avenua Paulista kommt mir unaufhörlich ein russgeschwängerter Smog entgegen.
Ich glaube kaum, dass diese Fitnesseinheit gesundheitsfördernd ist, doch irgendwie gibt es mir ein gutes Gefühl, wenn der Schweiss bei 32° Celsius in Bächen am Körper herunter läuft. Mir scheint, dass gerade in der Vorweihnachtlichen Zeit Menschen allerorts richtig süchtig sind auf genau dieses gute Gefühl. Die einen erleben es beim Kaufen, die anderen beim Schenken, wieder andere beim Zusammensein mit ihren Liebsten und eine Minderheit wie ich, beim eben beschriebenen inhalieren von Abgaspartikeln.

Auch die Millionenstadt Sao Paulo zieht sich in ihr weihnachtliches Schneckenhaus zurück und es wird deutlich sichtbar, dass die Strassen sich langsam entleeren. Man besinnt sich traditionellen Werten, verbringt endlich wieder etwas Zeit zu Hause und erinnert sich beim Anblick des Geschenkturms unter dem Baum an die Glücksgefühle als Kind, die beim Aufreissen der bunten Pakete das noch kleine Herz in die Höhe springen liess.

Weihnachten sind für mich vor allem Kindheitserinnerungen. Die Grossfamilie kam zusammen, jeder brachte einen Berg Geschenke mit, es wurde gekocht, gelacht, gequatscht und zur Ruhigstellung der Grossmutter die erste Strophe von „Stille Nacht“ gesungen. Geschenkpapiere wurden richtiggehend von den Paketen gerissen und die Grossmutter faltete diese dann wieder liebevoll zusammen. Wer weiss, vielleicht werden sie ja noch mal gebraucht (...). Dumme Sprüche fielen, jeder beteuerte, dass ihm dieser Trubel nichts bedeute, doch man sah den glücklichen Gesichtern deutlich an, wie wichtig dieser Abend allen war.

Jetzt sitze ich an diesem Vorabend des 24. Dezember alleine im Hotelzimmer in Brasilien, werde in ein paar Stunden zusammen mit meinen Kollegen auf die Unzulänglichkeiten des Planungssystems anstossen und Strategien für den heutigen Abend entwerfen. Wir werden uns gegenseitig einreden, dass es keine Rolle spielt, ob man diese Zeit zu Hause verbringt und die letzte Nacht im Moloch Sao Paulo so richtig auskosten und geniessen. Heiligabend ist ja erst Morgen und dann werden wir wieder in einer Aluminiumröhre sitzend die Festlichkeiten überfliegen, uns auf die restlichen Weihnachtsguetzli im eigenen Heim freuen, gegen den Schlaf und die Gewitter kämpfen und im Stillen den einen oder anderen Vers eines Weihnachtsklassikers anstimmen.

Ich lande am Montagmorgen so gegen 11 Uhr in Zürich. Wenn jemand unseren A340 im Anflug entdeckt, könnte er ja vielleicht ganz laut eines der üblichen Weihnachtslieder kantieren. Vielleicht höre ich es, ich hätte Freude – ehrlich!

Freitag, Dezember 22, 2006

Fragen über Fragen

Warum verbringe ich den Heilig Abend in Sao Paulo und nicht zu Hause?
Warum hat die Schenke „zum scharfen Eck“ so eine Anziehungskraft nach der Landung?
Warum habe ich JA gesagt, als der Kapitän die erste Ladung Caipi bestellte?
Warum versagten meine Vorsätze, als die Schnupftabakdose die Runde machte?
Warum bestellte die Freundin des anderen Copiloten ein weiteres Dutzend Caipi?
Warum bin ich immer dabei?
Warum bin ich so labil?
Warum ist es immer so lustig hier in Sao Paulo?
Warum bringt der Kellner schon wieder ein Servierbrett voller Drinks?
Warum will niemand nach einem Nachtflug ins Bett?
Warum sind die Witze, die wir alle schon kennen so lustig?
Warum schlafe ich nicht?
Warum muss ich nächste Woche schon wieder in den Simulator?
Warum kommt der Ober schon wieder an unserem Tisch vorbei?
Warum macht das Klima in Brasilien so durstig?
Warum macht schon wieder diese Schnupftabakdose die Runde?
Warum sind die mitgereisten Polizisten so lustig?
Warum schauen uns alle so komisch an?
Warum regnet es ausgerechnet mir in den Kragen?
Warum mache ich ausgerechnet jetzt einen Blogeintrag?

Warum , warum – WARUM?

Mittwoch, Dezember 20, 2006

mein Körper dankt!



Vierzig Jahre wurde ich dieses Jahr und der neue Jahresring hat sich deutlich über meinen Hüften festgesetzt.
In den vergangenen Dekaden habe ich schon einiges bezüglich Gesundheit getan. Berge raufgerannt, wilde Flüsse runtergefahren, halsbrecherische Snowboardabfahrten überlebt, harte Trainingskilometer auf den Langlaufskis absolviert, mit dem Mountainbike Wanderer erschreckt und als Wanderer Mountainbiker vertrieben, in tausenden von Hotelbetten geschlafen, viel zu lange in unbequemen Cockpitstühlen gesessen, auf harten Crewbunkmatten gedöst, in Hörsälen geschlafen, in Schulzimmern geträumt und viele Filme vor der Glotze gesehen.

Das alles hat mein Körper nicht vergessen und erste Leiden setzten ein. Der Rücken begann zu schmerzen, die Muskeln wurden immer fester und kürzer, die Kondition blieb, aber das Brennen nach einer Anstrengung auch.

Ein Yoga-Meister hat meinem Leiden ein Ende gemacht und des Schreiberlings Körper ist seit er die Yoga-Lektionen besucht wieder fast so geschmeidig, wie anno dazumal im Kinderwagen.
Danke Sébi, danke Mäse, ich habe im 2006 zwei Freunde und ein neues Körpergefühl gefunden!

Anmerkung:
Der Hauptdarsteller des Videos bin natürlich nicht ich, sondern der Maestro himself :-) Informationen zum Studio übrigens HIER: Practicalwellness

Sonntag, Dezember 17, 2006

Oh stille mich Du Fröhliche!


Wer am 3. Advent im Morgengrauen durch die Gassen Manhattans schlendert, begegnet mitunter seltsamen Gestalten. Tief eingehüllt in Decken sitzen die unüblich gepflegt wirkenden Personen auf Campingstühlen, haben Pelzkappen tief ins Gesicht gezogen und warten schön in einer Linie aufgereiht mit einem Becher Kaffee in der Hand vor einem Laden, der offensichtlich an diesem kalten Dezembersonntag noch lange nicht öffnen wird.

Es handelt sich bei diesen Individuen weder um Penner noch um Partygänger, die tragischerweise die letzte U-Bahn verpasst haben, es sind ganz einfach Eltern, die ihrem Schützling das neuste Modell der im Moment angesagten Spielkonsole schenken möchten. Die heiss begehrte Ware ist knapp und wer Mangelware erwerben will, hat einen hohen Preis zu bezahlen. In diesem Fall ist der Preis eine in dieser Saukälte eingefangene Blasenentzündung, die wahrscheinlich die Festtage überdauern wird, aber das kümmert die moderne Mutter von heute wenig. Hauptsache der Schützling ist glücklich und kann am Heiligabend noch realitätsnaher Kollegen am Bildschirm abknallen.

Ich bin froh, dass ich diese Tortur nicht mitmachen muss, ziehe meinerseits die Mütze ins Gesicht und schlendere weiter. An der Ecke Broadway 33nd möchte eine gewisse Victoria ihre Secrets verkaufen. Ich gebe zu, der schön dekorierte Laden übt eine gewisse Anziehungskraft auf mich aus, denn es wird hier Unterwäsche verkauft, die knapp an der Grenze des in Amerika noch zumutbaren liegt. Dennoch ist der Stoff selbstverständlich so gestaltet, dass Victorias Geheimnis verborgen bleibt.
Es liegt in der Natur der Sache, dass die Kreditkarten der Männer in diesem Verkaufslokal sehr, die Männer selber aber auf keinen Fall geduldet sind. Nur wohin mit diesen testosterongesteuerten Kreaturen? Ein findiger Inder hat dieses Problem gelöst und neben dem Unterwäscheladen einen kleinen Videoshop installiert, der Dokumentarfilme für eben diese wartenden Männer zeigt. Weil die Kreditkarten der Familienoberhäupter im benachbarten Laden auf ihre Limits geprüft werden, setzt der Inder auf Bargeld, hat für die überstrapazierten Männer Einzelkabinen installiert und zeigt für ein kleines Entgelt die eben beschriebenen Dokumentarstreifen, die dann Victorias Secret in voller Grösse zeigen.
Ja ich weiss, kein Thema für den dritten Advent, aber mir gefällt einfach die Geschäftsidee des Inders so gut.

Ich streife weiter durch die Strassen Manhattans auf der Suche nach Skurrilem und Schrägem. Es wird heller, Hektik kommt auf und man merkt, dass die Geschäfte am heutigen Grosskampftag für einmal ungewöhnlich früh öffnen. Aus allen U-Bahnschächten strömen die Leute hervor und man sieht ihnen an, dass der heutige Grosseinkauf DER Ernstfall des Jahres ist. Kurze Zeit später erblicke ich die ersten Gestallten, die unter der Last der Einkaufssäcke zu kollabieren drohen und verzweifelt versuchen, ein freies Taxi herbei zu winken.
Nach einiger Zeit bringt mich mein zielloses Schlendern zufällig wieder am Dokumentarfilmladen des Inders vorbei und zu meinem Erstaunen herrscht schon zu kirchlicher Stunde rege Geschäftigkeit. Im Gegensatz zum Nachbarin „Victoria Secret“ verzichtet er gänzlich auf Weihnachtschmuck und setzt lediglich auf das besinnliche Motto: „Oh stille mich du Fröhliche.“
Der Typ ist einfach genial!

Dienstag, Dezember 12, 2006

Bücherberg und nackte Haut

Herrlich warm scheint die südafrikanische Sonne auf unsere Hotelanlage herunter und aus meinem Zimmerfenster habe ich freien Blick auf den Pool, wo sich in äusserst knapper Kleidung Kolleginnen von Swiss, KLM und der Singapore Airlines, - sofern christlichem oder buddhistischem Glaubens -, in der Sonne räkeln und sich gegenseitig mit klebriger Milch einreiben, die ewige Schönheit verspricht.
Meine Wenigkeit hat sich immer noch im Hotelzimmer eingesperrt und ein hoher Stapel Bücher schränkt das Blickfeld auf die Liegewiese ein, die gut und gerne als Werbefotovorlage der Krebsliga dienen könnte.

Der beschriebene Stapel Bücher gehört zu der halbjährlichen Pflichtlektüre, die als Vorbereitung auf die Simulatorchecks studiert werden muss. Wir Piloten haben ja bekanntlich das Vergnügen, dass wir sechs Mal pro Jahr unsere Lizenz verlieren können. Je zwei Mal bei der medizinischen Untersuchung und beim Simulatorcheck, ein Mal bei der Prüfung, wo theoretisches Wissen der Notfallszenarien getestet wird und einmal beim so genannten „Route Check“, wo ein Instruktor im Cockpit mitfliegt und die Arbeit während einem normalen Flug begutachtet. Diese Flüge sind übrigens mitunter die heikelsten, die es gibt. Manchmal werden die ganze Nacht hindurch Fragen gestellt und beim Anflug auf den Heimatflughafen fallen einem die Augen fast von selber zu, weil die Ruhe in den Stunden davor ganz einfach gefehlt hat.
Klar, mit den Jahren kommt die Routine zum Zug und man kennt die Pappenheimer langsam aber sicher bestens. Das Erfolgsrezept schlechthin ist das richtige Setzen der Prioritäten. Dies wiederum lässt mich gerade jetzt daran zweifeln, ob ich das Richtige mache. Vor meinem Fenster ölen sich zwei blonde KLM Hostessen gerade gegenseitig die Beine ein und das lässt mich doch stark daran zweifeln, ob die richtigen Manipulationen bei einem Triebwerksbrand wirklich so immens wichtig sind.

Weiter im Text, nicht ablenken lassen und an die bevorstehenden Checks denken! Ein wichtiger Teil einer jeden Simulatorübung ist die korrekte Kommunikation während der Abhandlung eines Notfalles. Man unterscheidet hier ganz klar zwischen Theorie und Praxis. In der Theorie, die man selbstverständlich detailliert im Buch beschrieben findet, pflegt man eine Art Diplomatensprache. Die Einhaltung dieser Kommunikationsregeln wird im Simulator dann peinlich genau überprüft und als Prüfling gibt man sich Mühe, diese so korrekt anzuwenden, als wäre man am Neujahrempfang im Bundeshaus. In der Praxis geht das in der Regel wie im richtigen Leben wesentlich unkomplizierter. Beim ersten Aufleuchten einer Warnlampe kommen den zwei Akteuren im Cockpit Kraftausdrücke über die Lippen und danach wird das Problem nicht minder professionell abgehandelt.
Aber eben, am Check geht es um meine Lizenz und da habe ich mich anzupassen, wie der Diplomat bei einem Bittgang in einer fremden Botschaft.

Mein Blick schweift wieder über den Bücherstapel vor meinen Augen, der ganz bestimmt 10 Kilogramm wiegt und für den wir nur um ihn zu transportieren, gestern 3 Liter Kerosin verbraten haben. Die Zeit rinnt durch meine Finger wie die Sonnenmilch der brünetten Inderin im schwarzen Badekleid und ich habe noch keines meiner gestreckten Ziele erreicht. Trotz all der Ablenkung besinne ich mich meiner Zuverlässigkeit und meinem Hang zum Strebertum, stecke meine Nase ganz Tief in das wirklich extrem langweilige Buch und lese Sätze, die ich in der Vergangenheit schon farbig hervorgehoben habe. Im Innersten weiss ich aber, dass ich bis zum Tage des Checks noch einiges an meiner Einstellung ändern muss. Wie schon gesagt, im Simulator geht es um das richtige Setzen der Prioritäten und genau in diesem Punkt habe ich heute auf ganzer Linie versagt!

Montag, Dezember 11, 2006

Afrikanische Nacht

Der Flughafen Zürich bereitet sich auf den Feierabend vor, denn unser Flugzeug ist eines der letzten, das am heutigen Abend den Heimathafen verlässt. Es ist schon nach 23 Uhr, als die Leistungshebel des Airbusses nach vorne geschoben werden und die fast 260 Tonnen langsam Fahrt aufnehmen.
Dies ist für mich der Zeitpunkt der höchsten Konzentration, aber auch gleichzeitig der Anfang einer fast unendlich langen Nacht. Sanft wird der Vogel in eine leichte Linkskurve gelegt und nachdem ich mich überzeugt habe, dass alle Parameter im grünen Bereich liegen, schaue ich mit Wehmut zum Fenster hinaus und betrachte von oben die Lichter meiner Wohngemeinde, die hell durch den schon dichten Nebel schimmern. Dort unten liegen sie, mein weiches Duvet und mein geliebtes Kopfkissen, die ich heute Nacht so sehr vermissen werde.

Gersau wird überflogen, die verlangte Flughöhe zum sicheren Überqueren der Alpen ist erreicht und der andere Copilot zieht sich in seine Schlafkoje zurück. Ruhe kehrt ein und nichtfliegerischen Themen gilt die Konversation im Cockpit, schliesslich erkundigt sich die charmante Küchenchefin der ersten Klasse gerade, was die zwei Herren im Maschinenraum zu dinieren gedenken.
Ich verzichte auf die obligate Passagieransage vom Piloten vom Dienst und weiss, dass mich keiner der Passagiere vermissen wird. Diese geniessen den kostenlosen Rotwein in Mengen, stochern im Essen herum und starren lethargisch auf den kleinen Bildschirm vor ihnen Augen, während sie sich mit der Salatsauce das neue Hemd verkleckern.

Die Insel Lampedusa liegt unter uns, Tripolis kommt näher und das Abenteuer Afrika kann beginnen. Der Herr im Funk schreit unverständlich in sein Mikrofon und man könnte bei den Hintergrundgeräuschen vermuten, dass er sich gerade auf der Toilette erleichtert. Wir drehen leicht nach rechts und werden den Rest des Fluges zwei Kilometer westlich der vorgeschriebenen Route fliegen. Dies ist eine Vorsichtsmassnahme, denn man weiss nie, was einem in Afrika entgegenkommt.
Die Sahara schläft unter unseren Flügeln und die libysch-nigerianische Grenze nähert sich von Minute zu Minute. Am Funk ist der Teufel los. Auf Kurzwelle versuchen wir unsere Position durchzugeben. Der Beamte in Tripolis möchte erfahren wo wir stecken, genauso wie die Herren in N’Djamena und in Brazzaville. Lautes Rauschen schlägt uns entgegen und wenn sich jemand meldet, dann ist es ein hektischer Fluglotse aus Delhi, der auf der gleichen Frequenz einige tausend Kilometer weiter ganz andere Flugzeuge abfertigt.

Kurz vor Dafur verabschiedet sich der Kapitän in seine Schlafpause. Auch in bin müde, muss aber leider noch ein paar Stunden ausharren. Mit kleinen Augen nimmt der andere Copilot Platz auf dem Sitz und schlürft wortlos seine erste Tasse Kaffee. Er braucht jetzt eine halbe Stunde Zeit, um seine Sinne zu ordnen. Ich schaue hinaus in die tiefe Nacht und denke an die Tragödie, die sich zehn Kilometer unter uns abspielt. Seit drei Jahren bringen sich die Konfliktparteien gegenseitig um und es entstand eine humanitäre Katastrophe sondergleichen, um die sich niemand richtig kümmert. Dagegen ist meine persönliche Krise, die mir fast die Augen zufallen lässt, absolut zu vernachlässigen.

Nach der Zentralafrikanischen Republik folgt die Demokratische Republik Kongo. Demokratisch sind sie eigentlich erst seit letzter Woche, als der erste vom Volk gewählte Präsident vereidigt wurde. Nicht lange ist es her, als wir noch unter Flagge der Swissair Kinshasa anflogen und 20 Minuten vor der Landung über Satelitentelefon den Chef vor Ort fragten, ob sie Situation für eine Landung auch wirklich sicher sei.

Ich schaue immer öfters auf die Uhr und zähle langsam die Minuten bis zu meinem Feierabend. Unter uns der Kongo, zweitlängster Fluss Afrikas und scheinbar der wasserreichste des Kontinents. Wir befinden uns jetzt mitten im Herz des schwarzen Kontinentes, genau über dem Äquator und halten Ausschau nach Gewitterwolken und anderen Flugzeugen. Regelmässig werden falls vorhanden die aktualisierten Wettermeldungen aufgezeichnet und die Strategie für den Fall eines „Emergency“ festgelegt.
Es sind Routinearbeiten, - wichtige ausser Frage -, aber Routinearbeiten machen müde. Mir fallen fast die Augen zu und ich hole mir noch einen Becher Kaffee in der Bordküche.

Die Uhr zeigt 7 Uhr MEZ und endlich ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich abgelöst werde. Der Kapitän wird geweckt und die Navigationsgeräte zeigen an, dass keine 200 Kilometer östlich von uns Rwanda liegt. Auch eine Gegend unendlichen Leides, auch eine Tragödie, die fast aus unserem Gedächnis verschwunden ist.
Jetzt steht mir aber meine ganz persönliche Krise für einmal näher und ich verabschiede mich vom Arbeitsplatz. Eine lange und sehr dunkle Afrikanische Nacht geht zumindest für mich zu Ende. Wenn ich in drei Stunden erwachen werde, wird die Sonne schon beachtlich hoch über dem Himmel von Johannesburg stehen. Jambo!

Montag, Dezember 04, 2006

Pippi Langstrumpf


Als ich vor Wochenfrist in Hongkong durch die Strassen zog, prägte der neuerliche Besuch eines amerikanischen Flugzeugträgers das Stadtbild des Inselstaates. Hunderte, ja tausende betrunkener Matrosen zogen mit ganzen Bierkartons unter den Armen durch die Häuserschluchten und hofften das Glück in den dunklen Gassen zu finden.
Dass die jungen Nachwuchskrieger mit vollen (Geld)Säcken den Landgang antraten, sprach sich auch im horizontalen Gewerbe herum und dem Heer amerikanischer Soldaten stand eine Armee leichter Mädchen gegenüber. Ein Aufeinanderprallen der beiden Gruppierungen war nicht zu vermeiden.
Das Ganze habe ich schon vor Jahresfrist erlebt und schon damals floss für meinen Geschmack etwas zuviel Blut und die Stimmung war für meine zarte Seele eindeutig zu aggressiv. Es war auch letzte Woche nicht anders.

Dementsprechend konsterniert war ich, als ich in der Ferne ein Kriegschiff unter fremder Flagge erblickte. «Nicht schon wieder diesen Stress mit ausgehungerten und gewaltbereiten Seemännern in den Nachtlokalen von Wanchai», dachte ich im Stillen und bereitete mich innerlich schon auf einen ruhigen Abend im Hotelzimmer vor.
Je näher das Schiff aber kam und je besser ich die Detail der schwimmenden Festung erkannte, desto friedlicher erschien mir das Boot der fremden Macht.
«Gothenborg» stand mit grossen Lettern unter der blau-gelben Flagge Schwedens und das Boot hatte rein gar nichts zu tun mit den grauen Stahlfestungen der amerikanischen Marine.

Das Holz der Planken knarrte bei jeder Welle, die Takelung schwankte mit dem Wind von links nach rechts, es roch nach IKEA-Ausstellung und ich suchte verzweifelt nach Pippi Langstrumpf, wie sie sich von einem Segel zum anderen schwingt. Im weit zurückliegenden 18. Jahrhundert soll die «Gothenborg» gebaut worden sein und schlug 1745 vor der gleichnamigen Stadt an einem Felsen leck. Jetzt ist sie wieder aufgebaut und jetzt kreuzt sie als Botschafterin Schwedens durch die sieben Weltmeere. Die Fakten habe ich aus dem Internet und dort habe ich auch gelesen, dass dieses alte Segelschiff rein gar nichts mit der "Königlich Schwedischen Kriegsmarine" zu tun hat.
Eigentlich schade, denn mir gefällt der Gedanke, dass ein neutrales Land seinen Wehrwillen mit einem 250-jährigen Windjammer unter Beweis stellt. Ähnliche Rituale kennen wir ja aus der Schweiz, wo wir uns alle Jahre wieder für drei Wochen zu einem Zeltlager treffen und mit altertümlichen Material unter Applaus japanischer Touristen Räuber und Gendarm spielen.

Seltsam, als Pilot kann ich emotionslos an einem antiken Doppeldecker vorbeigehen, bekomme aber bei alten Schiffen jedesmal Fernweh und sentimentale Gedanken steigen in mir auf. «Nimm uns mit Kapitän auf die Reise, nimm uns mit in die weite weite Welt (…)» Scheisse, jetzt läuft mir das Lied von Hans Albers den ganzen Tag nach!

Sonntag, Dezember 03, 2006

Gaumenakrobatik

Zu den grossen Genüssen der Fliegerei gehört zweifellos die auswärtige Nahrungsaufnahme an den Aussenstationen. Wer etwas experimentierfreudig und gegenüber Neuem aufgeschlossen ist, kann sich buchstäblich durch Berge von Köstlichkeiten fressen.
So natürlich auch hier in Hongkong, wo ich nach ein paar Freitagen zu Hause, gestern wieder gelandet bin.

Dem hungrigen Gast in der ehemaligen britischen Kolonie stehen unzählige Garküchen und Restaurants zur Verfügung, die allesamt lokale Spezialitäten aus dem Herkunftsland des Besitzers anbieten.
Natürlich liegt es nahe, fernab der Heimat am östlichen Ende Asiens, sich auf die Angebote aus dem hiesigen Kontinent zu beschränken.
Nur, wo soll man anfangen? Scharfe Suppen oder Curries beim Thailänder gleich um die Ecke? Oder vielleicht wieder einmal ein leckeres «Butter-Chicken» aus dem Norden Indiens? Malayische Garküchen beim Lan Kwai Fong? Vietnamesisch, Tibetisch oder gar Japanisch? Viele Fragen bleiben und das Loch im Bauch wird dabei alles andere als kleiner.

Gestern Abend fiel die Entscheidungen auf den Klassiker hier in China. «Sichuan Cuisine» sollte es sein und Lokale mit diesem Angebot findet man an jeder Ecke in der ehemaligen Kronkolonie am Südchinesischen Meer.
Trifft die Wahl auf eine der unzähligen Variationen der chinesischen Küche, dann tut man gut daran, die Selektion des Lokales mit Sorgfalt zu treffen. Man sagt den Chinesen nach, dass sie alles was vier Beine hat verspeisen, ausser Stuhl und Tisch im Restaurant. Bei unvorsichtiger Lokalwahl kann es also durchaus vorkommen, dass Tiere den Weg auf die Speisekarte finden, die in unserem Wertesystem entweder als ungeniessbar gelten, oder in Europa als Haustiere gehalten werden.

Die gestrige Wahl kann auch nach Ablauf der kritischen Frist, wo die Nahrung im Magen auf verdauungsfördernde Säfte trifft und sich entscheidet, ob das Essen im Verdauungstrakt verbleibt oder eventuell explosionsartig den europäischen Körper wieder verlässt, als voller Erfolg gewertet werden.
Die «sizzling prawns» waren so frisch, dass sie im ersten Moment fast selber vom Teller liefen und die dazu servierte Sauce bestand hälftig aus Knoblauch und Chillischoten. Dazu brachte der Kellner schmackhafte Bohnen, Nudeln mit Hühnchen aus garantiert nicht biologischer Freilandhaltung und etwas Rindfleisch, neuerlich durchmischt mit Bergen von gerösteten Chilischoten.
Der gratis bereitgestellte Tee floss wegen der scharfen Kost in Strömen und mein Loch im Magen verschwand zu meiner vollsten Zufriedenheit innert Stundenfrist.

Keine Frage, der eigene Geschmack verändert sich aufgrund der langjährigen Gaumenakrobatik in aller Herren Länder enorm. Koche ich selber, erfüllen meine Gerichte schon lange nicht mehr die Kriterien der gewürzarmen Küche und bin ich eingeladen, muss ich die bereitgestellte Pfeffermühle mit Bedacht einsetzen, damit Koch und Gastgeber nicht beleidigt sind.

Eigentlich hat mich der Wandel meiner kulinarischen Vorlieben über die Jahre hinweg nie beunruhigt, schliesslich habe ich in meinem Ernährungsplan einige wichtige Stützpfeiler, die sich in der Vergangenheit überraschenderweise kaum veränderten. Auf Käsefondue im Winter kann ich genauso wenig verzichten, wie auf das Butterbrot mit Schabziger überdeckt, das jeden Morgen in meinem grossen Rachen verschwindet.

Doch kurz vor dem Abflug nach Hongkong passierte etwas, dass mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht. Experimentierfreudig wie ich bin, probierte ich eine neue Entwicklung aus dem Hause Néstle, die Kaffeejunkies aus aller Welt noch glücklicher machen soll.
Die kunstvoll gestaltete Kapsel erhielt eine edle Kaffeemischung aus warmen Gefilden durchsetzt mit Vanillearoma bester Herkunft. Vanillearoma! Man stelle sich das mal vor!
Das Erschreckenste daran: ich mag die Mischung wirklich! Ob ich mir nun Sorgen machen muss?