Dienstag, November 14, 2006

Schnäppchen

Landauf, landab wird spekuliert, was man mit dem Hauptgewinn in der «Euro Millions» Auslosung vom Wochenende anstellen könnte. Mal ausgenommen von Spitzenmanagern, die bestens vertraut sind mit dreistelligen Millionenbeträgen in der eigenen Schatulle, sind die 288 Millionen für den Grossteil der Bevölkerung eine Zahl, die schwindlig macht.

Es gibt wohl keinen bessern Platz in der Schweiz als St. Moritz, um über mögliche Investitionen nachzudenken. Schlendert man in dieser gottverlassenen Zeit durch die Strassen des Ferienortes im Oberengadin, sieht man allerorts Handwerker und Architekten. Wie jedes Jahr in der Vorsaison werden die Topadressen der Modeläden komplett renoviert und umgestaltet. Einige sind für den Ansturm der Milliardäre und vor allem ihrer Gattinnen und/oder Mätressen gewappnet und präsentieren die ersten Kollektionen in den Schaufenstern. Gesichtet habe ich bei einem Label zum Beispiel eine Jeansjacke, gestylt mit zeitgemässen Rissen in den Ärmeln und einem Pelzkragen aus flauschigem Nerz, die etwas mehr kostet, als mein Arbeitgeber mir jeden Monat auf mein Konto überweisst. Schnäppchen allerorts!

Unten in St. Moritz Bad, wo man ab und zu auch ein paar vereinzelte Einheimische findet, backt seit Menschengedenken ein Kleinunternehmer auch in der Nebensaison jeden Morgen frische Brötchen. Neben dieser Oase für Brotliebhaber hat sich eines der unzähligen Immobilienbüros eingemistet. Im Hochtal herrscht Mangel an Wohnraum und das sieht man auch deutlich an der spärlichen Anzahl Aushängen.
Gerade sechs Angebote hat das Büro im Schaufenster und eines davon sticht ins Auge. Angeboten wird eine 3 ½ Zimmerwohnung (90 m2), die man für lächerliche 36'000 Schweizer Franken als Ferienwohnung eine ganze Wintersaison mieten kann und sich damit zumindest temporär wie einer der Suvretta-Connection fühlt. Bedenkt man, dass die Wintersaison hier im Oberengadin normalerweise ganze fünf Monate dauert, bezahlt man den vernachlässigbaren Betrag von 7'200 Fränkli pro Monat. Ein wahres Schnäppchen, wie man es nur im Engadin findet!
Einem Normalbürger ohne Hauptgewinn im «Euro Millions», kann dieser Betrag etwas Bauchschmerzen bereiten. Für diesen Fall sind im Schnäppchenpreis zwei Nasszellen inbegriffen. An einem kleinen Rechenbeispiel sei gezeigt, dass der Mietpreis gar nicht so übertrieben ist. Die fünf Monate entsprechen etwa 150 Tagen und diese wiederum 3600 Stunden. Eine Stunde in den gemieteten Wänden kostet also läppische 10 Franken. Setzt man sich mit dem oben beschriebenen Bauchweh auf eine der zwei bereitgestellten Toiletten, kostet das Geschäft kaum mehr als in den öffentlichen Einrichtungen im Bahnhof Pontresina.

Schnäppchen finden sich überall, man muss sie nur sehen!

Kommentare:

  1. sehr clever gerechnet, herr pilot, sehr clever. +++ und immer wieder eine grosse freude, deine texte zu lesen. das musste wiedermal gesagt sein.

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  2. Man dankt ganz herzlich für die Komplimente!

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