Freitag, November 24, 2006

Rekorde

«Er sei buchstabensüchtig, lese alles, was ihm in die Hand kommt», gesteht der Schriftsteller Peter Bichsel im Buch seiner gesammelten Kolumnen. Nicht dass ich mich jetzt mit dem treffsicheren Analysten der schweizerischen Gesellschaft vergleichen möchte, aber ich leide an ganz ähnlichen Symptomen.
Ich liebe es Zeitungen zu verschlingen, kann gute Bücher kaum weglegen, gehe nie ohne etwas Lesbares auf das stille Örtchen und lese sogar ab und zu die Publikationen meiner Vorgesetzten im betriebsinternen Postfach.

Klar, der Medienkritiker Zimmermann hat natürlich mit seiner Behauptung in der aktuellen Weltwoche nicht unrecht, dass in jeder Zeitung grundsätzlich das Gleiche steht, aber aus meiner beruflichen Tätigkeit weiss ich, dass man Wichtiges nicht genug wiederholen kann.
Jetzt, kurz vor Jahresfrist, wo der stramme Helvetier eigentlich auf Schnee(*) herumrutschen sollte, häufen sich in den Zeitschriften die Analysen zum aktuellen Jahr.
Rekorde, positive als auch negative, wollen verkündet werden und Rekorde gab es im ablaufenden Jahr zur Genüge!
Der schneereichste März, der feuchteste August, der heisseste Herbst, der tropischste November(*), der nicht kommen wollende Dezember, Rekordgewinne der Firmen, Rekordsaläre der Manager, Rekordstand der Aktienmärkte, grösste Anzahl Privatkonkurse aller Zeiten, Rekorddefizit beim Kurverein St. Moritz, teuerste Scheidung Englands, Massenentlassungen wie noch nie, späteste Saisoneröffnung am Corvatsch(*), die meisten Asse von Roger Federer und viele mehr.

Auch ich habe dieses Jahr Rekorde zu vermelden und einer dieser Rekorde betrifft eine der Publikationen meiner Firma, die ich immer ganz besonders gut studiere. Gestern war wieder Erscheinungstermin meines Einsatzplanes und gestern habe ich einen Rekord gebrochen, der unantastbar schien.
Sieben Freinächte (ohne Silvesterfeier) hat der Planungscomputer für mich vorgesehen und jagt mich dabei durch 36 Zeitzonen. Damit ich die Freude am Fliegen nicht ganz verliere, stehen in der Zeitspanne, wo stramme Helvetier immer noch auf Schnee herumrutschen(*), als Zugabe noch zwei Simulatorprüfungen an.
Bewohner von Altliegenschaften können übriges einmal ausprobieren, wie sich das anfühlt, einen Airliner durch den nächtlichen Himmel zu pilotieren. Man verlasse nach kurzem Schlaf um 3 Uhr in der Früh die warme Bettstadt, nehme dann einen harten Küchenstuhl, bewaffne sich mit einer Taschenlampe aus alten Armeebeständen und einem Kurzwellenradio, setze sich im kalten Keller vor den antiken Sicherungskasten, beleuchte diesen schwach, stelle den Kurzwellenempfänger auf Radio Moskau ein und versuche dann so lange wie möglich wach zu bleiben. Keine Angst, bei Anfängern ist es normal, dass sie nach ein paar Minuten einnicken. Gestandene Airlinepiloten bringen es nach 14 Dienstjahren dank intensivem Training auf Werte jenseits der zehn Stunden!

(*) Schneemangel im Engadin bereitet auch mir im Moment ziemliche Sorgen. Aber keine Angst, ich bin zurzeit mit der Lösung des Problems beschäftigt. Für eine bekannte Vodoo-Priesterin aus dem Engadin bin ich hier in Hongkong auf Einkaufstour. Neben Akupunkturnadeln, Ohrmagneten und getrockneten Seepferdchen, suche ich verzweifelt spezielle Räucherstäbchen (Moxa oder so?) zur Besänftigung von Frau Holle. Es ist noch nicht sicher, dass ich die Stäbchen noch diese Woche ergattere, werde aber nächste Woche wiederkommen. Schnee ist also in Sicht!

Kommentare:

  1. echt, dieser bericht ist ja wieder einmal hammermässig!

    da ich schon süchtig nach deinen berichten bin, sitze ich morgens zitternd am compi und hoffe, was neues von dir zu lesen!

    eigentlich solltest du noch viel mehr arbeiten - dann gibts auch viel mehr zu lesen!

    good return
    sm

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  2. wenn ich noch mehr 'krampfe', dann komme ich gar nicht mehr zum schreiben :-)

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  3. Oh. Bitte doch die helvetische Voodoo-Priesterin, ihren Schneezauber bis ins Allgäu auszuweiten. Da sieht es nämlich schneemässig noch viel trauriger aus als im Engadin, immerhin fehlen uns hier ein paar Höhenmeterchen, sowohl bei den Gipfeln als auch im Tal ...

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  4. Zusammen mit dem Vodoo-Zauber werden wir ein Käsefondue verspeisen. Das hat erstens noch nie geschadet und wirkt zweitens besänftigend auf allerlei Personen. Auch Frau Holle werden wir damit überzeugen.

    Liebe AllgäuerInnen, zieht die Schneeketten auf, bald herrscht Lawinengefahr!

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  5. Die Bettlektüren von Swiss, meinst du damit die LERAPs, und internen Publikationen, von denen es ja ach so wenige gibt?

    Auf welchen Flugzeugtypen warst du bisher?
    Auch MD-11?

    Was mich auch noch interessieren würde: Weshalb bist du noch immer ein F/O, nach 12 Jahren wird es doch langsam Zeit für einen Wechsel

    Gute Nacht.

    Gruss
    Philipp

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  6. moin nff,

    ich weiss zwar nicht ob ich es schon erwähnte, aber doppelt soll ja bekanntlich besser halten, auch ich möchte einmal sagen das Deine Blogs wirklich sehr gut sind. Nicht nur das sie in mir des einen oder anderen mal Neid erwecken,nein sondern auch noch Fernweh;-) Am liebsten würde ich gerne mal nach Japan und Sie dafür als Reiseleiter mitnehmen.
    Bei der Sache mit dem Nachtfliegen ist es bei mir wohl eher anders rum.
    Ich komm Morgens überhaupt nicht in Gang und Nachts bin ich Hellwach.Gut bins aus Job gründen nicht anders gewohnt.

    so dann man tau...

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  7. Herrlich, deine Einträge... hoffentlich landest du nach deinen zahlreichen Freinächten an deinen Lieblingsdestinationen; ich kämpfe mich nach und durch LAX.

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  8. Dein Wort in Petrus' Ohr!
    (ich werde umgehend wieder die Schneeketten in der alten Schüssel mitführen)

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  9. (...) und es schneit noch immer nicht :-(

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  10. Und so wie es sich anlässt, wird es wohl auch noch ne Weile dauern, bis es das tun wird :-((((

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  11. Ich habe gerade das umgekehrte Problem mit dem Schlaf: Mitternacht in München. Der Flieger steht an der Parkposition, die Nachtpost soll in einer Stunde verladen werden und in zwei Stunden soll es losgehen nach Hannover. Also wunderbar noch etwas Zeit für eine Mütze Schlaf im Sitz.

    Zehn Minuten nachdem ich weggedöst bin, kommt eine Kabinenkollegin ins Cockpit und fragt, ob sie als Passagier mit nach Hannover kommen könne. Na klar, kein Problem.

    Wieder eingenickt, wird die Türe von der Reinigungscrew aufgerissen mit der Frage, ob noch Müll im Cockpit vorhanden sei....Nein, aber danke der Nachfrage (eigentlich freue ich mich ja, wenn jemand seine Arbeit gründlich macht...).

    Gerade wieder eingenickt stürmt voller Elan ein Techniker ins Cockpit, er benötige nur kurz das technische Bordbuch, er müsse hier noch einen Check durchführen... Na gut...

    Weitere zehn Minuten später fährt ein Wägelchen der Frachtabteilung vor und bringt ein angekündigtes Auge, das zu einer Organtransplantation nach Hannover muss und selbstverständlich wird der etwas schlaftrunkene Kapitänsanwärter, wie es die Vorschrift gebietet, ausführlich über den Stauort informiert...

    Kurz bevor der nächste Schlaf einsetzt kommt auch schon die Lademannschaft der Post an Bord und freudestrahlend berichtet der Vorarbeiter der Mannschaft, daß sie heute besonders früh fertig sein würden. Ab diesem Zeitpunkt versuche ich erst gar nicht mehr einzuschlafen...;-))

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  12. Ja sehen Sie, ich bin gerade aus meinem Mittagsschlaf erwacht, versuche die Gedanken zu ordnen und bereite mich auf eine lange, sehr lange Nacht nach Hongkong vor.

    Dafür wartet dort Wanchai, Lan Kwai Fong, .....

    nff, in Dez 88 geplante Blockstunden PLUS 2 Tage Simulatorcheck :-/

    Übrigens: schön wieder einmal etwas von GF zu hören!

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  13. "...Dafür wartet dort Wanchai, Lan Kwai Fong, ....."

    Da wünsche ich Ihnen trotz des gedrängten Dienstplanes viel Spaß! Ich würde umgehend mitkommen, wenn mich mein Arbeitgeber ließe...

    Grüßen Sie mir das Joe Bananas und die Star Ferry!

    Alles Gute,

    Golfox

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