Mittwoch, November 08, 2006

moderne Kamikaze


Den typischen Schweizer zeichnet aus, dass er in der Ferne alles mit dem in der Heimat vergleicht und zum Schluss kommt, dass die Fremde schon ihren Reiz hat, aber im eigenen Ländle doch alles viel besser ist.
Wer jetzt glaubt, dass Berufsreisende wie ich einer bin, in dieser Angelegenheit grundsätzlich anders ticken, der täuscht sich gewaltig.

Natürlich betrachte ich die störenden Dinge in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur Sympathie, die ich zum fremden Land empfinde. So finde ich zum Beispiel in Jeddah praktisch alles ätzend, während ich hier in Japan die Sachen mit sehr viel mehr Verständnis betrachte.

Doch etwas stört mich unheimlich im lebendigen Tokyo und zwar die Radfahrer. Ich meine nicht die überarbeiteten Architekten, die weit nach Mitternacht ihre Runde auf den fast verkehrsfreien Strassen der schlafenden Metropole drehen, ich meine die modernen Kamikaze, die sich kompromisslos durch die Fussgängermassen auf den eh schon überfüllten Gehsteigen kämpfen und mit der altertümlichen Fahrradglocke schrille Warntöne von sich geben.

Nein, sie rasen nicht, sondern schlurfen langsam nahe an der kritischen Kippgeschwindigkeit und mit einer gespielten Lässigkeit von einer Gehsteigseite zur anderen, die für mich eher provokativ wirkt.

Wehe man macht als Fussgänger keinen Platz! Erbarmungslos spürt der Wegblockierer den schlecht gepumpten Reifen in der Kniekehle und das Ohr schmerzt vom gehässigen Kampfschrei.
Wenn der Tourist auch möchte, könnte er ein Sensorium für solche Annäherungen von hinten entwickeln und so den drohenden Konflikten aus dem Weg gehen, schliesslich hat der Radfahrer hier in Nippon das Recht, den Gehsteig zu benützen. Aber ich muss ehrlich sagen: ICH WILL DIESEN ROTZNASEN EINFACH KEINEN PLATZ MACHEN, ICH NICHT! Irgendwo hört die unterwürfige Anpasserei an fremde Kulturen in fremden Ländern auf. Ich erwäge ernsthaft, in Zukunft mit Nordic Walking Stöcken durch Tokyo zu laufen und ab und zu einen dieser Titanstangen zwischen die Speichen der aus meiner Sicht fehlbaren Fahrradlenker zu stecken.

So, das hat gut getan. Jetzt habe ich mir den Frust von der Leber geschrieben und kann wieder genüsslich in die (kulinarische) Welt meines Gastlandes eintauchen.
Apropos Eintauchen, beim Eintauchen eines Sashimi in die Wasabi-Soya Mischung habe ich mir die Sache noch einmal genauer überlegt. Vielleicht ist die japanische Lösung des Problems aus Sicht des Radfahrers doch nicht so schlecht, wenn man mit der Heimat vergleicht. In meinem Wohnort werde ich von den Fussgängern und der Polizei gekreuzigt, wenn ich mit dem Bike den Gehsteig benütze. Halte ich mich aber ans Gesetz und kurve auf der Strasse herum, werde ich bestimmt von einer SUV-fahrenden Hausfrau plattgewalzt.

Ich widme mich den Köstlichkeiten und lasse einmal offen, welche Lösung des Fussgänger-Radfahrer-Dilemmas besser ist.

Kommentare:

  1. Mir persönlich ist die Strasse lieber - auf den Gehwegen laufen einfach zuviele unberechenbare Wesen herum. Mir sind sowohl Menschen als auch Viecher schon aus völlig unersichtlichen Gründen plötzlich vors Bike gehüpft. Autos verahlten sich im Allgemeinen berechenbarer. Und auf der Strasse kommt man schneller vorwärts.

    Kleine Einschränkung: Das gilt für München, wo die Autofahrer an viele viele Radler gewöhnt sind. In meiner heimatlichen Kleinstadt kann es durchaus sein, dass der Fussweg die bessere Wahl ist ... da sind dann dafür die Fusswege um einiges leerer.

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  2. Einmal mehr scheint Toleranz die Lösung des Problemes. Ich probiere es heute im Moloch noch einmal aus.

    Gruss aus Nippon

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  3. Sehr geehrter Herr nff,

    ich kann sie beruhigen, Japan ist problemlos...
    Ich kam heute Morgen aus Seoul zurueck, wo _Motorraeder_ auf dem Trottoir unterwegs sind. Da faellt einem das Herz in die Hose. Hier in Japan hat man noch genuegend Zeit, zur Seite zu springen, wenn sich ein Fahrrad (zugegeben) von vorne naehert.

    Gruss aus Hiroshima,

    Pio

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  4. (...) da bin ich aber beruhigt! Trotz allem geniesse ich die Ruhe im Ueno Park - free Internet und kein rollender Verkehr.

    Gruss nach Hiroshima

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