Donnerstag, November 23, 2006

Hotelwechsel




Eine der ganz grossen Anforderungen an die Flexibilität der Flugbesatzungen sind Hotelwechsel. Hotelzimmer sind unsere zweite Heimat, Hotelbetten unser Wiegenersatz und Hotellobbies unsere temporäre Wohnstube.
Auch an die Umgebung der Ersatzwohnung hat man sich während den Jahren gewöhnt. Busfahrpläne sind gespeichert, Starbucks Standorte bekannt, Bars eingesoffen, offene WLAN Netze ausgespäht und Einkaufsläden ausprobiert.
Jetzt kommt einer dieser Manager, der einem das Leben sonst schon schwer genug macht, sieht ein Sparpotenzial, setzt es um, steigert den EBB (earning before boni), spekuliert auf eben einen dieser und schwups findet sich der hilflose Copilot in einem fremden Stadtquartier und einem kleineren Hotelzimmer wieder. So geschehen in Hongkong.

Was aus der Sicht des männlichen Copilots unangenehm klingt, ist für die weiblichen Flugbegleiterinnen schlichtwegs katastrophal. Der überwiegende Teil meiner Kolleginnen frönt einer Sportart, die auf der Welt wohl einzigartig ist und exklusiv hier in Hongkong betrieben wird. «Market-Triathlon» nennt sich die kraftraubende Betätigung und besteht, wie es der Name es schon sagt, aus drei Disziplinen. Nach der Ankunft im Hotel geht es auf schnellstem Weg zum «Night-Market», wo Ramsch bis zum Zusammenbruch ergattert wird, am Morgen wartet zum Frühstück der «Stanley-Market» und noch vor dem Abflug ist ein Besuch im «Ladies-Market» ein Muss. Gut durchtrainierte Hardcore-Triathletinnen finden zwischendurch noch Zeit für einen kurzen Höflichkeitsbesuch im «Esprit-Outlet» und/oder im «Giordanos».
Mit dem Standort des neuen Hotels auf der Insel Hongkong wird der Zeitplan der Ausdauershopperinnen gehörig durcheinandergeschüttelt. Fahrtwege verlängern und verteuern sich und dadurch werden das Zeit- und Geldbudget empfindlich geschmälert.

Verglichen mit den oben beschriebenen Problemen sind die Männlichen vernachlässigbar. Ich weiss, dass meine neue Unterkunft in Wanchai steht und ich weiss, dass es in Wanchai von guten Kneipen nur so wimmelt. Die schwierige Entscheidung, ob man nach dem Verlassen des Hotels links oder rechts drehen muss, nehmen mir zwei Kollegen ab und keine fünf Minuten später geniessen wir auch schon die Vorzüge der fast endlosen Happy-Hour, in der das Bier zum halben Preis serviert wird.
Es wird gelacht, getrunken, über Kapitäne gelästert und mit anderen Crews diskutiert. Lokale werden gewechselt, das Bier und die Themen bleiben aber die Gleichen. Weit über Mitternacht hinaus verlasse ich die fidele Runde und mache mich alleine auf den Heimweg. Zielstrebig wie immer steuere ich, überzeugt davon die Navigation fest im Griff zu haben, in die erste Seitenstrasse hinein. Zweimal rechts, dann bin ich da – oder war es links oder gar gerade aus?
Entnervt besteige ich ein Taxi, der Fahrer schmunzelt als ich ihm den Zettel mit der Hoteladresse hinhalte, stellt den Blinker, fährt einmal um den Block und hält nach genau 83 Fahrsekunden vor meiner Bleibe an.
Mit der Erkenntnis, dass die Kneipen eingesoffen sind, der Heimweg aber noch nicht im Griff ist, schlief ich auf der harten Unterlage meines Bettes ein. Wie ich schon gesagt habe, ein Hotelwechsel stellt höchste Anforderungen an die Flexibilität der Flugbesatzungen.

Kommentare:

  1. Die Geschichte erinnert mich an eine Rotation, die ich mal erleben durfte. Mein "Alter" wollte mir unbedingt ein gutes Restaurant zeigen... wir rannten durch die halbe Stadt, von Ecke zu Ecke. Der Erfolg blieb aus. Frustiert musste er im Hotel von der belustigten Crew erfahren, dass dieses sich wohl in einer anderen Stadt befindet... doch nicht alles gespeichert.

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  2. (...) Fliegen macht definitiv nicht gescheiter :-)

    Gruss an den "Alten"

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  3. Aber in Hong Kong bekommt man doch hauffenweise Ginseng-Tabletten. Diese sollten doch das Gehirn aktivieren ? oder waren es die Seepferdchen... auf jeden Fall erhältlich auf dem Night Market / Ladies Market / Stanley Market...
    Liebe Grüsse AL

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  4. ...richte ich gerne aus. Dieser geniesst momentan im Engadin die Ruhe vor dem Sturm.

    Gruss

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  5. Liebe AL

    Hättest ja recht, wäre da nicht das legendäre Joe Bananas (...).
    Es ist zwar nicht mehr wie früher (nichts ist mehr wie früher!), aber es reicht allemal, die Wirkung der gerösteten Seepferdchen zu neutralisieren.

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  6. Hallo NFF
    Ich kann mir kaum vorstellen, dass Pilot ein solch mieser Job ist. Allerdings ist dein Bericht eine gute gegenseite zu den traumhaften Klisches. Zu Giordano muss ich sagen, diese Marke gefällt mir auch, ich erhalte öfters solche Kleidung. Ich wollte wissen, da ich sowieso ein Fan von Aviatik, insbesondere Swiss bin, wie das Klima während der Arbeit und während den Hotelaufenthalten ist.
    Ich kenne einen MD-11 Captain, der 28 Jahre bei der Swissair arbeitete. Von Swiss kenne ich lediglich einige Leute aus dem Cockpit, die ich auf 30000 feet kennengelernt habe, als ich auf die Aussichtsplattform des Flugzeuges durfte. Ich weiss, dass früher bei Swissair alles besser war, aber wie ist es, für Swiss zu arbeiten?

    Gruss
    Philipp

    Falls du Interesse hast, und die Seite noch nicht kennst, besuche doch mal www.swiss-va.com . ist wirklich interessant :D

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  7. Hallo Philipp

    Nein, schlecht ist der Job es Piloten natürlich nicht, ABER ....

    (...) die Zeitverschiebung nagt nach 11 Jahren Langstreckenfliegerei ziemlich an der Gesundheit

    (...) wird der Job durch ständig neue Vorschriften immer eintöniger

    (...) wird langsam UNGESUND viel gearbeitet

    (...) und und und

    Diese Liste kann natürlich jeder erstellen, der im Berufsleben steht. Ich hab immer noch Spass an der Tätigkeit, sehe aber nach 14 Jahren am Knüppel die Nachteile der Fliegerei sehr wohl.

    Gruss in die virtuelle Welt!

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