Sonntag, Oktober 01, 2006

Sonntagsdienst in den Bergen














Egal welche Zeitzone, egal welcher Kontinent, egal welche Stadt, wenn am Sonntagmorgen der Wecker um 0400 Uhr klingelt, ist die Stimmung nicht die Beste.
Der Regen peitscht an die Hotelscheiben, für einmal schweigen die Autohupen und nur, wer unbedingt muss, reibt sich um diese Uhrzeit die müden Augen.

In São Paulo scheint an diesem Sonntagmorgen keine Seele Lust an der Arbeit zu verspüren. Die Lichter im Hotelgang sind dermassen gedimmt, dass ich aus meinen müden Augen alles herausholen muss, um den Weg zum Lift zu finden.

Rumpelnd erreicht der Aufzug, der so alt ist, dass sein Fabrikat mich an den Namen meiner Nachbargemeinde erinnert, sein Ziel in der Lobby und spuckt mich in einer grossen dunklen Halle aus.
Der Nachtportier döst und erschrickt, als ich mit meinem quietschende Rollkoffer um die Ecke biege. Sein sonst so melodiöses «bõ 'dia» erklingt zu so früher Morgenstunde etwas belegter.

Erwartungsgemäss bin ich der Erste der Crew am improvisierten Frühstückstisch und geniesse die Ruhe vor dem Sturm. Ein leichtes Vibrieren kündigt die Ankunft eines weiteren Fahrstuhles an. Top gestylt, aber auch mit sehr kleinen Sehschlitzen, sucht ein Flight-Attendant in der Finsternis den Kaffeeautomaten.
Ich beobachte sie und weiss genau, was für eine Frage nach der kurzen Begrüssung folgt. Es ist eine Frage, die aus Verlegenheit gestellt wird um die fast peinliche Stille zu durchbrechen und wird nie ehrlich beantwortet. Diese Frage ist intim und trotzdem belanglos, sie wird heute von allen gestellt, die Antwort interessiert aber keinen. Sie ist nett gemeint und nervt enorm um 4 Uhr in der Früh. Ich verabscheue diese Frage, höre sie aber seit 13 Flugjahren viel zu regelmässig.

Das erwähnte Flight-Attendant steuert mit einer dampfenden Tasse voller Kaffee auf mich zu, lächelt freundlich, atmet tief ein und fragt mit einem Strahlen auf dem Gesicht. «So, gut geschlafen?» Ich grinse zurück, begrüsse sie ebenso höflich und antworte wie aus einem Gewehr geschossen: «Ja, super!»
Ich hasse mich für diese Lüge.

Ach ja, gearbeitet habe ich heute auch noch. Der wohl schönste Flug des Streckennetzes stand auf dem Programm und dieser brachte mich von São Paulo über die Anden nach Santiago de Chile. Dies entschädigt für einiges und lässt den harzigen Start in den Sonntag vergessen.

Kommentare:

  1. Um 4 Uhr in der Früh, nervt mich jede Frage. Gut gemeint oder nicht. Freundlich oder nicht. Belanglos oder ernsthaft. Gute Nacht.
    ;-)

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  2. ich hätte doch pilot werde sollen. bei der aussicht. aber wenn ich mir so das clipboard ansehe. ich würde glaubs nicht mit einer 5 monate alten karte rumfliegen.

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  3. Auch für mich als Pax, der kürzlich just GRU-SCL mit der Swiss gefolgen ist, waren die Aussichten auf beiden Seiten der halbleeren Kabine atemberaubend. Insbesondere hatte ich den Eindruck, dass der Sinkflug nach Santiago wegen der Berge sehr steil war - ist das so? Gracias y saludos.

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  4. @mgb:
    Apropos alte Karte, ich hab doch immer mein GPS im Hosensack :-)

    @airoli:
    Stimmt, man muss schon etwas runterstechen, liegt aber innerhalb des Normalen

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  5. echt schöne bilder und netter bericht! ich will auch endlich fliegen ;)

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