Montag, Oktober 30, 2006

Hardcore Tokyo

Eine Tokyorotation kann man auf zwei verschiedene Arten überleben. Egal wie das Problem des Schlafens angegangen wird, am Ende steht eine Freinacht mehr auf dem eigenen Konto.
Die Gründe sind schnell erklärt; 8 Stunden Zeitverschiebung, eine Landung in den frühen Morgenstunden Lokalzeit, ein Start einige Tage später zu einer Zeit, in der die europäischen Fliegerkörper dringend Ruhe bräuchten und letztendlich ein faktisch nicht vorhandenes Unterhaltungsprogramm, durch das schlaflose Mitglieder der fliegenden Zunft in der Nacht etwas abgelenkt würden.

Also jetzt zu den zwei Varianten der Überlebensstrategie. Zum Ersten wäre da die Strategie der Warmduscher. Warmduscher - das sind 99% der Crews - fallen nach der Landung um etwa 0900 Uhr Lokalzeit in einen komatösen Tiefschlaf, träumen wirre Sachen und erwachen kurz vor Abfahrt des letzten Busses, der die Hotelgäste in das nahe gelegene Städtchen Narita bringt. Warmduscher sind dann hellwach, wenn sich die Dunkelheit über Japan legt und die ersten Restaurants bereits wieder schliessen. Für die Warmduscher beginnt dann die hektische Phase ihres Tagesablaufes. In den drei noch offenen Restaurants sind die Plätze rar, denn die vereinigten Warmduscher aller Herren Länder wollen sich in den vier Stunden zwischen dem letzten Bus von Hotel in das Städtchen bis zum letzten Bus vom Städtchen ins Hotel verpflegen und allenfalls ein paar Bierchen heben.
Kurz nach Mitternacht beginnt dann die einsame Phase (oder evtl. die Phase des Einsamens) in den Zimmern der Warmduscher. Man isst räumlich getrennt trockene Darvida Kekse und schlürft dazu Instantsuppe aus der Crewschublade.
Das geht gut bis zur letzten Nacht vor dem Abflug. In dieser ominösen Nacht versuchen die Warmduscher mit aller Gewalt, die oben beschriebene Freinacht zu vermeiden. Brav geht man um 23 Uhr ins Bett. Dreht sich wie an der prallen Sonne am Strand von Dubai vorbildlich alle 5 Minuten von einer Seite auf die Andere und hofft, dass der Körper und Geist endlich Schlaf finden. Der Wunsch geht in der Regel ein paar Minuten vor den Weckruf in Erfüllung.
Warmduscher sind keine Japanliebhaber, kennen in diesem Land nur drei Restaurants, meinen Darvida Kekse seien ein typisch japanisches Gericht und sind beim Heimflug nicht immer bestens gelaunt.

Das andere Prozent der Crews lebt nach der «Hardcore-Tokyo-Strategie». Der Leitsatz lautet: «Schlafen, wenn Japan auch schläft». Nach der Landung nimmt der Hardcoretyp eine kalte Dusche und setzt sich in den nächsten Zug nach Tokyo. Tokyo ist eine wunderbare Stadt und hält einem vom Müssiggang ab.
Ich gehöre selbstredend zur Hardcorefraktion. So bin ich heute Morgen subito an den Bahnhof gefahren und habe mich in den Schnellzug mit Destination Hauptstadt gesetzt. Getreu dem Motto « Schlafen, wenn Japan auch schläft», frönte ich nach ein paar Minuten dem Tiefschlaf. Natürlich hat so ein langer Lulatsch wie ich nach 11 Stunden Sitzen im Cockpit und eine weitere im Zug gehörig Rückenschmerzen. Dies wiederum veranlasste mich, im Thermalbad mitten in Tokyo kurz vorbei zu schauen und meinen Hintern in die warmen Tümpel zu setzen. Besonders angetan hat es mir ein 38° warmes Becken gefüllt mit einer gelblichen Flüssigkeit, die scheinbar etwas mit dem Fisch 'Sole' zu tun hat. In diesem Solebad legte ich mich flach ins seichte Wasser, genoss die Temperatur, die bei den Warmduschern zur gleichen Zeit unter dem Duvet herrschte, und nickte prompt dabei ein.
Hustend erwachte ich mit einem salzigen Geschmack im Mund und wusste für einen ganz kurzen Moment nicht, auf welchem Planeten ich mich gerade befinde.
Eine stündige Rückenmassage folgte und frisch wie ein gepelltes Ei verliess ich mit leicht geröteten Augen die Wellnessstätte. Hardcoretypen wie ich müssen damit leben, dass der Körper nach 24 Stunden ohne Schlaf das Gespür für die Sinne verliert und Signale des Organismus nicht mehr so genau interpretieren kann. So sind mir zum Beispiel während der ausgezeichneten Massage wegen 'nicht beherrschen des Überdruckventiles' übelriechende Winde entflohen, was im vollbesetzten Saal doch eher peinlich war.
Auch das Hungergefühl fehlte nach über 12 Stunden ohne Nahrung aus unerfindlichen Gründen und erst, nachdem ich den ersten Teller Gyoza vor mir hatte, knurrte der Magen gut hörbar für den Rest der Gaststätte.
Die gute und sehr erfahrene Wirtin hatte Verständnis und stellte mir 4 Teller mit den Köstlichkeiten vor mein Blickfeld. Im Nu waren die 20 Stück Teigtaschen verschwunden und nur Insider können verstehen, was dies bedeutet.
Man sieht aus diesen Schilderungen deutlich, Warmduscher verpassen einiges in diesem wunderbaren und exotischen Land.
Ich habe meine obligate Freinacht bald hinter mir und freue mich auf die kommenden Nächte, in denen ich mit grosser Wahrscheinlichkeit durchschlafen werde. Die Bettdecke wartet schon auf mich und bald, sehr bald, falle ich in einen Tiefschlaf, während draussen dunkle Nacht herrscht.
Ausgeruht werde ich in ein paar Tagen meine Schicht antreten und von Erlebnissen und Abenteuern aus ganz Japan berichten.
Hardcoretypen sind ausgeschlafene, in Japan viel herumgekommene Individuen, die man an der guten Laune am Tage des Abfluges erkennt. Eine gewisse Schadenfreude ist den Personen aus diesem Kreis nicht abzusprechen. So auch mir, denn grosse Freude bereitet mir jeweils die Frage, die ich beim grossen Wiedersehen vor dem Abflug an die Warmduscherfraktion stelle: «So, gut geschlafen?»
Hardcoretypen werden trotz guter Laune nicht immer geliebt…….

Kommentare:

  1. So sind mir zum Beispiel während der ausgezeichneten Massage wegen 'nicht beherrschen des Überdruckventiles' übelriechende Winde entflohen, was im vollbesetzten Saal doch eher peinlich war.


    "Das waren doch noch die Knoblauch-Rips... Die haben halt in Japan noch ihre Nachwehen entwickelt..."

    PS: wir gehen auch zur Fraktion Warmduscher... Einfach anders rum...

    Liebs Grüessli
    SM

    S=Sébi
    M=Mäse

    nicht was Du gedacht hast...

    Viel Spass und gute Nacht in Japan...

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  2. gehören... wollte ich sagen... nicht gehen....

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  3. Es müssen die Spare Rips schuld sein!
    Die Japaner werden es mir verzeihen!

    Gruss aus Narita

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  4. Hallo NFF
    Ich muss sagen, deine Berichte sind einfach genial. Kann man irgendwo etwas zu deiner Person erfahren, oder behältst du das ganze geheim, wie deinen richtigen Namen?
    Gruss PMM :D

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  5. Hallo NFF
    na du Cardcorer... hoffe, dass Du dann zu Hause auch wieder schlafen kannst...und nicht Dein Gspändli die ganze nacht nervst.. sie muss doch lernen !!!

    LG
    AL

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