Dienstag, Oktober 31, 2006

leichtbekleidete Mädchen

Gut geplant habe ich den heutigen Tag in der Millionenmetropole Tokyo in Angriff genommen. Nach befriedigendem Schlaf von satten sieben Stunden stand ich mit der Sonne auf und zog mit ihr gegen Westen.
Von Narita über Shinjuku zum Okutamake See genoss ich wenig später den Service der japanischen Staatsbahnen und freute mich auf die Wanderung entlang dem Tamagawa River im Westen der Präfektur Tokyo. Ein Faltprospekt, freundlich überreicht vom nationalen Touristenamt, schwärmte in höchsten Tönen von der goldigen Herbststimmung in diesem hügligen Naturreservat. Ich freute mich dementsprechend.
Je näher aber das Ende meiner dreistündigen Bahnfahrt kam, desto schwerer viel es mir, die unzähligen Buchstaben in meinem mitgebrachten Buch zu entziffern. Die Augenlieder wurden schwerer, die Halsmuskulatur bekundete Mühe, den Kopf gerade zu halten und es kam, wie es kommen musste; ich schlief einmal mehr während einer Zugfahrt ein.
Viele Momente später, als der Nacken schmerzte und mich ein Sitznachbar mit seiner Tasche unfreiwillig schupste, erwachte ich endlich aus meinen Träumen und realisierte, dass der Zug in die falsche Richtung fuhr.
Eine neuerliche Umkehr zum Ort meiner Begierde mit der goldenen Herbststimmung schien wegen der abendlichen Verabredung im Herzen von Tokyo unmöglich und so stellte ich ein Alternativprogramm auf die Beine.
Wenn schon nicht durch die Wälder, dann wenigstens durch die Pärke von Tokyo schlendern. Der Yoyogipark mit seinen unzähligen Pfaden bot sich geradezu an und so entstieg ich dem komplizierten S-Bahnnetz an der Station Harajuku.

Ein ungewöhnliches Bild präsentierte sich mir vor dem Eingang zum lebhaften Park. Wo sich sonst ausgeflippte Japanerinnen und Japaner mit schrägen Outfits treffen, standen heute leichtbekleidete und gross gewachsene Mädchen aus allen Herren Ländern herum.
Nach langem Suchen fand sich endlich eine Person, die etwas Englisch sprach und diese erklärte mir, dass heute die Frauen Volleyball Weltmeisterschaft schräg über die Strasse eröffnet wird.
Das musste ich mir doch ansehen! Vor Wochenfrist konnte ich mich überhaupt nicht für den Besuch des Formel 1 GP in Sao Paulo begeistern, aber Frauen Volleyball (…).

So sitze ich jetzt im vollen Stadion umgeben von kreischenden Volleyballbegeisterten und frage mich ernsthaft, warum sich Männer für Autorennen interessieren, wenn es doch diesen ziemlich aufregenden Sport gibt?

Ach übrigens: Im Moment spielt Japan gegen Brasilien. Spielstand? Keine Ahnung!

Montag, Oktober 30, 2006

Hardcore Tokyo

Eine Tokyorotation kann man auf zwei verschiedene Arten überleben. Egal wie das Problem des Schlafens angegangen wird, am Ende steht eine Freinacht mehr auf dem eigenen Konto.
Die Gründe sind schnell erklärt; 8 Stunden Zeitverschiebung, eine Landung in den frühen Morgenstunden Lokalzeit, ein Start einige Tage später zu einer Zeit, in der die europäischen Fliegerkörper dringend Ruhe bräuchten und letztendlich ein faktisch nicht vorhandenes Unterhaltungsprogramm, durch das schlaflose Mitglieder der fliegenden Zunft in der Nacht etwas abgelenkt würden.

Also jetzt zu den zwei Varianten der Überlebensstrategie. Zum Ersten wäre da die Strategie der Warmduscher. Warmduscher - das sind 99% der Crews - fallen nach der Landung um etwa 0900 Uhr Lokalzeit in einen komatösen Tiefschlaf, träumen wirre Sachen und erwachen kurz vor Abfahrt des letzten Busses, der die Hotelgäste in das nahe gelegene Städtchen Narita bringt. Warmduscher sind dann hellwach, wenn sich die Dunkelheit über Japan legt und die ersten Restaurants bereits wieder schliessen. Für die Warmduscher beginnt dann die hektische Phase ihres Tagesablaufes. In den drei noch offenen Restaurants sind die Plätze rar, denn die vereinigten Warmduscher aller Herren Länder wollen sich in den vier Stunden zwischen dem letzten Bus von Hotel in das Städtchen bis zum letzten Bus vom Städtchen ins Hotel verpflegen und allenfalls ein paar Bierchen heben.
Kurz nach Mitternacht beginnt dann die einsame Phase (oder evtl. die Phase des Einsamens) in den Zimmern der Warmduscher. Man isst räumlich getrennt trockene Darvida Kekse und schlürft dazu Instantsuppe aus der Crewschublade.
Das geht gut bis zur letzten Nacht vor dem Abflug. In dieser ominösen Nacht versuchen die Warmduscher mit aller Gewalt, die oben beschriebene Freinacht zu vermeiden. Brav geht man um 23 Uhr ins Bett. Dreht sich wie an der prallen Sonne am Strand von Dubai vorbildlich alle 5 Minuten von einer Seite auf die Andere und hofft, dass der Körper und Geist endlich Schlaf finden. Der Wunsch geht in der Regel ein paar Minuten vor den Weckruf in Erfüllung.
Warmduscher sind keine Japanliebhaber, kennen in diesem Land nur drei Restaurants, meinen Darvida Kekse seien ein typisch japanisches Gericht und sind beim Heimflug nicht immer bestens gelaunt.

Das andere Prozent der Crews lebt nach der «Hardcore-Tokyo-Strategie». Der Leitsatz lautet: «Schlafen, wenn Japan auch schläft». Nach der Landung nimmt der Hardcoretyp eine kalte Dusche und setzt sich in den nächsten Zug nach Tokyo. Tokyo ist eine wunderbare Stadt und hält einem vom Müssiggang ab.
Ich gehöre selbstredend zur Hardcorefraktion. So bin ich heute Morgen subito an den Bahnhof gefahren und habe mich in den Schnellzug mit Destination Hauptstadt gesetzt. Getreu dem Motto « Schlafen, wenn Japan auch schläft», frönte ich nach ein paar Minuten dem Tiefschlaf. Natürlich hat so ein langer Lulatsch wie ich nach 11 Stunden Sitzen im Cockpit und eine weitere im Zug gehörig Rückenschmerzen. Dies wiederum veranlasste mich, im Thermalbad mitten in Tokyo kurz vorbei zu schauen und meinen Hintern in die warmen Tümpel zu setzen. Besonders angetan hat es mir ein 38° warmes Becken gefüllt mit einer gelblichen Flüssigkeit, die scheinbar etwas mit dem Fisch 'Sole' zu tun hat. In diesem Solebad legte ich mich flach ins seichte Wasser, genoss die Temperatur, die bei den Warmduschern zur gleichen Zeit unter dem Duvet herrschte, und nickte prompt dabei ein.
Hustend erwachte ich mit einem salzigen Geschmack im Mund und wusste für einen ganz kurzen Moment nicht, auf welchem Planeten ich mich gerade befinde.
Eine stündige Rückenmassage folgte und frisch wie ein gepelltes Ei verliess ich mit leicht geröteten Augen die Wellnessstätte. Hardcoretypen wie ich müssen damit leben, dass der Körper nach 24 Stunden ohne Schlaf das Gespür für die Sinne verliert und Signale des Organismus nicht mehr so genau interpretieren kann. So sind mir zum Beispiel während der ausgezeichneten Massage wegen 'nicht beherrschen des Überdruckventiles' übelriechende Winde entflohen, was im vollbesetzten Saal doch eher peinlich war.
Auch das Hungergefühl fehlte nach über 12 Stunden ohne Nahrung aus unerfindlichen Gründen und erst, nachdem ich den ersten Teller Gyoza vor mir hatte, knurrte der Magen gut hörbar für den Rest der Gaststätte.
Die gute und sehr erfahrene Wirtin hatte Verständnis und stellte mir 4 Teller mit den Köstlichkeiten vor mein Blickfeld. Im Nu waren die 20 Stück Teigtaschen verschwunden und nur Insider können verstehen, was dies bedeutet.
Man sieht aus diesen Schilderungen deutlich, Warmduscher verpassen einiges in diesem wunderbaren und exotischen Land.
Ich habe meine obligate Freinacht bald hinter mir und freue mich auf die kommenden Nächte, in denen ich mit grosser Wahrscheinlichkeit durchschlafen werde. Die Bettdecke wartet schon auf mich und bald, sehr bald, falle ich in einen Tiefschlaf, während draussen dunkle Nacht herrscht.
Ausgeruht werde ich in ein paar Tagen meine Schicht antreten und von Erlebnissen und Abenteuern aus ganz Japan berichten.
Hardcoretypen sind ausgeschlafene, in Japan viel herumgekommene Individuen, die man an der guten Laune am Tage des Abfluges erkennt. Eine gewisse Schadenfreude ist den Personen aus diesem Kreis nicht abzusprechen. So auch mir, denn grosse Freude bereitet mir jeweils die Frage, die ich beim grossen Wiedersehen vor dem Abflug an die Warmduscherfraktion stelle: «So, gut geschlafen?»
Hardcoretypen werden trotz guter Laune nicht immer geliebt…….

Sonntag, Oktober 22, 2006

BRASIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIL!

"FILIPPO MASSO DOOOOOOOOOOOOO BRASIIIIIIIIIIIIIIIL"

Träume Ich? Wo immer ich mich im Moment befinde, mein Geist ist noch nicht angekommen. Müde wälze ich mich im Bett und versuche weiter zu dösen.

"FILIPPO MASSO DOOOOOOOOOOOOO BRASIIIIIIIIIIIIIIIL"

Schon wieder dieser Schlachtruf aus unbekannter Quelle. Meine verklebten Sehschlitze öffne ich vorsichtig und ein Blick auf die im Moment noch viel zu kleinen Ziffern der Uhr bestätigen, dass der Tag in Sao Paulo langsam zu Ende geht.
Vom draussen klingen laute Gesänge von der Hauptstrasse bis zu meinem Zimmer im 15. Stock und stimmen immer wieder die gleiche Melodie an:

"FILIPPO MASSO DOOOOOOOOOOOOO BRASIIIIIIIIIIIIIIIL"

Langsam erreicht mein Denkzentrum Betriebstemperatur und ich realisiere, dass nicht weit von unserem Hotel der Grand Prix zu Ende gegangen ist. Als Leser der Sportseiten will ich natürlich auch wissen, wie die Raserei in Interlagos ausgegangen ist. Nach langem Graben unter den Bettdecken finde ich die Fernbedienung und bereits der erste Sender hat die Bilder zur Schlacht auf dem Asphalt bereit. Der Kanal zeigt wie eine alte Vinyl-Schallplatte die hängen geblieben ist, immer wieder den Zieleinlauf des roten Blitzes und ein überglücklicher Herr mit kräftiger Stimme kantiert den vielgehörten Kurzsong:

"FILIPPO MASSO DOOOOOOOOOOOOO BRASIIIIIIIIIIIIIIIL"

Aha, Rot ist also nicht automatisch gleich Schuhmacher und ich begreife, dass der kleine Massa wieder einen Schritt mehr aus dem Schatten des übermächtigen Senna getreten ist. Eine Dusche kann nicht schaden und ich schleiche vorsichtig Richtung Bad. Den Fernseher lasse ich an und widme mich behutsam meiner Körperpflege.
Während ich mit der Zahnbürste vorsichtig die oberen Beisserchen bürste, wendet sich das Sportvolk in Brasilien vom Rennsport ab und schwenkt zum Fussball über.
Eine der zahlreichen Profimannschaften der Hauptstadt spielt mediengerecht inszeniert in der Provinz gegen ein anderes Team.
Schon nach wenigen Sekunden wird die Baritonstimme des Sprechers wieder gefordert, denn ein Lokalheld hat die Hauptstädter in Führung geschossen.

"GOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOL"

Dies interessiert mich wenig, denn ich habe nach langem Pröbeln die richtige Duschwassermischung gefunden und geniesse den warmen Strahl, während ich mich gründlich einseife.
So eine Dusche wirkt Wunder nach einem langen Nachtflug und einem kurzen Abstecher danach in das 'scharfe Eck'.

"GOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOL"

Schon wieder hat ein Fussballer getroffen. Das Spiel scheint entschieden, noch bevor ich die Haare fertig eingeschäumt habe. Meine Einschätzung teilen unzählige Sportbegeisterte im Hotel, in der Umgebung und in der ganzen Stadt. Langsam und von mir unbemerkt steht eine Masse von Personen vom Sofa auf, schleicht langsam Richtung Toilette, lässt das überzählige Bier ab und drückt unbedacht auf die Taste, die ein paar Liter Wasser in die Kanalisation entlässt.
Der Wasserdruck fällt zusammen, Kaltwasser rinnt spärlicher als das unter Boilerdruck stehende Heisswasser und die Zimmer in den höheren Lagen sind kurzzeitig vom kalten Frischwasserkreislauf unterbrochen.
Ich hechte mit eingeschäumtem Kopf und geschlossenen Augen aus der Dusche, verfluche das Wassersystem in Brasilien und mache dem Fernsehreporter mit einem sehr lauten

"SCHEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIIIIIIIISSE"

gehörig Konkurrenz.

Freitag, Oktober 13, 2006

Volltreffer


Heute ausprobiert:
Mit dem Wanderpass für 29.- (inkl Mittagessen!) auf den Stoos und siehe da, der Nebel war weg :-)

Dienstag, Oktober 10, 2006

sPINner


Vor genau 13 Jahren erhielt ich eine Uniform aus dem Hause «Schild» mit dicken goldenen Streifen und einem Hut, der übrigens nie auf meinen grossen Kopf passte. Diese Uniform war das Eintrittsticket in ein Experiment, das mich seitdem nicht mehr losgelassen hat.
Schnell habe ich gespürt, dass ich anscheinend Glück hatte und in eine ziemlich heile Welt hinein geraten bin.
Meine Kollegen schienen glücklich, hatten ausser einigen Scherereien mit der Ehefrau und ein paar hübschen Mädchen aus dem Experiment keine Probleme, trugen goldene Pins am Revers die sie als Sportwagenfahrer und Mitglieder exklusiver Gilden auszeichnete und zusammen erstiegen wir jeden Morgen eine sauteure Aluminiumröhre, die Menschen an Orte verfrachtete, an denen sie etwas Glück und Abwechslung suchten.
Die Jahre vergingen wie im Fluge, aus den zwei goldenen Streifen wurden deren Drei und auch bei mir häuften sich die Scherereien mit Lebenspartnerin und hübschen Mädchen aus dem Experiment. Kurz, ich integrierte mich prächtig.

Der Versuchsleiter beobachtete meine Fortschritte mit Wohlwollen und als Überraschung stand plötzlich eine viel grössere Aluminiumröhre vor der Garage, ich musste nur noch viel Mal im Monat antreten und statt 127 Glückssucher, verfrachtete ich fortan 400 Probanden in ferne Länder.
Nicht alles wendete sich aber zum Besten. Die hübschen Mädchen in der grösseren Röhre waren deutlich älter als die in der Kleinen, meine Kollegen trugen Pins von Oldtimern statt von schnittigen Sportwagen und die an einer Handtasche einer Kollegin prangerte der Spruch «I'm here to safe your ass, not to kiss it».

Überhaupt nahm das Bedürfnis der Experimentteilnehmer sichtbar zu, Botschaften über kleine Ansteckknöpfe an der Uniform mitzuteilen. Mitgliedschaften in Gewerkschaften wurden ebenso stolz zur Schau gestellt, wie die Nationalität des momentanen Lebenspartners. Man zeigte Solidarität mit allerlei Völkergruppen und stand tapfer Pate, für die im Wochentakt neu erscheinenden Managementslogans.

Von gut informierten Quellen weiss ich, dass die oben beschriebene Pinflut im direkten Zusammenhang mit der langsamen Verschärfung der Rahmenbedingungen im geschlossenen Experiment stehen. Die Leute fühlten sich zunehmend unwohl und spürten die subtilen Foltermethoden der Versuchsleitung immer deutlicher. So werden wir regelmässig in enge Karbäuschen gesperrt, schauen stundenlang ins direkte Sonnenlicht, bekommen dabei Kopfweh, unterhalten uns in einer in einem Buch festgeschriebenen Geheimsprache (fully left – fully right – neutral – CHECKED), müssen danach literweise Gerstensaft trinken damit die Niere nicht zur Kiesgrube wird und verbringen als Abwechslung eine weitere Nacht im stockdunklen Karbäuschen mit Schlafentzug.

Logisch, dass die Teilnehmer aufmüpfig werden und logisch, dass sie diesen Unmut kommunizieren wollen. Aber auch die Experimentsleitung hat die Zeichen der Zeit erkannt und lässt Pins kiloweise an die Teilnehmer verteilen. Fähnchen vom neuen Allianzpartner, Fähnchen vom noch neueren Allianzpartner mit einem Beilagezettel, den Pin des alten Allianzpartners doch bitte zu zerstören, Fähnchen von der neuen Besitzerin, die liebevoll «Mutti» genannt wird, Fähnchen von der nationalen Ferienagentur und für die Experimentsteilnehmer mit den dicken goldenen Streifen als Zugabe ein Flügelsymbol aus Gold, das bitteschön mit Stolz getragen werden soll.

Ohne es zu merken, hat die ganze Pinproduktion die Experimentsleitung in finanzielle Schwierigkeiten gebracht und es musste gespart werden. Vergütungen wurden kleiner und die Folter in den Karbäuschen länger. Produktivitätssteigerung war das richtige Wort dafür.

Und wie haben die Experimentsteilnehmer darauf reagiert? Natürlich mit Pins! Eine Gruppe aus dem Experiment schmückte sich mit einem gelben Band im Knopfloch. Was für eine Provokation bei einer dunkelblauen Uniform, grünem Lidschatten und einem rot-weiss-blauen Foulard! Die nächste Berufsgruppe befestigte eine orange-rote Plakette über das mit Stolz zu tragende goldene Flügelsymbol und beobachtete richtig: «on board».
Nicht besonders grosses Fingerspitzengefühl zeigten die Teilnehmer der Gruppe der kleinen Aluminiumröhren. Sie waren derart stolz auf ihre neuen roten Pins mit der Aufschrift «STOP», dass sie dies der ganzen Welt zeigen wollten und dabei vergassen, ihre Arbeitsgeräte zu besteigen.
Es folgte umgehend eine Aktion einiger der Gruppe der goldenen Flügelträger. In einer Nachtschicht wurde ein dunkelschwarzer Pin mit schlecht sichtbarem Aufdruck «NO» produziert.

So sitze ich noch immer pinlos und leicht resigniert in einem Starbucks in Manhattan und suche Trost in einer grossen Tasse Milchkaffee. Schon geschlagene 13 Jahre mache ich bei diesem Experiment mit, habe mich stets geweigert irgendeine Plastikplakette an meine Uniform zu heften und habe langsam die Schnauze voll von all den sPINnern.

Ach fast vergessen, vorhin bin ich ausgerechnet an einem Pinshop vorbeigelaufen und habe mir fast einen mit der Aufschrift «need new Job» gekauft.

Sonntag, Oktober 08, 2006

die Schlacht am Ballenberg

Das Freilichtmuseum Ballenberg mit seinen Orginalbauten aus allen Teilen der Schweiz, gehört zu den beliebtesten Sonntagsausflügen des Landes. Für läppische 18.- SFr. Eintritt bekommt der Besucher einen Einblick in das Handwerkerleben vergangener Jahrhunderte, trifft auf traumhafte Wanderwege, kann falls gewünscht kleine Ferkel streicheln und lässt sich danach in der museumseigenen Schokoladenfabrik die frischen Köstlichkeiten auf der Zunge vergehen.

Die Bauten faszinieren und ich ertappe mich dabei, dass ich mich trotz eindrücklich dokumentierter Armut in vergangenen Tagen, in die alte Zeit zurücksehne.
Die heimeligen Räume, die historischen Holzbauten und die gemütlichen Sitzgelegenheiten am Kachelofen steigern diese Sehnsucht noch zusätzlich.
Umliegende Berggipfel und die saftigen Wiesen mit grasendem Braunvieh machen die Idylle perfekt und diese Idylle will verteidigt werden.

Wer könnte diesen eidgenössischen Wehrwillen besser beschreiben als der bekannte Schriftsteller Jeremias Gotthelf. Kein Wunder, dass seine Erzählung „das Fähnlein der sieben Aufrechten“ hier in Ballenberg verfilmt wurde.
Heutzutage kämpfen die tapferen Eidgenossen nicht mehr mit Langgewehr und Vorderlader, sondern stellen eine moderne und vor allem sehr teure Milizarmee, die diesen Flecken Land mit Dolchen zwischen den Zähnen verteidigt.

Aus dem Fähnchen von einst ist eine Staffel geworden und diese Ansammlung von gestandenen Eidgenossen demonstriert ihren Wehrwillen mit schnittigen F5-Kampfflugzeugen.
Der Zufall will es, dass das Schützenhaus aus der Gotthelfverfilmung keinen Steinwurf vom Pistenende des Militärflugplatzes in Meiringen entfernt ist.

Es ist knapp nach Ende der Mittagspause, ein unangenehm lautes Donnern lässt die alten Balken im gerade besichtigten Simmentaler Bauernhaus erzittern und der Staub fällt aus den Ritzen zwischen den alten Holzböden über mir.
Ich eile hustend nach draussen und sehe Kampfjets, die von links und rechts über die Gipfel schiessen. In regelmässigen Abständen ertönen Maschinengewehrsalven und hunderte von Geschossen löchern die saftigen Wiesen auf der Axalp.

Mir ist es deutlich zu laut und die Amerikanerin neben mir beobachtet ängstlich die Reaktion der einheimischen Besucher. Ein beruhigendes Nicken Richtung des weitgereisten Gastes genügt, um ihren Puls wieder auf einen nichtlebensbedrohlichen Wert zu senken.

Die Besucherschar stürmt wieder in die Häuser, schliesslich gibt es keinen Grund zur Panik. Beim ohrenbetäubenden Schauspiel handelt es sich lediglich um eine ganz gewöhnliche Übung „der Staffel der sieben Aufrechten“. Oder anders gesagt, der ganz normale tägliche Wahnsinn im wehrhaften Ländchen Schweiz.

Sonntag, Oktober 01, 2006

Sonntagsdienst in den Bergen














Egal welche Zeitzone, egal welcher Kontinent, egal welche Stadt, wenn am Sonntagmorgen der Wecker um 0400 Uhr klingelt, ist die Stimmung nicht die Beste.
Der Regen peitscht an die Hotelscheiben, für einmal schweigen die Autohupen und nur, wer unbedingt muss, reibt sich um diese Uhrzeit die müden Augen.

In São Paulo scheint an diesem Sonntagmorgen keine Seele Lust an der Arbeit zu verspüren. Die Lichter im Hotelgang sind dermassen gedimmt, dass ich aus meinen müden Augen alles herausholen muss, um den Weg zum Lift zu finden.

Rumpelnd erreicht der Aufzug, der so alt ist, dass sein Fabrikat mich an den Namen meiner Nachbargemeinde erinnert, sein Ziel in der Lobby und spuckt mich in einer grossen dunklen Halle aus.
Der Nachtportier döst und erschrickt, als ich mit meinem quietschende Rollkoffer um die Ecke biege. Sein sonst so melodiöses «bõ 'dia» erklingt zu so früher Morgenstunde etwas belegter.

Erwartungsgemäss bin ich der Erste der Crew am improvisierten Frühstückstisch und geniesse die Ruhe vor dem Sturm. Ein leichtes Vibrieren kündigt die Ankunft eines weiteren Fahrstuhles an. Top gestylt, aber auch mit sehr kleinen Sehschlitzen, sucht ein Flight-Attendant in der Finsternis den Kaffeeautomaten.
Ich beobachte sie und weiss genau, was für eine Frage nach der kurzen Begrüssung folgt. Es ist eine Frage, die aus Verlegenheit gestellt wird um die fast peinliche Stille zu durchbrechen und wird nie ehrlich beantwortet. Diese Frage ist intim und trotzdem belanglos, sie wird heute von allen gestellt, die Antwort interessiert aber keinen. Sie ist nett gemeint und nervt enorm um 4 Uhr in der Früh. Ich verabscheue diese Frage, höre sie aber seit 13 Flugjahren viel zu regelmässig.

Das erwähnte Flight-Attendant steuert mit einer dampfenden Tasse voller Kaffee auf mich zu, lächelt freundlich, atmet tief ein und fragt mit einem Strahlen auf dem Gesicht. «So, gut geschlafen?» Ich grinse zurück, begrüsse sie ebenso höflich und antworte wie aus einem Gewehr geschossen: «Ja, super!»
Ich hasse mich für diese Lüge.

Ach ja, gearbeitet habe ich heute auch noch. Der wohl schönste Flug des Streckennetzes stand auf dem Programm und dieser brachte mich von São Paulo über die Anden nach Santiago de Chile. Dies entschädigt für einiges und lässt den harzigen Start in den Sonntag vergessen.