Freitag, September 22, 2006

Wellness im Waldhaus



Nach zwei herrlichen Wochen in den Bergen musste ich meinen Aufenthalt in Japan etwas ruhig angehen. Ich wollte mich weder mit 20 Millionen Einwohnern der Hauptstadt um einen Sitzplatz in der Yamanote Line prügeln, noch die schlaflosen Nächte im trostlosen Narita verbringen.
Der Weg zum Glück war diesmal kurz und schmerzlos. Kaum im superschnellen Shinkansenzug platzgenommen, zeigten sich auch schon die ersten grünen Hügel am Horizont. Nagano hiess mein Ziel und Nagano klingt nach Erholung und Ausspannen.

Etwas ausserhalb der Provinzhauptstadt und nur 20 Gehminuten von der olympischen Halfpipe entfernt, wartete der Hausherr eines schmucken Ryokan auf den exotischen Gast aus der Schweiz. Sein traditionelles Gästehaus, umgeben von Wald und heissen Quellen, war am Hang gebaut und würde in der Schweiz schon wegen seiner Lage mit Bestimmtheit «Hotel Waldhaus» heissen.

Neben der Abgeschiedenheit und der Stille sind die warmen Bäder die Attraktion der Gegend. Mit über 70°C schiesst das Nass aus dem Berg, vermischt sich mit dem klaren Quellwasser und sorgt dafür, dass sich Mensch und Tier in den natürlichen Becken pudelwohl fühlen.

Menschen gibt es in dieser Gegend etwas weniger, Affen dafür umso mehr. Von den Bergen steigen die Viecher, die in der Höhe leben und darum auch «hohe Tiere» genannt werden, herab und wärmen in den heissen Bädern ihre Knochen auf.
Ein Schauspiel, das man sich nicht entgehen lassen sollte!

Es gehört zu den unangenehmen Seiten von Japan, dass ein Kurzaufenthalter wie ich, wegen der Zeitverschiebung kaum Schlaf findet.
Gerade in einer so hübschen Gegend und einem so gemütlichen Umfeld, ist das weniger ein Problem, als eher ein Vergnügen. Um 4 Uhr in der Früh schlich ich mich aus dem Bett und machte mich im Adamskostüm auf zur heissen Quelle. In waagrechter Stellung liegend, beobachtete ich einsam zwischen dem Dampf hindurch den Sternenhimmel und wunderte mich nicht, dass auch «hohe Tiere» an solchen entspannenden Bädern Freude finden.

Das «Hotel Waldhaus» ist wirklich ein kleines Paradies, dass ich am folgenden Tag ungerne verlassen musste. Die Pflicht rief und ein voller Flieger wartete am Flughafen in Narita auf meinen entspannten Körper und Geist.

So liege ich jetzt im kleinen Ruheraum hinter dem Cockpit, schreibe diesen Bericht und warte ausgeruht auf meinen Einsatz auf dem Pilotensessel. Vor der Pause habe ich noch schnell die Boulevardzeitung «Blick» durchgeblättert und stutzte leicht beim Studium der politischen Seiten.
Der Redaktor äusserte sich kritisch über Wellnessferien im Hotel Waldhaus, empörte sich über extensives Baden hoher Tiere in heissen Quellen und beklagte lauthals, dass dabei nicht fotografiert werden durfte.
Dieser Artikel ist wieder einmal schlecht recherchiert und völlig übertrieben. Erstens war ich nur eine Nacht da, zweitens handelt es sich beim «Hotel Waldhaus» nicht um ein Fünfsternehaus, sondern um ein einfaches Ryokan und drittens kann man dort ganz ungeniert Bilder schiessen.
Wenn der Herr Redaktor unbedingt Fotos von badenden Affen braucht, kann er mich ruhig anrufen!

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