Dienstag, September 12, 2006

funghi matto

Wenn es einem Stadtneurotiker im wunderschönen Engadin zu viel wird oder sich das Wetter im Hochtal allzu garstig präsentiert, setzt sich der Patient ins Auto und gondelt südwärts nach Chiavenna.
Beides traf letzten Freitag nicht zu und trotzdem packten wir die Pässe ein und füllten unsere Geldbeutel mit Euroscheinen. Ein Emigrant aus der Schweiz wollte besucht werden, der schon einige Jahre im charmanten Städtchen lebt, eine noch charmantere Frau gefunden hat, in Hausgemeinschaft mit der ganzen Verwandtschaft lebt und zwei lebhafte italienische Knaben auf die Welt stellte.
Einem dieser Knaben wurde meine Frau als Gotte zugeteilt und so kommen wir regelmässig in den Genuss der unbeschreiblichen Gastfreundschaft dieser Familie.

Am zweiten Wochenende im September kocht das schmucke Städtchen förmlich über, denn sämtliche Grottos – und von diesen gibt es unendliche – öffnen ihre Pforten und lokale Spezialitäten werden angeboten und auch zünftig konsumiert. Glücklich, wer vorgängig ein Nachtlager gefunden hat, noch glücklicher, wer wie wir bei guten Freunden nächtigen kann.

Über den Abend und die ersten Schritte am nächsten Morgen möchte ich keine grossen Worte verlieren. Die eiskalte Dusche und der starke Espresso holten mich einigermassen ins Leben zurück und das war beim geplanten Tagesprogramm auch bitter nötig.
Die Kinder wollten zum Grossvater auf die Alp, denn der Steinpilz schoss aus dem Boden wie früher die Schweizer Armee während ihren Manövern.
Erwartungsvoll und leicht geschwächt setze ich mich auf Beifahrersitz und staunte, wie filigran der Familienwagen die steilen Serpentinen in die fast 1000m höher gelegene Alp erklomm. Froh, dass ich die Höhenmeter nicht per pedes absolvieren musste, liess ich das Geschüttel über mich ergehen und war nach langem Fahren hoch erfreut beim Anblick der Gastgeberin im umgebundenen Kochschurz.
Natürlich waren die Alpbewohner über unser Kommen informiert und natürlich blubberte schon ein leckeres Risotto mit frisch gesammelten Steinpilzen auf dem Kochtopf. Frisches Brot und roter Wein, leckerer Käse und scharfe Wasser, allerlei schmackhafte Zutaten und viel Gesprochenes mit einer mir fast unbekannten Sprache, machten das Essen zum Erlebnis.
Den letzten Schluck Grappa noch im Mund, schossen die Männer vom Tisch auf und es wurde zur Pilzjagd geblasen.

Ich folgte schwitzend der Gruppe unter der Führung des Sechsjährigen und hoffte natürlich insgeheim auf den grossen Fang. Schon nach wenigen Metern erblickte ich die erste Pilzkolonie. Begeistert rief ich den Dreikäsehoch und zeigte ihm stolz meinen Fund. «Matto», meinte dieser trocken und ich war erleichtert, als ich erfuhr, dass der Kleine nicht mich, sondern den Pilz meinte. «Funghi matto», also «verrückter Pilz», nennen die Einheimischen die ungeniessbaren Pilze. Giftigen Pilz würde ich nie probieren, aber verrückter Pilz….. Einen Moment zögerte ich und war nahe daran, das Knollengewächs in meinen Sack zu stecken.

Schon bald war ich verzweifelt. Trotz abenteuerlicher Routenwahl durch das Gehölz und über steile Abhänge, fand ich keinen einzigen geniessbaren Pilz. Ich setzte mich erschöpft auf einen moosigen Stein und hielt einen Moment inne. Plötzlich erblickte ich keinen Meter neben mir eine Erhebung auf dem feuchten Waldboden. Brauner Deckel, schöne Form, grüne Lamellen an der Unterseite und einen Geruch, den mich stark an das leckere Risotto vom Nachmittag erinnerte. «None matto», meinte der herbeigerufene Spezialist und klopfte mir anerkennend auf die Schulter.

Einen Pilz hatte ich also gefunden. Als Lohn dafür durfte ich die Ausbeute des jungen Pilzsammlers zu Tal tragen.
Mein ganz persönlicher Pilzexperte hat übrigens am Montag seinen ersten Schultag. Ich frage mich ernsthaft, was die Lehrerin diesem Naturburschen noch alles beibringen kann.

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