Donnerstag, September 07, 2006

der lange Marsch


Stolze 23,6 km und 800 Höhenmeter Aufstieg stehen heute auf dem Programm, das behauptet zumindest das am Vorabend programmierte GPS. Die Brote sind gestrichen, Ersatzwäsche eingepackt und der Camelbag im Rucksack droht wegen der gebunkerten Flüssigkeit zu bersten. Nichts steht dem Ausflug mehr im Wege, es kann endlich losgehen.

Die ersten Meter bieten navigatorisch wenig Schwierigkeiten. Zuerst geht es am Bäcker vorbei, bei dem ich seit Jahren meine Frühstücksbrote kaufe und danach kreuzen wir den Pfad zur einzigen Bar im Dörfchen, in der das Bier nach Wanderungen wie dieser besonders gut schmeckt.
Trotzdem blickt der männliche Teil der Zweiergruppe fast ununterbrochen auf sein neues Spielzeug und beobachtet mit Herzklopfen, wie die Nadel des Navigationsgerätes genau auf der Kreuzung wo links abgebogen werden muss, nach links springt.

Die ersten Meter jeder Wanderung sind die Schwierigsten. Drücken die Schuhe? Sitzt der Rucksack richtig? Hat man die richtigen Kleider am Leib? Genug gegessen? Richtig ausgeschissen? Das GPS exakt programmiert?
Bis diese Fragen zur eigenen Zufriedenheit beantwortet sind, vergeht einige Zeit und der regelmässige Blick auf das farbige Display des neuen Spielzeuges bestätigt, dass die Wandergruppe bei diesem Kilometerschnitt erst weit nach Sonnenuntergang das Ziel erreicht. Voraussichtliche Ankunftszeit 2047 Uhr.

Der weibliche Teil des Zweierteams kennt diese Probleme nicht und hört auf den eigenen Körper. Im regelmässigen Schritt schreitet sie voran und erklimmt elegant Höhenmeter für Höhenmeter. Sie scheint die Ruhe gefunden zu haben und spielt zufrieden und wortlos den zügigen Schrittmacher.

Der Schweiss rinnt an meinem Kopf herunter und langsam, aber sicher finde ich die innere Ruhe und kann die herrliche Aussicht geniessen. Es geht nicht lange, bis mir die ersten Gedanken durch den Kopf schiessen. Vieles Unerledigte und Unausgesprochene kommt hervor und dem einen oder anderen möchte ich jetzt auf der Stelle gehörig meine Meinung sagen.
Sport ist immer noch die wunderbarste Form, Aggressionen abzubauen und neue Ideen zu entwickeln.

Ich werde unterbrochen, denn mein Schrittmacher erkundigt sich nach dem Weg. Der rosa Zeiger dirigiert uns nach rechts und ein genauer Blick auf die vielen angezeigten Daten bestätigt, dass wir zügig vorankommen. Voraussichtliche Ankunftszeit jetzt 1635 Uhr.

Der Weg wird steiler und die Aussicht immer umwerfender. Mein Kopf ist langsam frei und meine Gedanken hängen lose in den Seilen. Nach einem kräftigen Zug an meinem Trinksystem überholen wir im unwegsamen Gelände einen Mountainbiker, der seinen Drahtesel fluchend auf der Schulter trägt. Zu seiner Verteidigung muss erwähnt werden, dass dieser Pfad im lokalen Führer als 'radikaler Singletrail' beschrieben wird. Für mich ist dieser Biker schlicht ein Idiot. Denn nur Idioten nehmen ein Mountainbike auf eine alpine Bergwanderung mit.
Beim Vorbeigehen grüsse ich freundlich und erwähne nicht, dass es bis zum Passübergang gemäss meinem Navigationscomuter noch genau 398 Höhenmeter sind und es, falls er unsere horrende Geschwindigkeit halten kann, noch genau 71 Minuten dauert.

Der Scheitelpunkt der Wanderung kommt näher und wir beide baden im Meer der Zufriedenheit. Der ganze Körper ist glücklich und zufrieden, schwitzt und nur der Magen schreit ganz still nach etwas Nahrung.

Am himmelblauen Gipfelsee werden die Brote ausgepackt, die Äpfel zerschnitten und das nasse Shirt gewechselt. Das kleine GPS kriegt einen schönen Platz am Schatten und dankt es mit einer angezeigten voraussichtlichen Ankunftszeit von 1622 Uhr.

Frisch gestärkt wird der Abstieg ins andere Tal in Angriff genommen. Der Schritt zum Philosophen ist nicht mehr weit. Das Zufriedenheitsbarometer erklimmt Rekordwerte und jeder Stein am Wegrand verdient es bewundert zu werden. So frei wie jetzt sollte der Kopf immer sein!

Der radikale Singletrail scheint die pedalende Bevölkerung anzuziehen wie der Speck die Fliegen. Wieder eine Gruppe, die ihr Rad die steilen Serpentinen hochträgt und wieder wird von Sportsmann zu Sportsmann freundlich gegrüsst.
Beim Kreuzen der Radwanderer schaue ich kurz auf mein GPS. Der keuchende Biker schaut neidisch zurück und nickt anerkennend in meine Richtung. Voraussichtliche Ankunftszeit: 1647 Uhr.

Die Talsohle ist erreicht und aus dem radikalen Singletrail ist eine mit Subventionen ausgebaute Alpstrasse geworden. Staubig, flach und unspektakulär sucht sich der unbefestigte Pfad seinen Weg Richtung Tal und die sich einsetzende Monotonie schlägt auf unser Gemüt. Das Tempo wird spürbar verschärft, um den Leidensweg zu verkürzen. Voraussichtliche Ankunftszeit: 1616 Uhr.

Das Restaurant ist in Blickweite und mein GPS bestätigt dies zu meiner Freude auch. Schnell ist der passende Tisch gefunden und das erfrischende Getränk bestellt. Der Wandervogel am Tisch nebenan versucht mit Mühe, seine altmodische Wanderkarte im Gegenwind zu falten. Ich lächle ihm zu, ergreiffe mein GPS, schalte es stolz aus und memorisiere die letzte Anzeige des Tages: definitive Ankunftszeit 1621 Uhr.

Kommentare:

  1. Angeber! Mit einer einfachen Wanderkarte würdet ihr jetzt noch orientierungslos in der Gegend herumirren.

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  2. Die echte Romantik einer veralteten Wanderkarte im Massstab 1:25'000 kann von einem neumodischen GPS einfach nicht überboten werden. Auch wenn man sich verlauft, so ist es doch noch einen Hauch mehr Abenteuer-Romantik.

    Ihre Ferien klingen toll und Sie scheinen ja prima Wetter erwischt zu haben..

    Liebi Grües und na schöni Ferie

    Severin

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  3. Ich hab auch schön öfters und länger über GPS nachgedacht, aber bin nach wie vor bei den schönen Karten der jeweiligen Landesämter. Da geht die Batterei auch dann nicht leer, wenn man mehrere Tage am Stück unterwegs ist.

    Trotzdem: Was für ein Spielzeug hast du denn da? War es problematisch, dafür Wanderkarten zu bekommen? Und wie lang hält die Batterie?

    Weiterhin schönes Wandern!

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  4. also, für das engadin braucht man doch kein gps...

    hier allerdings, in den grossen weiten alaskas, wäre so ein gerät genau passend. gopf

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  5. Nein, eigentlich braucht man im Engadin wirklich kein GPS. Aber eben, das kleine Gerät liegt so bequem in der Hand, hat ein kleines farbges Display und macht schrille Töne beim Einschalten.

    Gopf, ich bin halt auch blos ein Mann!

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