Mittwoch, August 30, 2006

stirred, not shaken


Der Wind peitscht immer noch Regen an mein Fenster, doch Surfer und Kiteboarder tummeln sich schon wieder am Strand und freuen sich an den ungewohnt sportlichen Wetterbedingungen.
Auch die Hausangestellten unseres Hotels sind seit knapp einer Stunde daran, die Blechverschläge vor den Fenstern wieder abzubrechen. Alles Zeichen, dass Ernesto nördlicher gezogen ist und Miami aufräumen und aufatmen kann.
Ich kann es gleich vorwegnehmen: Während das nicht ganz so spektakuläre Auge des Hurricanes über meinem Hotelzimmer vorbeizog, habe ich tief geschlafen und kann mich nur noch schwach erinnern, dass die Wände etwas gezittert haben.

Als Hurricane-Greenhorn habe ich mich gestern natürlich an die Anweisungen der Behörden gehalten. Brav bin ich am Nachmittag im "Chapter 11 – Inn" geblieben und habe den Mexikanern zugeschaut, wie sie die Blechverschläge an den Fenstern anbrachten und das Hotel verdunkelten wie vor einem Bombenangriff.
An ein Herausgehen war nicht zu denken. Nicht weil der Sturm schon bedrohlich stark war, sondern weil Geschäfte und Restaurants ab 14 Uhr praktisch alle verriegelt waren.
Eine leichte Depression kündigte sich an und die galt es mit Hopfen und Malz zu bekämpfen.

In der Hotelbar waren sich alle einig, dass der tropische Sturm am besten mit etwas Flüssigem im Magen überstanden werden kann und es wurde wacker zugeprostet und konsumiert. Um 17 Uhr dann die politische Einstimmung von ganz oben. Senator Jeff Bush erschien auf allen Sendern und verkündete seinen Schäfchen in patriotischem Tonfall zum Thema Ernesto: "We're all going as a Nation through this crisis…." – es ist auch Wahlkampf in Florida.

Nachdem ich einen Vertreter der präsidialen Zunft erleiden musste, kam Trotzstimmung auf und rebellische Gedanken führten dazu, dass eine kleine Leidengemeinschaft sich gegen alle Behördenempfehlungen widersetzte, das ungeliebte Gebäude verliess, um ein anständiges Lokal zu suchen.
Bereits hinter der dritten Blechverbauung klang es nach einem gemütlichen Fest. Durch den Hintereingang kommend, fanden wir uns schnell inmitten einer geselligen 'Pre-Hurricane-Party'. Während der Regen laut gegen den Blechverschlag trommelte, kauten wir unsere Steaks 'medium-rare', tranken Bier, schauten Footballaufzeichnungen und genossen die lockere Stimmung.
So gegen acht Uhr bekam der Beizer auch kalte Füsse und beendete das fröhliche Treiben abrupt. Irgendwie verständlich, denn auch er wollte seinen Heimweg noch einigermassen sicher antreten und wir akzeptierten den plötzlichen Rauswurf widerstandslos.

Wie schon beschrieben, habe ich den eigentlichen 'Höhepunkt' des Sturmes verpennt und kann jetzt in der 'Post-Hurricane-Phase' versuchen Bilanz zu ziehen.
Zum einen bin ich als Hasenfuss natürlich froh, dass der Sturm einiges schwächer ausgefallen ist, als gestern noch prognostiziert wurde, zum anderen staune ich aber noch heute, was Ernesto für die Leute hier eigentlich wirklich war: ein Medienereignis, Wahlkampf und vor allem eine Party! Zum Glück ist nicht mehr passiert.

Kommentare:

  1. Hallo NFF,

    gab es denn auch Post-Hurricane-Parties?
    An deiner Stelle würde ich mir noch ein T-Shirt, falls in europäischer Grösse vorhanden, kaufen mit der Aufschrift "I survived Ernesto". Zusammen mit dem neuen Spruch "während einem Hurricane schlafe ich", macht sich das sicher gut beim nächsten Barbesuch.

    Gruss, Michael

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  2. Die gab es bestimmt, aber ich musste am Abend ja die geschüttelten Touristen ausfliegen.....

    Bin mir nicht so sicher, ob das Attribut 'während dem Huricane schlafe ich' sich bei weiblichen Barbesuchern so gut macht. Denn wer will schon mit einer Penntüte den Abend verbringen :-)

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