Montag, August 21, 2006

Schenkelklopfer

Was für ein Wetter! Die Sonne brennt erbarmungslos auf Asphalt, Sand und Meer herunter und ausser mir scheint das hier in Kalifornien keinen Menschen zu stören. Schon beim Frühstück nach dem ausgiebigen Jogging (wieder nicht verhaftet!), habe ich für die Stunden, in denen die Sonnenstrahlen senkrecht herunterscheinen, ein Alternativprogramm zusammengestellt.

Deren drei grosse Kinokomplexe haben die Stadtheiligen von Long Beach bewilligt und die wollen natürlich genutzt werden. Ich erklärte den heutigen Sonntag zum Kinotag und durchstöbere die Programmseiten im Internet.
In Sichtweite von Hollywood sucht man verständlicherweise vergeben nach Werken, die eine etwas andere Sichtweise des Lebens zulassen, als die Traumscheinwelt, die hier fast jeder sucht und natürlich nie findet.
Die Recherche beginnt. Ich habe die Auswahl zwischen einstürzenden Hochhäusern (World Trade Center), einem Amphibienfilm (Snake on the Plane), einem Portrait der amerikanischen Version der Rudolf Steiner Schule (Accepted), 160 Minuten Dauergeballer (Miami Vice), einem Regattafilm (Pirates of the Caribbean), zwei Horrorschockern und einem Gruselfilm für Kids (Monster House).
Leicht resigniert übersehe ich in meiner Niedergeschlagenheit fast den noch unbewerteten Streifen mit dem unscheinbaren Titel «little Miss Sunshine».

Meine Neugierde ist wieder einmal grösser als die Vernunft und die Eintrittskarte für überaus vernünftige 5 U$ findet schnell ihren Weg in meinen Hosensack.
Der Kinosaal ist an diesem Sonntagmorgen erstaunlich gut gefüllt und ich interpretiere das als gutes Zeichen. Noch immer schwebe ich im Ungewissen, was für ein Streifen mich hier erwartet. Das Licht wird gedämpft und die obligate Werbelawine prasselt auf die Kinobesucher ein. Ein erneutes Verdunkeln kündigt die Welle der Vorfilme an.
Vorfilme sind in der Regel immer ein guter Indikator, in welche Richtung der Hauptfilm geht. Als erste Sensation für die amerikanische Herbstkinosaison wird uns Zuschauern ein Kettensägemassaker-Remake empfohlen. Der zweite Vorfilm versucht einen Gruselfilm zu vermarkten und der Dritte preist die Fortsetzung vom absolut unnötigen «Jackass-Movie» an.

Oh mein Gott, in was bin ich da geraten? Endlich beginnt der Hauptfilm und bald, sehr bald ist im Kinosaal eine kleine Revolution im Gange. Der noch etwas schlaftrunkene Operateur hat statt der erwarteten Komödie den Streifen «snake in a plane» eingelegt und ich amüsiere mich köstlich über die Reaktion des Kinopublikums.

Es geht keine Minute und eine Verantwortliche des Kinos stürmt mit zwei Helfern den Saal, entschuldigt sich souverän und verteilt Gratispopcorn in Behältern so gross wie Skischuhschachteln. Innert Sekundenbruchteilen herrschte wieder Ordnung und wir Kinobesucher freuten uns über die abgegebenen 1300 kcal, den Gutschein für einen Gratiseintritt in ein AMC-Kino in ganz Amerika und einen Voucher für eine weitere Portion Popcorn nach der Vorführung.

Ich unterhalte mich schon vor dem Film köstlich und das sollte in den folgenden zwei Stunden anhalten. Der gezeigte Streifen war ein echter Schenkelklopfer! Eine Komödie, so gut wie schon lange nicht mehr gesehen, trieb mir fast ununterbrochen die Tränen in die Augen.
Es hat sich gelohnt, das Experiment mit dem unbekannten Film. Glücklich, die geschenkte Kalorienbombe nicht angerührt zu haben, verliess ich das Kino und steuerte den nächsten Starbucks an.
Diese Zeilen sind während dem Genuss eines grande Latte entstanden und vor dem Hochladen des Textes ins Internet bestellte ich ohne schlechtes Gewissen noch einen zweiten Becher.
Dieser kam und kam einfach nicht und nach einer scheuen Nachfrage beim Barista, versank dieser vor Scham im Boden, erledigte im Schnellzugtempo meine Bestellung und drückte mir zusammen mit dem Milchkaffee einen Gutschein für ein Gratisgetränk meiner Wahl in irgendeiner Starbucksfiliale in Amerika oder Kanada in die Hände.

Der Tag ist noch lang und ich bin echt neugierig, wie lange meine Gutscheinsglücksträhne noch anhält.

Kommentare:

  1. Der Film ist einfach wirklich göttlich, ich habe ihn letzte Woche gesehen und uns allen liefen die Tränen vor Lachen und der Muskelkater vom Lachen war ebenfalls vorprogrammiert. Einfach herrlich zum abschalten und lachen!!

    Gruss
    A.

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  2. Boah!!! Haben sie ein vierblätteriges Kleeblatt, ein Hufeisen oder irgendein Glücksschwein, oder haben sie alle Drei?

    Ich habe nämlich ein vierblätteriges Kleeblatt aber zu einem solchen Glück hat es mir noch nicht gereicht. Na gut Ich muss sagen, schlecht durchs Leben kommen tue ich mit dem Kleeblatt auch nicht, aber sowas???

    Wer weiss vielleicht nützt es mir ja bei meinem Wunsch Pilot zu werden....

    Einen schönen Aufenthalt noch!

    E grues us dr Schwiz

    Severin

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  3. Immer wieder lesenswert Ihre Beiträge! Wir fliegen am Freitag von LAX zurück nach Zürich, leider wohl nicht mit Ihnen im Cockpit. Vielleicht ein ander mal! Gruss aus Las Vegas

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  4. Danke Peter, jetzt haben wir den Beweis, dass man Glück künstlich herstellen kann: Gerüchten zufolge soll es in den USA vergleichsweise zahlreiche Klagemöglichkeiten und potenzielle Klageführer geben. Offensichtlich versuchen die Dienstleister Klagen zu vermeiden, indem sie bei Fehlern den Kunden durch ein Glücksgefühl (bevorzugt hervorgerufen durch materielle Werte) zu besänftigen versuchen...

    Gruss, Michael

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  5. Da wünsche ich guten Heimflug!
    Meine Flugzeugnase zeigt dann schon bald wieder nach Miami....

    Gruss nff

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  6. Ja Michael, ich weiss ja, dass ich käuflich bin :-)

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