Montag, August 28, 2006

"Chapter 11 - Inn"

Auch Angestellte verarmter Airlines brauchen einmal Abwechslung und Erholung. Das ständige Gejammer bonusverwöhnter Chefs über sinkende Erträge und steigende Kauflust der eigenen Gattinnen zehren an den Nerven der Subalternen und diese brauchen von Zeit zu Zeit etwas Ablenkung.

Zu diesem Zweck haben die unter Gläubigerschutz stehenden amerikanischen Fluggesellschaften und ihre europäischen Pendants ein 1947 erstelltes Gebäude an einem nicht gar so mondänen Strand im Norden von Miami in Anspruch genommen und lassen ihre Angestellten an diesem einmaligen Ort die Beine ausstrecken.

Das Hotel, nennen wir es einmal "Chapter 11 –Inn", "hat alles was das Besatzungsherz erfreut. Die Zimmer haben Meerblick und dank den fingergrossen Spalten zwischen Mauerwerk und Scheibe kann man selbst im 9. Stock noch die Brandung hören.
Der Raum selber ist riesig und mit einem flauschigen grüngrauen Teppich bedeckt. Die Besitzer brachten es nie übers Herz, die im Nachkriegs-Miami so populäre Bodenbedeckung herauszureissen.
Etwas mickrig ist die Nasszelle ausgefallen. Links im Eck montiert ist die Toilettenschüssel aus amerikanischer Produktion. Da 1947 die Wasserspülungen schon Standard waren, unterscheidet sich das Ding unwesentlich von den heutigen Modellen bekannt aus Funk und Fernsehen.
Vor 60 Jahren schienen die Leute aber etwas kleinwüchsiger gewesen zu sein. Das Geschäft verrichten geht nur, wenn die Schlafzimmertüre offen bleibt und sich der Erleichterungswillige leicht nach links gedreht auf die früher einmal weisse Hartplastikbrille setzt.

Dafür ist das Bett riesig. Bedeckt mit einer Knistersteppdecke (100% Polyester) aus dem Wal-Mart um die Ecke, nimmt es einen grossen Teil des Zimmers in Anspruch und lädt zum Verweilen ein.
Liegt man Links, hört man auf einem Ohr das Meeresrauschen, liegt man rechts, hat man freie Sicht auf den etwa ein Kubikmeter grossen Farbfernseher, der 15 spanische und genauso viele amerikanische Programme zeigt.
Angestellten verarmter Airlines scheint die romantische Ader irgendwie abhanden gekommen zu sein. Meerrauschen interessiert kaum, TV Schrott aber umso mehr. So ist die rechte Seite der Matratze ziemlich durchgesessen und riecht irgendwie nach Pizza-Hut.

Ist ja auch egal, schliesslich soll man in einem so traditionellen Sanatorium seine Zeit nicht im Zimmer verbringen! Schon die Lobby bietet einiges. Ein Klavier wartet auf Airlineangestellte, die trotz verdichteter Flugpläne noch Zeit finden, Musikunterricht zu nehmen. Nicht ganz unerwartet bleibt das Tasteninstrument meistens stumm.
Der Treffpunkt und die Attraktion vom "Chapter 11 – Inn" ist der Poolbereich. Von Palmen umgeben liegt das himmelblaue Schwimmbecken unter dem blauen Himmel und empfängt Suizidwillige, die den ganzen Tag an der prallen Sonne liegen und vom braunen Teint und einer nie kommenden Lohnerhöhung träumen.

Für den gesünder lebenden Teil der Flugangestellten hat es einen Getränkeautomaten, der ganz hellfarbige Biere für einen Dollar ausgibt, einen Fitnessraum, einen Gebetsraum für Konvertierte und eine Allesheilerin, die gemäss eigener Werbung Verspannungen, Depressionen, Hautausschläge und andere stressbedingte Symptome heilt.

Auch für die in Trennung Lebenden ist vorgesorgt. Im Raum neben dem Bierautomaten finden sich drei Waschmaschinen und drei Tumbler, damit der einsame Single seine schmutzige Wäsche während des Sanatoriumaufenthaltes reinigen kann. Das Bügeleisen für Ästheten befindet sich übrigens im eigenen Zimmer.

Last, but not least die Verpflegung. Frühstück bestehend aus Kaffee, so dünn wie das Automatenbier, Toast und Bagels aus dem Wal-Mart, werden gratis angeboten. Für den Hunger zwischendurch hat es gleich neben dem "Chapter 11 – Inn" einen Pizza-Hut und am Abend kann der einsame Flugangestellte die Fertigmenüs vom Supermarkt nebenan im zimmereigenen Mikrowellenofen aufwärmen.

Dieses Hotel ist durch und durch eine Win-Win Situation für Angestellte und Management verarmter Airlines. Der Subalterne schont sein privates Budget, das Management spart Kosten, ihr Bonus steigt und die Gattinnen der Führungskräfte freuen sich an den gestiegenen Shoppingbudgets. Fliegen ist so schön!

Kommentare:

  1. So wie's tönt hat die verarmte Fluggesellschaft nicht weit gedacht. Laut Ihrer Beschreibung müssten die Kosten für das Gesundheitswesen und eine kostspielige Ernährungskur in die Höhe schnellen.

    Allzu lange werden die Frauen der Manager nicht shoppen können!

    Wünsche Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt und einen guten Flug

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  2. NFF, wo bleiben die Fotos dieses Inn-Hotels. Ich will doch auch buchen.
    Die Frauenn der Chefs werden sich sicher einen neuen SUV leisten wollen, damit das Eingkaufte platz hat.
    Einen guten Aufenthalt im Miami und bringen Sie sich gesund zurück.

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