Mittwoch, August 30, 2006

stirred, not shaken


Der Wind peitscht immer noch Regen an mein Fenster, doch Surfer und Kiteboarder tummeln sich schon wieder am Strand und freuen sich an den ungewohnt sportlichen Wetterbedingungen.
Auch die Hausangestellten unseres Hotels sind seit knapp einer Stunde daran, die Blechverschläge vor den Fenstern wieder abzubrechen. Alles Zeichen, dass Ernesto nördlicher gezogen ist und Miami aufräumen und aufatmen kann.
Ich kann es gleich vorwegnehmen: Während das nicht ganz so spektakuläre Auge des Hurricanes über meinem Hotelzimmer vorbeizog, habe ich tief geschlafen und kann mich nur noch schwach erinnern, dass die Wände etwas gezittert haben.

Als Hurricane-Greenhorn habe ich mich gestern natürlich an die Anweisungen der Behörden gehalten. Brav bin ich am Nachmittag im "Chapter 11 – Inn" geblieben und habe den Mexikanern zugeschaut, wie sie die Blechverschläge an den Fenstern anbrachten und das Hotel verdunkelten wie vor einem Bombenangriff.
An ein Herausgehen war nicht zu denken. Nicht weil der Sturm schon bedrohlich stark war, sondern weil Geschäfte und Restaurants ab 14 Uhr praktisch alle verriegelt waren.
Eine leichte Depression kündigte sich an und die galt es mit Hopfen und Malz zu bekämpfen.

In der Hotelbar waren sich alle einig, dass der tropische Sturm am besten mit etwas Flüssigem im Magen überstanden werden kann und es wurde wacker zugeprostet und konsumiert. Um 17 Uhr dann die politische Einstimmung von ganz oben. Senator Jeff Bush erschien auf allen Sendern und verkündete seinen Schäfchen in patriotischem Tonfall zum Thema Ernesto: "We're all going as a Nation through this crisis…." – es ist auch Wahlkampf in Florida.

Nachdem ich einen Vertreter der präsidialen Zunft erleiden musste, kam Trotzstimmung auf und rebellische Gedanken führten dazu, dass eine kleine Leidengemeinschaft sich gegen alle Behördenempfehlungen widersetzte, das ungeliebte Gebäude verliess, um ein anständiges Lokal zu suchen.
Bereits hinter der dritten Blechverbauung klang es nach einem gemütlichen Fest. Durch den Hintereingang kommend, fanden wir uns schnell inmitten einer geselligen 'Pre-Hurricane-Party'. Während der Regen laut gegen den Blechverschlag trommelte, kauten wir unsere Steaks 'medium-rare', tranken Bier, schauten Footballaufzeichnungen und genossen die lockere Stimmung.
So gegen acht Uhr bekam der Beizer auch kalte Füsse und beendete das fröhliche Treiben abrupt. Irgendwie verständlich, denn auch er wollte seinen Heimweg noch einigermassen sicher antreten und wir akzeptierten den plötzlichen Rauswurf widerstandslos.

Wie schon beschrieben, habe ich den eigentlichen 'Höhepunkt' des Sturmes verpennt und kann jetzt in der 'Post-Hurricane-Phase' versuchen Bilanz zu ziehen.
Zum einen bin ich als Hasenfuss natürlich froh, dass der Sturm einiges schwächer ausgefallen ist, als gestern noch prognostiziert wurde, zum anderen staune ich aber noch heute, was Ernesto für die Leute hier eigentlich wirklich war: ein Medienereignis, Wahlkampf und vor allem eine Party! Zum Glück ist nicht mehr passiert.

Dienstag, August 29, 2006

Ernesto 'Che' Hurricane

Die kubanische Invasion in Form von Regen und starken Winden hat begonnen. Ernesto ist auf seinem Weg und Florida bereitet sich vor. Die Medien haben an jedem noch so kleinen Strand ihre Reporter postiert, die erwartungsvoll warten, bis sich die fast unverwüstlichen Palmen im starken Wind biegen. Die Schlangen vor den Tankstellen erinnern an den Gotthardstau an Ostern und hurricaneerprobte Einwohner decken sich mit Trinkwasser und Nahrung ein.
Die Stimmung der Einwohner schwankt zwischen leichter Vorfreude und sichtbarer Angst. Noch gestern Abend stiegen an der Southbeach an jeder Ecke 'Pre Hurricane Parties' und der nicht ganz jugendfreie Ableger der Sexshopkette 'Hustler' verkaufte fluoreszierende Dildos, um die evtl. stromlose Zeit während des Sturmes für die aufgeschlossene Frau etwas zu verkürzen.

Trotzdem kommt der Zeitpunkt des Sturmeinfalles unweigerlich näher. Die amerikanische Form unseres 'Buchelis' heisst hier schlicht Bob und er stimmt die Zuschauer fast ununterbrochen auf die zu erwarteten Ereignisse ein. Am TV informieren die Behörden, wann welche Strassen und Einrichtungen geschlossen werden und wie lange welche Busse noch fahren. In etwa sechs Stunden stellen einige Airlines ihre Flüge ein und die meisten Restaurants bleiben gemäss Ankündigung heute Abend geschlossen.

Auch ich bin bereit! Sieben Liter Wasser habe ich gebunkert und mit Erleichterung festgestellt, dass selbst die Anzahl frischer Unterhosen genügend ist, um einen längeren Aufenthalt im 'Chapter 11 – Inn' zivilisiert zu überstehen.

So, während ich diese Zeilen verfasste, ist der Wind spürbar stärker geworden und Regen wird in den nächsten Minuten einsetzen. Bob hat Recht behalten und ich hoffe, dass mein temporäres Heimetli, das sich in der 'Evacuation Zone A' befindet, den Winden standhält.

Montag, August 28, 2006

"Chapter 11 - Inn"

Auch Angestellte verarmter Airlines brauchen einmal Abwechslung und Erholung. Das ständige Gejammer bonusverwöhnter Chefs über sinkende Erträge und steigende Kauflust der eigenen Gattinnen zehren an den Nerven der Subalternen und diese brauchen von Zeit zu Zeit etwas Ablenkung.

Zu diesem Zweck haben die unter Gläubigerschutz stehenden amerikanischen Fluggesellschaften und ihre europäischen Pendants ein 1947 erstelltes Gebäude an einem nicht gar so mondänen Strand im Norden von Miami in Anspruch genommen und lassen ihre Angestellten an diesem einmaligen Ort die Beine ausstrecken.

Das Hotel, nennen wir es einmal "Chapter 11 –Inn", "hat alles was das Besatzungsherz erfreut. Die Zimmer haben Meerblick und dank den fingergrossen Spalten zwischen Mauerwerk und Scheibe kann man selbst im 9. Stock noch die Brandung hören.
Der Raum selber ist riesig und mit einem flauschigen grüngrauen Teppich bedeckt. Die Besitzer brachten es nie übers Herz, die im Nachkriegs-Miami so populäre Bodenbedeckung herauszureissen.
Etwas mickrig ist die Nasszelle ausgefallen. Links im Eck montiert ist die Toilettenschüssel aus amerikanischer Produktion. Da 1947 die Wasserspülungen schon Standard waren, unterscheidet sich das Ding unwesentlich von den heutigen Modellen bekannt aus Funk und Fernsehen.
Vor 60 Jahren schienen die Leute aber etwas kleinwüchsiger gewesen zu sein. Das Geschäft verrichten geht nur, wenn die Schlafzimmertüre offen bleibt und sich der Erleichterungswillige leicht nach links gedreht auf die früher einmal weisse Hartplastikbrille setzt.

Dafür ist das Bett riesig. Bedeckt mit einer Knistersteppdecke (100% Polyester) aus dem Wal-Mart um die Ecke, nimmt es einen grossen Teil des Zimmers in Anspruch und lädt zum Verweilen ein.
Liegt man Links, hört man auf einem Ohr das Meeresrauschen, liegt man rechts, hat man freie Sicht auf den etwa ein Kubikmeter grossen Farbfernseher, der 15 spanische und genauso viele amerikanische Programme zeigt.
Angestellten verarmter Airlines scheint die romantische Ader irgendwie abhanden gekommen zu sein. Meerrauschen interessiert kaum, TV Schrott aber umso mehr. So ist die rechte Seite der Matratze ziemlich durchgesessen und riecht irgendwie nach Pizza-Hut.

Ist ja auch egal, schliesslich soll man in einem so traditionellen Sanatorium seine Zeit nicht im Zimmer verbringen! Schon die Lobby bietet einiges. Ein Klavier wartet auf Airlineangestellte, die trotz verdichteter Flugpläne noch Zeit finden, Musikunterricht zu nehmen. Nicht ganz unerwartet bleibt das Tasteninstrument meistens stumm.
Der Treffpunkt und die Attraktion vom "Chapter 11 – Inn" ist der Poolbereich. Von Palmen umgeben liegt das himmelblaue Schwimmbecken unter dem blauen Himmel und empfängt Suizidwillige, die den ganzen Tag an der prallen Sonne liegen und vom braunen Teint und einer nie kommenden Lohnerhöhung träumen.

Für den gesünder lebenden Teil der Flugangestellten hat es einen Getränkeautomaten, der ganz hellfarbige Biere für einen Dollar ausgibt, einen Fitnessraum, einen Gebetsraum für Konvertierte und eine Allesheilerin, die gemäss eigener Werbung Verspannungen, Depressionen, Hautausschläge und andere stressbedingte Symptome heilt.

Auch für die in Trennung Lebenden ist vorgesorgt. Im Raum neben dem Bierautomaten finden sich drei Waschmaschinen und drei Tumbler, damit der einsame Single seine schmutzige Wäsche während des Sanatoriumaufenthaltes reinigen kann. Das Bügeleisen für Ästheten befindet sich übrigens im eigenen Zimmer.

Last, but not least die Verpflegung. Frühstück bestehend aus Kaffee, so dünn wie das Automatenbier, Toast und Bagels aus dem Wal-Mart, werden gratis angeboten. Für den Hunger zwischendurch hat es gleich neben dem "Chapter 11 – Inn" einen Pizza-Hut und am Abend kann der einsame Flugangestellte die Fertigmenüs vom Supermarkt nebenan im zimmereigenen Mikrowellenofen aufwärmen.

Dieses Hotel ist durch und durch eine Win-Win Situation für Angestellte und Management verarmter Airlines. Der Subalterne schont sein privates Budget, das Management spart Kosten, ihr Bonus steigt und die Gattinnen der Führungskräfte freuen sich an den gestiegenen Shoppingbudgets. Fliegen ist so schön!

Ernesto


Am Mittwoch um 2 PM bin ich genau da wo auf dem Bild Mittwoch 2 PM steht......
Das kann ja heiter werden.

Montag, August 21, 2006

Schenkelklopfer

Was für ein Wetter! Die Sonne brennt erbarmungslos auf Asphalt, Sand und Meer herunter und ausser mir scheint das hier in Kalifornien keinen Menschen zu stören. Schon beim Frühstück nach dem ausgiebigen Jogging (wieder nicht verhaftet!), habe ich für die Stunden, in denen die Sonnenstrahlen senkrecht herunterscheinen, ein Alternativprogramm zusammengestellt.

Deren drei grosse Kinokomplexe haben die Stadtheiligen von Long Beach bewilligt und die wollen natürlich genutzt werden. Ich erklärte den heutigen Sonntag zum Kinotag und durchstöbere die Programmseiten im Internet.
In Sichtweite von Hollywood sucht man verständlicherweise vergeben nach Werken, die eine etwas andere Sichtweise des Lebens zulassen, als die Traumscheinwelt, die hier fast jeder sucht und natürlich nie findet.
Die Recherche beginnt. Ich habe die Auswahl zwischen einstürzenden Hochhäusern (World Trade Center), einem Amphibienfilm (Snake on the Plane), einem Portrait der amerikanischen Version der Rudolf Steiner Schule (Accepted), 160 Minuten Dauergeballer (Miami Vice), einem Regattafilm (Pirates of the Caribbean), zwei Horrorschockern und einem Gruselfilm für Kids (Monster House).
Leicht resigniert übersehe ich in meiner Niedergeschlagenheit fast den noch unbewerteten Streifen mit dem unscheinbaren Titel «little Miss Sunshine».

Meine Neugierde ist wieder einmal grösser als die Vernunft und die Eintrittskarte für überaus vernünftige 5 U$ findet schnell ihren Weg in meinen Hosensack.
Der Kinosaal ist an diesem Sonntagmorgen erstaunlich gut gefüllt und ich interpretiere das als gutes Zeichen. Noch immer schwebe ich im Ungewissen, was für ein Streifen mich hier erwartet. Das Licht wird gedämpft und die obligate Werbelawine prasselt auf die Kinobesucher ein. Ein erneutes Verdunkeln kündigt die Welle der Vorfilme an.
Vorfilme sind in der Regel immer ein guter Indikator, in welche Richtung der Hauptfilm geht. Als erste Sensation für die amerikanische Herbstkinosaison wird uns Zuschauern ein Kettensägemassaker-Remake empfohlen. Der zweite Vorfilm versucht einen Gruselfilm zu vermarkten und der Dritte preist die Fortsetzung vom absolut unnötigen «Jackass-Movie» an.

Oh mein Gott, in was bin ich da geraten? Endlich beginnt der Hauptfilm und bald, sehr bald ist im Kinosaal eine kleine Revolution im Gange. Der noch etwas schlaftrunkene Operateur hat statt der erwarteten Komödie den Streifen «snake in a plane» eingelegt und ich amüsiere mich köstlich über die Reaktion des Kinopublikums.

Es geht keine Minute und eine Verantwortliche des Kinos stürmt mit zwei Helfern den Saal, entschuldigt sich souverän und verteilt Gratispopcorn in Behältern so gross wie Skischuhschachteln. Innert Sekundenbruchteilen herrschte wieder Ordnung und wir Kinobesucher freuten uns über die abgegebenen 1300 kcal, den Gutschein für einen Gratiseintritt in ein AMC-Kino in ganz Amerika und einen Voucher für eine weitere Portion Popcorn nach der Vorführung.

Ich unterhalte mich schon vor dem Film köstlich und das sollte in den folgenden zwei Stunden anhalten. Der gezeigte Streifen war ein echter Schenkelklopfer! Eine Komödie, so gut wie schon lange nicht mehr gesehen, trieb mir fast ununterbrochen die Tränen in die Augen.
Es hat sich gelohnt, das Experiment mit dem unbekannten Film. Glücklich, die geschenkte Kalorienbombe nicht angerührt zu haben, verliess ich das Kino und steuerte den nächsten Starbucks an.
Diese Zeilen sind während dem Genuss eines grande Latte entstanden und vor dem Hochladen des Textes ins Internet bestellte ich ohne schlechtes Gewissen noch einen zweiten Becher.
Dieser kam und kam einfach nicht und nach einer scheuen Nachfrage beim Barista, versank dieser vor Scham im Boden, erledigte im Schnellzugtempo meine Bestellung und drückte mir zusammen mit dem Milchkaffee einen Gutschein für ein Gratisgetränk meiner Wahl in irgendeiner Starbucksfiliale in Amerika oder Kanada in die Hände.

Der Tag ist noch lang und ich bin echt neugierig, wie lange meine Gutscheinsglücksträhne noch anhält.

Samstag, August 19, 2006

Verkehrserziehung

Mein Amerikamonat nähert sich langsam, aber sicher der Ziellinie und ich bin zur Abwechslung wieder einmal in Los Angeles.
Seit meinem Abflug vor ein paar Tagen hat sich hier wenig ereignet. Noch immer scheint die Sonne, noch immer jogge ich mit anstössig engen, aber umso funktionelleren Laufhosen durch die Gegend und noch immer warte ich auf den wohl unvermeidbaren Augenblick, wo mich ein freundlicher, aber ernsthafter Officer zurechtweisst und mein Vergehen mit einem Bussgeld bestraft.

Keine Angst, dies wird kein amerikafeindlicher Artikel mit Rundschlägen gegen Politik und Volk dieses Staates, aber es lohnt sich einmal mehr, potenzielle Besucher dieses Fleckens Erde vor möglichen Fettnäpfchen und Gefahren zu warnen.

Schon bei der Einreise als Crew ist Vorsicht geboten. Ich rede nicht vom Procedere mit Fingerabdrücken und gespeicherten Fotos, an das wir uns mittlerweile gewöhnt haben und zugegebenermassen auch recht gut funktioniert – ich meine die letzten Meter vor dem rettenden Bus, der die todmüde Crew nach dem langen Flug zum Hotel bringt.

Unser internes Informationsblatt meint zu den entscheidenden 12 Metern:

It's advisable to use the pedestrian crossing at the airport to avoid corrective measures (such as having to attend traffic school) being enforced by the police…..

Ignoriere ich also den Fussgängerstreifen beim Überqueren der Strasse, droht mir Ungemach der Polizei und zwar nicht in Form von Bussgeld, sondern als regelrechtes Nachsitzen bei den örtlichen Behörden.
Das kenne ich aus meiner Jugendzeit. Unsere Kleinstadt leistete sich einen Verkehrsgarten zwecks Verkehrserziehung für sündige Fahrradrowdies im kindlichen Alter. Wurde man vom Duo M&M (Polizist Mäder und Polizist Meier) bei einer groben Übertretung erwischt, war der freie Mittwochnachmittag Geschichte.
So schlimm waren diese Stunden im Verkehrsgarten auch wieder nicht und irgendwie denke ich mit einem lachenden Auge an diese Zeit zurück.
Und genau hier beginnt mein Dilemma. Das Kind in mir juckt es natürlich beim Studium dieser Zeilen und ich stelle mir vor, dass so ein Nachmittag mit anderen Verkehrssündern der Weltstadt Los Angeles ein ganz amüsantes Unterhaltungsprogramm sein könnte. Statt sich einsam im teuren Mietauto durch die Staus von Südkalifornien zu kämpfen, sässe ich mit sicherlich interessanten Leuten aus allerlei Ländern in einem Raum, würde amerikanisches Strassenrecht büffeln und Berge von Bagel mit Creme Cheese verdrücken.

Zwei Sachen halten mich dann doch davon ab. Erstens sehe ich schon jetzt die Schlagzeile im heimatlichen Schweizerländli vor mir, die mit grossen Lettern verkünden würde:

Swiss Copilot in L.A. verhaftet und in Verkehrserziehung
geschickt! Was für Verbrecher fliegen unsere Jets?


Und zweitens hat unsere geschätzte Arbeitgeberin im Wissen um die infantilen Adern ihrer Copiloten die nette Geschichte verbreitet, dass es sich bei der Strafe nicht um eine Einzelabreibung handelt, sondern um eine sonst nur noch in der Schweizer Armee praktizierte Kollektivzüchtigung.
Gemäss unbestätigten Angaben aus unbekannter Quelle musste einmal eine ganze Crew zur Verkehrserziehung antraben, weil der Copilot leichtsinnig und vorsätzlich quer über die Strasse lief.

Damit wäre auch der ganze Sinn der Veranstaltung, nämlich neue Leute kennen zu lernen und fremde Kulturen zu studieren, auf einen Schlag dahin.

Aber ich muss schon ehrlich zugeben, irgendwie reizt mich das Ganze schon ……….

Sommer in Grönland







Position 69°18.9N/023°46.1W

wunderschön

still

aufregend

Sommer in Grönland!

Samstag, August 12, 2006

sein und nicht scheinen

Mein Aufenthalt an Kaliforniens Küsten geht langsam aber sicher zu Ende und es gilt sich auf den Abflug heute Abend vorzubereiten. Seit meinem Abflug vor ein paar Tagen haben sich die Rahmenbedingungen in der Luftfahrt etwas verändert und das geht natürlich auch nicht an uns Crewmitgliedern vorbei.
Was noch erlaubt und was neu auf dem Flugzeug verboten ist, das haben die Medien zumindest hier in Kalifornien zur Genüge erklärt. Nun kann es also beginnen, das grosse Handgepäckausmisten.
Eine Massnahme, die uns Männer sichtlich weniger Mühe macht, ist beim weiblichen Teil der Besatzung weit weniger populär. Sowohl visuelle Schutzschilder in Form von Lippenstift, Wangenrouge und Augenmascara, als auch geschmackliche Distanzhalter bekannt unter dem Namen Parfüm oder kölnisch Wasser, verschwinden für einmal im Bauch des Flugzeuges statt in den unförmigen Handtaschen.

Diese Verordnungen haben neben der erhöhten Sicherheit auch andere ganz angenehme Nebeneffekte. Das unter Passagieren und Flugbegleitern beliebte Massenparfümieren vor dem Sinkflug bleibt genauso aus, wie das unhöflich lange Beanspruchen einer Notdurftanlage zwecks Auffrischung der Kriegsbemalung.
Vielflieger kennen die problemmachenden Individuen genaustens. So zum Beispiel die Frau von Welt, die mit einem grossen «Louis-Vitton» Koffer in der Toilette verschwindet und lange Augenblicke später als total veränderte Erscheinung das kleine Kabäuschen verlässt, während die Passagiere in der Warteschlange von einem Bein auf das Andere springen.

Ja, es wird eine neue Erfahrung sein, heute Nacht über den Atlantik zu fliegen. Es duftet an Bord wieder nach Mensch, Frauen sehen wieder nach Frauen aus und nicht nach Fasnachtsmasken, die männliche Haut freut sich auf eine Nacht ohne Rasierwasserdusche und die Toiletten erfüllen vor der Landung wieder den Zweck, wofür sie eigentlich gebaut wurden.

Klar werden die strengen Auflagen und die damit verbundenen Entbehrungen bei einigen Passagieren Entzugserscheinungen hervorrufen. Es soll ja Frauen geben, die sich noch nie ohne Schminke im Spiegel gesehen haben und Männer, die ohne ausgiebige «Fahrenheit-Dusche» die eigenen vier Wände nicht verlassen.
Ich und meine Nase freuen sich auf jeden Fall auf die neue Erfahrung und ich hoffe, dass die reklamierenden Passagiere und Besatzungsmitglieder erkennen, dass das Leben ohne Kampfbemahlung auch lebenswert ist.

Freitag, August 11, 2006

körperliche Ertüchtigung mit Hindernissen

Der Tag in Los Angeles beginnt für mich wie immer. Ein kurzer hoffnungsvoller Blick auf den Radiowecker verbunden mit der meistens unerfüllten Bitte, dass dieser einen Wert weit über der 0300 Uhr Grenze anzeigen möge. Was ich schon über diese Zeitverschiebung von neun Stunden geflucht habe……
Heute hatte das kleine elektronische Ding erbarmen und die Leuchtziffern begrüssten meine müden Augen mit dem Traumwert von 0447 Uhr. Nichts hielt mich noch in den Federn und ich stürzte mich so schnell wie möglich in meine Jogging Klamotten und tauchte in die noch dunkle Welt von Long Beach ein.
Just vor den Türen des Hotels beginnt der Fitnesspfad, der Richtung Süden der Küste folgt und gerade in den Morgenstunden von den gesundheitsbewussten Einwohnern rege benutzt wird.
Ein Wald voller Hinweisschilder begrüsst die Sportbegeisterten am Beginn der Laufstrecke und weist diese darauf hin, dass es auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten Regeln zu befolgen gibt. Die Wichtigste gleich vorweg, der Strandabschnitt ist von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang für alle nicht autorisierten Personen gesperrt. Mit meinem schnittigen Dress fühle ich mich trotz Dunkelheit extrem autorisiert und lese vorsichtig weiter. Der etwas über fünf Meter breite Pfad ist in drei Sektionen eingeteilt. Eine Sektion ist für Fussgänger und wird durch eine doppelte Sicherheitslinie von den anderen zwei Sektoren getrennt, die ausschliesslich der radelnden und skatenden Bevölkerung vorenthalten sind. Die beschriebenen zwei «Rollsektoren» werden wiederum durch eine gelbe Linie unterteilt, die für die entsprechenden Fahrtrichtungen reserviert sind.
Auf den Radlerspuren gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 15 Meilen pro Stunde, die bei viel Fussgängerverkehr auf 5 Meilen heruntergesetzt wird. Die Polizei von Long Beach wünscht viel Spass, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die Nichteinhaltung der Höchstgeschwindigkeiten Schwierigkeiten zur Folge habe.

Ich jogge locker los, vergesse die Vorschriften und finde schnell meinen Rhythmus. Wenige Personen begegnen mir bei meinem Frühsport bei noch stockdunklem Himmel und ich falle in eine Art Trancezustand. Ohne es zu merken, verlasse ich meinen Laufsektor und beanspruche die mittlere Spur. Es geht nicht lange, bis von hinten ein Radfahrer angeschossen kommt, der mich mit unfreundlichen Worten darauf hinweist, dass ich ab subito keinen meiner Füsse mehr in seinen Sektor setzen soll. Ich zeige ihm den Vogel und laufe weiter.
Es wird heller und die Anzahl Jogger steigt. Überholen, ohne den Laufsektor zu verlassen, wird schwieriger und ich wechsle wieder auf die Radspur. Militante Radfahrer scheinen zu meiner Erleichterung in der Minderheit zu sein und die nächsten Begegnungen mit den Armstrongs und Landis' in spe verlaufen absolut unspektakulär.
Es läuft mir gut und ich erhöhe die Pace. Nach einigen Kilometern merke ich, dass mir sowohl Männlein als auch Weiblein beim vorbeilaufen erstaunlich oft in den Schritt schauen. Es braucht einige Zeit, bis ich merke, dass es meine engen Laufhosen sind, die Aufmerksamkeit erregen.
Es liegt in der Natur der Sache, dass bei rhythmischen Bewegungen die beweglichen Teile trotz doppelter Verpackung etwas hin und her springen. Was sonst nirgends stört, ist im prüden Amerika eine Provokation sondergleichen. Es bewegt sich etwas an einem Ort, wo gemäss konservativ christlicher Weltanschauung gar nichts sein dürfte. Aus anatomischer Sicht wäre es viel stossender, wenn das bewegliche Teil starr wäre, aber an das darf der einheimische Sittenwächter frühmorgens schon gar nicht denken.
Ich schmunzle, erhöhe das Tempo zu meiner Sicherheit noch etwas und verstehe endlich, warum sich der weibliche Teil Amerikas Lippen und andere bewegliche Äusserlichkeiten füllen lässt, bis diese hart wie schockgefroren jeder noch so starken Bewegung trotzen.
Glücklich, ausgepumpt und tropfnass komme ich im Hotel an und verschwinde in meinem Zimmer, bevor ich in der Lobby mit meinem Dress zu viel Aufsehen errege. Ich werde auch Morgen wieder meine 10 km abspulen und hoffe, dass mir das Glück hold bleibt und ich neuerlich einer Verhaftung entgehen kann.