Freitag, Juli 21, 2006

keep smiling


Ist sie nicht herrlich? Wirklich, ich meine es ehrlich, dieses Lächeln steckt doch richtiggehend an - oder?
Getroffen habe ich diese charmante Dame in einem Gebäude, in dem ich eigentlich überhaupt nichts zu suchen hatte, aber wie manch anderer Besucher von Tokio hinkomme, um die wunderbare Architektur zu bestaunen und auf Chip zu bannen.
Solch knipsende Gaffer wie ich stören natürlich die normale Betriebsamkeit in einem Bauwerk unendlicher Wichtigkeit und das gilt es, im überorganisierten Tokio mit aller Vehemenz zu verhindern.
Ähnliche Probleme dieser Art haben viele bedeutende Einrichtungen rund um den Globus und setzen in der Regel auf Abschreckung in Form eines unsympathischen Bewachers mit einer Sonnenbrille, so dunkel wie des Wachhunds Seele.
Dieses Gebäude widersetzt sich dem allgemeinen Trend zu schwarz gekleideten Glatzköpfen mit Funk im Ohr und setzt diese reizende Dame in dezentem Hellblau gekleidet in eine Ecke am Eingang. Ihr Lächeln wirkt auf Besucher wie das UV-Licht auf Fliegen. Auch ich trat in die Falle und landete, nicht ohne ein Bild vom Gebäude geschossen zu haben, vor ihrem bescheidenen Pult.
Rasch und elegant zückte „Miss Smile“ einen Hochglanzprospekt aus der Schublade und erklärte mir mit einem Pepsodentlächeln, dass es sich beim im Prospekt sehr gut illustrierten Gebäude um ein Privates handle.
Ich verstand die Nachricht, lächelte zurück und verliess die Halle mit der Einsicht, dass ich mich nach einem Rausschmiss noch nie so glücklich gefühlt habe.

Regen setze ein und Müdigkeit machte sich im ganzen Bewegungsapparat breit. Zeit, den Körper in ein warmes Bad zu tauchen und etwas auszuspannen. Meine mitgereisten Kolleginnen waren von der Idee genauso begeistert wie ich und wenige Minuten später begrüsste uns der Angestellte hinter dem Tresen des Bades mit einem breiten Lächeln.
Noch bevor das Eincheckprocedere beendet war, entdeckte der Sittenwächter ein klitzekleines Tattoo am Ringfinger einer Kollegin und sein Lächeln verschwand so schnell, wie die Sorgenfalten erschienen. „No tattoo or bodyart allowed!“ Dieser ernste Blick hielt genau 15 Sekunden und das strahlende Lächeln nahm seinen Platz auf dem ansonst unspektakulären Kopf wieder ein.
Weniger charmant präsentierte sich das sonst eher liebliche Gesicht meiner Kollegin und ich befürchtete für einen Moment einen Kopfstoss à la Zidane. Der Schalterbeamte erkannte die bedrohliche Situation, trat einen Schritt zurück und lächelte leicht verkrampft weiter, während er sich den Angstschweiss von der Stirne wischte.
Westliche Diplomatie half wenig und auf gleichem Weg wie gekommen, verliessen wir zu zweit die tätowierfreie Zone.
Es regnete noch immer, die Japaner strahlten weiter um die Wette und meine Kollegin redete langsam aber sicher wieder in druckreifem Deutsch.
Plötzlich erblickten wir nicht weit vom Bad entfernt eine lange Menschenschlange vor dem Baseballstadion.

Baseball? Baseball! Dieses amerikanische Ballspiel, eine mehr oder wenig gelungene Kombination aus Hornussen und Mattenlauf, habe ich noch nie live gesehen und die Halle bot bei dem sintflutartigen Regen immerhin ein Dach über dem Kopf.
Obwohl ich die Regeln bis zum Schluss nicht verstand, sehe ich heute ein, dass ein Baseball-Match für die Zuschauer purer Nervenkitzel bedeutet. Während den drei Stunden, das dieses Spektakel dauerte, wurde der Ball vom Schläger genau 24 Mal getroffen, also im Schnitt etwa alle acht Minuten einmal. Von diesen 24 Mal flog das harte Ding etwa 9 Mal Richtung Spielfeld und die restlichen 15 Mal als Abpraller in die Zuschauer. Akribisch genau wurde die Geschwindigkeit des Geschosses gemessen und auf der Anzeigetafel publiziert. So 140 km/h waren die Regel und das gab den Fans auf den oberen Reihen etwa zwei Sekunden Zeit, die Köpfe einzuziehen.
Um das Ganze etwas spannender zu machen, wurden die Zuschauer durch das langweilige Hin und Her eingeschläfert und mit reichlich fliessendem Bier vom Tank des lächelnden Bierfräuleins duselig gemacht.
Die Strategie hatte Erfolg und mindestens drei der etwas über 3000 Besucher wurden mit blutenden Platzwunden und bewusstlos aus dem Stadion getragen. Das Spektakel scheint zu gefallen und die Arenen füllen sich jede Woche aufs Neue.

Mein Ding war es nicht und ich werde Morgen alleine, ganz alleine das Bad aufsuchen und entspannt in das heisse Wasser abtauchen. Frei von störenden Tätowierungen kann ich getrost der Eingangskontrolle entgegensehen. Wenn der Angestellte mit einem Lächeln nach einem allfälligen Tattoo oder nach bodyart fragt, werde ich ebenso zurückgrinsen und verneinen.
Obwohl eindeutig bodyart, werde ich meine „Pauke“ sicherlich nicht deklarieren! Der lächelnde Knabe kann mich mal! Sayonara!

Kommentare:

  1. Hallo Copilot! Ich habe mit einem Lächeln Deinen Beitrag gelesen (Nein, ich bin nicht Japaner, sondern Bündner) und frage mich, ob Du vielleicht mal nach Moskau fliegst?!? Diesen Beitrag würde ich mit Spannung erwarten und gerne auch in meinem Blog verwenden...

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Gourmet,

    fliege nur 330/340 und die landen sehr selten in Moskau.....

    Bin auf dem Sprung und wenn ich in Nairobi wieder online bin, dann studiere ich mal Deinen Blog!

    Cu

    AntwortenLöschen