Montag, Juli 31, 2006

gruppendynamische Selbstheilungsseminare

Wer eine betriebswirtschaftliche Ausbildung genossen hat, oder in einem selbsternannten Weltkonzern arbeitet, kennt die gruppendynamischen Selbstfindungsseminare zur Genüge.
Zuerst werden dem Arbeiter die lokalen Mätzchen ausgetrieben, die für die Firma sehr wohl auch positive Effekte haben können, und danach schickt man die unzufriedenen Lohnempfänger für viel Geld in ein gruppendynamisches Seminar mit einem eindrücklichen angelsächsischen Namen.

Früher wurde einer, der lange genug in der Firma war, fast automatisch Vorarbeiter, heute realisiert die Führungsgilde, die sich alle drei Jahre runderneuert, gar nicht mehr, wer für die Firma wertvoll ist. Dennoch braucht es auch auf den unteren Stufen Führungskräfte und die heissen heute «Teamleader».
Damit sich der Teamleader in seiner neuen Rolle auch wohl fühlt, braucht es natürlich wieder ein neues Seminar mit einem prägnanten Namen.
Solche Kurse finden weit weg von der Arbeitsstätte statt, denn die Übungsinhalte erinnern eher an eine Waldspielgruppe als an einen Führungslehrgang für die «leader of tomorrow».
Was könnte auch der Untergebene denken, wenn er sieht, dass sich die Chefs gegenseitig die Augen verbinden und dann Hand in Hand durch einen Hindernisparcours laufen?

Keine Angst, ich befinde mich nicht in einem solchen Seminar, das bei uns in der Zwischenzeit lizenzrelevant wurde, sondern ich geniesse immer noch den herrlichen Ausblick von meiner Terrasse in der Safari Lodge in Nairobi.
Der Grund für meinen kleinen Aufsatz zum Thema ist ein Anderer.
Hier aus diesem Kontinent, wo vom Klima über das Essen und den Stuhlgang (ein Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme ist nicht abzustreiten) alles ziemlich anders ist als im heimischen Europa, habe ich doch heute Morgen tatsächlich eine Gruppe Jungmanager gesehen, die sich gegenseitig mit verbundenen Augen durch das Hotelareal führten.
Nicht die Übung an sich, die bei uns unter dem Thema «Verantwortung übernehmen und führen» läuft hat mich erheitert, sondern die Reaktion des Hotelpersonals.

Die Gartenangestellten in ihren grünen Overalls sassen am Boden, klatschten sich vor Freude mit den Handflächen auf die Oberschenkel, lachten lauthals heraus und zeigten dabei ihre Zähne, die so weiss sind, dass sogar die «Schweiz Aktuell» Moderatorin mit ihren gebleechten Beisserchen einpacken kann.
Ich konnte einfach nicht anders und schloss mich dem heiteren Gelächter an. Ich gebe es ja zu, es war ein unhöfliches, ungefragtes, aber dafür sehr ehrliches Feedback (schon wieder so ein angelsächsischer Ausdruck)!

Wenn ich bei meinem nächsten pseudopsychologischen Seminar am Flughafen eine kleine Krise habe, werde ich an die sympathischen Gärtner denken, die schenkelklopfend und mit Tränen in den Augen am Boden sassen und dem Spielchen zujohlten. Ich bin sicher, dass es mir dann augenblicklich besser geht!

Kommentare:

  1. jaja..die gspühr-mi-fühl-mi -seminare... schade hast du nicht ein foto davon, ich bin sicher es würde zum foto des jahres gewählt.
    gruss aus zürich

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  2. Hmm, da bietet sich die Lektüre von Christopher Brookmyres 'A big boy did it and ran away' an, was da der Bösewicht mit einem Organisatoren so eines Seminars anstellt...
    Auch vom aeronautischen Aspekt her sehr (nicht) empfehlenswertes Buch ;-)

    Pio

    P.S. Sehr gutes Blog, das ich schon seit längerer Zeit mit Freuden lese

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  3. Das Buch muss ich haben :-)

    Danke für die Blumen - sonst bekommt man ja keine Komplimente mehr....

    Gruss

    nff, wieder im Lande

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  4. randbemerkung: diese "gschpürsch-mi"-seminare können bei uns mittlerweile auch im Studium abgelegt werden. das wirklich witzige daran: man bekommt noten dafür. wie man das bewerten kann ist mir bis heute noch sehr, sehr schleierhaft...

    grüsse
    macerkiste

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  5. Öffnet die Herzen, umarmt Euch, und ihr werdet gute Chefs sein...
    Ist doch schön, haben wir darüber geredet. :-)

    swissaviation, der die erheiternden, literarischen Kurzwerke von nff schätzt. Und von wegen Komplimente: Ein bisschen mehr Anerkennung würde Mitarbeiter (und Chefs) von selbst zu mehr Leistung und Engagement führen, nicht wahr?

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  6. Ich nehme sie mit, die lachenden Gärtner, in meinem Herzen für die Momente, in denen mir die Leichtigkeit des Seins abhanden kommt. Das relativiert alles...:-)
    Dankeschön dafür!

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  7. Bei uns werden diese tollen Seminare immer mit Skifahren verbunden. Dieses Jahr waren wir Schneeschuh laufen, was damit endete, dass der grösste Teil der ach so tollen Top Manager immer wieder bis zu den Hüften einbrach und wild tobend und total hilflos rum stänkerte. Bin schon jetzt gespannt, was man sich für nächstes Jahr ausdenkt. Ich denke ich werde mir das ganze dann von der Ferne anschauen und mich mit meinem Snowboard amüsieren... un dabei mit Sicherheit an die von Ihnen beschriebene Szene denken...

    Gruss
    A.

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  8. Gruppendynamisches, teamfördendes undausgelassenes Snowboarden - cool.

    Wo kann ich mich bewerben?

    Gruss aus L.A.
    nff

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  9. Bei einer grossen Spedition für die Sie immer die Fracht mitnehmen... Sitzt auch ganz nah am Flughafen.

    Wir suchen zwar keine Piloten, aber jemanden der gute Events organisieren kann. Ich hatte ja schon die Idee unsere Top Manager mal Bergsteigen zu lassen, so à la Ueli Steck...

    Gruss vom Flughafen mit zig Lates... wie jeden Freitag Abend. Zum Glück darf mein Laptop noch mit ins Handgepäck, das verkürzt die Warterei...

    A.

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