Sonntag, Juli 09, 2006

das Johannesburg-Dilemma

Es gibt Sachen, die man tausendmal macht und an die man sich trotzdem nie gewöhnt. Kofferpacken ist so ein Ding und Kofferpacken mag ich gar nicht gerne.
Klar, es gibt einen gewissen Grundstock, der bei jedem Ausflug in den Samsonite gehört. So zum Beispiel das Necessaire (oder den Kulturbeutel, wie es in korrektem Hochdeutsch heisst), das Überlebenspack Unterhosen, ein frisches Uniformhemd und Schuhwerk, bei dem sich die Sohle nicht sofort auflöst, wenn man in einer Grossstadt irgendwo auf der Welt in eine undefinierbare Flüssigkeit steht.
Sind die Grundeinheiten einmal verstaut, wird es deutlich schwieriger. Nur dank unglaublicher Erfahrung habe ich zum Beispiel gestern geistesgegenwärtig erkannt, dass es im Monat Juli in Südafrika elend kalt sein kann. Also Winterjacke ausgraben und ein paar Bettsocken für die kalte Steppennacht einpacken. Weiter will die spärliche Freizeit an der Destination geplant sein. Das Wichtigste in Südafrika ist die Zahnseide – und zwar Meterware davon. Wehe man vergisst sie, eine schlaflose Nacht, in der die Zunge mit allen Mitteln versucht, Reste des T-Bone Steaks aus der Zahnlücke zu holen, ist sonst vorprogrammiert.

Weiter gehört diese Woche ein graues, langweiliges, dickes, hässliches und unbeliebtes Buch in meinen Reisesack. Der halbjährliche Simulatorcheck steht an und Sätze, die ich sicher schon hundert Mal gelesen habe und vor Langeweile immer wieder aus dem Speicher lösche, müssen wieder einstudiert werden.
Ja diese regelmässigen Checks! Ausgeliefert sitzt man einem Examinator gegenüber und hofft, dass man für die tagelange Vorbereitung etwas Applaus erntet. Oft reicht der eigene Wissenstand aus, um fast den ganzen Airbus aus dem Gedächtnis zu skizzieren und ausgerechnet dann fragt der Prüfer nach einem vernachlässigbar kleinem Detail, das man im besten Willen nicht kennen kann, wenn man nicht selber im Konstruktionsteam von Anfang an mit dabei war.
Das kann ganz schön frustrierend sein. Die einzige wirksame Waffe ist der totale Angriff. Am besten kommt man als Prüfling mit einem Berg komplizierter Fragen an den Check und beweist so, dass man sich sehr gut vorbereitet hat und dass der Prüfer eigentlich auch keine Ahnung hat.
Darum lese ich Bücher zum x-ten Mal und darum stecke ich jetzt tief im Johannesburg-Dilemma.

Auf meinem Pult vor mir stehen die drei Dinge, die meine Sinne durcheinander bringen. Ganz links und diskret am Rande der Tischplatte die Zahnseide. Extraschlüpfrig und 25m lang wartet diese darauf, sich mit Rindsfleisch „medium-rare“ zu duellieren. In der Mitte das ominöse Buch; grau im Einband und im Innern farbig verunstaltet durch Hundertschaften von Leuchtstiften. Ganz am rechten Rad der Zeitungsartikel mit der Mannschaftsaufstellung vom heutigen WM-Final. Unmöglich das alles unter einen Hut zu bringen!

„Es ist eine ungeheure Stärke, wenn man nicht recht haben muss“, habe ich einmal irgendwo aufgeschnappt und das macht mir die Entscheidung um einiges leichter, das ungeliebte Buch im Koffer verschwinden zu lassen.
Jetzt geht es mir wesentlich besser! Wäre doch schade gewesen, wenn ich die Zahnseide vergebens mitgenommen hätte……..

1 Kommentar:

  1. Na dann: En guete

    Und trotzdem viel Glück fürs Duell mit dem Examinator

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