Donnerstag, Juni 08, 2006

Zimmer mit Aussicht

Ich schiebe die dunklen und ziemlich schweren Vorhänge in meinem Hotelzimmer zur Seite und blicke auf das wunderschöne Meer hinaus. Ein guter Dichter könnte dieses Bild prächtig beschreiben, die 6 Megapixel meiner Kamera schaffen das gestochen scharf, nur ich finde mit meinem schlaftrunkenen Denkzentrum die passenden Worte nicht.

Verschiedene Blautöne mischen sich mit dem hellen Gelb des Sandes und den dunkelgrau gefärbten Wolken im Hintergrund. Obwohl ich eher ein Freund von Bergseen und verschneiten Alpengipfeln bin, muss ich zugeben, dass dieser Anblick glücklich macht.
Dieser Meinung ist auch der Handwerker im Nachbarszimmer. Obwohl das Anstreichen einer Wand eher zu den lautlosen Tätigkeiten gezählt werden kann, hat mich sein durchaus schöner Gesang vom Schlafen abgehalten.
Spanisches Liedergut gibt er zum Besten und trifft nach meiner Einschätzung in den meisten Fällen den richtigen Ton. Die spanischen Lieder scheinen von Liebe und Leidenschaft zu handeln, denn Lautstärke und Intensität wechseln ständig wie der Wellenschlag des Meeres vor meinem Fenster.

Obwohl ich zugeben muss, dass die Singerei besser ist als manches Musikstück, das auf meinem iPod gespeichert ist, bin ich nicht restlos zufrieden. Dass der Malermeister seine Gefühle musikalisch von der Seele schreit hat zur Folge, dass mein Versuch vor dem langen Flug etwas vorzuschlafen, kläglich gescheitert ist.

Einmal mehr werde ich todmüde einen Nachtflug antreten und einmal mehr werde ich über dem Nordatlantik, wenn ich fast bewusstlos in den Gurten hänge, meinen Beruf verfluchen.
Aber eben, der Beruf hat auch schöne Seiten. So geniesse ich den Blick aufs Meer, schaue den Hostessen von meinem UV-strahlensicheren Zimmer zu, wie sie schon seit ein paar Stunden mit gespreizten Beinen und in knapper Kleidung an der prallen Sonne liegen und frage mich ernsthaft, ob diese schon fast obszöne Stellung im Land der prüden Sitten überhaupt erlaubt ist.

Erst jetzt bemerke ich, dass der ariensingende Maler seine Arbeit beendet hat und eine schon fast gespenstische Ruhe herrscht. Auch die hübschen Damen sind vom Pool verschwunden und reiben sich in ihren Zimmern vor dem Flug noch mit einer dicken Schicht Regenerationscrème ein, die aus der rötlichen Tapete bis zur Landung in Zürich eine braune Haut machen soll.

Noch ein letzter Blick aufs Meer hinaus. Die Wellen treffen immer noch im regelmässigen Abstand auf das Ufer auf und zwischen den zahlreichen Booten entdecke ich einen Kitesurfer. Er erinnert mich ans Engadin, wo ich mich in den nächsten paar Tagen erholen werde.
Das Telefon klingelt, ich muss mich bereitmachen. Kalt duschen, Uniform anziehen, gut aussehen, Müdigkeit verbergen, Seriosität verbreiten.

Sicherlich wird es Turbulenzen geben heute Nacht, die Passagiere werden nach der Ankunft ihren Angehörigen vom unruhigen Flug erzählen und klagen, dass sie kaum eine Stunde geschlafen hätten. Ich werde mich nach Hause schleppen und vorausgesetzt, dass der Nachbar nicht gerade seinen Rasen mäht, in einen komaartigen Schlaf fallen.

Noch Tage später werden sich unsere Passagiere bei jedem Gähnen über den Jet-Lag beklagen. Ich werde dann schon wieder in Japan sein und hoffen, dass es im Nachbarszimmer nichts zu renovieren gibt.

Noch schnell einen Blick auf das wunderschöne Meer hinaus, Koffer zu und Adieu Miami.

1 Kommentar:

  1. Na bei solchen Aussichten, plus ein paar wunderschoene Sonnenauf- und untergaenge aus dem Office, wird ja nichts am Werkers-gesang zu meckern sein!

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