Freitag, Juni 30, 2006

Kneippen in der Kneipe

Sinnflutartige Regengüsse, stürmische Winde und hoher Wellengang gehören zum Sommer in Hongkong, wie der Innerschweizer Stau auf Zürichs Strassen an katholischen Feiertagen.
Nicht schlecht gestaunt habe ich darum heute Morgen, als mich nach verdientem Schlaf die Sonne und ein fast wolkenfreier Himmel begrüssten. Abenteuerlust stieg auf, ich packte mein Bündel und ging auf Wanderschaft.

Auf den wenigen Metern zwischen klimatisiertem Hotel und heruntergekühlter Unterführung, beschlug meine Brille leicht und leider verpasste ich, dieses Zeichen richtig zu deuten.
Die Vorfreude auf das Frühstück unter freiem Himmel auf der Insel Lamma war gross. Mit riesigen Schritten überholte ich die etwa sechs Kopf kleineren Chinesen und hüpfte elegant an ein paar Aufpassern vorbei in die U-Bahn, bevor sich die Türen unter lautem Gebimmel elektrisch schlossen.
Gewohnt selbstsicher kämpfte ich mich danach durch das unterirdische Labyrinth an der Central Station und steuerte zielgerichtet auf den Ausgang und die vorerst letzte Airconditioning zu. Das Schiff wartete schon ablegebereit am Pier und nur eine Tempoverschärfung meinerseits stellte sicher, dass ich die unmittelbar bevorstehende Abfahrt nicht verpasste. Noch bevor sich sämtliche Schweissporen öffneten, sass ich bequem in der Fähre und geschätzte 6 Grad Austrittstemperatur der Luftdüse über meinem Kopf stoppte meine Respiration schockartig.
Die Überfahrt gab mir die Gelegenheit, langsam zu erwachen und die Sinne zu ordnen. Sanft legte das Schiff an und die Passagiere verliessen die Barke wesentlich weniger hektisch, als sie diese in Hongkong betraten.
Lamma bedeutet weniger Stress, weniger hoch getaktete Menschen, weniger Gedränge, aber auch wesentlich weniger Klimaanlagen. Kaum einige Schritte auf dem Pier gelaufen, legte sich ein nebliger Schleier auf meine stark unterkühlte Brille und tausende Schweissporen öffneten sich wie Schleusentore.
Noch war der Hunger und die Lust auf einen grossen Milchkaffee unter freiem Himmel grösser, als die unangenehm grippeähnlichen Körpertemperaturen, hervorgerufen durch fast 100% Luftfeuchtigkeit und Werten weit jenseits der 30°-Marke.
Je näher ich mich aber dem gemütlichen Kaffee näherte, desto feuchter wurde mein T-Shirt und ich fühlte mich wie in einer Sauna, in der ein Spassvogel den ganzen Kübel Wasser über den Ofen schüttete.
Da half nur noch rechtsumkehrt und auf schnellstem Weg zurück auf die frostige Barke.

Was habe ich mich schon über die viel zu kalt eingestellten Klimageräte in Hongkong beklagt! Aber heute bin ich dankbar - unendlich dankbar für die eisige Luft aus den leise summenden Geräten.
Damit meine Gesundheit nicht allzu sehr darunter leidet und ich die abgebrochene Wanderung durch andere gesundheitsfördernde Massnahmen ersetzen möchte, habe ich mich schweren Herzens entschlossen, am heutigen Tag eine intensive Starbucks-Kneippkur© zu machen.
Man setzt sich dabei in einen viel zu kalten Coffeeshop, widmet sich dem Studium interessanter Lektüre und trinkt in regelmässigen Abständen einen viel zu heissen Cafe Latte.
Kneippen in der Kneipe ist wunderbar!

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