Mittwoch, Juni 21, 2006

es wird gegessen, was auf den Tisch kommt

Dieser Satz klingt nach alten Zeiten und Kindheit. Längst sind die Zeiten vorbei, als Mutter uns vorsetzte, was auf dem Menü- und vor allem auf dem Budgetplan stand. Heute hat man im eigenen Kühlschrank die Auswahl zwischen unzähligen Mikrowellenmahlzeiten, tiefgekühlten Pizzas und anderen Hässlichkeiten aus Fertigproduktion.
Glücklich wer keinen Tiefkühler besitzt wie ich, aber das ist ein anderes Thema.

Der Klassiker vom Mittagstisch von längst vergangenen Zeiten begegnet mir regelmässig bei meinen Streifzügen durch das wunderschöne Japan.
Wandern und Entdecken machen hungrig und dieses Verlangen will gestillt werden. Da ich geradezu begeistert bin von der Auswahl und der Qualität der angebotenen Köstlichkeiten in diesem Land, gehört die Nahrungsaufnahme zu den Höhepunkten jeder Japanrotation.
Leichte, günstige und schmackhafte Kost bieten die an allen Ecken präsenten Ramenshops. Ein Ramen ist vereinfacht gesagt eine Nudelsuppe mit allerlei Zutaten und Beilagen.
Es gibt warme und kalte Ramen, Nudelsuppen mit dicken und dünnen Teigstreifen, solche die nach Fisch oder nach Fleisch riechen, scharfe und fade und natürlich helle oder dunkle.
Mein Favorit ist die Variante mit den dicken Nudeln (Udon), schwimmenden Fleischstücken darin, heiss serviert und gut gewürzt.

Mittlerweile könnte ich das Menü auch mit meinen sehr primitiven Japanischkenntnissen bestellen, aber eben, einmal mehr scheitere ich an den vollautomatischen Abläufen.
In fast jedem Ramenshop das gleiche Bild. Am Eingang steht ein Automat, liebevoll Japanisch beschriftet, an dem der Kunde nach dem Füttern mit Banknoten einen Voucher kauft und diesem dann beim Koch gegen ein Süppchen eintauscht.
Kein Bild, keine Hilfe, nur unbekannte Schriftzeichen, die an Weihnachtsbäume erinnern und Preise in Zahlen, die glücklicherweise auch wir noch lesen können.

Ich schiebe eine 1000 Yen Note in den Schlitz, drücke erwartungsvoll die Taste mit vier Schriftzeichen und hoffe, dass meine Wahl für 950 Yen jeden Rappen wert ist. Erwartungsvoll übergebe ich die Quittung dem Koch und warte auf ein Wunder.
Nach wenigen Minuten bringt der Maestro eine dampfende Schale an meinen Platz. Wenigstens erwischte ich diesmal eine heisse Version der beliebten Mahlzeit. Es sieht ausgezeichnet aus und nach dem ersten Bissen kann ich den ersten Eindruck nur bestätigen.
Die Suppe hätte ich so oder so verzehrt, denn hier in Japan gilt noch Mutters Motto: Was auf den Tisch kommt, wird gegessen!

Nach diesen Schilderungen könnte leicht der Eindruck erweckt werden, dass Japaner wenig hilfsbereit sind. Dem muss ich vehement widersprechen. Ein kurzer Platzregen heute Morgen bewegte mich dazu, einen hässlichen Regenschirm aus chinesischer Produktion zu erstehen. Die investierten Yen waren jeden Cent wert, solange das ungelegene Nass auf mich herunterprasselte. Doch als sich die schwarzen Regenwolken verzogen, störte das unpraktische Ding ungemein. Schon beim ersten Kaffeehalt entschloss ich, meine neue Errungenschaft vorsätzlich im Schirmständer zu vergessen und mich dann elegant aus dem Staub zu machen. Das Kaffeehaus war gut besetzt und die Gelegenheit schien ideal.
Nach getätigter Konsumation verliess ich das Lokal diskret und hörte Sekunden nach dem Überschreiten der Türschwelle einen japanischen Kampfruf. Die hübsche Milchschäumerin hinter dem Tresen hat gut aufgepasst und trug mir das hässliche Teil bis auf die Strasse nach.
Ich bedankte mich mit einer tiefen Verneigung und zog konsterniert von dannen. Bei den nächsten zwei Lokalen die gleiche Szene.
Ähnliches ist mir vor ein paar Jahren schon mal passiert. Der Platzregen war damals so überraschend und intensiv, dass alle Welt Schirme kaufte und für mich nur noch ein rosa Modell übrig war. Die Verzweiflung siegte über die Scham und ich suchte in den folgenden Stunden Schutz unter dem ach so geschmacksvollen Regenschirm. Auch damals scheiterte die elegante Entsorgung und das rosa Regendach fand sein vorläufiges Ende im Papierkorb meines Hotelzimmers.
Als der Bus mit der versammelten Besatzung das Hotel verlassen wollte, stürmte eine Hotelangestellte mit einem rosa Gegenstand auf uns zu und übergab mir, begleitet von lautem Gelächter meiner Kollegen, meinen angeblich im Zimmer vergessenen Regenschirm.

So, fertig geschrieben, ich werde mich jetzt aus dem Staub machen und meinen Schirm am Stuhl hängen lassen. Nein, ich werfe ihn besser unter den nächsten Zug.

Kommentare:

  1. Köstliches Post - fühlte mich wie dort!

    A propos Verneigen: Auf meinen CX-Flügen nach Tokyo konnte ich jeweils beobachten, wie sich die Ramp Agents nach dem Pushback vor den Fliegern verneigten. Machen die das auch bei nicht asiatischen Airlines?

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  2. Machen sie. Ohne dass ich jetzt jemanden beleidigen möchte, aber die Kerle sehen dabei aus wie Playmobilfiguren.

    Gruss nff

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  3. wieso denn einen schirm kaufen?? als wir in sapporo im eingang eines bürogebäudes schutz suchten vor einem platzregen ging plötzlich die türe auf und ein japaner beschenkte uns - mit einem regenschirm!

    gabi

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  4. ...mit Schirm Charme und Ramen...könnte mal einer der Kapitel ihres Buches lauten...

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