Dienstag, Juni 20, 2006

der Gehülfe


„Noch ein Land und wir sind in Japan.“ Dieser Spruch kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn wir uns der Grenze zu Russland nähern. Nur noch ein Land heisst konkret noch neun Stunden Flugzeit.
Wieder einmal bin ich in der Frühschicht zum Liegen verdonnert, wieder einmal könnte ich lange Klageschriften über die heimelige Einrichtung des Crewbunks schreiben und wieder einmal frage ich mich, wie ich es wohl anstellen könnte, dass ich zwischen 13 und 17 Uhr auf Befehl schlafe.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Schicht schiebe und ich habe mich natürlich entsprechend vorbereitet. Zu meiner heutigen Ausrüstung gehört ein Buch von Robert Walser mit dem so gut zu meiner Situation passenden Titel ‚der Gehülfe’. Ich zwänge mich auf die harte Unterlage zwischen den unzähligen Sitzgurten und beginne zu lesen.
Joseph Marti heisst die Hauptfigur des Romans und dieser Joseph tritt eine neue Stelle bei einem erfolglosen Ingenieur an. Marti geniesst, wie er kulinarisch verwöhnt wird, in bequemen Betten schläft, Taschengeld bekommt und dafür nach eigenem Ermessen viel zu wenig leistet.
Seite für Seite verschlinge ich das Buch und lebe mich langsam in die Welt der Romanfiguren hinein. Wäre die Geschichte nicht 1908 geschrieben worden, Marti hätte Copilot sein können. Gutes Essen, schöne Zimmer und wenig dafür leisten – genau die Klischees, gegen die wir anzukämpfen haben.

Ich schrecke auf, die schusssichere Türe zum Cockpit wird ein paar Zentimeter neben meinem Kopf geöffnet und das klingt wie eine Salve aus einem alten Karabiner. Meine Kollegen werden verpflegt und das mag ich ihnen auch gönnen. Jetzt ist es definitiv um meine Nachtruhe geschehen. Erstens ist es mir langweilig und zweitens meldet sich mein Magen – auch ich habe Hunger, muss aber leider meine Essensgelüste noch ein paar Stunden nach hinten schieben.

Weiter mit Marti dem Gehülfen. Mein Lesefluss nimmt ab und ich gebe dem Literaturkritiker recht, der behauptet, dass Walser sehr ausführlich die einzelnen Figuren beschreibt. Gerade als ich das Buch beiseite lege und für einen kurzen Bruchteil ernsthaft daran dachte das Licht zu löschen, ertönt Jubel aus dem Cockpit - Jubel aus dem Cockpit?
Aha Fussball – die Schweiz hat das 1:0 gegen Togo geschossen und das bringt selbst mein Nichtfussballerherz zum Schlagen.

Dann halt weiter mit Marti. Der Gehülfe rackert sich für seinen Patron ab und geniesst trotz allem in vollen Zügen sein Leben. Mit jeder gelesener Seite bin ich tiefer in der Geschichte drin und komme zügig voran. Just als ich bei Seite 100 angelangt bin wieder Jubel aus dem Führerstand unseres Flugzeuges. Eine weitere Faxmeldung der Zentrale ist eingetroffen und der Übermittler der Botschaft muss aufgrund der freudigen Nachricht diesmal nicht erschossen werden. Die Schweiz erzielt das 2:0 und das zwei Minuten vor dem Schlusspfiff.

Das Buchzeichen wird zwischen Seite 100 und 101 platziert und der Roman verschwindet im Handgepäck. Jetzt erklingt mein Weckruf und das heisst alles zusammenpacken. Der Patron will ruhen und der Gehülfe muss anpacken.

Genau wie im Roman von Robert Walser.

Kommentare:

  1. Hallo nff

    Gutes Buch der Gehülfe, durfte es vor einem Jahr auch lesen.
    Wünsche Dir einen guten Aufenthalt in Japan.
    Gruss

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  2. Hallo nff

    Danke für die erheiternden Zeilen, auch wenn sie ja eigentlich eher traurig sind.

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