Dienstag, Juni 06, 2006

das Leben der Joan

Gestern habe ich in Miami Joan kennen gelernt. Wir trafen uns zufällig in einer Mall und Joan wollte unbedingt mit dem Fremden einige Worte wechseln.
Etwas ungewohnt für mich diese spontanen Gespräche, aber so sind die Amerikaner halt. Joan kannte keine Hemmungen und begann gleich aus ihrem Leben zu erzählen. Wie schwer es sei das Leben in Amerika, wie sehr sie ihre Kinder in New York vermisse und was für ein Schwein ihr geschiedener Mann sei, vernahm ich schon in den ersten Minuten.
Das Wetter kam als Nächstes an die Reihe und ich hörte aus ihrem Mund, dass sie sowohl die kommenden Hurricanes als auch die drückende Hitze hasste wie die Pest.

Nachdem sie sich nach meiner Herkunft erkundigte, schwärmte sie vom sicherlich guten Leben in Europa und fragte auch gleich nach meiner Meinung zum amerikanischen Präsidenten.
Natürlich griff ich zu einer diplomatischen Notlüge – schliesslich bin ich Gast im Staate der Cowboys – und machte ihr klar, dass ich von amerikanischer Politik keinen blassen Schimmer hätte.

Der Monolog ging weiter. Bald landeten wir bei den steigenden Ölpreisen und den damit zusammenhängenden Mehrkosten. Als sie damit begann, dass ihre zweite Kreditkarte gestern gesperrt wurde, wanderten meine Gedanken ab und ich hörte nicht mehr so aufmerksam zu, wie ich es eigentlich nach allen Regeln des Anstandes hätte tun sollen.

Der Augenblick war einfach zu ungünstig, als dass ich mich elegant aus dem Staub machen konnte. Während Joan unaufhörlich redete, versuchte ich mir ein Bild der Frau zu machen. Ihr Lebenslauf, falls alle Geschichten der Wahrheit entsprachen, war wirklich nicht ohne und das Leben meinte es nicht allzu gut mit Joan. Amerika ist nicht gerade bekannt dafür, dass es sich um die weniger privilegierten Mitglieder der Gesellschaft besondere Sorgen macht.

Je länger ich Joan beobachtete, desto besser glaubte ich, die Frau zu kennen. Vermutlich liebte sie ihren Job nicht besonders und - glauben sie mir da bin ich mir ganz sicher - war sie darin auch nicht sonderlich talentiert. Dennoch hatte ich, je länger die Unterhaltung dauerte, eher Mitleid mit mir als mit Joan.

Die gute Frau ist Coiffeuse und ich war ihr erster Kunde am gestrigen Tag.

Kommentare:

  1. na ja... dan passt ja die jaemerliche Frise ins Bild der jaemmerlichen Gestalt neben dem frischen Kapitaen, die nach dem Flug noch so freundlich es geht aus dem schoensten Office der Welt blicken...

    Gruss
    Andreas

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  2. "...nicht sonderlicht talentiert..." muss man daraus schliessen das ihnen die haare nun zu berg stehen :-)

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  3. Eine solche Frissur hatte ich letztmals beim Einrücken in die Greni-Rs......

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  4. Das tönt ganz nach meiner "Alle 3 Monate relativ viel weg"-Frisur :-)

    Wenigstens sind jetzt die Haare jeweils schnell trocken

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