Freitag, Juni 30, 2006

Kneippen in der Kneipe

Sinnflutartige Regengüsse, stürmische Winde und hoher Wellengang gehören zum Sommer in Hongkong, wie der Innerschweizer Stau auf Zürichs Strassen an katholischen Feiertagen.
Nicht schlecht gestaunt habe ich darum heute Morgen, als mich nach verdientem Schlaf die Sonne und ein fast wolkenfreier Himmel begrüssten. Abenteuerlust stieg auf, ich packte mein Bündel und ging auf Wanderschaft.

Auf den wenigen Metern zwischen klimatisiertem Hotel und heruntergekühlter Unterführung, beschlug meine Brille leicht und leider verpasste ich, dieses Zeichen richtig zu deuten.
Die Vorfreude auf das Frühstück unter freiem Himmel auf der Insel Lamma war gross. Mit riesigen Schritten überholte ich die etwa sechs Kopf kleineren Chinesen und hüpfte elegant an ein paar Aufpassern vorbei in die U-Bahn, bevor sich die Türen unter lautem Gebimmel elektrisch schlossen.
Gewohnt selbstsicher kämpfte ich mich danach durch das unterirdische Labyrinth an der Central Station und steuerte zielgerichtet auf den Ausgang und die vorerst letzte Airconditioning zu. Das Schiff wartete schon ablegebereit am Pier und nur eine Tempoverschärfung meinerseits stellte sicher, dass ich die unmittelbar bevorstehende Abfahrt nicht verpasste. Noch bevor sich sämtliche Schweissporen öffneten, sass ich bequem in der Fähre und geschätzte 6 Grad Austrittstemperatur der Luftdüse über meinem Kopf stoppte meine Respiration schockartig.
Die Überfahrt gab mir die Gelegenheit, langsam zu erwachen und die Sinne zu ordnen. Sanft legte das Schiff an und die Passagiere verliessen die Barke wesentlich weniger hektisch, als sie diese in Hongkong betraten.
Lamma bedeutet weniger Stress, weniger hoch getaktete Menschen, weniger Gedränge, aber auch wesentlich weniger Klimaanlagen. Kaum einige Schritte auf dem Pier gelaufen, legte sich ein nebliger Schleier auf meine stark unterkühlte Brille und tausende Schweissporen öffneten sich wie Schleusentore.
Noch war der Hunger und die Lust auf einen grossen Milchkaffee unter freiem Himmel grösser, als die unangenehm grippeähnlichen Körpertemperaturen, hervorgerufen durch fast 100% Luftfeuchtigkeit und Werten weit jenseits der 30°-Marke.
Je näher ich mich aber dem gemütlichen Kaffee näherte, desto feuchter wurde mein T-Shirt und ich fühlte mich wie in einer Sauna, in der ein Spassvogel den ganzen Kübel Wasser über den Ofen schüttete.
Da half nur noch rechtsumkehrt und auf schnellstem Weg zurück auf die frostige Barke.

Was habe ich mich schon über die viel zu kalt eingestellten Klimageräte in Hongkong beklagt! Aber heute bin ich dankbar - unendlich dankbar für die eisige Luft aus den leise summenden Geräten.
Damit meine Gesundheit nicht allzu sehr darunter leidet und ich die abgebrochene Wanderung durch andere gesundheitsfördernde Massnahmen ersetzen möchte, habe ich mich schweren Herzens entschlossen, am heutigen Tag eine intensive Starbucks-Kneippkur© zu machen.
Man setzt sich dabei in einen viel zu kalten Coffeeshop, widmet sich dem Studium interessanter Lektüre und trinkt in regelmässigen Abständen einen viel zu heissen Cafe Latte.
Kneippen in der Kneipe ist wunderbar!

Donnerstag, Juni 22, 2006

guten Morgen Tokio

Es macht Spass, Städten und Landschaften beim Erwachen zuzuschauen. Egal in welchem Erdteil und in welcher Zeitzone ich mich befinde, gehört der Morgen zum wichtigeren Teil meines Tagesablaufes.
Entspannt schaue ich aus dem frisch geputzten Fenster in Richtung des Bahnhofes von Shinjuku, begleite die in dunkle Anzüge gekleidete Masse der Geschäftsleute ein Stück mit meinen Blicken auf ihrem frühmorgendlichen Arbeitsweg und gönne mir in regelmässigen Abständen einen Schluck Kaffee aus dem bekannten Pappbecher mit dem grün-schwarzen Logo.

Obwohl ich wieder nur etwas vier Stunden geschlafen habe und das erst noch im berüchtigten Stotterschlaf (ich lasse das Wort nächstens als mein geistiges Eigentum schützen), fühle ich mich topfit. Liegt wohl daran, dass ich in dieser Stadt glücklicher bin, als an anderen Destinationen auf unserem Streckennetz.

Einigermassen den Zugang zu diesem wunderbaren Land zu finden ist nicht selbstverständlich. Ich kenne viele Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen, die kaum einen Fuss ausserhalb der Trabantenstadt Narita auf lokalen Boden setzen und leicht depressiv vom Japanaufenthalt zurückkehren. Kann ich nachvollziehen, denn mir geht es in Miami genau so.

Infiziert vom Japanvirus wurde ich durch einen langjährigen Freund, der hier in Tokio seine Lehrjahre als Architekt und Fremdenführer verbrachte.
Unsere Wege kreuzten sich gestern Abend im Vergnügungsquartier gleich um die Ecke, wo wir nach einem herrlichen Mahl in überlegener Manier zwei Japaner im Billard in die Schranken wiesen.
Zugegeben, so überlegen war meine Leistung auch wieder nicht und ohne die Hilfe meines Kollegen, der den Billardschläger (sagt man das so?) elegant, wie das nur Architekten können, zwischen seinen Fingern führte und fast jede Kugel versenkte, wäre das „Team Schweiz“ klanglos untergegangen.

Ich bin ihm für seine Leistung im Spiel mit den vielen bunten Kugeln und der Übertragung des Nipponviruses ewig dankbar und verzeihe ihm hiermit ganz offiziell für die laute Nacht im Hotelzimmer.

So, es ist bald 9 Uhr, mein Arsch ist auf dem harten Starbucksstuhl eingeschlafen, die Geduld ist am Ende und ich werde den lauten Schnarcher jetzt wecken!

Mittwoch, Juni 21, 2006

es wird gegessen, was auf den Tisch kommt

Dieser Satz klingt nach alten Zeiten und Kindheit. Längst sind die Zeiten vorbei, als Mutter uns vorsetzte, was auf dem Menü- und vor allem auf dem Budgetplan stand. Heute hat man im eigenen Kühlschrank die Auswahl zwischen unzähligen Mikrowellenmahlzeiten, tiefgekühlten Pizzas und anderen Hässlichkeiten aus Fertigproduktion.
Glücklich wer keinen Tiefkühler besitzt wie ich, aber das ist ein anderes Thema.

Der Klassiker vom Mittagstisch von längst vergangenen Zeiten begegnet mir regelmässig bei meinen Streifzügen durch das wunderschöne Japan.
Wandern und Entdecken machen hungrig und dieses Verlangen will gestillt werden. Da ich geradezu begeistert bin von der Auswahl und der Qualität der angebotenen Köstlichkeiten in diesem Land, gehört die Nahrungsaufnahme zu den Höhepunkten jeder Japanrotation.
Leichte, günstige und schmackhafte Kost bieten die an allen Ecken präsenten Ramenshops. Ein Ramen ist vereinfacht gesagt eine Nudelsuppe mit allerlei Zutaten und Beilagen.
Es gibt warme und kalte Ramen, Nudelsuppen mit dicken und dünnen Teigstreifen, solche die nach Fisch oder nach Fleisch riechen, scharfe und fade und natürlich helle oder dunkle.
Mein Favorit ist die Variante mit den dicken Nudeln (Udon), schwimmenden Fleischstücken darin, heiss serviert und gut gewürzt.

Mittlerweile könnte ich das Menü auch mit meinen sehr primitiven Japanischkenntnissen bestellen, aber eben, einmal mehr scheitere ich an den vollautomatischen Abläufen.
In fast jedem Ramenshop das gleiche Bild. Am Eingang steht ein Automat, liebevoll Japanisch beschriftet, an dem der Kunde nach dem Füttern mit Banknoten einen Voucher kauft und diesem dann beim Koch gegen ein Süppchen eintauscht.
Kein Bild, keine Hilfe, nur unbekannte Schriftzeichen, die an Weihnachtsbäume erinnern und Preise in Zahlen, die glücklicherweise auch wir noch lesen können.

Ich schiebe eine 1000 Yen Note in den Schlitz, drücke erwartungsvoll die Taste mit vier Schriftzeichen und hoffe, dass meine Wahl für 950 Yen jeden Rappen wert ist. Erwartungsvoll übergebe ich die Quittung dem Koch und warte auf ein Wunder.
Nach wenigen Minuten bringt der Maestro eine dampfende Schale an meinen Platz. Wenigstens erwischte ich diesmal eine heisse Version der beliebten Mahlzeit. Es sieht ausgezeichnet aus und nach dem ersten Bissen kann ich den ersten Eindruck nur bestätigen.
Die Suppe hätte ich so oder so verzehrt, denn hier in Japan gilt noch Mutters Motto: Was auf den Tisch kommt, wird gegessen!

Nach diesen Schilderungen könnte leicht der Eindruck erweckt werden, dass Japaner wenig hilfsbereit sind. Dem muss ich vehement widersprechen. Ein kurzer Platzregen heute Morgen bewegte mich dazu, einen hässlichen Regenschirm aus chinesischer Produktion zu erstehen. Die investierten Yen waren jeden Cent wert, solange das ungelegene Nass auf mich herunterprasselte. Doch als sich die schwarzen Regenwolken verzogen, störte das unpraktische Ding ungemein. Schon beim ersten Kaffeehalt entschloss ich, meine neue Errungenschaft vorsätzlich im Schirmständer zu vergessen und mich dann elegant aus dem Staub zu machen. Das Kaffeehaus war gut besetzt und die Gelegenheit schien ideal.
Nach getätigter Konsumation verliess ich das Lokal diskret und hörte Sekunden nach dem Überschreiten der Türschwelle einen japanischen Kampfruf. Die hübsche Milchschäumerin hinter dem Tresen hat gut aufgepasst und trug mir das hässliche Teil bis auf die Strasse nach.
Ich bedankte mich mit einer tiefen Verneigung und zog konsterniert von dannen. Bei den nächsten zwei Lokalen die gleiche Szene.
Ähnliches ist mir vor ein paar Jahren schon mal passiert. Der Platzregen war damals so überraschend und intensiv, dass alle Welt Schirme kaufte und für mich nur noch ein rosa Modell übrig war. Die Verzweiflung siegte über die Scham und ich suchte in den folgenden Stunden Schutz unter dem ach so geschmacksvollen Regenschirm. Auch damals scheiterte die elegante Entsorgung und das rosa Regendach fand sein vorläufiges Ende im Papierkorb meines Hotelzimmers.
Als der Bus mit der versammelten Besatzung das Hotel verlassen wollte, stürmte eine Hotelangestellte mit einem rosa Gegenstand auf uns zu und übergab mir, begleitet von lautem Gelächter meiner Kollegen, meinen angeblich im Zimmer vergessenen Regenschirm.

So, fertig geschrieben, ich werde mich jetzt aus dem Staub machen und meinen Schirm am Stuhl hängen lassen. Nein, ich werfe ihn besser unter den nächsten Zug.

Dienstag, Juni 20, 2006

der Gehülfe


„Noch ein Land und wir sind in Japan.“ Dieser Spruch kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn wir uns der Grenze zu Russland nähern. Nur noch ein Land heisst konkret noch neun Stunden Flugzeit.
Wieder einmal bin ich in der Frühschicht zum Liegen verdonnert, wieder einmal könnte ich lange Klageschriften über die heimelige Einrichtung des Crewbunks schreiben und wieder einmal frage ich mich, wie ich es wohl anstellen könnte, dass ich zwischen 13 und 17 Uhr auf Befehl schlafe.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Schicht schiebe und ich habe mich natürlich entsprechend vorbereitet. Zu meiner heutigen Ausrüstung gehört ein Buch von Robert Walser mit dem so gut zu meiner Situation passenden Titel ‚der Gehülfe’. Ich zwänge mich auf die harte Unterlage zwischen den unzähligen Sitzgurten und beginne zu lesen.
Joseph Marti heisst die Hauptfigur des Romans und dieser Joseph tritt eine neue Stelle bei einem erfolglosen Ingenieur an. Marti geniesst, wie er kulinarisch verwöhnt wird, in bequemen Betten schläft, Taschengeld bekommt und dafür nach eigenem Ermessen viel zu wenig leistet.
Seite für Seite verschlinge ich das Buch und lebe mich langsam in die Welt der Romanfiguren hinein. Wäre die Geschichte nicht 1908 geschrieben worden, Marti hätte Copilot sein können. Gutes Essen, schöne Zimmer und wenig dafür leisten – genau die Klischees, gegen die wir anzukämpfen haben.

Ich schrecke auf, die schusssichere Türe zum Cockpit wird ein paar Zentimeter neben meinem Kopf geöffnet und das klingt wie eine Salve aus einem alten Karabiner. Meine Kollegen werden verpflegt und das mag ich ihnen auch gönnen. Jetzt ist es definitiv um meine Nachtruhe geschehen. Erstens ist es mir langweilig und zweitens meldet sich mein Magen – auch ich habe Hunger, muss aber leider meine Essensgelüste noch ein paar Stunden nach hinten schieben.

Weiter mit Marti dem Gehülfen. Mein Lesefluss nimmt ab und ich gebe dem Literaturkritiker recht, der behauptet, dass Walser sehr ausführlich die einzelnen Figuren beschreibt. Gerade als ich das Buch beiseite lege und für einen kurzen Bruchteil ernsthaft daran dachte das Licht zu löschen, ertönt Jubel aus dem Cockpit - Jubel aus dem Cockpit?
Aha Fussball – die Schweiz hat das 1:0 gegen Togo geschossen und das bringt selbst mein Nichtfussballerherz zum Schlagen.

Dann halt weiter mit Marti. Der Gehülfe rackert sich für seinen Patron ab und geniesst trotz allem in vollen Zügen sein Leben. Mit jeder gelesener Seite bin ich tiefer in der Geschichte drin und komme zügig voran. Just als ich bei Seite 100 angelangt bin wieder Jubel aus dem Führerstand unseres Flugzeuges. Eine weitere Faxmeldung der Zentrale ist eingetroffen und der Übermittler der Botschaft muss aufgrund der freudigen Nachricht diesmal nicht erschossen werden. Die Schweiz erzielt das 2:0 und das zwei Minuten vor dem Schlusspfiff.

Das Buchzeichen wird zwischen Seite 100 und 101 platziert und der Roman verschwindet im Handgepäck. Jetzt erklingt mein Weckruf und das heisst alles zusammenpacken. Der Patron will ruhen und der Gehülfe muss anpacken.

Genau wie im Roman von Robert Walser.

Dienstag, Juni 13, 2006

ich bin kriminell

Am heutigen Dienstag nicht über Fussball zu schreiben, ist schon fast kriminell. Das gilt es doch zu vermeiden und darum widme ich die ersten Zeilen dem Spiel mit dem runden Ball. Natürlich werde ich heute Abend auch vor der Kiste sitzen, den Spielern in den roten Trikots die Daumen drücken und freudig bei jedem Treffer aus dem Sitz schiessen.

Doch vorerst sitze ich gemütlich am Ufer des Lej Zuppo auf 1900 m. ü. M., geniesse das Studium der Tageszeitungen, lasse die warmen Sonnenstrahlen auf mich nieder und zelebriere das Nichtstun nach vier anstrengenden Sporttagen im Oberengadin.
Den Zeitungen merkt man langsam an, das die Temperaturen steigen und das Sommerloch unaufhörlich näher kommt. Die Seiten mit den nationalen Themen werden durch Kommentare zu der bevorstehenden Bundesratswahl gefüllt. Da es sich mangels Alternativen mehr um eine Krönung als um eine Wahl handelt, ist aber auch dieses sonst so brisante Thema schnell abgehackt.
Auch Zürich wählt und zwar am Tag des Endspieles. Es ist da fast wie im Fussball. Wer im Endspiel steht, entscheidet letztendlich auch der Zufall. Eine der beiden Kandidatinnen ist zufällig immer in der Nähe, wenn eine Wahl stattfindet und die Andere ist in die Ränge gekommen, weil eine Machtinhaberin ihren Handyspeicher nicht im Griff hat und zufällig ein wichtiges SMS an eine zufällige Adresse schickte.
So ist das Leben, aber viel darüber zu schreiben gibt es wirklich nicht.

Die Zeitungen werden auch ohne Themen gefüllt. Es findet sich immer wieder eine Miss Irgendetwas oder ein Altinternationaler, mit dem man eine Umfrage machen kann. In diesen Tagen stiess ich auf eine solche, weiss aber im besten Willen nicht mehr, wer befragt wurde. Ins Auge gestochen ist mir die Frage, ob der im Blickpunkt Stehende, schon mal kriminell gehandelt habe. Dieser verneinte resolut und der fragende Journalist kam, ohne nachzuhacken, zu seiner nächsten Frage.

Ich hielt inne, dachte kurz nach und kam zum Schluss, dass ich fast täglich kriminell handle! So fahre ich entgegen der Strassenverkehrsvorschriften ohne Schutzblech und ohne Beleuchtung mit meinem Mountainbike durch die Gegend, überquere in New York ständig bei Rot die Fussgängerstreifen, trinke in Florida regelmässig im Freien mein Bier, lüge zwangsläufig beim Ausfüllen von Einwanderungsformularen und füttere die Parkuhren im Engadin nur, wenn die Gemeindepolizisten patrouillieren.

Doch leider kommt es noch dicker. Heute, nein gerade in diesem Moment, habe ich gegen Staatsverträge verstossen. Ein Staatsvertrag zwischen den deutschsprachigen Ländern, zu denen trotz des Dialektes auch die Schweiz zählt, regelt die neue deutsche Rechtsschreibung. In diesem Text hat es Fehler und ich fühle mich schuldig, schuldig einen Staatsvertrag verletzt zu haben.

Wie langweilig muss ein Leben ohne kleine Gesetzesbrüche sein und wie verzweifelt muss ein Redaktor vor seinen weissen Seiten sitzen, dass er ein Interview mit solch zweifelhaftem Inhalt drucken muss. Trotzdem muss ich noch einmal betonen, dass ich nicht mehr weiss, mit wem das Interview geführt wurde. Es hatte, so glaube ich, nichts mit den bevorstehenden Wahlen zu tun – glaube ich.

Donnerstag, Juni 08, 2006

Zimmer mit Aussicht

Ich schiebe die dunklen und ziemlich schweren Vorhänge in meinem Hotelzimmer zur Seite und blicke auf das wunderschöne Meer hinaus. Ein guter Dichter könnte dieses Bild prächtig beschreiben, die 6 Megapixel meiner Kamera schaffen das gestochen scharf, nur ich finde mit meinem schlaftrunkenen Denkzentrum die passenden Worte nicht.

Verschiedene Blautöne mischen sich mit dem hellen Gelb des Sandes und den dunkelgrau gefärbten Wolken im Hintergrund. Obwohl ich eher ein Freund von Bergseen und verschneiten Alpengipfeln bin, muss ich zugeben, dass dieser Anblick glücklich macht.
Dieser Meinung ist auch der Handwerker im Nachbarszimmer. Obwohl das Anstreichen einer Wand eher zu den lautlosen Tätigkeiten gezählt werden kann, hat mich sein durchaus schöner Gesang vom Schlafen abgehalten.
Spanisches Liedergut gibt er zum Besten und trifft nach meiner Einschätzung in den meisten Fällen den richtigen Ton. Die spanischen Lieder scheinen von Liebe und Leidenschaft zu handeln, denn Lautstärke und Intensität wechseln ständig wie der Wellenschlag des Meeres vor meinem Fenster.

Obwohl ich zugeben muss, dass die Singerei besser ist als manches Musikstück, das auf meinem iPod gespeichert ist, bin ich nicht restlos zufrieden. Dass der Malermeister seine Gefühle musikalisch von der Seele schreit hat zur Folge, dass mein Versuch vor dem langen Flug etwas vorzuschlafen, kläglich gescheitert ist.

Einmal mehr werde ich todmüde einen Nachtflug antreten und einmal mehr werde ich über dem Nordatlantik, wenn ich fast bewusstlos in den Gurten hänge, meinen Beruf verfluchen.
Aber eben, der Beruf hat auch schöne Seiten. So geniesse ich den Blick aufs Meer, schaue den Hostessen von meinem UV-strahlensicheren Zimmer zu, wie sie schon seit ein paar Stunden mit gespreizten Beinen und in knapper Kleidung an der prallen Sonne liegen und frage mich ernsthaft, ob diese schon fast obszöne Stellung im Land der prüden Sitten überhaupt erlaubt ist.

Erst jetzt bemerke ich, dass der ariensingende Maler seine Arbeit beendet hat und eine schon fast gespenstische Ruhe herrscht. Auch die hübschen Damen sind vom Pool verschwunden und reiben sich in ihren Zimmern vor dem Flug noch mit einer dicken Schicht Regenerationscrème ein, die aus der rötlichen Tapete bis zur Landung in Zürich eine braune Haut machen soll.

Noch ein letzter Blick aufs Meer hinaus. Die Wellen treffen immer noch im regelmässigen Abstand auf das Ufer auf und zwischen den zahlreichen Booten entdecke ich einen Kitesurfer. Er erinnert mich ans Engadin, wo ich mich in den nächsten paar Tagen erholen werde.
Das Telefon klingelt, ich muss mich bereitmachen. Kalt duschen, Uniform anziehen, gut aussehen, Müdigkeit verbergen, Seriosität verbreiten.

Sicherlich wird es Turbulenzen geben heute Nacht, die Passagiere werden nach der Ankunft ihren Angehörigen vom unruhigen Flug erzählen und klagen, dass sie kaum eine Stunde geschlafen hätten. Ich werde mich nach Hause schleppen und vorausgesetzt, dass der Nachbar nicht gerade seinen Rasen mäht, in einen komaartigen Schlaf fallen.

Noch Tage später werden sich unsere Passagiere bei jedem Gähnen über den Jet-Lag beklagen. Ich werde dann schon wieder in Japan sein und hoffen, dass es im Nachbarszimmer nichts zu renovieren gibt.

Noch schnell einen Blick auf das wunderschöne Meer hinaus, Koffer zu und Adieu Miami.

Dienstag, Juni 06, 2006

das Leben der Joan

Gestern habe ich in Miami Joan kennen gelernt. Wir trafen uns zufällig in einer Mall und Joan wollte unbedingt mit dem Fremden einige Worte wechseln.
Etwas ungewohnt für mich diese spontanen Gespräche, aber so sind die Amerikaner halt. Joan kannte keine Hemmungen und begann gleich aus ihrem Leben zu erzählen. Wie schwer es sei das Leben in Amerika, wie sehr sie ihre Kinder in New York vermisse und was für ein Schwein ihr geschiedener Mann sei, vernahm ich schon in den ersten Minuten.
Das Wetter kam als Nächstes an die Reihe und ich hörte aus ihrem Mund, dass sie sowohl die kommenden Hurricanes als auch die drückende Hitze hasste wie die Pest.

Nachdem sie sich nach meiner Herkunft erkundigte, schwärmte sie vom sicherlich guten Leben in Europa und fragte auch gleich nach meiner Meinung zum amerikanischen Präsidenten.
Natürlich griff ich zu einer diplomatischen Notlüge – schliesslich bin ich Gast im Staate der Cowboys – und machte ihr klar, dass ich von amerikanischer Politik keinen blassen Schimmer hätte.

Der Monolog ging weiter. Bald landeten wir bei den steigenden Ölpreisen und den damit zusammenhängenden Mehrkosten. Als sie damit begann, dass ihre zweite Kreditkarte gestern gesperrt wurde, wanderten meine Gedanken ab und ich hörte nicht mehr so aufmerksam zu, wie ich es eigentlich nach allen Regeln des Anstandes hätte tun sollen.

Der Augenblick war einfach zu ungünstig, als dass ich mich elegant aus dem Staub machen konnte. Während Joan unaufhörlich redete, versuchte ich mir ein Bild der Frau zu machen. Ihr Lebenslauf, falls alle Geschichten der Wahrheit entsprachen, war wirklich nicht ohne und das Leben meinte es nicht allzu gut mit Joan. Amerika ist nicht gerade bekannt dafür, dass es sich um die weniger privilegierten Mitglieder der Gesellschaft besondere Sorgen macht.

Je länger ich Joan beobachtete, desto besser glaubte ich, die Frau zu kennen. Vermutlich liebte sie ihren Job nicht besonders und - glauben sie mir da bin ich mir ganz sicher - war sie darin auch nicht sonderlich talentiert. Dennoch hatte ich, je länger die Unterhaltung dauerte, eher Mitleid mit mir als mit Joan.

Die gute Frau ist Coiffeuse und ich war ihr erster Kunde am gestrigen Tag.

Montag, Juni 05, 2006

Ferien vom Fussball

Lange habe ich es mir überlegt, ob ich mit einem gemeinen, ja ganz hinterlistigen Satz beginnen soll. Klar, man fängt so Leser ein und das Provozieren liegt doch irgendwie im Trend. Trotzdem - soll ich wirklich?
Also gut, hier ist er:

Die Sonne scheint, der Himmel ist stahlblau und das Thermometer hat die 28°C Marke schon fast erreicht.

War das jetzt zu brutal?

Ja, ich bin wieder einmal in Miami, geniesse an der Southbeach meinen Morgenkaffee und philosophiere in das Blaue hinaus. Florida im Allgemeinen und Miami im Speziellen ist die Feriendestination schlechthin. Auch ich mache Ferien und zwar Ferien vom Fussball.
Ich bin wahrlich kein Anhänger des Fussballspiels, interessiere mich aber im Moment zwangsläufig für das Rasengetümmel, das Millionen begeistert. Klar, ich werde auch Spiele oder zumindest Teile davon begutachten und das mit steigender Begeisterung, möchte aber ab und zu auch von etwas anderem reden.
Darum geniesse ich die Stunden in Miami. Hier kann man Ferien machen, Ferien vom Fussball.

In Florida interessiert sich niemand für die neuste Frisur von Zuberbühler; den Pfnüsel von Hakan; ob rasierte Beine schönere Tore schiessen als behaarte; wie sich Sexualenthaltsamkeit auf die Torlust auswirkt; warum Köbi mit der ganzen Nation, aber nicht mit den Spielern per Du ist; ob Gigi Oeri eine Sonnenbank in die VIP-Lounge mitnimmt; wie sich die deutsche Küche auf die Spielermoral auswirkt; wer den Matadoren die Zehennägel schneidet; und, und, und….

In der Schweiz scheint im Moment jedes noch so kleine Detail brisant zu sein, hier in Florida liegen die sportlichen Prioritäten etwas anders. Natürlich hat der Sport in Amerika auch einen sehr hohen Stellenwert. Die Disziplinen scheinen auf den ersten Blick ziemlich verschieden zu sein, entpuppen sich beim genaueren Hinschauen aber um artverwandte Tätigkeiten.

Wie in Europa treffen sich die Gladiatoren in den USA in grossen Stadien, schütteln sich zuerst die Hände, verprügeln sich dann auf dem Platz und geniessen den Applaus der Zuschauer, die horrende Geldsummen für das Mitfiebern ausgeben.
Die Gebräuche scheinen in Europa etwas komplexer und härter zu sein. Während man in den USA die Gruppe mit den Holzschlägern und die Fussballspieler trennt, diese in verschiedene Sportarten einteilt, den Dingen so schöne Namen wie Baseball und Football gibt, Athleten Helme verteilt und das Ganze relativ geordnet ablaufen lässt, kombiniert man die Disziplinen in Europa und nennt es Fussball.
Die Einen jagen 90 Minuten dem Ball nach und die andere Gruppe mit den Holzschlägern spurtet nach dem Schlusspfiff auf das Feld, versucht das Spielresultat mit aller Gewalt noch zu ändern und trifft dabei ab und zu statt dem Ball einen Mitakteur. Wie ich gehört habe, scheint Basel dieses Spiel recht gut zu beherrschen.

Was mache ich mir wieder Gedanken! Schliesslich bin ich in Florida und habe Ferien vom Fussball. Mein Blick schwenkt über die Wiese mit Palmen und bleibt am Sandstrand hängen. Dort tummeln sich bereits in den frühen Morgenstunden die sonnenhungrigen Damen und versuchen noch dunkler zu werden, als sie eh schon sind. Zwei Sachen fallen mir an den weiblichen Strandnixen auf. Erstens haben alle geschwollene Lippen, die auf häusliche Gewalt schliessen lassen und zweitens erblicke ich überdimensionierte Körperteile, die der Schwerkraft zu trotzen scheinen.
Ich ertappe mich selber, wie mein Blick auf den unnatürlichen Erhebungen hängen bleibt und überlege, woran mich die Dinger erinnern.
Ach klar, logisch – von wegen Ferien vom Fussball……