Mittwoch, Mai 10, 2006

Wandern in der Provence

Das Wichtigste gleich zum Anfang: Die Provence durchwandert man nicht, man durchfährt sie. So haben das auf jeden Fall die Touristikfachleute vorgesehen.
Es gibt dutzende Ausflugsrouten für motorisierte Reisende mit Strohhut auf der Ablage, aber sehr wenig ausgeschilderte Strecken für Wandervögel mit Sonnenhut auf dem Kopf.
Da hilft nur eines: Fachliteratur.

Das noch in Zürich erstandene Heft verspricht exakte Routen, genaue Höhenprofile und ist zu meiner Freude auch noch recht schön bebildert.
Bei Tour Nummer 6 schwärmt der Autor von den traumhaften Landschaften und den moderaten Anforderungen. Wir lassen uns von seiner Begeisterung anstecken und schnüren die Bergstiefel.
Anfangs leistet der Führer gute Dienste. Die ersten 350m der 14km langen Wanderung sind tadellos beschrieben: ‚Immer gerade aus dem Weg folgend, erreichen sie die erste Anhöhe.’

Doch plötzlich teilt sich unser Weg auf drei verschiedene Pfade auf. ‚Wir gehen oberhalb eines Felstales linker Hand und gelangen zu einem Fahrweg, dem wir weiter aufwärts folgen’, meint der Fachmann zu der Navigation an der Schlüsselstelle. Spassvogel, erstens steigen alle drei Pfade an und zweitens handelt es sich bei sämtlichen Varianten um Fahrwege!
Lange Rede kurzer Sinn, wir probierten die Möglichkeiten aus und es war, wie könnte es auch anders sein, der Letzte der richtige Weg!

Bald war der Frust vergessen und wir folgten dem engen Pfad bergab hinein in ein wunderschönes Tal. Ein malerisches Dorf präsentierte sich uns, nur leider waren alle Fensterläden und Kneipen geschlossen und die bis unter den Rand gefüllten Pools warteten auf die gut betuchten Besitzer aus der Hauptstadt.
Ein herrenloser Hund folgte uns mit respektvollem Abstand und der Weg stieg langsam wieder an.

‚Wir bleiben eine gute halbe Stunde auf dem leicht ansteigenden Hauptweg, bis wir auf einen Querweg treffen’, pries der Wanderfachmann das vor uns liegende Teilstück an. Die Sonne brannte auf uns herab und der Schweiss schoss aus allen Poren.
Von wegen leicht ansteigend, gemäss meiner Pumpe befanden wir uns in einer Wand, die gerade noch ohne Seilsicherung durchstiegen werden konnte.
Wenigstens stimmte die Zeitangabe. Nach gut 32 Minuten wurde der Sattel erreicht und wir freuten uns auf ein stärkendes Picknick.

Da es in der Provence von Kurvereinsbänkli nicht gerade wimmelt, musste eine Steinmauer als Sitzgelegenheit während unseres Marschhaltes herhalten. Genau im Blickwinkel schimmerte ein von der Sonne vergilbtes Schild mit der kaum mehr lesbaren Aufschrift: ‚Attention les vipères!’
Die Rast auf der Steinmauer war nach dem Studium der Warnung Geschichte und laut stampfend verliessen wir den Aussichtspunkt Richtung Zielort.
Nach vier Stunden Marsch endlich die ersten Häuser vom schon fast kitschigen Städtchen ‚Fontaine-de-Vaucluse’. Die Bistros waren zahlreich und die Stühle mit gut ausgeruhten und pastistrinkenden Autotouristen gefüllt, die uns mitleidig betrachteten.

Wer jetzt glaubt, dass wir wegen den Widrigkeiten dem Wandern abschworen und am folgenden Tag eine Entdeckungstour im Fahrzeug absolvierten, der täuscht sich. Tour 7 wartete auf uns. Auch dieser Marsch war eindrücklich und hart - und wisst ihr was, ich hab mich wieder verirrt……

Kommentare:

  1. Von Reiseführern und ihren exakten Beschreibungen kann ich mittlerweile auch ein Lied singen...

    http://freighterdog.blogspot.com/2006/05/streckenerfahrungsflug-teil-8.html

    So jetzt muss ich aber leider weg, schnell noch einen Reiseführer für Bangalore kaufen...;-)

    Gruß,

    Golfox

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  2. *lol*
    Das mit den Beschreibungen kenn ich auch. Ich kann damit einfach nienienie was anfangen. Was ich lese, verschwindet umgehend wieder aus dem Gedächtnis, so dass ich die blöde Beschreibung allenaselang wieder rauskramen muss, von den 99 verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten mal ganz abgesehen.

    Man gebe mir eine ordentliche Karte, eventuell auch einen Kompass und ich finde überall mit minimalem Aufwand hin, bei Beschreibungen verzweifle ich (die sind höchstens hinterher interessant). Dass Frauen keine Karten lesen können ist sowieso ein bösartiges Gerücht ;-)

    Und überhaupt - Wandern ohne verirren ist doch langweilig ;-)

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  3. Für die Schweiz habe ich mir ein Garmin mit digitalisierter Karte gekauft.

    Verlaufen ist so fast unmöglich und am liebsten mag ich die Funktion: 'find next Bergbeizli'

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  4. Na ja... kehren Sie doch lieber in ihr vertrautes 2-Mann Stuebli, dass zwar aus Suedfrankreich stammt, jedoch seither eher am anderen Ende der Welt zu finden ist...

    Dort gibs gottseidank nur fixe Punkte zu ueberfliegen.. Die "Find next Bergbeizli" Funktion ist zwar durch die "Find Nespresso Mashine" Funktion ersetzt, aber das macht ja nichts...

    Gruss
    Andreas

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