Freitag, Mai 26, 2006

vom UVI zum UHU

Von der Fähre kommend, bin ich an getrocknetem Fisch vorbei gelaufen und sitze jetzt entspannt, aber etwas müde am kleinen Holztisch und warte auf mein Morgenessen.
Die rechte Schulter schmerzt ein wenig und das ist eindeutig eine Folge meines runden Geburtstages. Nicht dass ich am Wochenende aufgrund des vielleicht etwas allzu häufigen Zuprostens mit den Weingläsern räuschig auf die Schulter gefallen wäre, ich bin vielmehr das Opfer diverser Datenbanken. Unglaublich, ja fast beängstigend, wer alles von meinem Schritt vom UVI (unter vierzig) zum UHU (unter hundert) wusste.
Meine Umhängetasche ist voll mit Publikationen und Prospekten, die mir im Rahmen meines Geburtstages zugestellt wurden, ich unter Schmerzen hier hingeschleppt habe und jetzt gemütlich bei Kaffee und Bagel studieren werde.

So hat mich zum Beispiel die Handelszeitung als potenzieller Kunde erkoren und deckt mich seit Wochen mit Gratisnummern ein. Schliesslich soll man als UHU jederzeit in der Lage sein, die Ausschläge der Börsen und die neusten Managerfürze beschreiben zu können. Am liebsten lese ich die Seite mit den Interviews mit Nachwuchsführungskräften. „Unsere Mitarbeiter sind der Schlüssel zum Erfolg“, „wir müssen zu unserem Humankapital Sorge tragen“ – Sätze wie diese lese ich gerne. Sie sind wie die täglich erscheinenden Horoskope: gut fürs Gemüt aber leider fern der Realität.

Auch das Magazin Stocks wirbt mit seinem Hochglanzheft für neue Leser und rät mir Lufthansa-Aktien zu kaufen und schnellstens ihre Publikation zu abonnieren. Die Credit-Suisse erinnert mich daran, dass ich bald in der Geriatrieabteilung enden werde und erklärt mir auf 23 Seiten die Unterschiede von Säule 3a bis Säule 16z. Herr Müller von der Hypothekenabteilung malt den Teufel an die Wand und meint in mahnendem Ton, dass variable Produkte schnellstens in Hedge-Fonds umgeschichtet werden müssen, die wiederum mit derivaten Produkten aus Emerging Markets abgesichert werden sollten, damit die Steuerrechnung nächstes Jahr nicht allzu hoch ausfällt.
Ich verstehe nur Bahnhof, suche vergeblich die Sportseiten und widme mich danach der ebenfalls gratis zugestellten Weltwoche. Gespannt und interessiert lese ich die ersten Artikel, bin vom Geschriebenen zum Teil begeistert und spiele mit dem Gedanken, dieses Heft für 20 Franken als Probeabo zu bestellen. Die Strategie der Werbeabteilung war bis zum Zeitpunkt erfolgreich, bis ich die Kolumne eines Herrn zu Gesicht bekam, der zum Vornamen Christoph heisst und als Nachnamen die infantile Form von Morgen trägt. Das Heft landete subito auf dem Altpapierstapel.
Meine Mappe verliert zu meiner Erleichterung an Gewicht und es wartet nur noch das Facts auf mich. Ein lieber Brief des Chefredakteurs, der mich mit dieser Gratisnummer als neuer Kunde gewinnen möchte, schöne Bilder, wenig Text, teures Papier aber nichts, das mich so fesselt, dass dieses Produkt jede Woche in meinem Briefkasten landen müsste.

Der erste Kaffee ist getrunken, die Sonne hat die Wolken vertrieben und ich blicke am Altpapierstapel vorbei auf den Pazifik hinaus. Sechs Kilo Papier habe ich nach Hongkong geschleppt und nur allein für den Transport dieser, verbrauchten wir gestern rund 2 Liter Kerosin zusätzlich.
Ich anerkenne die Anstrengungen der Werbeabteilungen neue Leser zu gewinnen, kritisiere aber die Qualität der Datenbanken. Falls irgendein langhaariger, fertigpizzaessender Programmierer dieser Zeilen liest, soll er mein Profil mit korrekten Daten füttern.

Folgende Publikationen können mir bedenkenlos über Jahre hinweg gratis zugestellt werden:
die Zeit, NZZ, Tagi, Outdoor, Kanu, Mountainbike, Pxxxboy, Stern.
Vielen Dank schon jetzt!

Kommentare:

  1. Na, da möchte ich doch erstmal an dieser Stelle ganz herzlich gratulieren. Machen sie was aus den "UHU"s und hoffen wir, das sie auch zur "ÜHU"-Wende noch viel zu erzählen haben. Aber warum X-en sie so schüchtern den Playboy aus?...:-)

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  2. Dieser Blog wird halt auch in Amerika gelesen ....

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  3. na dann muessten sie eher die 'x' mit '*' ersetzen, nicht dass 'xxx' falsch verstanden wird...

    Viel Spass dann noch in HKG, und naechstes Mal koennten sie gedenken Online-Publikationen zu testen, nur schon um diese 2kg wertvolles Kerosin zu sparen...

    Gruss aus ATH

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  4. Herzliche Glückwünsche zum runden Geburtstag! Endlich hast du auch die 40 geknackt!

    Weiterhin immer guten Flug und unterhalte uns weiter mit deinen genialen Blogs!

    LG
    Kerstin aus MUC(42 Jahre alt)

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  5. Danke für die Glückwünsche! Die Leiden sind zu meinem eigenen Erstaunen nach dem ach so wichtigen Schritt nicht grösser geworden ;-)
    Werde weiterhin das Leben geniessen und fleissig schreiben - versprochen!

    nff, der dem Regen und den Pollen entflieht und in den südlichen Bergen auf Sonne und freie Atemwege hofft.

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  6. Aha, ein 66er. Guter Jahrgang ;-)

    Nachträglich alles Gute zum Geburtstag!

    Und schreib weiterhin so ungemein unterhaltsam :-)

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