Dienstag, Mai 09, 2006

eine ernste Sprache

‚Où est la clèf, voici la clef, elle est ici!’, das war der erste Satz der französischen Sprache, den ich unter pädagogischer Obhut lernte.
Freilich hatte ich schon früher Kontakt mit der Sprache Molières. Seit ich vom Kriechgang in die aufrechte Fortbewegungsart wechselte, machte unsere Familie Ferien an der Ardèche in Südfrankreich. Ein hungriges Kind, wie ich es immer war, begriff ich schnell, dass Eiscrème in der Fremde gleich hiess wie in heimischen Gefilden und zwei Kugeln des leckeren Glacés ‚deux boules’ bedeuten.
Ganz unbeschwert machte ich von der neuen Sprache gebrauch und paukte aufregende Wörter bei Spiel und Sport mit den einheimischen Hosenscheissern.
Noch bevor mir an allen möglichen und unmöglichen Orten Haare spriessten, bestritt ich Sportwettkämpfe auf internationaler Ebene.
Wieder brauchte ich die Sprache Napoleons und wieder ging das ohne nennenswerte Probleme.
Dann trat der Pädagoge Dr. Staenz in mein noch junges Leben und dieser Dr. Staenz duldete keine, absolut keine Fehler. Sein Lebenswerk war es, heranwachsende Deutschweizer mit seiner preussischen Lernmethode zu quälen.

‚Où est la clèf, voici la clef, elle est ici!’, war der Einstieg in das Buch, das mich in den folgenden drei Jahren begleiten sollte.
Man kriegt nie eine zweite Chance für einen ersten Eindruck, sagt eine alte Weisheit. Dr. Staenz hat diese Chance verspielt.

Wie kann man eine Sprache, die von Landsleuten gesprochen wird, die den Pastis, das Baguette, fünfgängige Menüs und Schnecken an Kräuterbuttersauce erfunden haben, nur so langweilig und unspektakulär vermitteln?
Ich habe mir die guten Gespräche und die erotischen Flirts mit den Französinnen in meiner Jugend durch das Lehrbuch nie vermiesen lassen, doch so etwas wie ein Trauma blieb dennoch zurück.

Die posttraumatische Phase verlief soweit ereignislos, bis ich zum ersten Mal statt mit Franzosen mit Welschen in Kontakt kam. Plötzlich standen nicht mehr die Kommunikation und der Austausch im Vordergrund, sondern die korrekte Form des ‚passé composé’.
Flirts wurden so total unerotisch und Gespräche inhaltslos. Während ich das melodiöse und alles andere als perfekte Deutsch der Romands als überaus sexy empfand, schüttelten Bewohner der anderen Seite des Röstigrabens sofort den Kopf, wenn meine Kleinigkeit ‚passé simple’, ‚conditionnel présent’ und den ‚imparfait’ etwas allzu kreativ anwendete.
So machte Kommunikation keine Freude und ich beschloss, die französische Sprache ab subito zu boykottieren.

Als ich aber gestern nach über 20-jähriger Abwesenheit in der alten Stammkneipe meiner Eltern an der Ardèche in stockendem Französisch einen Pastis bestellte, spürte ich die alte Herzlichkeit der Bewohner des ‚Massiv Central’ wieder. Man nahm mich wahr, man sprach mit mir, man schätzte meinen Versuch, die Landessprache anzuwenden!

Einige Pastis später war der Friede mit dem Französisch endgültig geschlossen. Die Sätze sprudelten wieder in alter Frische aus meinem Mundwerk und ich bin überzeugt, dass ich praktisch fehlerfrei konjugierte.

Das Anisgetränk forderte bald seinen Tribut und ziemlich dringend musste ich ein urmenschliches Bedürfnis befriedigen, oder wie die Franzosen sagen: ‚Je doit faire une fontaine!’

Kommentare:

  1. Schön dass sie sich mit dieser wunderschönen Sprache wieder versöhnen konnten. Ich hoffe auf diese Versöhnung seit ich an der Kanti bin...

    Nun sie wird dann kommmen, so nehm ich an wenn ich in Frankreich Ferien mache oder arbeiten werde. Ich liebe den Klang dieser Sprache.

    Liebi Grües

    Severin

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  2. ohhhhhhhhhhh
    bei dem herrn stänz habe ich auch franz gelernt, und dann der grosse schock nach gut dreissig jahren gespannt auf die erste franz lektion der kinder gewartet und die welt nicht mehr verstanden.wie kann man so französisch lehren,einfach so von der ersten stunde an ganze sätze nicht nur wörter.fazit sie haben es gelernt. ich habs natürlich auch gelernt weil ich nach der oblig. schulzeit wie es sich gehört "ins welsche ging" um den comment zu lernen.ich liebe diese sprache und versuche sie zu sprechen wann immer sich gelegenheit bietet und mit einem pastis in der hand ist das savoire vivre das non plus ultra!
    "vive la france"!
    barbara

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  3. Schön, dass Sie sich versöhnt haben und schön, dass Sie wieder da sind und wir Sie wieder lesen können.

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  4. lauter schönes, ist das nicht schön?
    :-)
    ääähm...mit verlaub...ich habs mehr mit den italienern, sorry, der italienischen sprache :-)

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  5. Tja.... ich bin auch mommentan in solch einem post-trauma vom franz... ob es je eine Versoenung geben wird ist fraglich... und ausserdem...

    aehm.. mit Verlaub... ich hab's mehr mit den Schwedinnen...emm... der Schwaedischen Sprache meine ich natuerlich..;)

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  6. Ich würde Ihren Text gerne auf dem Website Le Pradinat ( http://ardeche.squarespace.com/ ) veröffentlichen. Bitte melden Sie sich falls Sie interessiert sind.
    Mit freundliche Grüsse
    Matthias

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