Dienstag, Mai 30, 2006

die natürlichste Sache der Welt

In regelmässigen Abständen mahnen uns die Mediziner, dass wir gar nicht genug trinken können. Drei Liter täglich wären ideal und wenn man in so lebensfeindlichen, klimatischen Bedingungen wie ich arbeite, darf es ruhig auch etwas mehr sein.

Unweigerlich mit dem Trinken verbunden ist auch der regelmässige Gang zur Toilette. Die Blase füllt sich langsam und scheint zumindest bei mir, verschiedene Warnstufen zu besitzen. Bei der Ersten kommuniziert die Blase über das Hirn zu den Händen, dass diese den Gurt etwas lockern sollten. Die zweite Warnstufe zeigt an, dass in den nächsten 60 Minuten ein stilles Örtchen angesteuert werden muss, die Dritte räumt ein, dass es sich bei der vorherigen Schätzung um einen Irrtum gehandelt habe und die Entleerung besser in den nächsten paar Sekunden erfolge, die vierte Warnstufe wird in der Regel erst auf dem Weg zum Abort gezündet und die Letzte, die über die unmittelbare bevorstehende Explosion des Blasenballons informiert, erscheint mitunter erst, wenn man vor der Toilettentüte steht oder mit gezücktem Hotelschlüssel darauf hofft, dass selbige Türe sich auch öffnet.

Man spricht nicht von ungefähr von der Notdurft. Wer es einmal am eigenen Leib erfahren hat, wie schmerzhaft und hoffnungslos sich die Situation präsentiert, wenn die Hoteltüre mit Warnstufe vier plötzlich nicht aufgehen will oder das einzige stille Örtchen weit und breit wegen Reinigungsarbeiten geschlossen ist, bestätigt, dass man genau in diesem Moment richtiggehend notdürftig ist.

Wäre die Situation nicht so schon kompliziert genug, haben uns geschäftstüchtige Manager noch weitere technische Hindernisse in den Weg gelegt. Dass man mit notdürftigen Menschen viel Geld verdienen kann, wissen Hilfswerke schon lange. Vor ein paar Jahren ist die SBB auf den gleichen Zug aufgesprungen und hat die weitum beliebten McClean an den Bahnhöfen platziert. Beliebt sind diese Einrichtungen vor allem bei den nicht so zeigefreudigen Männern. Obwohl das Pinkeln einen Stutz kostet, ist die Investition absolut gerechtfertigt. Man(n) kann so sein Geschäft erledigen, ohne dass die Strahldicke, die Spritz- und die Schütteltechnik von fachmännischem Publikum kommentiert wird.
Aber eben: Wehe man hat mit Warnstufe 4 kein Frankenstück in Griffweite.

Die Alternative war bis anhin das McDonalds. Eine sehr saubere öffentliche Toilette, wo man auch noch etwas zu Essen bekommt. Doch auch hier weht ein steiferer Wind. Der Manager möchte, dass mehr gegessen als gepinkelt wird und hat jede Toilettentüre mit elektronischem Schutz versehen. Eintritt wird nur mit dem auf der Quittung aufgedruckten Code gewährt. Wenn sie beim nächsten Stadtbummel junge Leute beim Durchwühlen der McDonalds Abfalleimer beobachten, hat dies nichts mit steigender Armut zu tun, es handelt sich vielmehr um quittungssuchende Mitmenschen, die Level 4 haben und das Essen bei McDonalds nicht mögen.

Auch Starbucks vertraut auf elektronische Sicherung der stinkenden Löcher. Zum Glück ist der Code bei der Filiale am Bellevue seit Jahren unverändert und ich bin überzeugt, dass schon die ganze Stadt weiss, wie viel Erleichterung die Kombination 2002 bringen kann.

Ich könnte noch viele Beispiele aus der Stadt Zürich aufzählen, lasse dies aber bleiben. Gestern musste ich mit akuter Warnstufe 4 erkennen, dass die Abzockerei beim Erledigen der natürlichsten Sache der Welt, auch auf dem Lande Schule macht.
Im Stechschritt hechtete ich die Treppe von der Autobahnraststätte Glarnerland hinunter und schlug nach einer scharfen Linkskurve mit dem Oberschenkel gegen ein Drehkreuz. Mein Blasenalarm schaltete von Stufe 4 auf Stufe 5 und die hochmoderne Sicherheitsanlage legte mir nahe, einen Franken in den engen Schlitz zu werfen. Ich fluchte, fand zur Freude ein geeignetes Geldstück, wurde aufgefordert die Quittung entgegenzunehmen und konnte Sekunden später gerade noch nasse Hosen vermeiden.
Die Quittung berechtigt zum vergünstigten Bezug einer Konsumation, ist Wochen gültig und nützt vor allem der hausansässigen Gastronomie. Ich verstehe die Welt nicht mehr!

Selbstverständlich habe ich den Gutschein in einen Milchkaffee investiert, was ja bekanntlich harntreibend wirkt und musste prompt knappe 30 Minuten später einen Parkplatz ansteuern. Glücklich, etwas trotzig und richtig animalisch habe ich mich an einem Baum erleichtert und mich lauthals über die Verkomplizierung des Lebens ausgelassen.

Jetzt bleibt mir nur noch die Hoffnung, dass Airlinemanager diese Zeilen nicht lesen. Sonst finden wir in wenigen Monaten an den WC-Türchen in der Economyklasse kleine Kästchen, die einen Eintritt nur nach der Eingabe der ‚Miles & More’ Mitgliedernummer erlauben.

Kommentare:

  1. dann erwart ich aber auch etwas "more" auf der anderen seite der türe!

    die ein-fränkler-wc-spende hat aber auch was gutes: man kann sich wieder ohne nasenklammer in bahnhof-wc's erleichtern! was mir wiederum den franken wert ist. auch bei stufe 4.5 ;) und im notfall: drübersteigen und nachher zahlen... da sind die aufpasser ganz tolerant. die wissen nämlich was ihnen sonst blüht :D

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  2. o Gott!! die ist ja zudem noch lang!!&*!@#!!

    aber na ja... es ist ja momentan nicht nur IN, sondern auch VOR den lavatories der Y-Class schlimm genug. Man denke nur an nette Chinesen, die es anscheinend 'lustig' oder 'angemessen' finden, ihren ueberfluessigen Speichel auf dem Tepich zu pflanzen! igit! oder vielleicht an sonstige nette maennliche Geschlechtsgenossen, denen die leichte turbulenz wohl zu viel ist, um einigermassen gut zu zielen...

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  3. Auch ich durfte bei meinem letzten Berlinaufenthalt eine McClean-Erfahrung machen. Das ganze System neu für mich, musste ich mich erst in den Gedanken dahinter einarbeiten und war am Ende dankbar, das ich schon früher auf meine Blase gehört hatte und noch nicht bei Warnstufe 4 angekommen war.
    Die Spülung habe ich bis zum Schluss nicht gefunden - merkwürdig, das bei offensichtlich höheren Umsätzen entweder am System oder aber zumindest am Hinweisschild gespart wird.

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  4. Moin schön,

    hmm, ich meine mal irgendwo im Grundgesetz gelesen zu haben das es eigentlich kostenlos ist usw..
    und rein Theoretisch könnte man an einer Wildfremden Türe klingeln und dieser müsste sie auf seinem WC lassen...aber ich weiss es leider nicht mehr genau.

    Bald brauch man für das Papier zum Hintern abwischen noch ne Kreditkarte...nej nej nej

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  6. Hilfe! Da ist bei uns in Deutschland ja richtig komfortabel. Mc Donalds steht jedem notdürftigen offen.
    Das schlimmste Erlebnis, was ich mal hatte, war die Notdurft im STAU! Rechts eine Schallschutzwand, hinter mir ein LKW - vor mir eine kilometerlange Schlange.. Ich habe geschwitzt. Mit ganz viel Glück habe ich es geschafft...

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  7. Es lebe das freie Wasserlösen!

    Deutschland ist wirklich um Welten besser, wenn es um das kleine Geschäft geht. Wir haben natürlich auch gute Sachen in der CH - aber eben, es kostet alles so viel!

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