Samstag, Mai 27, 2006

der Tag des Abfluges


Dieser Tag ist immer etwas speziell. Je näher die Abflugszeit kommt, desto eher ist man gezwungen Sachen zu machen, die man eigentlich gar nicht mag. Muss ich die erste Schicht schieben, also die ersten 9 bis 10 Stunden in der Kanzel sitzen, versuche ich im Zustand absoluter Wachheit, vor dem Flug ein paar Stunden zu schlafen. Der Planungscomputer kennt dafür das nicht nachvollziehbare Kürzel ‚V’. Ich kann mir weder in Englisch noch in den restlichen vier Landessprachen vorstellen, wofür das ‚V’ steht, vermute aber, dass es etwas mit ‚verheizen’ zu tun hat.

Die zweite Schicht wird ‚W’ genannt, auch eine absolut nicht erklärbare Abkürzung. Ich schiebe heute Nacht diese Schicht und darf kurz nach dem Start in die Koje liegen und je nach Mitleid des Kapitäns, der wie immer das Filetstück bekommt und sich in der Mitte des Fluges flach legt, vier bis fünf Stunden schlafen.
Jetzt sind wir schon beim wichtigsten Punkt der Flugvorbereitung des ‚W’-Copiloten: Man muss möglich müde den Flugdienst antreten, um erstens das Mitleid des Kapitäns zu erregen und zweitens erschöpft genug ist, um im Crewbunk wenigstens ein paar Minuten in einen schlafähnlichen Zustand zu fallen.
Das ist auf dem Heimflug von Hongkong schwieriger als man auf den ersten Blick bei einer Abflugszeit so um Mitternacht vermuten könnte. Wir umfliegen das Himalayagebirge nördlich und kommen dank den stabil starken Winden regelmässig in den Genuss von mittleren bis starken Turbulenzen. Das war in den letzten zehn Jahren so und wird auch heute nicht anders sein.
Sobald China hinter uns liegt, hört die Schüttlerei schlagartig auf und das ist etwa nach vier bis fünf Stunden, also dann, wenn der Chef sich schlafen legt. So viel zu den Filetstücken.

Apropos Filet, als ‚W’ verpasse ich die Völlerei des normalen Service und muss mich vor dem Flug verpflegen. Dies zu einer Zeit, wo der Körper eher nach einem kalten Bier statt nach scharfer Nahrung schreit. Bier ist aus verständlichen Gründen tabu und scharfe Nahrung sollte ich so kurz vor der befohlenen Nachtruhe auch nicht unbedingt in mich hineinstopfen. Ein Restaurant zu finden, das in Hongkong schwach gewürzte Speisen serviert und im Getränkeangebot auch anderes führt, als Leitungswasser und Bier, ist eine nicht leicht zu lösende Aufgabe.

Den Lohn für die heutigen Strapazen darf ich dann am Sonntagmorgen in der Früh ernten. Mir steht die Landung zu und das entschädigt doch für einiges. Müde werde ich sein, doch Adrenalin und eine gute Vorbereitung hier in Hongkong werden dafür sorgen, dass ich beim Eindrehen auf den Leitstrahl der Landepiste im vollen Besitze meiner Kräfte sein werde.

Wenn sie als Passagier nach der Landung einmal eine Cockpitbesatzung zu Gesicht bekommen erschrecken sie nicht, die zwei jämmerlichen Figuren neben dem frischen Kapitän sind die Copiloten. Ihr Äusseres hat nichts mit mangender Arbeitseinstellung zu tun, sondern ist das Resultat konsequenter Durchsetzung des ‚V’- & ‚W’-Regimes. Oder anders gesagt, bei der Fliegerei ist es wie im richtigen Leben: Nicht jeder kriegt das Filetstück.

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