Montag, April 17, 2006

Yorokeikoku


Wer fremde Orte bereist, der will etwas sehen. Spezielle Plätze, die nach dem Urteil eines Experten eines Blickes würdig sind, werden dann in den Reiseführern als Sehenswürdigkeiten gelobt und entsprechend angepriesen.
Interessanterweise sind sich die Fachleute rund um den Globus in der Regel ziemlich einig, was der Besucher unbedingt zu Gesicht bekommen muss. Ob sich die Autoren gegenseitig abschreiben oder Marketingverantwortliche vor Ort die Meinungen so beeinflussen, dass ein Reiseguide dem anderen wie aufs Haar gleicht, sei einmal dahingestellt.
Ich will die Reiseliteratur als solches nicht verteufeln, schliesslich bin ich ein guter Kunde von Städteführern, versuche aber ab und zu die grossen Trampelpfade zu verlassen.

Heute war so ein Tag. Sonnenschein weckte mich am frühen Morgen nach einem typischen ‚Tokioschlaf’, während dem ich mich vier Stunden lang von einer Seite auf die andere drehte und im Stundentakt die Blase von der Last des am Vorabend gezechten Hopfensaftes befreite.
Interessanterweise ist man nach so einer Nacht nicht etwa todmüde, sondern froh, dass man die Stätte der Unrast endlich verlassen darf.

Eine knappe Stunde später liess ich mich widerstandslos vom Pendlerstrom mitziehen und wurde unfreiwilligerweise Teilnehmer des allmorgendlichen Sumokampfes im Vorortszug von Narita nach Tokio. Körperlich etwas im Vorteil, gelang es mir nach zwei Stationen die Wand aus Menschen zur Seite zu drücken und die rollende Fleischkonserve fluchtartig zu verlassen.
Der Provinz entgegen wurden die Züge immer kleiner, die Sitzbänke leerten sich und langsam aber sicher verschwanden auch die für mich lesbaren Schriftzeichen von den Bahnhofschildern. Das Abenteuer konnte beginnen.

Yorokeikoku hatte ich am Vorabend als Reiseziel erkoren. Heisse Quellen soll es da geben und eine schöne Wanderung von zwei Stunden Dauer gäbe gute Fotosujets her, meinte ein Kenner auf einer Internetseite und machte damit diese Stadt mit dem lustigen Namen zumindest für Google-Benutzer zur kleinen Sehenswürdigkeit.

Frohen Mutes und mit spärlichem Kartenmaterial bewaffnet, machte ich mich auf ins Ungewisse. Obwohl Pilot, gehört die Navigation mit konventionellen Hilfsmitteln nicht zu meinen Stärken. Das ist sicherlich ein Handicap auf Ausflügen wie diesem, doch im Gegensatz zu so manchem Leutnant der helvetischen Infanterie, stehe ich zu meiner Schwäche und präge mir zumindest den Rückweg ein.
Prompt irrte ich mich an der ersten Schlüsselstelle in der Himmelsrichtung und folgte einem Pfad durch wunderschöne Reisfelder, der nach gut einer Stunde in einer Sackgasse endete. Ich möchte Euch ein Foto dieses speziellen Ortes nicht vorenthalten und mache damit das bescheidene Feld des Bauern zu einer kleinen Sehenswürdigkeit. Nur auf der Karte kann ich den Punkt nicht markieren, ich weiss beim besten Willen nicht mehr, durch welche Privatgrundstücke ich am heutigen Tag geschlendert bin.

Dem anstrengenden Spaziergang folgte ein Bad in einer heissen Quelle mit einer Wasserfarbe, die mich stark an den amerikanischen Frühstückskaffee erinnerte. Prompt schlich sich ein kleines Hungergefühl ein und dieses wurde auch unverzüglich für wenig Geld in einem gemütlichen Nudelshop um die Ecke gestillt.
Gut genährt von der Suppe und durchgegart vom fast 45° heissen Badewasser, machte ich mich müde, aber glücklich auf zum kleinen Provinzbahnhof.

Der Bahnhof war leer und schien verlassen. Auf dem rostigen Geleise stand ein altes Schienenmotorrad und genoss das Nichtstun. Weder das Unkraut zwischen den Schwellen noch der omnipräsente Rost an allen Ecken und Enden zeugten von grosser Hektik auf dieser Bahnstrecke.
Ein scheuer Blick durch das Stationsfenster brachte Erleichterung. Erschrocken von meiner Erscheinung schoss eine Angestellte der Bahnlinie aus ihrem Sitz, richtete ihre Uniform, die eh schon wie angegossen sass, und überhäufte mich mit japanischen Tiraden.
Handzeichen und Zischlaute meinerseits kombiniert mit bahntechnischer Kompetenz ihrerseits führte zu der Erkenntnis, dass die Bahnstrecke noch in Betrieb ist, der nächste Zug aber erst in 2 Stunden verkehre.

Yorokeikoku scheint wirklich noch nicht eine richtige Sehenswürdigkeit zu sein. Doch ich bin überzeugt, nach diesem Reisebericht wird sich das ändern - ganz bestimmt, mit absoluter Sicherheit!

Kommentare:

  1. mm..bekommt man da aber lust auf ein heisses Bad, da man um 1 Uhr Nachts leider nicht schlafen kann, und von verschiedenen Sorgen nicht losgelassen wird....

    Gruss aus Athen (sonnig und warm, aber fuer mich momentan unzugaenglich)
    Andreas

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  2. Wieder super schön geschrieben. Lese es zwar mit einem lachendem und weinendem Auge, aber das liegt eher an Erinnerungen an einen verlorenen Menschen, der auch so super erzählen konnte, die da wieder ins Hirn kommen.... Man reist irgendwie mit bei den Beiträgen...

    Viele liebe Grüsse
    Ariane

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  3. Danke für Eure Kommentare und Feedbacks.
    Die selber auferlegte 'Last', von jedem Arbeitseinsatz einen Bericht zu verfassen, zwingt mich mit offeren Augen durch das Leben zu gehen.
    Macht Spass und ich bleibe dran, oder wie sagt Max Frisch im Stiller so schön:
    Schreiben ist nicht Kommunikation mit Lesern, auch nicht Kommunikation mit sich selbst, sondern Kommunikation mit dem Unaussprechlichen.

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  4. ...das kann man wohl meinen...und ich muss gestehen so nen bissel neidisch wird man ja schon...viel spass noch..merci

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  5. Sehr netter Bericht!
    Ich find das immer toll, wenn man sich so abseits der Touristenströme bewegt und dabei das "unbekannte" entdeckt.
    Wie kommst du immer auf solche Orte? Setzt du dich mich einer Bahnkarte und Google hin und suchst ein bisschen?

    mfg, Boris

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