Montag, April 24, 2006

Happy Hour

Ein frisch gezapftes Bier, ein Platz an einem Tisch im Freien und herrliche 28°C - was will der einfache Copilot noch mehr? Vom bequemen Stuhl aus lässt sich der belebte Platz inmitten von Kowloon wunderbar überblicken, ein laues Lüftchen von Hongkong Island her kommend weht die Rauchschwaden von Nachbars Cohiba in die entgegengesetzte Richtung und rund um uns herum wird geredet, diskutiert und gelacht. Die Fröhlichkeit steckt an und lässt die müden Glieder vom langen Nachtflug vergessen.
Ein wirklich perfekter Frühlingsabend unter den Sternen Südostasiens! Unsere Stimmung steigt mit jedem Drink, den die in ein farbiges Kleid gesteckte Bedienung auf unserem kleinen Tisch deponiert. In Hongkong ist wieder einmal Happy Hour. Happy Hour kann hier alles Mögliche bedeuten. Mal kostet der Drink weniger, mal gibt es einen gratis. Ganz nach dem Gusto des Managers werden Alkoholika verteilt, um die Gäste bei Stimmung zu halten. Wenn dann urplötzlich die letzte Sekunde der glücklichen Stunde geschlagen hat - was in der Regel niemand realisiert - beginnen die Kassen wieder zu rattern.
Geschäftstüchtig sind diese Chinesen, das muss man ihnen lassen. An unserem Tisch drehen sich die Gespräche wie so oft, wenn Flugzeugführer unter sich sind, um alte Fliegergeschichten. Normale Piloten werden plötzlich zu Helden, leichte Brisen im Anflug zu Sturmböen, graue Wölklein zu veritablen Gewitterwolken und kleine technische Störungen zu ernsthaften Zwischenfällen. Fliegergarn wird gesponnen und Zuhörer nicht pilotischen Ursprungs langweilen sich zu Tode.
Und genau das kümmert uns heute Abend kein bisschen, schliesslich haben wir auch mal das Recht so zu sein, wie wir sind und schliesslich ist ja Happy Hour!

Die kurze Pause zwischen zwei Heldengeschichten nutze ich, die Leute an den anderen Tischen zu beobachten. Der Blick bleibt an einem jungen einheimischen Pärchen hängen.
Die Beiden tauschen mit den Füssen Zärtlichkeiten aus, während er auf der Playstation Autorennen fährt und sie mit der linken Hand telefoniert und der rechten Hand ein SMS in ein anderes Handy tippt. Diesen Anblick muss ich zuerst verdauen. Ich schaffe es nicht einmal eine Playstation zu starten, kann nur mit Mühe ein SMS tippen, muss mich beim Telefonieren auf das Gespräch konzentrieren und kann meine Sinne bei zärtlichen Fussspielen kaum ordnen. Wie schaffen die Beiden es bloss, alles synchron zu erledigen? Das fernöstliche Rätsel bleibt ungelöst und während dem Grübeln verpasse ich eine Erzählung eines dramatischen Anfluges aus alter Zeit.

Die Temperaturen weigern sich sinken und weder Fliegergeschichten noch Biernachschub wollen enden. Zeit zu gehen und dem schönen Abend ein Ende zu bereiten. Mir war nach den vielen Eindrücken einfach noch danach etwas zu schreiben. Diese kurze Erzählung ist unvollständig wie ein Satz ohne Verb, aber was spielt dies für eine Rolle? Schliesslich ist ja Happy Hour!