Montag, März 13, 2006

Shoegasm




Vermutlich ist es nirgends auf der Welt so wichtig wie in New York, bedeutend und gestresst zu wirken. Ohne Auftrag und ohne schwer auf den Schultern drückende Verantwortung, ist man in dieser Metropole niemand. Niemand zu sein ist schon in Zürich schwer, geschweige dann in der Stadt am Hudson River.
Schlendert man an einem Montagmorgen mit dem iPod im Ohr ausgeruht durch die hektischen Gassen der Grossstadt, ist dies eine Provokation Sondergleichen.
New York ist bei weitem nicht mehr die kriminelle Stadt, die es einmal war, aber es bewährt sich trotzdem, vorsichtig zu sein und gut zu beobachten. Wenn ich mich also entschliesse gemütlich durch Manhattan zu schlendern statt zu rennen, muss die Tarnung perfekt sein.
Mit Wollkappe, dem weissen iPod Kabel in den Ohren, dem Kapuzenpullover und der umgehängten Laptoptasche, gehe ich glatt als Sachbearbeiter oder Laufbursche durch. Guten Mutes geht es los. Zu Fuss über die nebelverhangene Brooklyn-Bridge wird der East River überquert und mir wird der erste grobe Lapsus bewusst: WENN die Brooklyn-Bridge schon mit Muskelkraft überquert wird, DANN bitte im Laufschritt oder wenigstens auf dem Sattel eines Karbonfahrrades. Die bösen Blicke der Frühsportlerinnen und Frühsportler sind mir sicher.
Etwas Verschnaufpause bietet der Vorplatz des Stadthauses. Um 6 Uhr ist der Platz noch angenehm ruhig, Demonstrationen finden erst später statt und die Polizisten sitzen gemütlich in ihren Streifenwagen und schlürfen bedächtig ihre Kaffeebrühe.

Die Stadt akzeptiert mich an diesem Montagmorgen irgendwie nicht. Mit meinem langsamen Gang, der fröhlichen Miene, dem neugierigen Blick und meiner Grösse, störe ich den Fluss der wichtigen und mit Verantwortung überhäuften Einwohner dieser Metropole zu sehr.
Trost bietet einmal mehr eine Kanne voller Milchkaffee. Da sitze ich nun vor meinem Laptop und grüble konsterniert darüber nach, wie ich in den nächsten Stunden ein Teil dieser Welt werden könnte.

Plötzlich fällt mir eine Passage in Heinrich Bölls Tagebuch aus Irland ein:

Es gibt ein Mittel gegen die Einsamkeit, die einem in einer fremden Stadt überfällt: etwas kaufen: eine Ansichtskarte, ein Andenken, ein Buch: etwas in die Hand bekommen, teilnehmen am Leben dieser Stadt, indem man etwas kauft.

Ich schmunzle, schaue auf die gegenüberliegende Seite der 8th Avenue, erblicke das Firmenschild eines Schuhladens mit dem treffenden Namen Shoegasm und bilde mir für einen kurzen Augenblick ein, dass ich die Frauen verstehe.

Kommentare:

  1. Also mit meinem Zürcher Gehtempo bin ich in NYC nie wirklich aufgefallen... Höchstens die schwarzen Socken hätten mich entlarven können. ;)
    Mit meiner Hautfarbe hätte ich eh als Puertoricaner oder so durchgehen können, vor allem mit meiner Sommerbräune, die im September (meine Aufenthaltszeit in New York) noch ziemlich vollständig war.
    Naja, viel Spass beim Schlendern.

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  2. Ja Noo, nach 3 Stunden hatte ich genug NYC Luft geschnuppert. Es war nicht mein Tag und die Stadt hatte kein Erbarmen mit mir.

    Vielleicht klappts nächste Woche in Tokyo.

    Gruss nff

    ... ach übrigens: im Limmattal scheint die Sonne :-)

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  3. Hm, Teil der Stadt werden. Für mich war es das Beste an einem Samstagmorgen bei schönen Wetter und frischer Luft vom Meer her drei Blocks die 2nd hinauf, dann sozusagen mit dem Wind die 42nd runter schlendern, vorbei an der erwachenden Grand Central Station, die um 10 Uhr immer noch ausgestorbene Fifth überqueren, an der Ecke dort beim Iraker die Times mit einem Dollar zahlen, einen kleinen Umweg über das Starbucks an 42nd/6th machen und schlussendlich im Bryant Park auf einem der grünen Klappstühle landen. Dann wirst Du ganz Teil der Stadt.
    Hm, unter der Woche? Da bist Du wirklich nur Teil der Stadt wenn Du wie alle anderen zur Arbeit rennst. Wobei auch das hatte für mich absolut seinen Reiz. Ich genoss es jeden Tag mit dem iPod an und einem big smile ins Büro zu fliessen.
    Am Abend dann, und das ist etwas vom geilsten ums Eins zu werden: Den obersten Knopf am Hemd öffnen, den guten alten Frank im iPod reanimieren und lächelnd zu seinen Songs die Fifth hinuter schlendern und dabei den schönen Frauen in die Augen zu schauen. Und so trifft der Satz aus Wedding Crashers: "The proper girl in the hat just eye-fucked the shit out of me." mehr als einmal zu ... Oder um es mit Franky zu sagen: That's life!

    Am 21. ist's endlich wieder so weit! Bis dahin "True and fair presentation" - Rechnungswesen the Cony way.

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  4. .... muss ich unbedingt das nächste Mal ausprobieren. Vermutlich schlendere ich einfach viel zu wenig cool durch die Gassen oder ich sollte trotz Kälte den Reissverschluss der Jacke öffnen und etwas meiner spärlichen Brust entblössen.
    Ich geb's nicht auf mit NYC!

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  5. NYC und nächste Woche schon in Tokyo. Was'n das für'n Trip - hey?. Ein guter! Und in NYC gibt es Webseiten mit Wetterdruchsage-Podcast's?
    Achja - Besten Dank für die Vorschläge zur Verschönerung unserer aller geliebter Ohren-Alleinunterhalter-Kein-Gespräch-Möglich-Werkzeuge. ;))

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  6. Die Einbildung, die Frauen verstanden zu haben, halte ich, nach vielfacher Ernüchterung, für pathologisch...

    Die einzige Abhilfe:
    Lasst uns den Frauen helfen, uns Männer zu verstehen.
    Siehe hier:

    http://home.leo.org/~wimmer/fun/maennermanifest.html

    ;-)

    Gruß,

    Golfox

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  7. warum wollt ihr männer uns immer verstehen?
    wir tuns umgekehrt ja auch nicht...:-)

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