Mittwoch, März 01, 2006

Männerabend

Männerabende sind wichtig, Männerabende sind notwendig und Männerabende sind schön! Gestern war es wieder einmal soweit und vier alte Freunde trafen sich zum Apérobier am Fédéraltresen mitten im Hauptbahnhof Zürich.
Es grenzt immer wieder an ein Wunder, dass unser kleiner Kreis den einen Termin koordinieren kann. Der Eine kommt extra aus dem SBB-Hauptquartier aus Bern, der Zweite überlässt den Flughafen seinem Schicksal, der Dritte – gerade an seinem dritten Studium – findet dank akrobatischen Einlagen auf wundersame Art und Weise einen Termin zwischen Familie, ASVZ Konditraining, Seminaren und Lerngruppen und ich als Vierter im Bunde bin grundsätzlich immer zu Hause und trotzdem ständig unterwegs.

Seit wir etwas älter wurden, sind die Themen während des ersten Bieres gegeben. Jeder hat das Bedürfnis von seinen körperlichen Leiden zu berichten und schnell sind wir uns einig, dass nur ein wärschaftes Mahl etwas Linderung bringen kann.
Das Schöne an Männerrunden ist, dass sich die Auswahl des Lokales wesentlich einfacher gestaltet, als z. B. mit einer Gruppe Flight-Attendant. Der In-Faktor spielt genauso wenig eine Rolle wie die Gemüsetellerauswahl. Fleisch muss es sein und das nicht zu knapp. Die in Frage kommenden Lokale heissen eher Kropf, Bierfalke und Zeughauskeller als Turm, Blue Note oder Lake Side.

Die kräftige Serviertochter im Bierfalken hatte Erbarmen mit den vier hungrigen Mäulern und liess die Reservationskarte am gemütlichen Ecktisch diskret in ihrer Schürze verschwinden. Mit den Fleischbergen in den Tellern und etwas Rebensaft im Glas nahm der Abend seinen Lauf. Die Stimmung im Lokal war bestens. Nur am Tisch nebenan versuchten vier elegant gekleidete Geschäftsherren vom Typ MBA (married but avaliable) die Zitrone über dem Cordon-Bleu genau so elegant auszudrücken, wie sie üblicherweise den scharfen Wasabi und die Sojasauce mit den Stäbchen mixen. Das musste ja schief gehen.

Einige Stunden und viele Geschichten später verliess die holde Truppe den Ort der fleischlichen Sünde und verabschiedete sich in alle Himmelsrichtungen. Mir wurde die Ehre zuteil, mit unserem SBB-Kadermann den Regionalzug zu besteigen. SBB Kaderleute fahren 1. Klasse und das wollte ich mir an diesem speziellen Abend natürlich auch gönnen. Der Billettautomat hatte das passende Ticket bereit und mit der nach einigen Dezilitern Alkohol nicht leicht zu merkenden Tastenkombination *102 war ich für 1.80 Franken stolzer Besitzer eines ‚Upgrades’ für 2 Zonen in der S-Bahn.
Mit Respekt und Ehrfurcht betrat ich den Teppichwagen. Sofort wurden wir gemustert. Der Herr neben uns, der am Koffer noch stolz seinen Gepäckschein des letzten Ferienfluges präsentierte, beobachtete mich mit Argusaugen. Einer mit Jeans, einer gestrickten Mütze und ohne Krawatte konnte sich unmöglich legal in den bequemen Sitzen niederlassen. Auch hinter mir spürte ich den Blick der Premierenbesucherin im eleganten Deuxpiece.
Schnell gewöhnte ich mich an den Komfort, die prüfenden Blicke der anderen Passagiere waren vergessen und die Gespräche gingen dort weiter, wo wir im Bierfalken aufgehört haben.

„Alle Billette vorweisen bitte“, rief ein Kontrolleur im Kasernenton durch den eleganten Wagen. Ein Griff an meinen Geldbeutel und im Nu war ich für die genaue Kontrolle gerüstet. In der linken Hand mein Halbtags und in der Rechten die Stempelkarte für die Zonen 10 und 54 plus das Upgrade für 2 Zonen.

Eine junge hübsche Beamtin betrachtete mit Ehrfurcht die Kader-Jahreskarte meines Freundes, und nahm danach ziemlich respektslos meinen Bündel Tickets entgegen.
„Macht 80 Franken Busse!“, schrie die vorher so nett scheinende Zugbeamtin gut hörbar für alle Passagiere in meine Richtung. Der Nachbar mit der Gepäcksetikette am Koffer lachte auf den Stockzähnen und die Dame im Deuxpiece forderte mit ihrem Blick die sofortige Vollstreckung des Urteils.
Keines Fehlers bewusst quittierte ich mit einem blöden Spruch. Es folgte eine Rechtsbelehrung und der Hinweis, dass ich einen Upgrade für 2 statt für 3 Zonen kaufte. Ich gebe ja zu, dass ich mich im Bonusmeilenprogramm der Swiss besser auskenne als im SBB-Tarifdschungel, verstand aber noch immer nicht, warum die Zonen 10 und 54 als deren Drei gelten. Eine weitere Rechtsbelehrung folgte und die irrtümlicherweise charmant eingeschätzte Person erklärte mir wie einem Kindergärtner, dass die Zone 10 als Doppelzone gelte und ich mich darum im Sinne der Tarifordnung der schweizerischen Staatsbahnen strafbar gemacht habe.
Die Frau im Deuxpiece wetzte die Messer und der Herr mit der Gepäcketikette am Koffer sah sich in seiner Theorie bestätigt, dass alle Jeansträger grundsätzlich asoziale Schmarotzer seien.
Ich griff resigniert zum Geldbeutel und startete in Gedanken bereits den Laptop für den Protestbrief an Bundesrat Leuenberger persönlich. Jetzt begann mein Kaderfreund seine Charmeattacke und die Kontrolleurin wurde trotz lebensgefährlichen Blicken der anderen Gäste weich, berief sich auf ihre Kompetenzen zur Begnadigung von Schwerstverbrechern und zog unter lautlosem Protest der anderen Zeugen von dannen.

Was mir neben dem guten Stück Fleisch im Bauch blieb, war die Erkenntnis, dass ich der 2. Klasse treu bleibe. Denn die Alternative zu der engen Holzklasse, wo sich die Beine der Passagiere wegen der Enge bei jeder Unebenheit zärtlich berühren, ist trist - sehr trist.

Kommentare:

  1. ja ja die kleinbürgerliche Schweiz.
    Als ob man automatisch eine Zahl für zwei nehmen muss.
    Oder typisch Zürich?

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  2. Ja ja, die lieben SBB-Leute und deren Umgang mit ihren Zeitvertreibern - den Kunden:

    http://db.icontent.ch/blog/PermaLink.aspx?guid=92a9061e-4502-4743-8103-c30a685a4fea

    Cheers vom luschtige BWL lärne ade Uni ...,

    Dani.

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  3. Geile Story!!! Könnte glatt in München passiert sein! Ich bin auch immer mit der MVG am Kämpfen, wieviel Streifen ich da denn jetzt brauche.

    Liebe Grüße und happy landings!
    Kerstin

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  4. yui das ist ja wieder eine story!
    richtig spannend:-) habe mir während dem lesen den herrn der lüfte vorgestellt (wie er wohl aussieht?)nicht mehr so ganz nüchtern etwa um mitternacht vor dieser kontorlleurin zu sitzen und ich wäre gern ein mäuschen gewesen und hätte mir das alles aus sicherem winkel unter dem sitz des schuldigen angesehen.............( müssen mäuschen auch upgraden in der 1. klasse? )

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  5. Tönt gemütlich und nach wirklich viel, sehr viel Fleisch. Für mich als länger-als-ich-denken-kann-Zugfahrer
    war das ZVV System immer recht klar. Erst als ich mich in London über die komplizierten U-Bahn-Tarif aufregte habe ich bemerkt, dass das bei uns für ausenstehende mindestens eben so kompliziert sein muss.

    Und dein Kollege muss wohl ein riesen Scharmbolzen sein oder ein sehr hohes Tier oder beides. Ansonsten kennen Kontrolleure keine Gnade.

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  6. Ich kann dir da nur einen Tipp geben, nimm immer deinen SBB-Kadermann mit...

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  7. ich weiss warum ich NIE zug fahre!
    :-)

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  8. Der Kluge fährt im Zuge, hat es einmal geheissen. Vielleicht bin ich einfach zu blöde :-)

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  9. Hallo nff
    Veramente divertente! Erinnert mich an meien(nur)Versuch nach X Jahren Absenz von Zug und Tram in ZH ein Ticket zu lösen.
    Gruess

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  10. also du übertriffst dich mit jedem post weiter.

    und für so einen brief an leuenberger könnte ich auch noch ein paar absätze bezüglich Kundenservice schreiben!

    und den seitenhieb an die MBA ist gut und soo böse und sooo wahr :-)

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  11. Hallo Braulio

    Ich habe früher immer über die alten Leute gelacht, die mit vielen Fragezeichen vor den Automaten standen - heute bin ich selber einer :-)

    Gruss ins Braulioland :-)

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  12. @bloggerli

    Die MBA-ler meinen sie verstehen die BWL ohne einmal bei Frau Osterloh in der Vorlesung gesessen zu sein :-)

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