Sonntag, März 19, 2006

im Land der aufgehenden Sonne

Durch acht Zeitzonen geprügelt, sitzt mein Körper - oder das was noch übrig ist - in einem Kaffeehaus mitten in Narita und versucht Muskeln, Weichteile und Steuerorgan einigermassen zu synchronisieren.
Ich will nicht klagen, die Reisen nach Japan gefallen mir und ganz so schlimm wie die neun Stunden Westverschiebung in Los Angeles sind die Acht hier in Japan keineswegs. Mein Organismus reagiert auch weitaus besser auf die japanischen Einflüsse wie Sushi, Ramen und Tonkazu, als auf amerikanische Colesterinbeschleuniger fabriziert aus Fett, Rindfleisch und anderen Arzneien.
Nach 11 Jahren Langstreckenfliegerei kenne ich die Destinationen auf unserem Streckennetz recht gut. Natürlich läuft der Vielflieger dabei Gefahr, sich immer nach fixen Mustern zu bewegen. Es werden immer die gleichen Kneipen angesteuert, die identischen Menus bestellt und die bekannten Lieder im Karaokelokal zum Besten gegeben.
Etwas Widerstand gegen diese eingespielten Abläufe lohnt sich gerade in Japan. Auf diesen Pazifikinseln gibt es überall etwas zu entdecken und die Möglichkeiten für Ablenkung und Zerstreuung sind schier unendlich.
Nach intensiver Konsultation meines Japanberaters in Zürich habe ich mich diesmal entschlossen, einen Rail Pass zu erstehen. Dieser Rail Pass ist nichts anderes als ein Freibillett für eine bestimmte Zeitspanne auf dem Netz der Japan Railways oder kurz JR. In der Schweiz heissen diese Passierscheine Generalabonnement und in Deutschland würde man sie Berechtigung zur freien Benützung der Schienenfahrzeuge auf dem öffentlichen Netz der Eisenbahn oder kurz BzfBdSadöNdE nennen.
So ein Freibillett ist grundsätzlich eine feine Sache. Nur leider hat dies in Japan so seine Tücken. Der freie Eisenbahnmarkt gibt in diesem Land zahlreichen Privatlinien eine Daseinsberechtigung. Diese kämpfen mit freundlichen Angestellten, komfortablen Sitzen, günstigen Preisen und schnellen Verbindungen im Grossraum Tokyo um die Gunst der Passagiere. Ich schätzte bislang den Service und die Dienstleistungen der Privaten und bin noch praktisch nie mit der staatseigenen Bahn gefahren.
Wie es sich auf den JR Strecken reisen lässt, werde ich Morgen bei meinem Ausflug nach Nagoya ausprobieren, Kontakt zu den staatlichen Eisenbahnern hatte ich aber schon heute. Diesen ominösen Pass kriegt man nur in den Travel Offices der grösseren Stationen im Land der aufgehenden Sonne. Doch kaufen kann man ihn nicht. Das begehrte Reisedokument gibt es exklusiv gegen einen Voucher, den man wiederum nur ausserhalb Japans ergattern kann. Dank meinem Japanberater habe ich diese Klippen elegant umschifft und stand heute Morgen mit farbigem Gutschein vor dem Schalter des JR Travel Offices am Flughafen in Narita.
Erwartet habe ich dank meiner Erfahrung mit privaten Bahnunternehmen eine freundliche Dame, die sich bei meinem Eintritt elegant verneigt und mir mit sanfter Stimme eine japanische Begrüssungsfloskel entgegenruft; bekommen habe ich eine unfreundliche junge Göre, die mich kaum beachtete, mich mit einem texanischen Akzent in die Schranken wies und sogleich ein Formular zur Unterschrift vor die Nase legte. Ohne Zweifel hat diese Person in Amerika studiert und vermutlich bei einer Gastfamilie gewohnt, wo der Schlummervater als Einwanderungsbeamter beim amerikanischen Zoll auf der Lohnliste steht.
Vorerst lasse ich mir die Reiselaune durch diesen unfreundlichen Einstieg nicht vermiesen und freue mich auf meine Entdeckungstour und die sicherlich zahlreich bereitstehenden Fettnäpfchen, in die ich als unwissender Gaijin (Fremder) mit Bestimmtheit treten werde.

Kommentare:

  1. Ohne Zweifel hat diese Person in Amerika studiert und vermutlich bei einer Gastfamilie gewohnt, wo der Schlummervater als Einwanderungsbeamter beim amerikanischen Zoll auf der Lohnliste steht.

    Sehr schöner Vergleich, man kann sich, wenn man die Imigration kennt, gleich vorstellen, wie es abgelaufen ist.
    Viel Vergnügen beim Auffinden und hoffentlichen Umschiffen der Fettnäpfchen.

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  2. Grüeziwohl Herr Nff, ...Menschen soll es geben...woll´n mal hoffen das eventuelle Fettnäpfchen eher Humorvoll ablaufen...viel Spass bei Ihrem Tripp und das ein oder andere Foto mit eingebunden..wäre nen Leckerli

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  3. Das Generalabo heisst bei Deutschlands Staatsbetrieb Deutsche Bahn in feinstem "Denglisch" BahnCard 100. Soviel zum Thema Sprachkultur im vermeintlichen Land der Dichter und Denker...;-)

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  4. @Tobi:
    Ich war schon paff, aber die restlichen Angestellten von JR haben heute mit ihrer Freundlichkeit restlos überzeugt :-)

    @flyingcook:
    Ja das mit den Fotos.... Da ich (fast) immer auf offenen Netzen surfe und diese in der Regel eher langsam sind, warte ich mit den Bildern bis ich zu Hause bin.

    @Frachtluft:
    Mit Respekt schauen wir Schweizer nordwärts, lernen von den gepflegten Ausdrucksart der Deutschen und amüsieren uns köstlich über die immer wieder gelungenen Abkürzungen.
    Dass aber das Denglish immer mehr Überhand nimmt, sind wir von der Fliegerzunft auch nicht ganz unschuldig.
    Gruss aus NRT

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