Montag, März 20, 2006

Alter schützt vor Torheit nicht

Reisen war mein Ziel und vorbereitet war ich vorbildlich. Alle Fahrpläne herausgesucht, Reservierungen am Vortag getätigt, Reiseführer studiert, Karten organisiert und langsam die notwendige Vorfreude aufgebaut, packte ich gestern mein Bündel, bevor ich mich ein letztes Mal im Dorfkern von Narita verpflegen wollte.
Schnell war das Ziel unserer Gruppe bestimmt und die leeren Mägen freuten sich auf eine zünftige Portion Sushi und Sashimi. Mir war die Wahl der Lokalität in der Nähe des Busbahnhofes recht, denn am folgenden Tag sollte es zeitig losgehen und ich wollte noch einige Stunden ruhen, bevor mich der Hotelbus um 0630 Uhr am nächsten Morgen an die Bahnstation bringt.
Mit der ersten Ladung Toro kam auch die Flüssignahrung in Form eines Bieres auf den Tisch. Ein gesundes Mahl aus Sicht der aviatischen Medizinlehre. Roher Fisch auf Reis ist sehr fettarm und das Bier befeuchtet die durch den langen Flug ausgetrockneten Nieren intensiv - so interpretieren wir Fliegenden das zumindest.
Es blieb nicht bei einer Ladung Sushi und das zweite Bier folgte gleich dazu. Von den Sakegläsern liess ich die Finger und stärkte mich meinen Vorsätzen entsprechend stattdessen mit einer Miso-Suppe aus lokaler Produktion.
Das leckere Mal war gegen 20 Uhr beendet und vor der geplanten Busabfahrt eine gute Stunde später blieb noch genug Zeit, um dem lokalen Pub den obligaten Pflichtbesuch abzustatten. Als ich das nächste Mal auf die Uhr schaute, war es halb Zwölf und sämtliche Hotelbusse standen bereits gereinigt im Depot fernab von unserer Stammkneipe.
Zum Glück gibt es auch Taxis in Japan. Mit hochgezogenem Mantelkragen traten wir in die kalte Nacht hinaus und hatten bereits nach wenigen Metern klamme Finger und schlotternde Beine. Gottseidank gab es zwischen unserem Standort und dem Taxistand noch eine Karaokebar mit funktionierender Heizung und etwas Saft für die fluggeplagten trockenen Nieren.
Der Zufall wollte es, dass gerade, als wir das Lokal mit der selbstproduzierten Musik verliessen, der Shuttlebus des Karaokecontainers zur Abfahrt ansetzte. Da dieser ominöse Container in unmittelbarer Nähe unseres Hotels liegt und die Barreserven in den Geldbeuteln langsam zur Neige gingen, sparten wir die Taxikosten und bestiegen den Gratisbus Richtung ‚Opernhaus der Aviatiker’.

Mit diesem Container ist es so eine Sache. Weil um Mitternacht sämtliche Lokale im Tempeldorf Narita die Pforten verbarrikadieren und immer wieder schlaflose Angestellte der verschiedenen Fluggesellschaften durch die Strassen lungern, hat ein findiger Geschäftsmann einen alten Schiffscontainer an den Strassenrand gestellt, Strom und Bier angeschlossen und eine Karaokeanlage auf der improvisierten Bühne montiert.
Damit die Kundschaft auch kommt, bringt ein alter, ein wirklich alter Bus die guten und weniger guten Sänger zum Ort des Geschehens und auch wieder zurück zu ihrer Schafstätte.
In unserer Crew hatte es einige engagierte Musikanten und die wollten natürlich unterstützt werden. Bis jeder sein Lied zum Besten gegeben hat, war es 3 Uhr in der Früh und meine Zeitplanung ziemlich am A…. .

Jetzt zu den guten Nachrichten: Ich habe nicht verschlafen, keinen der Züge verpasst, bin bei der gewünschten Destination ausgestiegen, habe alle lohnenswerten Sehenswürdigkeiten von Nagoya abgeklappert, bin sogar auf einen Starbucks gestossen und werde in knapp einer Stunde wieder Richtung Narita düsen.
Dass ich ziemlich schlapp bin, liegt wohl auf der Hand und die Schuld dafür kann ich mir selber in die Schuhe schieben. Ich habe mir geschworen heute Abend auf meinen Körper zu hören und zeitig unter der Decke zu verschwinden. Vorher muss natürlich noch verpflegt werden. Etwas Gesundes soll es sein – Sushi vielleicht?

Kommentare:

  1. ...und ich hatte schon die Hoffnung dass das bloss ausreisser der zwanziger sind und ich später vernünftiger werde... aber eben ich kann mitfühlen und weiss genau von was du redest :-)

    p.s. vermutlich ist der unterschied der generation dass ich die sehenswürdigkeiten nicht gesehen hätte, das aussteigen verpasst und vielleicht gar nicht aus dem bett gekrochen wäre sondern die kosten einfach abgeschrieben hätte, aber eben das ist dann die erfahrung die einem aus den federn treiben kann :-)

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  2. Ja, wer feiern kann, kann auch Morgens früh aufstehen..;-)
    Wobei ich gestehen muss, das 6.30 Uhr eindeutig weit vor dem eigentlichen Aufstehen ist und ich das wohl nicht geschafft hätte.

    Übrigens bei uns in der Küche sagt man, 1Bier=1Steak und 60 Bier= eine Fleischvergiftung..

    ...ich denke ich sollte mal auch nach Japan, Ihre Blogs nötigen ja fast schon zum Reisen, ich bekomm da echt schon Fernweh..

    ..und Essen würde ich alles glaube ich, besonders der Kugelfisch reizt mich ja

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  3. Das kenne ich doch. Schlaflos in Narita. Früher fühlte ich mich dort immer ziemlich verloren. Seit ich Ihre Berichte lese, bekomme ich wieder Lust auf Unternehmungen.

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  4. @flyingcook
    Habe extra wegen ihnen den Beitrag zum Hunger in den Zügen gemacht :-)
    Nicht schlecht die Fastfoodprodukte aus Japan, oder?

    Den Kugelfisch, oder wie ihn die Japaner nennen den Fugu, habe ich schon einige Male probiert. Als Gaijin kann man die gefährliche Leckerei nicht bestellen. Es gibt das bei falscher Zubereitung tödliche Gericht nur in speziellen Läden.
    Schon drei Mal hatte ich das Vergnügen, von Japanern zu einem Fugu-Schmaus eingeladen zu werden: LECKER!
    Und das Beste daran: ich lebe noch......

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