Samstag, Februar 25, 2006

von Etiketten und Flaschen

Ein Wintertag an der Ostküste Amerikas kann traumhaft sein. Ich betone in diesem Satz das Wort kann. Schon der Anflug auf den schön gelegenen Flughafen von Boston hat uns auf das Schlottern am Boden vorbereitet. Windgeschwindigkeiten von über 75 km/h, leichter Schneefall und eindrucksvolle Böen machten es nicht einfach, das filigrane Flugzeug in der Achse zu halten. Segler und Surfer hätten an der herrschenden Windstärke 8 und den tanzenden Wellen des Atlantiks sicherlich ihre Freude gehabt, ich als steuernder Pilot eher weniger.
Einmal in dieser charmanten Metropole angekommen, waren die Strapazen des Anfluges schnell vergessen. Apropos vergessen, hoffentlich amüsiert sich mein Uniformmantel auf dem Rücksitz meines Passats im Parkhaus in Zürich bestens, ich hätte ihn in dieser frostigen Umgebung gerne dabei gehabt……..

Zurück zu Boston – die Stadt am Charles River ist wohl die europäischste Amerikas. Hier sind Italiener noch richtige Azzurros, Iren fliegen mit Air Lingus und nicht mit Ryan Air, der englische Humor wird in dieser Stadt verstanden und für einmal werden Schweizer nicht für Schweden gehalten.
Wer durch Boston wandert, entdeckt an jeder Strassenecke etwas Sehenswertes. Sei es eine gut renovierte Häuserfassade, die an vergangene Jahrhunderte erinnert oder einfach ein süss dekoriertes Schaufenster vom heimischen Teuscher - dem Stadtbummler wird es in den Gassen sicherlich nie langweilig.

Ich sitze - wie könnte es auch anders sein - in einem Starbucks und wärme mir an einem Becher grande Latte die klammen Finger auf. Die herrliche Aussicht auf den Regierungshügel und eine bronzene Statue von Samuel Adams versüssen mir den Morgenkaffee noch zusätzlich. Dieser Samuel Adams war ein richtiger Held. Gekämpft im Unabhängigkeitskrieg und Mitverfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, hat sich der Sämi in Nordamerika unsterblich gemacht.
Hier kennt ihn jedes Kind, sei es aus dem Geschichtsunterricht oder von der Etikette des gleichnamigen Bieres einer Brauerei, die tatsächlich einmal diesem so wichtigen Politiker gehörte. Das finde ich wirklich sympathisch, Geschichtsunterricht auf Bierflaschen oder anders gesagt: Wahlkampf (für) auf Flaschen.

Da diese Strategie so genial ist, wurde sie in der Vergangenheit oft kopiert. So auch in der Schweiz. Ein Aargauer Politiker hat seinen Namenszug auf Fahrräder geschrieben und es damit sogar zum Bundesrat gebracht. Die Firma wurde nach der Krönung des Ministers verkauft und gehört jetzt dem amerikanischen Multi Trek. Dieser wiederum sponsert ein amerikanisches Radteam, das mithilfe Schweizer Pharmaprodukten weltweit Erfolge erzielt.
Ein anderer Bundesrat aus Helvetien hat es mit Kunststoff und Chemie auch zu Ministerehren gebracht. Als führender Hersteller von Airbag-Anzündern (die heissen wirklich so), hat er seine politischen Überzeugungen den vielen Unfallopfern buchstäblich eingehämmert. Das hat dazu geführt, dass die Exponenten der einmal so erfolgreichen Autopartei praktisch geschlossen zur Sekte des Chemieunternehmers übergelaufen sind.
Die erfolgreiche Unternehmung in der Bündner Herrschaft wurde im Jahr der Bundesratswahl von einer Ausserirdischen übernommen. Dank ihren übermenschlichen Fähigkeiten, kann die neue Firmenchefin ihre 100 Stunden Woche und die Erziehung zweier Kinder problemlos unter einen Hut bringen. Das wiederum widerspricht eigentlich den gelebten Werten der Partei des ehemaligen Patrons und heutigen Bundesrates, die Frauen lieber am Herd als am Steuerpult sähe. Aber eben, bei Ausserirdischen sind selbst diesem Bundesrat die Hände gebunden.

Entschuldigung liebe Leser, ich bin etwas vom Thema abgekommen. Der grande Latte wird kalt und das Leben an diesem Samstagmorgen in Boston erwacht langsam. Ich mache mich auf und schlendere ein paar Stunden durch meine Lieblingsstadt auf dem amerikanischen Kontinent. Dabei werde ich die Augen offen halten und vielleicht noch das Eine oder Andere beobachten, das eine Geschichte wert wäre. Nicht versäumen werde ich den Besuch meines Lieblingsgeschäftes in der Hauptstadt von Massachusetts. Es nennt sich big & tall und nur hier bekomme ich Socken in der Grösse 49.

Kommentare:

  1. Herr NFF, sie sind und bleiben unübertroffen!
    Die Leichtigkeit, mit der Sie die Assoziationsbögen spannen fasziniert mich!

    Viele Grüße aus dem frühlingshaften NBO ins winterliche BOS!

    Golfox

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  2. Yambo!

    Vielen Dank für Ihre Komplimente! Geniessen Sie in NBO das Tusker. Bis bald irgendwo in der Welt.

    Mit fliegerischem Gruss

    nff

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  3. Dorthin werde ich es auch mal schaffen und werde dann nicht in schweizer lokalpolitik verfallen, den Blog geniesse ich jedoch auch aus dem verschneiten Schweizer Dörfchen :-)

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  4. nun muss ich auch mal etwas schreiben!
    ich lese ihren blog regelmässig und werde mit ihnen an spannende orte geführt.also ein grosses kompliment für ihren blog!
    barbara
    p.s.
    eine kleine korrektur:-)
    der herr ex bundesrat VILLIGER ist kein aargauer
    PFEFFIKON ist ganz hart an der grenze aber eben in luzern ! anmerkung einer aargauerin:-)

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  5. Vielen Dank für den Hinweis! Ich muss das nächste Mal einfach besser recherchieren - von oben betrachtet sind die Kantonsgrenzen kaum zu erkennen :-)

    Gruss aus dem ehemaligen Kanton Baden.

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  6. das wär doh vielleicht ein anstoss irgendwie die grenzen mit roter farbe oder so einzeichnen dass man genau und vor allem von oben die grenzen sehen kann....so über den wolken halt nicht aber bei klarer sicht:-)
    aber schrieben sie bitte weiter denn ich mag die *gedanken des fliegers* und möchte sie nicht missen!
    übrigens der herr villiger war ja auch ein ganz netter bundesrat und wäre durchaus als aargauer durchgegangen:-)
    in diesem sinne liebe grüsse aus dem aargau wohin auch immer.......
    barbara

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  7. der herr villiger kommt aber ganz schlecht weg in Grounding und er war ein netter aber nicht wirklich genialer mann... :-)

    ja den kantönligeist mit dicken fetten roten linien auf dem boden unterstützen das wäre ja noch was... wir könnten ja auch wieder die kantonszölle forcieren :-)

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  8. Vielen Dank für einen weiteren herrlichen Bericht.

    In Boston natürlich auch zu empfehlen ist Filene's Basement, ich habe glaube ich noch fast nirgends so günstige Kleider gefunden.

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  9. @Toby
    Stimmt, in diesem Laden war ich auch schon mal. Da ich aber am Vorabend zuviel Zeit in einem anderen Basement verbracht habe, war ich schlicht zu müde um mehr als 12 (!) Paar Socken zu kaufen :-)

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  10. > Dieser Samuel Adams war ein richtiger Held. [...] Hier kennt ihn jedes Kind, sei es aus dem Geschichtsunterricht oder von der Etikette des gleichnamigen Bieres einer Brauerei, [...]

    Wie alt sind denn diese Kinder, wenn sie schon Bier trinken? ;-) aHa, sie kennen diesen Mann nur von der Etikette.

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  11. mir fällts hier je länger je schwerer zu kommentieren weil das was du schreibst mit keinem kommentar zu triumphen ist :-)
    aber...ich lese alles...danke dass ich das hier darf!
    grüsse auch von einer aargauerin...die noch nie gehört hat dass baden ein kanton ist :-)

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  12. Danke für die Kommentare. Baden war tatsächlich einmal ein Kanton. Wenn die Dorfchronik meiner Gemeinde stimmt, hat 'Näppi' so um 1800 bei der Grenzlinienzeichnung einen Kanton Baden kreiert.
    Aber eben, ich bin weder Geschichtskenner noch Phil I Studi, sondern nur ein einfacher Luftkutscher....

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  13. mensch herr der lüfte so viele aargauer fans und erst noch weibliche:-)
    und dann noch immer mit rotstift!
    nun heute morgen ist also mein blog auch mal in die gänge gekommen.
    übrigens @bluetime!
    auch dieser blog wird tagtäglich gelesen!

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