Mittwoch, Februar 15, 2006

schön gebraucht zu werden

„Wir brauchen sie!“, mit diesen Worten wurde ich gestern telefonisch aus meinen Träumen geholt. Montagmorgen, draussen war es noch dunkel und das Thermometer zeigte einen Wert deutlich unter dem Gefrierpunkt an - wer zum Henker sollte mich ausgerechnet jetzt brauchen?
Während sich die linke Hirnhälfte langsam vom schönen Traum verabschiedete, nahm die Rechte die Anweisungen des freundlichen Herrn am anderen Ende der Leitung entgegen.
Eine lange Abfolge von Flugnummern, Destinationen und Tagen folgte und ich konnte ausser der Abflugszeit keine der Ziffern behalten.
Erst mal eine Dusche und den Computer starten. Aha, sechs Tage Afrika. Der ungepackte Koffer und die erste Staumeldung vom Gubrist gaben den Takt an: Es eilte!
Zwei Nächte in Tansania am Strand das Bett mit Malariamücken teilen: Mückenspray und Badehose nicht vergessen!
Zwei Nächte in Nairobi auf 1800 m.ü.M in einem Bett ohne nordisches Duvet: Schlafsack und Faserpelz nicht vergessen!
Ohne dass die Magenwände zärtlich von einem Espresso gestreichelt wurden, verliess ich das Zuhause mit wehenden Fahnen und nüchternem Magen.
Eh ich mich versah, sass ich in einem A330 und lechzte nach einem Koffeinschub. Mein Glück schien Skiferien zu machen. Das wichtigste Utensil in der Langstreckenfliegerei, das sowohl die Flugsicherheit markant erhöht als auch Crew und Erstklasspassagiere gleichermassen entzückt - die Nespressomaschine - war ausgerechnet in diesem Flugzeug nicht eingebaut.
Statt einer mit viel Fachwissen ausgesuchten Kaffeemischung, die mit leichtem Druck und einigem an Gefühl von heissem Wasser benetzt wird und dann als koffeinhaltiges Getränk, nicht selten begleitet von einer Praline aus einheimischer Produktion, den Weg ins Cockpit findet, erhielt ich in einem Pappbecher einen Filterkaffee serviert.
Deutlich spürte ich die Kontraktion der Magenwände und nippte ganz langsam an einem Getränk, dass unsere nördlichen Nachbarn liebevoll Kaffee nennen.
Irgendwie blieb der gewohnte Kick aus und das Flugzeug startete Richtung Süden mit einem dramatisch unterkoffeinierten Copiloten.

Stunden später entschädigt die Natur für die Entbehrungen am Morgen. In allen Farben leuchtet die Wüste von Libyen und der weisse Nil im Sudan schlängelt sich tief unter uns durch den dunkelgrünen Dschungel. Nach einer kurzen Zwischenlandung in Nairobi geht es weiter am Kilimanjaro vorbei Richtung Dar es Salaam in Tansania.
Der höchste Gipfel von Afrika, der noch vor ein paar Jahrhunderten die Grösste aller deutschen Erhöhungen war und den Namen Kaiser Wilhelm Spitze trug, scheint in diesem Land allem den Namen zu geben. Das Bier heisst so, das Mineralwasser trägt seine Aufschrift und sogar der Beautysalon im Hotel schmückt sich mit dem Ruhm des Berges.
Trotz meinen schlechten Erfahrungen mit der Kaffeebrühe vom Morgen gab ich Produkten mit deutschen Wurzeln noch einmal eine Chance und degustierte das Kilimanjaro Bier. Es blieb nicht bei einem und dementsprechend gut schlief ich zusammen mit Mücken und Geckos im heissen Zimmer ein.

Mit Bier und Wasser war ich bald vertraut und jetzt fehlte mir in meiner Kilimanjaro Sammlung nur noch die Erfahrung aus gleichnamigem Massagestudio. Meine Recherche in der Crew ergab, dass Frau Masseurin eine Meisterin ihres Faches ist und die zehn Franken für eineinhalb Stunden Kneten und Ölen gut investiert seien.
Verspannt und leicht aufgeregt betrat ich das kleine Zimmer und legte mich auf den harten Tisch.
„Hard, medium or relax?“, fragte mich die Fachkraft und ich entschied mich nach einem prüfenden Blick auf ihre Oberarmmuskulatur für die Variante relax.
Noch während sie die Tücher vorbereitete und das Massageöl wärmte, legte sie eine Kassette in die Musikbox und drückte die Taste play.
Auch hier hat die deutsche Kolonialherrschaft ihre tiefen Spuren hinterlassen. Die 90-minütige Relaxmassage wurde dank ununterbrochener Beschallung von Peter Alexander Schlagern zur Tortur. Vielleicht nennt sich das Massagestudio aus diesem Grund Kilimanjaro………

Kommentare:

  1. „Wir brauchen sie!“ tönt irgendwie wie bei A-Team oder Knigth Rider!

    Tolle Geschichte! Schöne Zeit am Kilimanjaro.

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  2. nff übernehmen sie, wäre richtig "suspense-style" gewesen :-)

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  3. Das sind ja Geschichten! Macht richtig ein Bisschen neidisch. Ich sitze in Sur (zwischen Savognin und Bivio). Draussen geniales Foenwetter und eine Menge Schnee und ich Drinnen am Betriebswirtschaft lernen - wie kann das noch uebertroffen werden?!
    Ja nu, am 21. Maerz flieg' ich mit dem, nicht auf der Airlinehomepage zum ueberteuerten Preis mit x-beliegib hohem Treibstoffzuschlag gebuchten 16er Flug um zehn nach JFK - vielleicht gibt es ja dort den offensichtlich so wichtigen fuenften Treiber eingebaut, den Nespresso.
    So, nun aber schleunigst zurueck hinter die trockenen Scripte. Inspiriert vom Post weicht der Lavazzakaffee von Bodum vergewaltigt schon in dessen Behaeltnis langsam auf und versucht vergebens einen richtigen Kaffee von sich zu geben.

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  4. ..... ja ja, die Osterloh'schen Theorien sind bei herrlichem Pulver keine wirkliche Alternative :-)
    Statt BWL Theorie solltest Du BWL Praxis pauken, denn wo kann man die Oportunitätskostenüberlegungen besser erklären als beim "Schümli-Pflümli" auf der Sonnenterrasse?

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  5. Hi ffn,
    *LOL* Kommt mir ja soooo bekannt vor! Bin mit einem Kollegen vor dir zusammen und ich kenne das Szenario... Wir sitzen ganz gemütlich mit Milchkaffee beim Frühstück und dann kommt plötzlich der Abruf nach Tokio... Das Leben ist hart *LOL* Aber ihr habt es euch so ausgesucht *grins*.
    Happy Landings!
    Kerstin

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  6. Ja wir Luftkutscher haben es wirklich nicht einfach. Statt Milchkaffee gibts Sake, statt Brötchen Sushi und statt Kinoabend Karaokebar.....
    Wünsche Dir als Partnerin viel Geduld :-)

    Gruss nff

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