Montag, Februar 06, 2006

Hast ist der Feind der Schnelligkeit

Ein Motto, das mich durch den ganzen Februar begleitet. Wieder einmal fasste ich einen Reservemonat und wieder einmal schlage ich die Zeit in einem Kreis mit dem Radius einer Stunde um den Flughafen tot.
Ein Monat ist lang und die vermeintlich simple Aufgabe ist gar nicht so einfach, wie sie auf den ersten Blick scheint. Ich bin angehalten mich zu schonen und jederzeit für einen langen Flug fit zu halten. Nimmt man diese Auflagen allzu ernst, leidet man als Reservist schon bald an Vereinsamung. Das Wochenende bot da natürlich Abwechslung. Meine Frau war zu Hause und zu allem Glück wurden wir auch noch zu einem Brunch eingeladen.
Die Uniform fein säuberlich an einem Bügel aufgehängt, die ach so verhasste Krawatte in einer Seitentasche versteckt, die Uniformschuhe ungeputzt im Koffer deponiert, die Pässe (ja ich habe zwei….) und die Lizenzen im Crewbag verpackt, den Computer aufgeladen und die verschiedenen Kleiderpakete für die verschiedenen Destinationen im Fond des Autos verstaut, konnte es endlich losgehen.
Das war wieder ein Krampf, bis alles organisiert war! Delegiert mich die Einsatzleitung nach Amerika an die Ostküste, muss ich für frostige Temperaturen gerüstet sein. Geht es an die Westküste, darf die Sportausrüstung nicht fehlen. Ohne Malariamittel fliege ich nie nach Afrika und Kleider für den Aufenthalt in muslimischen Ländern sollten neuerdings frei von rot-weissen Flaggen sein.
Mit schlechtem Feinstaubgewissen, jedoch mit einer blendenden Ausrede, bogen wir auf die Autobahn ein und genossen die friedliche Atmosphäre. Aus der früheren Beschleunigungsspur wurde eine Abbremsspur und ganz unproblematisch fügte sich unser alter Passat in die relaxte Kolonne ein. Ich justierte meine Geschwindigkeit auf genau 80 und tuckerte Richtung Zürich. Kurz nach dem Autobahnkreuz dann der erste Sünder. Ein Luzerner in einem Diesel überholte unseren VW mit ungesetzlichen 83 km/h, die Beifahrerin schaute mit sichtlich schlechtem Gewissen zu uns herüber und grüsste freundlich, die Kinder im Fond winkten aufgeregt und der Fahrer war mit der Einhaltung der neuen Höchstgeschwindigkeit beschäftigt.
Positionskämpfe blieben auf der viel befahrenen Strasse aus und sogar Alfa-Fahrer schienen am Tempodiktat Gefallen zu finden. Völlig ausgeruht erreichten wir das reichhaltige Buffet und fanden nur lobende Worte für die Aktion der Politiker.

Der Sonntag verging auch ohne oder gerade wegen dem fehlenden Flug, wie im Fluge. Jetzt sitze ich wieder zu Hause und halte mich wie befohlen fit. Pflichtbewusste Piloten - glauben sie mir, ich bin ein pflichtbewusster Pilot - studieren während der Wartezeit im eigenen Heim gerne die Unterlagen und Vorschriften der Luftfahrt.
Schliesslich haben wir neben zwei Simulatorenchecks, zwei medizinischen Untersuchungen, einem Route-Check, einem obligatorischen „ich fühl mich gut, wie fühlst du dich Seminar“ auch noch den jährlichen Emergency-Test zu bestehen. Wir müssen dann beweisen, dass wir Feuer löschen können, die Flugzeugtüre vorschriftsgerecht öffnen und fähig sind, die Schwimmwesten fachmännisch aufzublasen. Weiter wird geprüft, ob die Lebensdauer des Notfallsenders (auf dem A330 genau (!) 50h und beim A340 >48h) auch bekannt sind. Dass die Lebenserwartung des Menschen im ca. 4°C warmen Wasser im Nordatlantik wesentlich unter der des Notfallsenders liegt, wird nicht als Wissen vorausgesetzt.
Glücklicherweise habe ich diese Tests schon zu Beginn des Jahres abgelegt und kann die grauen Bücher getrost ignorieren.
Was dieses Jahr noch ansteht, sind die medizinischen Untersuchungen. Es macht sich immer gut, wenn beim Ausfüllen des Formulares 4.11.22.345.z unter der Rubrik ‚Sport’ das Kästchen mit dem Wort ‚täglich’ angekreuzt werden kann. Doch jetzt sind wir wieder beim Feinstaub. ‚Auf Joggen und körperliche Anstrengungen in der freien Natur, sollte während der hohen Belastung mit Feinstaub verzichtet werden’, raten Fachkräfte im In- und Ausland. Ich halte mich daran, erliege dem süssen Nichtstun und freue mich für einmal auf die gesundheitsfördernden Nebenerscheinungen des Älterwerdens.
Die seit einiger Zeit spriessenden Nasenhaare scheinen mir plötzlich nicht mehr als lästig und unnütz. Im Gegenteil, ich freue mich über meinen ganz persönlichen Partikelfilter und lasse diesen in Ruhe wachsen. So, genug geschrieben! Jetzt mache mir einen guten Milchkaffee und geniesse vor dem Fernseher einen spannenden Film.
PLEASE DO NOT DISTURB!

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