Samstag, Januar 28, 2006

ÖV in L.A.

Wer in Kalifornien die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt oder gar zu Fuss geht, der macht sich im höchsten Masse verdächtig. Natürlich gibt es löbliche Ausnahmen wie San Francisco, wo das Fortbewegen im Cable Car zum guten Ton gehört und ängstige Autofahrer davon bewahrt, an den abenteuerlichsten Orten zu parken, doch ich bin in Los Angeles und L.A. ist nun einmal für Autos und nicht für Fussgänger gebaut. Vermutlich ist es darum auch an einem keinen anderen Ort der Welt so einfach, zu einem fahrbaren Untersatz zu kommen. Avis, Hertz und viele andere buhlen um die Gunst der Kunden. „Weekendrate 24.99 $“ preist ein Anbieter seine kleinste Auto-Kategorie an. Kein schlechter Preis, wenn man bedenkt, dass der Fahrradvermieter nebenan für ein Beachvelo ohne Schaltung ganze 25$/Tag verrechnet.
Trotz Schnäppchen hier und Schnäppchen da habe ich keine Lust, mich schlaftrunken auf die achtspurigen Autobahnen zu stellen, um von Stau zu Stau zu schleichen und setze darum voll auf die Karte ÖV.
Der öffentliche Verkehr geniesst hier im Land, wo angeblich der Honig fliesst und die lastwagenähnlichen Autos kriechen, leider wenig Priorität. Ich habe die Wahl zwischen den zahlreichen Ortsbussen oder der Strassenbahn nach L.A. Downtown.
Downtown klingt gut, doch so etwas wie ein Stadtzentrum oder gar eine Altstadt, sucht man im Moloch Los Angeles vergebens. Die Gefahr, dass die Geleise in einer dunklen Ecke enden, ist leider gross, viel zu gross!
Dann also der Ortsbus. Passport nennt sich der Busdienst und ist rot wie ein Ferrari. Für einen fairen Fahrpreis von einem Dollar bringt mich die resolute Fahrerin mit mexikanischen Wurzeln südwärts. Ich muss mich an allen Halterungen festkrallen, um nicht vom Sitz geworfen zu werden. Die Frau scheint Benzin im Blut zu haben!
Der Bus füllt sich langsam und es duftet trotz früher Morgenstunde immer mehr nach abgestandenem Rauch, billigem Schnaps und alten Socken.
Der Sitz neben mir ist begehrt. In Zürich habe ich als XXL das Privileg, dass mein Nachbarsessel lange frei bleibt. Quasi erst als letzte Alternative wird die Sitzschale neben einem so grossen und stattlichen Mann besetzt. Anders hier in Südkalifornien. Ich gelte mit meinem Bodymassindex als knapp nicht unterernährt und biete meinen Nachbarn genügend Platz, ihre wuchtigen Hintern auf dem Sitzüberzug zu platzieren. So geht das von Haltestelle zu Haltestelle. Ich atme die verschiedensten Düfte ein und versuche mich mit dem Studium eines Buches davon abzulenken, dass mir langsam aber sicher übel wird.
Angekommen in der Kaffeerösterei, dem Ziel meiner Reise, schlage ich die lokale Zeitung auf und lese online die Nachrichten aus aller Welt.
Da veröffentlicht ein angesehener Ökonom auf CNN.com eine Studie zur möglichen Preisentwicklung des Rohölpreises. Für jeden nur denkbaren Konflikt auf der Erde hat er den passenden Fasspreis parat. Treffen einige der Möglichkeiten zusammen auf, prognostiziert der hochdekorierte Denker einen Preis von 262$ für das Fass der schmierigen Masse.
Natürlich wünscht sich dieses ‚worst case’ Szenario niemand, aber dem ÖV hier in der Gegend würde der dann eintretende Innovationsschub sicherlich gut tun.
Ob ich aber dann noch nach Kalifornien fliege, das bezweifle ich doch sehr.

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