Donnerstag, Januar 12, 2006

Kilometer 10

Die Sonne geht hinter den Engadiner Bergen unter und nur noch der oberste Teil des Piz Corvatsch leuchtet in tiefem Orange. Das Thermometer hat es in einem mühsamen Kampf von morgendlichen -27° auf stolze -10° Celsius gebracht, doch die Mühe war umsonst.
Die Kälte schleicht sich mit gleicher Geschwindigkeit aus dem Walde wie sich die Menschen in ihre Behausungen zurückziehen.
Müde sitze ich an meinem Laptop – natürlich mit einem „homemade grande Latte“ neben mir – und geniesse die Aussicht durch das einzige Fenster unseres gemütlichen Studios. Das mir gebotene Bild ist quasi ein virtueller „Segantini – Anker - Verschnitt“ mit leicht kitschiger Prägung.
Unglaublich, was die Natur für ein Schauspiel bietet. Plötzlich verstehe ich Künstler, die solche Momente auf Leinwand bannen oder „Bundesrat – Unternehmer – Verschnitte“, die ebensolche für mehrere Hunderttausend erwerben und in ihr hochnebelgeplagtes Berner Büro hängen.

Mein Blick schweift über den gefrorenen See und ich erkenne in der Dämmerung noch knapp die breite Loipe und die legendäre „Kilometer 10“ Tafel, die den Teilnehmern des „Engadiners“ als Orientierungshilfe dient.
Was habe ich an dieser Stelle schon gelitten! Es ist nicht die Tatsache, dass am Marathon noch 32 Kilometer vor einem liegen die zermürbt, sondern die Gewissheit, dass ein kleiner Anstieg von vielleicht 15 Höhenmetern bevorsteht, der den eigenen Rhythmus nach zehn unglaublich schnellen Kilometern unbarmherzig bricht. Aber auch viele glückliche Erinnerungen schiessen mir durch den Kopf, wenn ich an diesen magischen Platz denke. Oft stand ich nach einem Trainingslauf ausgepumpt auf den Stöcken aufgestützt und genoss bei einem kleinen Schwatz eine kurze Verschnaufpause.
„Kilometer 10“ ist für mich ein Ort, der manchmal Kraft kostet und ein anderes Mal Energie spendet. Egal ob er nimmt oder gibt, ich verlasse ihn immer mental gestärkt.

Jetzt fehlen mir irgendwie die prägnanten Schlusssätze für meinen philosophischen Exkurs. Vielleicht sollte ich fordern, dass aus den Amtsstuben die Anker und Segantini’s verbannt und stattdessen original „Kilometer 10“ Tafeln aus dem Engadin an die Wände geschraubt werden. Quasi als Fingerzeig, dass nach einem schnellen Abschnitt ein kleines Hindernis folgen kann oder dass einem eine kleine Pause mit einem Schwatz mehr bringt, als sich hechelnd in die nächste Herausforderung zu stürzen.
Na, ich weiss nicht, ob meine „Kilometer 10“ Tafeln in den Stuben der Würdenträger das Gewünschte auslösen könnte. Der eine Politiker würde eine Sparübung lancieren, eine Kommission ins Leben rufen und aus lauter Gewohnheit aus der 10 eine 8 machen, der Nächste käme sicherlich auf die Idee, wegen dem hügelbedingten Stau vor dem Originalschauplatz der beschriebenen Tafel einen pompösen Verkehrskreisel zu installieren und der Letzte sähe in der Zahl 10 die Motivation, Krankenkassenprämien jedes Jahr um den selbigen Prozentsatz anzuheben.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass ausser mir weder Politiker noch Sie als Leser meiner Gedanken in „Kilometer 10“ einen besonderen Ort sehen. Magische Plätze scheinen etwas Privates zu sein und das ist auch gut so.

Kommentare:

  1. Moin nff,
    wollt eigentlich was zu Deinen Gedanken schreiben, aber nach zweitenmal Lesen, denke ich..man muss nicht immer alles kommentieren. Privat ist Privat und schnaps ist schnaps. In diesem Sinne Prost und ich hatte am Di meine erste Flugstunde...welch ein Gefühl innerlich. Falls Du das Video von Fatboy Slim mit dem ´Titel"Flying High" kennst, dann kennst meinen 'Gesichtsausdruck vorm,während und nach dem Flug. Gruss gen Sonne...

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  2. sorry der Titel heist " Bird of Prey"

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  3. So lieber Peter,
    Dieses Jahr habe ich mich auch mal an den Engadiner gewagt. Nachdem ich dachte, mit der Ankündigung, dass ich diesen absolvieren werde, bei den hübschen Girls an Silvester punkten zu können und diese plötzlich ebenfalls teilnehmen wollten, musste ich mich eben anmelden. Also irgendwer hat da Petrus wohl sehr verägert, denn der gütige Malojawind war nicht zur Stelle. Es fegten Stürme mit Schnee vermischt über die sonst so liebliche Landschaft und zum Glück übertönte das Pfeiffen des Gegenwinds mein Fluchen. Trotzdem bin ich im Ziel angekommen, wenn auch als Eiszapfen (so muss man sich in 30 Jahren fühlen) und man staune - ich will nächstes Jahr wieder dabei sein, es kann ja nur besser werden :-) Bist du auch mit von der Partie?
    Gruss vom Zugi

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  4. Gratulation!
    Ich habe den Lauf 15 Mal gemacht und habe mir bei meiner ersten Teilnahme 1983 auch fast das Allerheiligste abgefroren :-/
    Dem langlauf werde ich mit Sicherheit treu bleiben, doch dem Engadiner bleibe ich fern.

    Es sei denn Du unterbietest meine Bestleistung von Rang 1218....

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