Mittwoch, Dezember 14, 2005

Geheimnisse einer Grossstadt

Jede Metropole hat ihre Geheimnisse, die einem Fremden ein Leben lang verborgen bleiben. Tanzt eine ganze Stadt um einen weissen Böög herum um die Tatsache zu feiern, dass dank der längeren Tage wieder bis zum Läuten der Sechsuhrglocke gearbeitet werden kann, versteht das der Fremde genau so wenig wie den seltsamen Brauch in den Vorstädten, einbrechende und grell beleuchtete Samichläuse an die Fassade zu hängen.
Auch Hongkong kennt diese Rituale, die den Einheimischen im Blut stecken und beim Besucher Kopfschütteln auslösen.
Nehmen wir zum Beispiel den Verkehr. Die Insel vor dem Festland Chinas war lange ein Vorposten des Commonwealth und demzufolge rollt der Verkehr logischerweise auf der linken Strassenseite. Der Autofahrer hält sich mangels Alternativen in der Regel daran und für Fussgänger, die nicht aus den von der Krone eroberten Ländern stammen, wird vor den Strassenübergängen look right auf den Asphalt gepinselt.
Eine sympathische Geste, die durchaus unnötiges Blutvergiessen vermeidet.
Weniger klar präsentiert sich die Lage auf den Gehsteigen. Hier haben die britischen Eroberer klar versagt und verpasst, deutliche Richtlinien zu etablieren.
Bei genauerem Überlegen verwundert das auch nicht sonderlich, schliesslich vermieden es die Kolonialherrschaften tunlichst, in diesem tropischen Klima auch nur einen Schritt zu viel an der frischen Luft zu machen.
Es herrscht mit anderen Worten glatte Anarchie in den Fussgängerbereichen der Weltstadt am Pazifischen Ozean. Was im Bündner Oberland nicht der Rede wert wäre, ist hier ein echtes Problem. Denn man redet hier nicht von Fussgängerströmen, sondern von Lawinen. Zu Tausenden quetschen sich die kleinen, aber wendigen Körper der Chinesen aneinander vorbei und versuchen auf jedem Meter Zeit gutzumachen. Wie ein Wildwasserfahrer sucht sich der geübte Tourist den schnellsten Strom und mogelt sich so unversehrt und einigermassen zügig durch die Massen. Der Vergleich mit einem tosenden Wildbach trifft den Nagel auf den Kopf. Für Aussenstehende in einer nicht nachvollziehbaren Bahn schlängeln sich die Massen aneinander vorbei. Kreuzungen, Gegenverkehr und übergewichtige, viel zu langsame Besucher stören den Fluss genau so wenig wie bedrohlich nahe kommende Taxis und Überlandbusse. Die Frage ob man rechts oder links gehen soll, stellt sich erst gar nicht. Als Fremder ist man froh, wenn man nicht von den abertausenden Chinesen überrollt wird.
Wer denkt die chinesische Bürokratie habe diesen Zustand kampflos akzeptiert, sieht sich getäuscht. An jeder Ecke stehen Schilder mit der Aufforderung, dass man Links gehen soll und mit baulichen Massnahmen in den Untergrundschächten versucht die Obrigkeit die Passanten zu bündeln. Nett gemeint, aber kaum beachtet. Arbeitssame Chinesen mit einfachen Schildern lenken zu wollen ist etwa gleich aussichtslos, wie mitten in einen Ameisenhaufen eine Rotlichtanlage zu installieren.
Ich kann gut damit leben, dass ich noch lange nicht alle Geheimnisse dieser Insel verstanden habe. So lasse ich mich auch weiterhin im Strom treiben und halte mich stets an durchaus gut gemeinten Ratschläge auf dem feuchten Asphalt: you better look right!

1 Kommentar:

  1. Hallo, immer wieder schön deine Geschichten aus aller Welt zu hören.
    Hab schon gedacht, du hättest das Bloggen aufgegeben, warst aber scheinbar nur im Urlaub.

    Mit freundlichem Gruss

    David

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